Tervetuloa

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Nevermind


Chapter 1

Ein Tag wie jeder andere. Aliisa schlurfte gelangweilt die Straße hinunter und sah langsam das große graue Schulgebäude vor sich auftauchen. Seufzend stieß sie einen Stein vor sich her und lief dabei fast in ein parkendes Auto, das am Straßenrand stand.
„Verdammte Scheiße, was hat das Ding hier verloren.“
„Das steht da so rum.“
Verwundert drehte sie sich um und sah direkt in ein paar grinsende blauen Augen, die sich sichtlich über sie amüsierten.
„Ich wünsch dir auch nen besonders guten Morgen, Tobias.“
„Oh, ich seh schon, du bist heute wieder gut drauf.“
Der große blonde Junge schob seine Brille zurück auf die Nase und schmunzelte. Der Kontrast zwischen den beiden könnte nicht größer sein. Während Tobi eher dem typischen Finnen ähnelte, war Aliisa mit ihrer gebräunten Haut und den dunklen Augen eher südländisch. Nur ihre blonden Haare störten das Gesamtbild und wurden die meiste Zeit von diversen Rottönen überdeckt.
„Bin ich das nicht immer? An einem Montagmorgen, wenn ich wieder in diese äußerst intelligente Klasse muss?“
„Ach komm, mir geht’s auch net besser.“
„Kannst du bitte sitzen bleiben? Dann können wir uns gegenseitig Gesellschaft leisten.“
„Nö, bleib du doch hocken, dann kannste Jenna Gesellschaft leisten.“
„Mhm, voll scheiße, dass wir alle so verstreut sind.“
„ Hast Recht, aber na ja, wir haben ja die Pausen, und die ganze restliche Zeit.“
„Stimmt, aber trotzdem.“
Wieder seufzte sie und kickte gegen den Bordstein. Aliisa war schon seit sie auf die Schule gekommen mit Tobi, Jenna und noch anderen Leuten aus verschiedenen Klassenstufen befreundet gewesen. Sie bildeten eine kleine Einheit zwischen den unzähligen In-Cliquen und galten häufig als Streber bzw. Lehrerlieblinge, was im Grunde genommen gar nicht so falsch war, denn sie durften sich beim Lehrkörper sehr viel mehr als die anderen Schüler herausnehmen. Das lag wohl daran, dass sie in den einzelnen Klassen den Durchschnitt oben hielten.
„Na komm, wir müssen langsamrein.“
„Will nich.“
„Du kriegst auch nachher Kekse von mir.“
„Mit Schokolade?“
„Türlich.“
„Na gut.“
Gottergeben trottete sie neben ihm her und sehnte sich schon jetzt das erlösende Klingeln heute Mittag herbei.
Schweigend gingen sie durch das große Schultor, die steinerne Treppe hinauf zu den Klassenräumen und trennten sich schließlich mit einem kurzen Winken. Aliisa setzte ihr gewohnt überhebliches Grinsen auf und betrat das Zimmer der 8a. Ein paar Köpfe gingen hoch, senkten sich dann aber bei ihrem Gesichtsausdruck schnell wieder. Sie verdrehte die Augen und ließ sich auf ihren Platz in der letzten Bank, neben Lara fallen, die ihrer Meinung nach die einzig vernünftige Person in diesem Raum war.
„Hey Liz, hast du Mathe?“
Wortlos knallte sie ihr das Heft vor die Nase und lächelte säuerlich.
„Danke, du mich auch. Ich sprech dich wieder an, wenn du wach bist.“
„Mach.“
Genervt starrte sie aus dem Fenster und rechnete die Tage aus, die sie noch bis zu ihrem Ankkarock-Trip mit Tobi und Jenna absitzen musste.
„Ähm, Aliisa?“
Vor dem Tisch stand eins der etwas unbeliebteren Mädchen der Klasse, die immer die unangenehmen Arbeiten für die In-Clique erledigen mussten. Sie mussten nicht wirklich, wollten aber unbedingt dazugehören und das war eben der Preis. Aliisa wusste, dass solche Mädchen niemals zum Non-Plus-Ultra der Schule gehören würden und schlicht und ergreifend ausgenutzt wurden, aber sie kümmerte sich nicht darum, es war ja nicht ihr Problem.
„Du stehst mir in der Sonne.“
„Ich soll dich was fragen.“
„Verpiss dich, Kleine, und hör auf den Tussen da drüben hinterher zu rennen.“
Leicht geschockt machte sich das Mädchen wieder vom Acker, kam aber Minuten später wieder zurück und sah sie ängstlich an.
„Was ist denn noch? Hast du hier dein Hirn verloren? Meins kriegst du nicht.“
„Also Josefiina möchte wissen . . . .“
„Wenn JOSEFIINA etwas will, dann soll sie gefälligst ihren fetten Arsch hier her bewegen.“ Schrie Aliisa gereizt durch die Klasse und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aber sie hat gesagt, ich soll . . .“
„Jetzt reichts.“
Mit einem Ruck stand sie auf, sodass der Stuhl nach hinten umfiel und stampfte vor zu der Mädchengruppe, die allesamt wie die Barbiepuppen aussahen und aufgeregt tuschelten. Zielstrebig packte sie den Grund für ihre Wut am Kragen und zog sie zu sich heran.
„Wie tief bist du eigentlich gesunken, dass du jetzt schon Diener brauchst um mich zu nerven?“
„Du zerknitterst meine Bluse, die ist von Gucci!“
Ein entsetztes Raunen ging durch die Reihe, als Aliisa ihre Faust genüsslich umdrehte und grinste. Gerade wollte sie Josefiina an den Kopf knallen, dass ihr ihre tolle Bluse scheißegal war, als Herr Vahva das Klassenzimmer betrat.
„Aliisa, setz dich bitte auf deinen Platz. Josefiina, rechne die Hausaufgabe an der Tafel vor.“ „Aber, sie . . .“
„An die Tafel!“
Das Mädchen schlenderte grinsend in die letzte Reihe zurück und warf dem Lehrer einen unschuldigen Blick zu. Gerade wollte sie das bühnenreife Versagen ihrer Rivalin genießen, als Lara ihr den Ellbogen in die Seite rammte.
„Mann, wie machst du das nur immer? Jeder andere hätte einen Verweis bekommen.“ „Zufall?“
„Es gehen Gerüchte um, dass du . . .also, ähm . . .“
„Ich den Lehrkörper ficke?“
„Jaa, genau.“
„Who knwos . . .“ „Jetzt im Ernst?“
„Lara, schau nach vorne, halt die Klappe und seh gut aus. Dann wirst du bestimmt mal ne gute Sekretärin.“
Als es nach zwei Stunden endlich zur Pause klingelte, quälte sich Aliisa von ihrem Stuhl auf und hatte es dann aber eilig auf den Pausenhof hinaus zu kommen, um dort Tobi, Jenna und die anderen zu treffen. Mit genervtem Gesichtsausdruck steuerte sie auf die Tür zu und stieß plötzlich mit jemandem zusammen, sodass sie zu zweit im Rahmen steckten.
„Hey, du Spasti, kannst du nicht aufpassen?“
„Was kann ich dafür, wenn dein fetter Hintern den Weg versperrt.“
„Willst du eins aufs Maul?“
„Uhh, jetzt hab ich aber Angst.“
„Oh, ich kann dich auch kastrieren . . . ach nein, wo nix is kann man auch nicht abschneiden.“
„Haha, jetzt lass mich endlich vorbei.“
„Zwing mich doch, Rauschgoldengel.“
„Lass meine Haare in Ruhe, du Schlampe!“
„Ach je, du bist ja sogar im Hirn blond, Jannchen.“
„Lass mich vorbei, oder . . .“
„Oder was? Sag nicht, du hast es nötig, ein Mädchen zu schlagen.“
„Nein, für dich verschwend ich doch nicht meine Kraft.“
„Welche Kraft? Du bist ja en echter Optimist.“
„Verpiss dich jetzt endlich.“
„Oh, hast du Angst, dass ich dich fertig machen könnte?“
„ Dich könnt ich umpusten, wenn ich wollte.“
„Wolln wir wetten, dass deine Nase im Arsch ist, wenn ich dir eine reinwürge?“
„Na los, mach doch.“
Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten und holte aus. Doch genau im selben Moment wurde sie von Tobi zurückgerissen, der sie mit hochrotem Kopf nach draußen zerrte.
„Sag mal spinnst du? Was sollte das eben?“
„Lass mich los, verdammt, ich zeigs dem Wichser!“
Verzweifelt versuchte sie sich loszureißen, um Janne das Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln, scheiterte jedoch daran, dass Tobi beinahe 1,90 m groß war und deutlich mehr Kraft hatte als sie. Seufzend zog er sie mit sich auf den Schulhof und von dort aus in eine versteckte Ecke, wo bereits Jenna mit ein paar anderen Leuten saß und an ihrer Zigarettenpackung herumfummelte. Mit einem schlag verflog Aliisas Ärger und sie ließ sich unschuldig lächelnd neben ihre Freundin fallen.
„Kleines, du bist noch viel zu jung, um zu rauchen. Also sei vernünftig und gib mir die Kippen.“
„Natürlich Schatz, hier hast du sie.“
Sie reichte ihr die Schachtel und atmete grinsend den milchigen Dunst aus.
„Toll, die is ja leer.“
„Schlaues Kind. Was hat sie denn wieder angestellt, Tobilein?“
„Woher weißt du das?“
„Josedingsbums oder wie das Viech heißt kam vorhin mit ihrem Schnepfenclub hier vorbei.“ „Aso. Liz hat sich beinahe an der Superblondine aus ihrer Klasse vergriffen.“
„Hier gibt’s viele Blondinen.“
Mit einem Seitenblick auf Aliisa sah sie grinsend zu Tobi auf.
„Na du weißt schon, der trommelnde Rauschgoldengel.“
„Ah der. Warum hast du sie nicht gelassen? Der Arsch kotzt mich schon an, wenn ich ihn nur sehe.“
„Siehste, und mir wieder den Spaß verderben.“
„Unser Tobi is eigentlich viel zu brav, findest du nicht?“
„Ja, Schatzi, du solltest Streber werden.“
„Was häng ich hier eigentlich mit euch Weibern ab? Ich könnte jetzt in Australien sein und durch die Pampa trampen.“
Grummelnd lehnte er sich an die Hausmauer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ankkarock wird doch bestimmt auch geil und nächstes Jahr kannst du dann abhauen und uns hier alleine lassen.“
„Scheiß Abi, ich will weg aus diesem verdammten Land. Ich würde euch sogar mitnehmen.“ „Dann bräuchten wir aber ne Nanny für klein Jenna.“
„Hey, du bist auch nurn Jährchen älter als ich.“
„Und schon genauso frech und versaut . . .“
„Misch dich nicht ein, du Mann.“
„Ja, gut erkannt, Lizzy.“
„Nenn mich nicht so.“
„Ich will euch ja nicht unterbrechen, aber wir müssen rein.“
Jenna stand auf und sah die beiden erwartungsvoll an.
„Wenn Mama und Papa reden, dann musst du still sein, Kindchen.“
Kam es aus der Ecke, was zustimmendes Gelächter auslöste. Genervt verdrehte Aliisa die Augen und packte Tobi am Arm.
„Komm, Schatz, gehen wir bumsen.“

Die restlichen Stunden verbrachte das Mädchen, indem sie auf ihrer Bank herumkritzelte oder aus dem Fenster starrte. Janne hatte ihr während der Stunden ein paar Mal abfällig zugegrinst, was sie einfach ignoriert, sich aber dennoch darüber geärgert hatte.

Chapter 2

Auf dem Heimweg fiel ihr ein, dass sie ihren Bass in der Schule vergessen hatte. Sie hatte das Ding vor zwei Tagen äußerst ungern dem Musiklehrer für Anschauungszwecke überlassen. Unwillig machte sie an der letzten Kreuzung kehrt und stiefelte zurück zu Schule, stieß die Tür mit etwas zuviel Kraft auf, sodass diese mit einem lauten Geräusch gegen die Wand krachte und durchquerte die ausgestorbene Aula. Dumpf hallten ihre Schritte zwischen den kalten Steinmauern und gaben dem Gebäude eine unheimliche Atmosphäre. Still stieg sie nun die breite Treppe in den obersten Stock hinauf und bog dann nach rechts ab, wo das Musikzimmer lag. Aus dem Raum drangen ein paar schiefe Töne nach draußen, die sich dann aber schließlich klärten und zu einer Melodie zusammenfanden. Neugierig nahm sie die Klinke in die Hand, drückte sie vorsichtig nach unten und öffnete die Tür ein Stück. Die vier Menschen wandten ihr den Rücken zu und bemerkten sie auch nicht, da sie ganz damit beschäftigt waren, ihre Instrumente zu quälen. Mit Genugtuung beobachtete Aliisa, wie Janne ständig mit seinen Drumsticks durcheinander kam und irgendwann nur noch Krach statt eines Taktes damit erzeugte. Plötzlich fiel ihr Blick auf den wild herumspringenden Frontman, der anscheinend ziemliche Probleme damit hatte, gleichzeitig zu singen und seine Gitarre zu misshandeln. Zufrieden seufzend lehnte sie sich in den Rahmen und sah dem Trauerspiel bestimmt noch fünf Minuten zu, bis Janne sich plötzlich umdrehte und sie entdeckte.^
„HEY!“ schrie er in den Lärm hinein worauf es still im Zimmer wurde.
„Was hast du hier zu suchen? Verpiss dich gefälligst!“
Ungerührt grinste das Mädchen weiter und legte sich in Gedanken die passenden Worte zurecht.
„Seid ihr die neuen Kammerjäger? Die Ratten sind jetzt bestimmt alle an seelischer Folter gestorben.“
Fassungslos starrten die vier sie an und gerade, als Janne etwas bissige erwidern wollte, öffnete Lauri den Mund.
„Findest du echt?“ fragte er erschüttert und sah sie mit großen Augen an. Für einen Moment fragte sich Aliisa, ob er sie verarschen wolle oder wirklich so naiv war, aber weit kam sie damit nicht, da sich Janne wieder einmischte.
„Schwachsinn, die is doch nur hier, weil sie ihre Niederlage nicht ertragen kann.“ „Niederlage? In welchem Jahrhundert lebst du eigentlich?“
Spöttisch grinsend umschiffte sie den Kabelsalat und fischte ihren Bass aus dem Haufen aus Instrumenten, der sich in der Ecke befand.
„Du da, Zwerg, wie heißt du noch gleich?“
„Lauri und ich bin kein . . .“
„Jaja, blablabla. Ist dir schon mal aufgefallen, dass du ständig falsch greifst? Das ist ja grausam.“
„Was verstehst du schon davon? Ich greife überhaupt nicht falsch.“
„Natürlich tust du das, man bekommt schon vom bloßen Zusehen Magengeschwüre.“
„Aber du kannst das natürlich besser, is klar.“
„Ich bring wenigstens ein paar Töne zustande, Winzling.“
„Dann mach doch.“
Herausfordernd hielt er ihr seine Gitarre entgegen und drehte verstohlen mit dem Fuß den Verstärker lauter. Herablassend nahm sie ihm das Teil aus der Hand und drehte den Regler wieder zurück.
„Du bist so hohl, kein Wunder, dass du nix als Krach machst.“
Einen Moment überlegte sie, dann spielte sie die ersten Akkorde von God of Thunder und fand sich schnell in den Song ein. Als mit einem letzten Riff einen Schritt nach vorne trat, wich Lauri erschrocken zurück und sah sie ängstlich an. Zufrieden strich sie sich die Haare aus dem Gesicht und drückte ihm seine Gitarre wieder in die Hand.
„Was? Hats dir die Sprache verschlagen? Wie du siehst, kann man mit sonem Ding auch Musik machen, Würmchen.“
„Naja, also fürn Mädchen wars gar nich so schlecht . . .“
„Sei nicht traurig, vielleicht findest du eines Tages das große C.“
„Du hältst dich wohl für was Besseres, Baby?“ meldete sich Janne zu Wort und baute sich vor ihr auf.
„Janne . . . jeder ist was Besseres als du.“
Sie lächelte unschuldig und packte dann ihren Bass und wollte zur Tür hinaus, als Lauri ihr nachsetzte, an der Schulter packte und einen Zettel in die Hand drückte.
„Komm mal vorbei.“
Verwirrt tappte sie die Stufen hinunter und überlegte, wo die Adresse wohl war. Im Erdgeschoss kam sie zu dem Schluss, dass es in der Nähe des Hafens sein musste. Kopfschütteln stopfte sie das Stück Papier in die Hosentasche und fragte sich, warum sie das Ding erst angenommen hatte, da sie eh niemals hingehen würde.

Chapter 3

Pfeifend kramte Aliisa den Haustürschlüssel aus ihrer Tasche, beförderte ihn ins Schloss und rüttelte dann wie jeden Tag kräftig daran herum, damit er sich überhaupt bewegte. Nach ein paar heftigen Tritten gegen Tür sprang diese endlich auf und das Mädchen fiel mir ihrem Bass in den Flur.
„Verfluchtes Drecksding.“
Mit einem weiteren Tritt krachte die Tür wieder ins Schloss und bereitete sich auf den nächsten Kampf mit dem Schlüssel von Aliisas Mutter vor.
Achtlos warf sie ihre Tasche in die Ecke und brachte den Bass in ihr Zimmer, wo er sorgfältig in sein Gestell gepackt und getätschelt wurde. Danach schlurfte sie zurück in die Küche und machte den Kühlschrank auf.
„Du hasst mich, stimmts? Sobald ich hier reinkomme, verschluckst du alles, was einigermaßen genießbar ist.“
Weiter zur Tiefkühltruhe. Kurz starrte sie ratlos in den Inhalt, dann zog sie ein Packung Makkaroni mit Käsesoße heraus und warf das Päckchen in die Mikrowelle.
Während sie damit beschäftigt war, das Frühstücksgeschirr aus der Maschine zu nehmen, kam Panu auf leisen Pfoten durch die angelehnte Küchentür und sprang leichtfüßig auf die Anrichte.
„Hey, du weißt doch, dass du da nicht drauf sollst.“
Statt zu verschwinden fing der Kater an zu schnurren und forderte sein Mittagessen. Lachend wühlte das Mädchen seinen Napf aus dem Schrank und setzte ihm das Ding gefüllt vor die Nase. Zufrieden machte sich Panu über sein Lunch her und schaffte es sogar, nebenbei noch weiter zu schnurren.
Abwesend sah Aliisa ihm bei Fressen zu, bis das Klingeln der Mikrowelle sie aus ihren Gedanken riss. Hungrig öffnete sie das kleine Türchen und verbrannte sich glatt an der heißen Packung. Leise fluchend wühlte sie darauf hin eine Grillzange aus der Schublade und zog ihr Essen damit von der Platte auf einen Teller. Panu hatte seine Portion inzwischen vertilgt und saß jetzt auf einem Stuhl am Küchentisch um noch ein paar Happen extra zu ergattern.
„Nix da, Dicker, mach dich vom Acker. Ich hab auch Hunger.“
Mit einer Handbewegung scheuchte sie ihn weg, worauf er sich schmollend ins Wohnzimmer auf die Couch verzog.
Aliisa zog ein paar Hefte aus ihrer Tasche und kritzelte halbherzig de jeweiligen Hausaufgaben hinein, während sie die Pasta in sich hineinschaufelte. Gerade klappte sie das letzte Buch zu und legt die Gabel beiseite, als die Haustür laut krachte und Aliisas Mutter in den Flur gestolpert kam.
„Moin, Ma. Warum bist du schon da?“
„Hey, Liz. Herr Romainzec ist auf Angstbewältigungstherapie, da hab ich endlich mal meine ruhe vor dem Kerl.“
„Is das nicht der Typ, der Angst vor Kaninchen und jungen Hunden hat?“
„Kaninchen, Hunde, Katzen, Meerschweine, Autos, Bäume, Flugzeuge, Straßen, Menschen, Essen, Bierkästen . . . Der Mann ist ein einziges Wrack und ich darf mich mit dem Versager rumschlagen. Ich glaub, ich hab den Beruf verfehlt.“
Nea Ahtisaari war erst 33 Jahre alt, Psychologin und die Anti-Mutter schlechthin. Niemals hatte sie Aliisa verboten irgendwelche Filme verboten oder vorgeschrieben, wann sie zu Hause zu sein hatte. Während andere Kinder noch darum gebettelt hatten, ihren Lieblingszeichentrickfilm im Fernsehen sehen zu dürfen, hatte sich das Mädchen lieber eines der Psychologiebücher ihrer Mutter geschnappt und damit in eine stille Ecke verzogen. Außerdem sah es in dem riesigen Haus selten so aus, als würde dort jemand etwas aufräumen oder gar sauber machen. Das Geschirr stapelte sich meistens drei Tage lang und erst, wenn kein sauberes mehr da war, wurde die Spülmaschine gefüttert. Auf der Treppe lagen neben getragenen T-Shirts, Jeans und Schuhen auch des Öfteren Zeitschriften, Bücher, Gabeln oder eine Fernbedienung, von der niemand wusste, wozu sie eigentlich gehörte und das schnurlose Telefon. Die Ablagen im Badezimmer waren ständig überfüllt, sodass man nichts herunternehmen konnte, ohne dass das ganze restliche Zeug mit runterkrachte.


tbcSo zog sich die Spur der Verwüstung durchs ganze Haus, nur Neas Arbeitszimmer und die Ecke, in der Aliisas Bass stand waren stets ordentlich aufgeräumt und sorgfältig sauber gehalten. Wenn Aliisas Großmutter allerdings zu Besuch kam, mussten die beiden Frauen schon eine Woche vorher anfangen, den ganzen verstreuten Kram in irgendwelche Schränke zu stopfen, da sie Nea sonst stundenlange Vorträge hielt, wie eine gute Mutter zu sein hatte und dass Aliisa nur wegen ihr niemals eine richtige Dame werden würde. Außerdem regte sie sich regelmäßig darüber auf, dass ihre Tochter noch immer keinen Mann bzw. Vater für Aliisa gefundne hatte. Der erste war mit seiner Geliebten nach Mallorca durchgebrannt. Wenn er allerdings gewusst hätte, was seine damalige Frau für einen Erfolg in ihrem Job haben würde, hätte er es sich wahrscheinlich anders überlegt.
„Ach quatsch, wenn’s nicht so wäre, würdest du jetzt nicht mit Pradatasche rumlaufen und ich hätte ne Ukulele statt meinen kleinen süßen Bass.“
„Ukolele? Milchtüte mit Schnur bespannt.“
„Haha, zu Strafe darfst du dir dein Essen jetzt selber machen, ich geh zu Tobi.“
„Gut, Schatz. Aber vergiss die Pariser und das Kamasutra nicht.“
„Du mich auch, Ma.“
Mit einem scheppern fiel die widerspenstige Tür ins Schloss und Nea machte sich grinsend auf den Weg zur Tiefkühltruhe.

Chapter 4

Zehn Minuten später stand sie vor dem Haus von Tobias Familie und tatschte fröhlich solange auf der Klingel herum, bis dieser abgehetzt an der Haustür erschien.
„Warum weiß ich nur immer, dass du es bist, wenn jemand so klingelt?“ Grummelte er keuchend.“
„Gedankenübertragung? Eigentlich wollte ich dich auf nen Kaffee einladen, aber wenn du so zickig bist, frag ich eben Jenna . . .“
„Oder Charles.“ Kicherte er gehässig und fischte seine Turnschuhe aus dem Schrank.
„Ich will nix von diesem Arschloch, und das weißt du auch.“ Keifte sie zurück und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.
„Natürlich, Kleines, natürlich . . . lass uns gehen.“
„Jetzt glaubs mir doch!“
„Jaaa, tu ich doch.“
Pfeifend ließ er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen und schlenderte grinsend den schmalen Weg zur Hauptstraße entlang.
„Nein, tust du nicht. Aber du kannst mich auch mal, TOBIAS.“
„Sei doch nicht so gereizt, das ist nicht gut für deinen Blutdruck.“
„Ich geb dir gleich Blutdruck.“
„Wie? Hast du etwa vor, für mich zu strippen?“
„Klar, weil ich ja auch nix Besseres zu tun hab, als mich für große neunmalkluge Lulatsche auszuziehen.“
„Jetzt hast dus mir aber gegeben, Baby. Meinst du, ich soll lieber Espresso oder Latte Macciato nehmen?“
„Latte, sonst stehst du heute Abend im Bett.“
Sie grinste versaut und schielte ihn von der Seite an. „Haha, sehr witzig. Dann muss ich ja wieder das Dach reparieren lassen.“
„Angeber.“
„Notgeiles Gör.“
„Hör auf, du verletzt mich.“
„Gut, aber dann bekomm ich noch nen Muffin dazu.“
„Seh ich aus wien Sack Geld?“
„Nö, ganz so fett bist du noch nicht, aber du schuldest mir eh noch nen Zwanziger.“
„Ach Scheiße, stimmt ja. Na dann werd ich mal meine letzten paar Scheinchen zusammen zusammensuchen, damit der Herr was Anständiges zu Essen bekommt. Du siehst eh schon wieder so verhungert aus.“
„Danke, du mich auch. Wir sind übrigens da.“
Bestimmend schob er sie vor sich her durch die Tür des Coffeeshops und weiter an die Theke.
„Ich kann übrigens selber Laufen, Schatzi.“
„Ich weiß, mein Zuckermäuschen.“ Sagte er und klimperte verliebt mit den Wimpern.
„Was darfs denn sein, ihr zwei Süßen? Wie wärs mit unserem Sonderangebot für Pärchen? Zwei Nougatmoccacino und eine heiße Kirschtasche . . .“
Die blonde, vollbusige Tussi vom Service beugte sich so weit zu Aliisa hinüber, dass Tobi ihr wie hypnotisiert in den Ausschnitt starrte und seine Sprache erst wieder fand, als Aliisa ihn kräftig gegens Schienbein trat.
„Nein, danke, da haben Sie was falsch verstanden, wir führen eine rein sexuelle Beziehung. Also bitte nur zwei Latte und nen Blueberry zum Mitnehmen.“
Die Bedienung nickte nur perplex und stolperte dann verwirrt zum Kaffeeautomaten hinüber. „Mensch, Liz, jetzt denkt die, wir tuns mitnander.“
„Mir doch egal, ich mag keine Kirschen.“
„Das hättest du ihr auch anders verklickern können.“
„Zu spät.“ Grinsend grapschte sich das Mädchen die Tüte vom Tresen, patsche das Geld hin und verschwand im nächsten Augenblick zur Tür hinaus. Tobi folgte ihr kopfschüttelnd und fragte sich, womit er dieses verrückte Weib verdient hatte.

In Gedanken versunken trottete Aliisa neben Tobi her und nahm ab und zu einen Schluck von ihrem Kaffee, als ihr Blick plötzlich auf das Straßenschild an der nächsten Hausecke fiel. Irgendwie kam ihr der Name bekannt vor und sie erinnerte sich plötzlich an den zerknüllten Zettel in ihrer Hosentasche.
„Tobi?“
„Mhm?“
„Weißt du, wo die Nummer fünf hier ist?“
„Das dürfte weiter unten am Hafen sein. Wieso?“
„Ach, nur so.“
„Sag schon.“
„Da gibt’s nix zu sagen.“
„Jetzt komm, Liz. Du fragst nie irgendwelche Sachen ohne Grund.“
„Jemand hat mir gesagt, ich soll da hingehen.“
„Ahja, und wer?“
„Der zurückgebliebene Dummbolzen aus meiner Parallelklasse.“
„Der, der immer mit dem Rauschgoldengel abhängt?“
„Genau der.“
„Und was will der von dir?“
„Keine Ahnung.“
„Vielleicht haben die Kleinen in ihrem Baumhaus einen Puff aufgemacht und wollen dir nen kleinen Nebenjob verschaffen.“
„Nein, wenn, dann wollen sie meinen Bass poppen . . .“
„Was hast du wieder gemacht?“ fragte er grinsend und stopfte sich den letzten Rest Muffin in den Mund.
„Naja, ich hatte meinen Bass in der Schule vergessen, bin noch mal zurück, hab den schrecklichen Lärm gehört, den sie als Musik bezeichnen und hab ihnen was vorgespielt . . .“ „Auf dem Bass? Ohne Verstärker?“
„Nein, auf der Gitarre des Puffdirektors.“
„Wolltest du nicht immer schon mal in ner Band spielen?“
„Ja, eben. In einer BAND.“
„Liz, du kannst sooooo fies sein.“
„ich weiß, ich bin schrecklich.“ Lachend kippte sie den letzten Rest Kaffee weg und wollte den Becher gerade in einen Mülleimer befördern, als es hinter den beiden einen riesigen Schlag tat, sodass sie erschrocken herumfuhren. Nach einer Schrecksekunde fing Aliisa so schallend an zu lachen, dass ihr die Tränen kamen und sie sich an Tobi festhalten musste, um nicht umzufallen. Der grinste ebenfalls über beide Ohren und sah auf die Gestalt herab, die ein paar Meter vor ihnen auf dem Boden saß. Lauri hatte im Eifer des Gefechts das riesige Verkehrschild übersehen, war frontal dagegen gelaufen und taumelnd zu Boden gefallen. Jetzt rappelte er sich mit hochrotem Kopf wieder auf und klopfte sich den Straßendreck von den Klamotten, wobei er es vermied, die beiden anzusehen.
„Ähm, hey Aliisa.“
„Hey Puffdirekor! Na, schön warm da unten?“
Verdattert sah Lauri zwischen den beiden hin und her.
„Das musst du nicht verstehen, Kleiner.“ Sagte Tobi nachsichtig und grinste weiter.
„Na komm, nicht so schüchtern, frag die Prinzessin, ob sie bei dir arbeiten will.“
„Mensch, Tobi, du verwirrst den Kleinen.“
„Seid ihr auf Droge oder so?“
„Ja, wir haben uns Koffein gespritzt, weißt du.“
„Haha . . .“
„Okay, wir sind jetzt brav, nich war, Tobilein?“
„Immer.“
„Also spucks aus, Zwergi.“
„Kannst du vielleicht mal aufhören, mich zu beleidigen?“
„Genau, wo bleiben deine Manieren, Liz?“
„Manieren? Wasn das?“
„Hab ich vergessen.“
„Ähm, hallo?“ „Ach ja, LAURI ist ja auch noch da.“
„Mit ner Beule am Schädel.“
„Na solangs nur da ist . . .“
„Liisa, du Sau.“
„Ja, gut, ich hör jetzt zu.“
„Ich wollte nur mal fragen, ob dus dir jetzt überlegt hast.“
„Was?“
„Naja, ob du mal vorbeikommst.“
„Wohin?“
„Jetzt stell dich doch nicht so dumm.“
„Hää? Ich bin dumm.“
„Sie hat wieder zuviel gekifft, tut mir leid.“
„Ich merk schon.“
„Nee, im Ernst, Schlumpf. Was soll ich denn da?
“ „Du bist echt gut und wir bräuchten für nen Song noch nen zweiten Bass . . .“
„Sie kommt morgen nach der Schule und jetzt bring ich sie zum Psychater.“
Immer noch lachend zog er sie mit sich um die Ecke und lehnte sich an die Hausmauer.
„Ich glaub, der hält uns für bescheuert.“
„Ja, egal. Bring mich jetzt bitte zu meiner Mama, du hasts versprochen. Und danach wirst du dafür büßen, dass ich jetzt morgen dahin muss.“
„Ja, Kleins, komm, gib mir dein Patschhändchen und ich bring dich nach Hause.“

Chapter 5

Am nächsten Tag nach der Schule hatte Aliisa es erfolgreich geschafft, Janne und Lauri nicht über den Weg zu laufen, aber als sie wieder dieses eindeutige Schnaufen hinter sich vernahm, wusste sie, dass sie die Arschkarte gezogen hatte. Seufzend drehte se sich um und sah wie erwartet den singenden Zwerg auf sich zukeuchen.
„Du solltest Sport machen, das hört sich ja erbärmlich an.“
„Ich halte nix von Sport.“
„Man siehts.“
„Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?“
„Ach, nix . . .“
„Aha, toll. Gehen wir?“
„Wohin?“
„Zum Probenraum.“
„Ach ja . . . irgendwie neige ich immer dazu, unangenehme Gedanken zu verdrängen.“
„Du musst ja nicht, wenn du nicht willst.“ Erwidert er leicht gekrängt.
„Hab ich denn ne andere Wahl? Du nervst mich doch eh solange, bis ich mitkomme, oder?“ „Wäre möglich.“
„Also komm, lass es uns hinter uns bringen.“ Gemeinsam trotteten sie die Straße zum Hafen hinab, als Aliisa ihre Schachtel Zigaretten aus der Tasche zog und sich eine ansteckte.
„Du rauchst?“
„Nein, ich spritze Heroin und zu Feiertagen darfs auch mal ne Portion Koks sein, weißt du.“ „Zick mich doch nich dauernd so an, was hab ich dir denn getan?“
„Nix.“
„Und warum tust dus dann?“
„Mhm, vielleicht weil’s Spaß macht?“
„Aliisa, du bist echt komisch.“
„Oh, danke, ich weiß. Ich hab sogar nen Psychologen im Haus.“
„Wirklich?“ „Jap.“
„Du verarschst mich doch.“
„Nein, ich schwöre auf meinen heiligen Bass, dass in meinem Haus ein Psychologe wohnt.“ „Hör auf zu beten, wir sind da.“
„Ich seh hier nix außer Schrott Sand und ner fetten Hecke.“ Sie sah sich mit hochgezogenen Augenbrauen das Schlachtfeld an, das früher wahrscheinlich mal eine Wiese gewesen war.
„Wir müssen ja auch durch die Hecke.“
„Und wer sagt mir, dass hinter dem Busch nicht die Mafia wartet und ihr Geld für den Stoff will?“
„Ich und jetzt komm endlich, wir sin eh viel zu spät dran.“
„Wir? Du, ich gehör nicht dazu.“
„Jaja.“
Energisch zog er sie mit sich durch das dichte Gestrüpp und stand im nächsten Augenblick auf einer freigeräumten Grasfläche, an deren Rand sich ein großer Holzschuppen befand. „Also eins muss man euch lassen, verstecken könnt ihr euch gut.“
„Hab gar nicht gewusst, dass du auch mal was Positives sagen kannst.“
„Ich auch nicht, aber man lernt jeden Tag dazu.“
Kopfschüttelnd stiefelte er auf das schwere Holztor zu und wollte es gerade aufdrücken, als Aliisa ihn zurück hielt.
„Sag mal, dieser kleine Spasti namens Janne is auch hier oder?“
„Ja, und er ist eigentlich voll okay.“
„Gut, dann halt ich mich mit dem Pfefferspray zurück.“
Lauri bereute es jetzt schon fast, dieses merkwürdige Mädchen hier her gebracht zu haben. Für die Band würde er so einige Opfer bringen, aber dieses Weib war echt eine einzige Katastrophe und er fragte sich ernsthaft, was die Jungs ihretwegen mit ihm anstellen würden. Gequält schob er endlich das große Holztor auf und betrat den Raum.
„Hey Leute.“
„Hey Lintu . . .was will DIE hier?“
Jannes Augen sprühten Funken, als er Aliisa hinter Lauri durch die Tür kommen sah.
„Der namenlose Song? Ich dachte, das hätten wir geklärt.“
„Ja, aber nicht SIE!“
„Kein Angst, ich tu dir schon nicht weh.“
„Halt du dich raus, wir haben eh nochn Hühnchen zu rupfen.“
„ Ich werd dir gleich deine goldnen Engelslöckchen rupfen, du Hackfresse.“
„ LASS MEINE HAARE!“
„Ähm, hallo? Könnt ihr das vielleicht später klären?“
meldete sich Eero vorsichtig und ging lächelnd auf Aliisa zu.
„Hey, ich bin Eero.“
„Hey, ich weiß . . .“ „ . . . du sitzt neben Mister Barbie.“ Fügte sie leise hinzu und lächelte zurück.
„Ja, aber lass ihn das nich hören, sonst tickt er wieder aus.“
„Ich werd mich hüten . . .“
„Ähm ja, ich bin Pauli und weiß mal wieder von gar nix.“
„Wir hatten . . . Differenzen.“
„Oh, die Madame drückt sich upperclass aus, uhhhhhhhh.“
„Halt die Fresse, du trommelnder Affe.“
„Ich werd dir gleich geben, du . . .“
„HEY!“
Lauri stemmte die Arme in die Seiten und sah wütend von einem zum andern.
„Eero hat Recht. Schlagt euch von mir aus später die Köpfe ein, aber nicht jetzt, wir haben zu tun.“
Aliisa verkniff sich eine bissige Antwort und setzte sich neben Eero auf das Schmuckstück im Raum, in dem sonst das pure Chaos herrschte: ein schwarzes Ledersofa.
„Gut, und jetzt?“
„Brauchst du noten oder kannst du nach Gehör spielen?“
„Versuchen?“
„Okay, dann mal los.“
„Ähm, kleine Frage noch.“
„Ja?“
„Warum ward ihr gestern in der Schule, wenn ihr hier euren Probenraum habt?“
„Da dürfen wir nur rein, wenn einer von uns ne eins geschrieben hat . . . versteh einer die Lehrer.“
„Anfangs wollten wir uns hochschlafen, aber das hat nicht geklappt.“ Seufzte Pauli traurig und strich liebevoll über seine Gitarre, während er sie an den Verstärker stöpselte.
„Vielleicht hättet ihr ne Peepshow machen sollen.“
„So mit Tangas und Rotlicht?“
„Jaaaa, genau.“
„Ich werd mal mit dem Vahva drüber reden.“ Sagte Lauri grinsend und schielte zu Janne hinüber, der beleidigt hinter seinem Drumset saß und Löcher in die Luft starrte.
„Ähm, können wir dann?“
„Was schaust du mich so an? Ich sitz hier schon ewig, nur ihr bekommt eure Ärsche wegen dieser Zicke da nicht hoch.“
„Mensch Janne, jetzt komm mal wieder runter.“ Konterte Eero genervt und zerrte seinen Bass aus einem Haufen Kabel hervor.
„Ich soll runterkommen? Ey, was kann ich dafür, dass Lauri hier irgendwelche Tussen anschleppt und nix pfeift.“
„Ähm, außer dir haben wir es alle gewusst . . .“
„Das wird ja immer besser.“ Keifte er und donnerte seinen Sticks in die Ecke.
„Ich komm mir hier irgendwie fehl am Platze vor . . .“ Sagte Aliisa leicht eingeschüchtert und verzog das Gesicht.
„Ach Quatsch, mach einfach und kümmer dich nicht um klein Janne.“

Nach der kleinen Session quetschten sich die fünf zusammen aufs Sofa und die Jungs sahen Aliisa erwartungsvoll an.
„Ähm, was starrt ihr mich so an?“
„Sag mal, wo hast du das gelernt?“
„Mein Bruder hats mir beigebracht, aber der lebt jetzt in Schweden.“
„Ich dachte, du wärst Einzelkind.“
„Tja, so kann man sich irren, Blond.“
„Jetzt hört doch endlich mal auf.“
„Ich hab das nicht böse gemeint.“
„Ich auch nicht.“
„Dein „Blondi“ klingt aber nicht sehr freundlich.“
„Das wirkt nur so.“
„Ahhhh . . . da fällt mir was ein. Wo wir doch schon bei blond sind . . .“ Pauli trippelte kichernd davon und zog schließlich aus der Ecke einen Kasten Bier in die Mitte des Raums. „Alter, geil, wo hast du den her?“
„Und vor allem wie hast du den hier her geschleppt, du keuchst ja jetzt schon wie jemand, der am Verrecken is.“
„Fürn Mädchen hast du aber nen ausgefallenen Wortschatz.“ Bemerkte Lauri grinsend und streckte sich, um die Flasche zu fangen, die Pauli ihm zuwarf. Allerdings landete sie stattdessen in Aliisas ausgestreckter Hand.
„Jaaa, weißt du, ich bin das achte Weltwunder, ich kann sogar Flaschen mit nem Feuerzeug aufmachen.“ Mit gewichtiger Miene kramte sie in ihrer Hosentasche und schnippte den Kronkorken einen Augeblick später in Lauris erstauntes Gesicht.
„Aua, du bist kein Wunder sonder gewalttätig.“
„Hab ich deinen zarten Teint zerstört? Tut mir wirklich Leid . . .“
„Es gehen Gerüchte um, dass er MAKE-UP benutzt, gelle Lintu?“
Eero zog den Kasten grinsend in die Mitte der über Eck gehenden Couch und ließ sich zwischen Pauli und Aliisa fallen.
„Ach halt doch die Fresse . . . Hier hastn Bier.“
Mit unschuldigem Blick reichte er dem Bassisten eine Flasche und rutschte dann vorsichtshalber einen halben Meter zur Seite, als der den Öffner ansetzte.
„Ahhhhhhhhhh, PASKA!“
„Schön, das reimt sich und ich hab Bier im Haar. Was solls, Kippis.“
„Du Wichser hast das Ding geschüttelt!“
„Schlau erkannt, Intelligenzbolzen.“
Wütend ging er auf Lauri los, der schon halb am Rennen war und warf die halb leere Flasche nach ihm.
„Gegen die bin ich doch ganz friedlich.“ Murmelte Aliisa und nahm einen Schluck.
„Hast Recht, die beiden ham eh nen Schaden, gelle Janne?“
„Äh, was?“ „Hör auf, auf dem Tisch rumzutrommeln und sieh dir an, wie Eero klein Lintus Frisur ruiniert.“
„Geilo, das hat schon lang keiner mehr gemacht.“
„Wieso Lintu? Und vor allem: er is ziemlich schwul, oder?“ Pauli lächelte wissend und rutsche näher an sie heran. Auch Janne strampelte sich von seinem Platz auf und ließ sich auf ihre freie Seite fallen.
„Lintu weil keine Ahnung. Aber das mit dem Schwulsein . . . wir haben manchmal Angst, dass er uns betatscht, das is echt widerlich. . .und seit ich Liedschatten bei ihm gefunden habe, verbietet mir meine Ma, bei ihm zu übernachten.“
„Er klaut auch immer meine Drumsticks, weiß der Teufel, was er damit macht, wenn er allein is.“
„Ach du scheiße . . . ihr müsst zur Polizei gehen, das ist sexuelle Belästigung. Ich mein, was passiert, wenn er euch . . . VERGEWALTIGT?!“ gab sie mit angsterfüllter Miene zurück und drückte sich tiefer ins Polster.
„Hä, wer vergewaltigt wen?“ Eero hielt kurz inne, das Bier ins Lauris Haaren zu verteilen uns sah neugierig auf.
„Nix, nix. Mach ruhig weiter.“
„Neeeeeeeeeein!!!“
„Doch, doch, Nalle. Und nachher darfst du deinem Dad die Fahne erklären, hehe.“
Im Hintergrund ertönte weiterhin unterdrücktes Gefluche und Gejammere, während sich Janne und Pauli wieder Aliisa widmeten. Na ja, eher umgekehrt . . .
„Wisst ihr Jungs, damit ist nicht zu Spaßen, ihr müsst euch wehren, wenn er euch anpackt. Ich mein, ihr könntet schwanger werden und den Rest eures Lebens son schreiendes Balg am Hals haben.“
„Man hör auf, du machst uns Angst.“
„Ihr werdet erst wissen, was Angst ist, wenn er über euch herfällt, in einer dunklen, kalten Gasse . . .“ Diabolisch grinsend ließ sie die leere Flasche klirrend zurück in den Kasten rutschen und nahm sich eine neue.
„Man merkt, dass du nen Bruder hast, Liisa.“
„Lauri hat ne Schwester . . .“
„Mensch Janne, is gut jetzt. Der Arme heult sonst wieder und wir müssen ihn zu seiner Mama bringen.“
„Ja, hast Recht. Ich sag ja nix mehr.“
„Geht auch schlecht, wenn man an nem Flaschenhals rumleckt.“
„Besser als was anderes, Kleines.“ Erwiderte der Drummer zweideutig grinsend und rückte ein Stück näher.
„Hast du immer solche Stimmungsschwankungen, Blondi? Vorhin hättest du mich ja am liebsten aufgespießt.“
„Man muss immer vorsichtig sein, mit dem, was Lintu anschleppt. Außerdem warst du ja vorher auch nie besonders freundlich zu uns.“
„Das is eben meine Art . . .“
„Ach komm, Schwamm drüber. Es macht immer wieder Bock, en paar Märchen über Lintu zu hören.“
„Was is mit mir? Ey, du sitzt auf meinem Platz.“
„ Du tropfst doch eh nur alles voll, Dickerchen.“
„Lass ihn, das is Babyspeck.“
„Babyspeck, der ihn bis zum Altersheim begleiten wird.“
„Ich seh schon, da haben sich drei gefunden. Was kann ich bitte dafür, wenn der da mich mit Bier ersäuft?“
„Schöner Tod. Außerdem ist das gut fürs Haar, Babyface.“
Aliisa klimperte zuckersüß und erntete dafür einen zustimmenden Puff von Pauli.
„Wollten wir nicht noch irgendwas besprechen?“ schaltete sich Eero nun ein und sah fragend in die Runde, während er seine klebrigen Hände an den Knien abwischte.
„Ne, wir wollten nur saufen.“
„ . . . und uns vor dunklen Ecken hüten bzw. verhüten.“ Aliisa war es gewöhnt, zwischen zwei kichernden Halbstarken zu sitzen, aber die beiden Rasnüsse waren wirklich extrem. „Hä? Dunkle Ecken? Ich versteh gar nix mehr.“
Lauri versuchte verzweifelt seine Haare zu entwirren und fragte sich, was die drei gemacht hatten, als er von seinem Bandmate gequält worden war.
„Macht nix, Babyface. Is nich so wichtig, also Kippis.“
„Kippis.“ Kam es von allen Seiten zurück und für einen kurzen Moment herrschte Stille im Raum. Danach driftet das Gespräch in Richtung Musik ab, und mit der einbrechenden Dunkelheit leerte sich auch der Kasten.

Chapter 6

Nach vier Flaschen Bier wurde Aliisa zunehmend schweigsamer und die Wärme der neben ihr Sitzenden verstärkte die bleierne Müdigkeit, die sie überfiel. Plötzlich verstummten die Stimmen und vier Augenpaare wandten sich ihr zu.
„Erde an Liz, pennst du?“
„Sind meine Augen vielleicht zu? Oder seh ich aus wien Karnickel?“
„Das werden wir noch feststellen.“
„Mann Janne, du Sau.“
„Ach je, unsere Göre verträgt nix. Mal sehen, wann wir das das erste Mal so richtig abfüllen.“
„Denk an die dunkle Gasse, Blondi.“
„Uhhh, ich zittere, siehst du.“ Wild zuckend hüpfte er auf dem Sofa herum und schlenkerte mit den Armen.
„Ja, das machst du toll. Wie spät isses eigentlich?“
„Ähm, kurz nach zwölf.“
„Ach du scheiße, dann is ja schon Samstach.“
„Und?“ „Na, es is Wochenendeeeeee!“
„Stimmt, keine Schule, ich geh beten.“
„Ich geh jetzt heim, sonst spinnt mein Alter wieder rum.“ Seufzend quälte sich Pauli auf und sah Eero auffordernd an. „Kommst du mit?“
„Äh, was hast du gesagt?“
„Schwing deinen Arsch, Schatzi, wir gehen heim.“
„Aso ja.“ Die beiden packten ihre sieben Sachen und verschwanden wenige Augenblicke später mit einem Gruß zur Tür hinaus.
„Und jetzt?“
„Gehen wir auch?“
„Joa, oder willst du noch allein hier im einsamen, dunklen Probenraum bleiben, Aliisa?“ „Nee, lass mal, ich könnte ja ruhig schlafen. Also lieber heim, auf meinem Bettvorleger.“ „Wie wärs, wenn du in dem Bett schläfst?“
„Da liegt mein Kater.“
„Dein Kater?“ Janne stieß ihr mit einem breiten Grinsen den Ellbogen in die Seite.
„Ja, aber der ist kastriert, falls du mir die Rippen deswegen gebrochen hast.“
„Ach Gott, du bist doch sonst nich so zimperlich.“
„Darf ich nich auch mal einen auf Tusse machen?“
„Nein, darfst du nicht, und jetzt kommt, ich frier mir hier gleich sonst was ab.“ Energisch schubste Lauri die beiden nach draußen, löschte das Licht und schloss die Tür hinter sich. „Lauri?“
„Wasn, Janne?“
„Wo nix is, kann nix abfrieren.“
„Fick dich.“
„Liebt euch . . . ach scheiße, lieber nich. Ich sag nur dunkle Ecke.“
Hintereinander stiegen sie durch die Hecke und standen schließlich auf der schlecht beleuchteten Straße.
„Also Ciao, bis Moin.“ Ohne weitere Umstände watschelte Janne die Straße hinunter und verschwand gähnend hinter der nächsten Ecke.
„Ähm, wo wohnst du überhaupt?“
„In der Nähe von diesem Café, wo du gegens Schild gerannt bist.“
„Das war so peinlich . . .“
„Ich weiß, wir lachen heute noch drüber.“
„Das war erst gestern.“
„Na und?“
„Ich muss auf jedenfalls auch in die Richtung. Wenn du willst, kann ich auch zehn Meter hinter dir gehen.“
„Ne, da komm ich mir so verfolgt vor, außerdem siehts ja jetzt keiner.“ Beruhigend tätschelte sie seine Schulter und bemerkte, dass der Gehsteig leicht wankte.
„Kanns sein, dass du nix verträgt, Liz?“
„Vielleicht hätt ich mal was essen sollen.“
„Ja, das wär vielleicht nich schlecht gewesen, aber erwarte jetz nich, dass ich dich ausm Graben fisch, wenn du reinknallst.“
„Lass mich einfach liegen, am Montach werden mich die Bullen schon zur Schule abholen kommen.“
„Oder die lassen dich elendig verrecken und ich mach wegen dir Bekanntschaft mit Satan.“ „Der soll ganz nett sein.“
„Man hast du nen schwarzen Humor.“
„Es ist fast ein Uhr morgens, was erwartetst du von mir? Soll ich nen Häschenwitz erzählen?“ „Au ja“
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“
„Doch, ich will jetzt diesen verdammten Witz hören.“
Ungläubig blieb Aliisa stehen und sah ihn misstrauisch von der Seite an.
„Was?“
„Du willst wirklich einen Häschenwitz hören? Um ein Uhr morgens, an einer dunklen Straßenecke, von mir?“
„Jap.“
„Na gut. Also, ein Autofahrer auf der Autobahn, plötzlich wird er links von einem Motorrad überholt, auf dem ein Hase sitzt. Das Viech fährt neben ihn und fragt „Kenn du Honda?“ Der Autofahrer gibt Gas und überholt den Hasen. Wenig später kommt das Motorrad wieder neben ihn und der Hase fragt wieder „Kenn du Honda?“ Der Autofahrer sagt ja und überholt wieder. Aber das Karnickel fährt wieder neben ihn und fragt „Kenn du Honda?“ „Ja, verdammt, ich kenn Honda.“ „Weißu, wo Bremse?“
Häschenwitz Ende.“
„Cool, jetzt hast du dich lächerlich gemacht.“
„Und was bringt dir das?“
„Ich komm mir mit dem Bier im Haar nicht mehr ganz so dämlich vor.“
„Du siehst aus wien Stachelschwein.“ Schlimmes ahnend tastete er nach seinen Haaren und fühlte tatsächlich ein paar klebende Strähnen die fast senkrecht in die Höhe standen. [Anmerkung der Autorin: *rofl*]
„Na toll, meine Ma bringt mich um.“
„Was hat deine Ma mit deinen Haaren zu tun?“
„Sie hätte es am liebsten, wenn ich nen Stoppelschnitt wie Dad hätte und mit Anzug rumlaufen würde.“
„Vielleicht hat sie Angst, dass du schwul bist, wegen den niedlichen pinken Spitzen da.“
„Ich hatte sie vorher ganz pink, das is nur rausgewachsen.“
„Mhm, ich glaube, ich kann sie verstehen . . . Hier wohn ich übrigens.“
„Geile Hütte. Dein Dad hat Kohle, was?“
„Mein Dad ist ein Penner, ich hab keine Ahnung, wo er ist und das ist auch gut so.“
„Tut mir leid . . .“ Beschämt starrte er auf seine Schuhe und bohrte damit am Straßenbelag herum.
„Brauchts nicht. Meine Ma ist zwar Psychologin, aber ziemlich cool drauf.“
„Jetzt versteh ich das langsam . . .“
„Jaa, siehst du, ich sage immer die Wahrheit.“
„Guter Witz. Du, ich muss jetzt wirklich los, sonst muss ich die Treppe wischen.“
„Dabei würdest du dir auch keinen abbrechen.“
„Bäh, ich könnte mir meine Musikerhände ruinieren.“
„Stimmt, dann hättest du gar keinen Platz mehr für die Eddingstreifen.“
„Liisa, eigentlich müsstest du blond sein, so wie du rumzickst.“
„Ich bin blond.“
„So richtig blond?“
„Wie meinst du das?“
„Naja, echte Blondinen sind überall blond . . .“
„Lauri, du Sau. Geh lieber heim, bevor ich mich vergesse und meinen Kater auf dich loslasse.“
„Den kastrierten?“
„Alles Männliche in diesem Haus da ist kastriert.“
„Dann werde ich da sicherlich niemals reingehen. Schlaf gut und denk über den Song nach.“ „Mach ich, gute Nacht.“ Gähnend schlurfte sie zu Haustüre und wollte klingeln, landete aber direkt im Blumenbeet des Vorgartens und quiekte erschrocken auf. Plötzlich wurde die Haustür aufgerissen und Nea sah misstrauisch nach draußen. Als sie ihre Tochter zwischen den Tulpen entdeckte, kicherte sie vergnügt und half ihr auf.
„Na, haben die Bubis dich unter den Tisch gesoffen?“
„Ma, nimm meinen Bass, ich muss kotzen.“

Chapter 7

Das Wochenende verbrachte Aliisa hauptsächlich mit Schlafen und herumgammeln, nur am Sonntag ging sie abends mit Tobi, Jenna und ein paar anderen Leuten ins Kino. Danach hingen sie noch in der Stadt herum und spielten Penner, mussten aber dann vor einem Streifenwagen flüchten, der die Shoppingmeile patrouillierte.
Totmüde aber zufrieden kämpfte sie um zwei Uhr morgens mit der Haustüre und lief glatt ihrer Mutter über den Weg, die gerade ein ernsthaftes Gespräch mit Mr. Romainzec führte und nebenbei eine Familienpackung Schokoladeneins in sich hineinstopfte. Flehend sah sie ihre Tochter an und kritzelte „Help!“ auf den Deckel der Packung. Aliisa schüttelte bedauernd den Kopf und verschwand für fünf Minuten im Badezimmer, wo sie sich eine kurze Katzenwäsche gönnte und Zähne putze. Danach schlurfte sie gähnend in ihr Zimmer und tätschelte kurz ihren Bass, bevor sie in ihren Schlafanzug schlüpfte und unter die Bettdecke krabbelte. Sie hörte noch, wie ihre Mutter eine Telefonstörung vortäuschte, dann fielen ihr die Augen zu und sie fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

„Aliisaaaaa!!“ Klatsch. Blinzelnd schlug das Mädchen die Augen auf und sah sich blinzelnd um. „ALIIIISAAAAAAAAAA!!!“ Grummelnd zog sie sich die Bettdecke über den Kopf und wollte sich auf die andere Seite drehen, als wieder etwas ans Fenster klatschte. Wütend schlug sie die Decke zurück und stampfte zum Fenster, öffnete es und streckte den Kopf hinaus, um zu sehen, wer hier so einen Krach machte.
„Halt deine verfickte Fresse, oder ich . . .“
„Liz, wir müssen zur Schuuuule!“
„Ach du Kacke, is heut schon Montag?“
„Ja, verdammte Kacke und es is viertel vor acht“
„Na und? Dann geh ich eben nich hin.“
„Man Liz, du kannst dir das nich immer so raushängen lassen, dass die Lehrer dich mögen.“ „Du siehst doch, dass ich’s kann. Gutes Nächtle noch.“
„Aliisa warte!“
Sie öffnete das Fenster wieder und seufzte genervt auf. ”Wasn noch?”
„Erstens kann ich dir in den Ausschnitt gucken und Zweitens: biiiiiiiiiiteeee!!“
„Mir egal und warum sollte ich? Bin ich dein Kindermädchen?“
„Neee, aber wenn ich dir nich dauernd in den Arsch treten würde, wärst du schon längst unter ner Brücke verreckt.“
„Ach leck mich doch.“
„Gut, komm runter.“
„Tobi, bitte geh in die Schule und lass mich schlafen.“
„Du hast dich jetzt schon so aufgeregt, dass du wach bist, also kannst du auch mitkommen.“ „Ich hab nix gelernt.“
„Machst du eh nie und jetzt beweg dich endlich.“
„Jaja, is ja gut. Du gibst ja eh nich auf.“ Knurrend schlug sie das Fenster zu und stieg wieder in ihre Klamotten. Danach spritze sie sich ein bisschen kaltes Wasser ins Gesicht, packte ihre Tasche und verließ das Haus.
„So, zufrieden?“
„Ja, deine Augenringe sind wirklich niedlich.“
„Gleich geh ich wieder rein.“
„Neeein, wir beide gehen jetzt schön zu Schule, lernen was Feines und dann bekommen wir eines Tages einen fett bezahlten Job.“
„Toll, ich schlaf mich hoch, das geht einfacher.“
„Jaja, schon klar und jetzt komm.“ Grinsend zog er sie mit sich und sah darüber hinweg, dass sie auf dem kurzen Weg zur Schule vier Zigaretten rauchte.
Als sie durch das große Tor traten wurden ihre Schritte plötzlich schneller und sie drängelte sich zielstrebig durch die Schülermassen auf den Eingangsbereich des Gebäudes zu.
„Liz, jetzt warte doch mal.“
„Fick dich, Tobi, jetzt will ich mal was, also komm.“ Energisch packte sie ihn am Arm und schleifte ihn mit sich durch die Gänge, in denen überall Schüler herumstanden und auf den Unterricht warteten, mehr oder weniger . . . .
Den Blick gierig auf den leise surrenden Automaten gerichtet ignorierte sie das Gezeter ihres besten Freundes und hatte fast ihr Ziel erreicht, als Lauri und Janne ihr entgegenkamen.
„Hey Liisa, du siehst aus, als hättest du die Nacht in ner dunklen Gasse verbracht.“
„Weg da Rasnuss, brauch Kaffee.“ Mit einer Handbewegung schubste sie ihn beiseite, ließ Tobi los, der taumelnd zum stehen kam und stürzte sich endlich auf das Objekt ihrer Begierde.
„Dieses Weib bringt mich noch um.“
„Was hast du mit ihr gemacht?“
„Nix, ich hab sie nur gezwungen, in die Schule zu gehen.“
„Aha, sie sieht nämlich aus, als hätte sie ne laaaaaaaaaaaange Nacht gehabt.“ Janne grinste zweideutig und stieß den gähnenden Lauri beifallheischend in die Seite.
„Na ich wars jedenfalls nicht, wir werden ja sehen, wie das Kind nachher aussieht. Ich muss jetzt los.“ Im nächsten Augenblick war er um die Ecke verschwunden, nachdem er Aliisa noch kurz zugewinkt hatte. Selig den Duft des Instantgebräus einatmend, schlenderte sie zu den beiden Jungs hinüber und nahm schließlich einen kleinen Schluck davon.
„Wir wünschen dir auch einen guten Morgen, Aliisa.“
„An diesem gefickten Morgen is nix gut. Wo is Eero?“
„Der sitzt schon in der Klasse und lernt, wieso?“
“Weil er meine B-Saite kaputt gemacht hat . . . Sag mal, lebt das Babyface oder hast dus mit Holz ausgestopft?“
„Ne, ich glaub, es atmet sogar.“
„Haha, ihr seid so witzig.“
„Och Nalle, hast du heute morgen deine Milch nicht bekommen? Armes Ding.“
„Ich geh jetzt, tschüss.“
„Warte ma, Lintu. In der Pause hab ich ne kleine Überraschung für euch und eure Koffeinabhängigen Hirne.“
„Jaja.“ Mit diesen Worten machte er kehrt und stiefelte ebenfalls davon.
„Der is ja schlimmer als ich.“
„Neeee, deine Fiesheit übertrifft alles.“
„Was isn in der Pause?“
„Sag ich später. Jetzt haben wir erst mal Bio.“
„Na toll, auf zum Würmer sezieren.“

Chapter 8

Morgens halb zehn in Finnland. Aliisa kam sich merkwürdig vor, als sie mit dem Jungen, den sie vor ein paar Tagen am liebsten kaltblütig abgeschlachtet hätte, das Klassenzimmer verlies. Es war zu ungewohnt, nicht sofort das Weite zu suchen und in den abgelegeneren Teil des Schulhofes zu flüchten.
„Was starrst du so nachdenklich vor dich hin? Denkst du an dunkle Gassen?“
„Erstens starre ich nicht und zweitens sagst du mir jetzt endlich, was für ne Scheiße du wieder ausgeheckt hast.“
„Erst, wenn wir Lintu gefunden haben.“
„Guck doch mal auf dem Schornstein, da brüten die Vögel gerne.“
„Stell dir mal vor, wie Lauri auf nem Ei sitzt und es ausbrütet.“
„Ich nehm doch stark an, dass er das tut.“
„Äh, wie jetz?“ „Na denk doch mal nach, du naives Dummchen.“
„Asooooo, man Liz, ich hab dir doch gesagt: da is nix.“
„Gar nix? Nich mal so viel?“ Angestrengt kniff sie die Augen zusammen und quetschte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammen.
„Nee, gar nie nix.“
„Woher willst du das überhaupt wissen?“
„Na weil er sich immer aufregt, dass sein Ding zu klein ist.“ Die beiden brachen in schallendes Gelächter aus, und Aliisa musste sich an Jannes Schulter festkrallen, um nicht mit dem Gesicht voraus in den Eimer der Putzfrau zu fallen, der auf dem Flur stand.
„Ich kann nicht mehr.“ Jappste sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Das sagt er dann auch.“ quietschte Janne und schlug kichernd die Stirn gegen die Wand.
„Was gehtn mit euch? Seid ihr auf Helium oder so?“ Lauri kam mit Pauli im Schlepptau den Gang entlang und verzog misstrauisch das Gesicht. Aliisa hielt kurz inne, sah zu Janne, dann wanderten ihre Blicke gemeinsam auf Lauris Hose und sie brachen wieder in schreiendes Gelächter aus.
„Aha, alles klar. Wo is Eero?“
Das Mädchen deutet wortlos auf das ausgestorbene Klassenzimmer und ließ sich immer noch zitternd vor Lachen an der Wand entlang zu Boden gleiten.
„Aliisa?“
„Mhm?“
„Häntääääää!!“ hauchte Janne und sprang wild kichernd herum.
„Neeein, lass mich, ich verreck sonst.“
„Ihr seid merkwürdig.“ Schaltete sich Pauli ein und grinste vergnügt. „Erst schlagt ihr euch fast die Köpfe ein und jetzt habt ihrs schon von Schwänzen.“
„Na eben nicht.“
„Janeeeeeeee!!“
„Is ja gut, ich sach nix mehr. Und jetzt steh auf, sonst werden wir noch erwischt und meine Überraschung is im Arsch.“
„Genau, was isn jetzt mit deiner tollen Überraschung, he?“ Ungeduldig zerrte Lauri Eero mit sich aus dem Klassenzimmer und schmiss die Tür hinter sich ins Schloss. Auf den Gängen liefen nur noch wenige Schüler herum, denn es war in der Pause Vorschrift, das Gebäude zu verlassen.
„Wie wärs mit ner kleinen Wette, Jungs und du Dings da, was auch immer.“
„Ich bin kein Ding, ich bin ein Subjekt, okay?!“
„Na gut, dann eben Subjekt. Egal. Also?“
„Erst, wenn du uns sagst, was es is.“ Warf Lauri unsicher ein und fragte sich, warum Aliisa ständig auf seinen Schritt starrte und sich dabei einen abgrinste.
„Neee, dann isses ja keine Überraschung mehr. Mehrheitsbeschluss?“
„Ja, also ich bin dafür.“ Pauli nickte überzeugt und hielt Eeros Arm stellvertretend nach oben.
„Na ich sowieso und Liz auch, nech?“
„Ähh . . .“
„Ja, du bist dafür, gut. Nur Aki, der Pisser, macht mal wieder blau.“
„Wer is Aki?“
„Oh, Aki steht auf Zicken.“
„Aha, jetzt weiß ich, was er gerne so poppt, aber ich hätte gerne gewusst, WER das ist.“
„N Kumpel halt, du triffst ihn noch früh genug, keine Sorge. Was is mit dir Lintu?“ fragte Janne.
„Na also eigentlich . . .“
„Egal, Die Mehrheit ist dafür. Also, zur Wette: Ich wette, dass Lintu es nicht schafft, während der Pause im Mädchenklo zu bleiben, ohne, dass ihn jemand entdeckt und er mächtig Ärger bekommt.“
„Geht’s noch, Alter? Ich hab echt keinen Bock auf . . .“
„Blabla, wie auch immer. Kommen wir zum Wetteinsatz.“
„Ich biete zehn, dass er’s nich schafft.“
„Pauli zehn. Eero?“
„Zwanzig dagegen.“
„Gut, ich setze fünfzehn dagegen. Liz?“
„Ich hab bessere Methoden, mein Geld loszuwerden.“
„Gut, dann gehst du mit Nalle darein.“
„Waaaas? Aber . . .“
„Jetzt stell dich nich so an.“ Aliisa versuchte noch, zu widersprechen, aber ehe sie sich versah, wurde sie zusammen mit Lauri durch die schwere rote Tür geschoben und fand sie im Vorraum des Mädchenklos wieder.
„Scheiße man, seh ich aus, wie der Depp vom Dienst?“ Wütend trat er gegen die Wand, atmete dann aber durch und fuhr sich seufzend durch die Haare. Nachdenklich sah er Aliisa an, die ihn abwartend musterte.
„Bringen wirs hinter uns?“
„Äh ja, aber nicht hier. Du weißt schon, was passiert, wenn die uns hier erwischen, . . . zusammen . . . auf dem Klo?“ Grinsend hielt sie die Tür zu den Kabinen für Lauri auf. „Uhhh, das wäre ein SKANDAL.“ Mit aufgerissenen Augen malte er eine Schlagzeile in die Luft und schlug dann die Hände vors Gesicht.
„Alle würden mich für eine Schlampe halten.“ Jammerte er theatralisch und schlüpft in eine Kabine.
„Ja und ich gelte als Vogelvergewaltigerin.“ Kopfschüttelnd folgte sie ihm, schloss ab und lehnte sich gegen die Wand.
„Haha, sehr witzig. Ich kann auch nix dafür, dass sie mich so nennen.“
„Wieso eigentlich?“
„Ich weiß nicht. Vielleicht, weil ich komme und gehe, wann es mir passt, ich nehme selten Rücksicht auf andere Menschen. Ich lasse mich eben schlecht halten . . .“
„Ich versteh schon, was du meinst.“
„Nein, tust du nicht.“
„Lauri, meinst du, ich bin jemand, der mit allem und jedem gut auskommt?“
„Nein, das ist ja schon fast absurd . . .“
„Ich wusste gar nicht, dass du solche schweren Wörter kennst.“
„Willst du mir jetzt beweisen, wie unliebenswürdig du bist?“
„Nein, ich habs nur satt, ständig missverstanden zu werden.“
„Ich kenn das Gefühl.“
„Wieso glaubst du mir dann nicht, dass ich dich verstehen kann?“ Langsam ließ sie sich an der Wand hinab rutschen und kramte nach ihrer Kippenpackung.
„Ein Vogel redet nicht gern über seine Gefühle, wenn er auf dem Klodeckel in einem Mädchenklo sitzt und eine qualmende Vergewaltigerin vor sich sitzen sieht.“
„Warum sitzt überhaupt du da oben? Bist du der König des Throns oder so?“
„Man Liisa bitte, mir geht’s scheiße heute.“
„Zu scheiße, um über meine dummen Witze zu lachen?“
„Ja.“
„Ach komm. Das Leben ist schön, die Sonne scheint und du sitzt wegen klein Trommlerjanne in einem Klo fest.“
„Klein Trommlerjanne schuldet mir nachher . . . ähm . . . 45 Kröten. Wow, geil.“
„Erstens wird er dir die nicht kampflos überlassen und zweitens können wir immer noch erwischt und von der Schule geschmissen werden.“
„Wieso lässt dich das so kalt? Ich mein, du bist doch son Strebertyp.“
„Lauri . . .“ langsam rutschte sie näher an ihn heran und fixierte seinen Blick.
„ . . . nenn mich noch einmal Streber und du wirst deinen Mäusezähnchen hinterher heulen wie ein kleines Kind.“
„Is ja gut, mein Gott, und ich bin gereizt, jaja . . .“
„Nein, du bist zickig und jetzt rutsch gefälligst.“
„Nö, ich war zuerst da.“
„Toll, is mir egal.“ Mit einem Ruck schob sie ihn zu Seite sich in den freien Zwischenraum zwischen Wand und seinem Hintern. Lauri stöhnte zuerst genervt auf, doch dann musste er grinsen.
„Was ist? Warum lachst du?“
„Du bist wie meine Schwester. Die hat mich früher auch immer wie ein Möbelstück rumgeschoben.“
„Kannst du sie nicht leiden?“
„Hä, wieso?“
„Weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass du mich nicht leiden kannst.“
„Ich hab nur immer das Gefühl, dass du mich ständig verarschst und nicht ernst nimmst.“ „Das ist meine Art von Humor. Ich kann grausam sein, ich weiß.“
„Oh ja, du kannst einen so richtig zerquetschen.“
„Also übertreibs mal nicht, ich weiß schon, wo ich aufhören muss.“
„Du könntest aber, wenn du wolltest.“
„Ja, ich denke schon.“
Stille. Nachdenklich starrte Aliisa an die Wand und dachte darüber nach, was er gerade gesagt hatte. Sie wusste, dass ihre Art auf viele Menschen einschüchtern wirkte, aber so krass hatte sie das nie gesehen.
„Das klingt ja, als ob ich ne Bestie wäre.“
„Ach quatsch.“ Er stupste sie aufmunternd mit dem Ellebogen in die Seite.
„Ich war grad nur so sauer auf Janne.“
„Jetzt nicht mehr?“
„Neee, ich hab da sone Idee . . .“ Er grinste teuflisch und lehnte dann zufrieden den Kopf an die Wand.
„Sags mir.“
„Überraschung.“
„Och mann . . .“
Wieder Stille, doch diesmal fuhren ihre Köpfe fast gleichzeitig herum und sie sahen sich erschrocken an. Draußen klappte die Tür und Schritte hallten auf den kalten Fließen. Schritte von Schuhen, wie nur Mathelehrerinnen sie tragen . . .


Chapter 9

„Scheiße!“ zischte Aliisa und sah verzweifelt zu Lauri auf. „Die flippt aus, wenn die hier zwei paar Füße sieht.“
„Dann steig aufs Klo.“
„Das bricht ab, verdammt.“
„Au nee, ich hasse Janne.“
Ein kurzes Innehalten vor der Zwischentür. Hektisch sah das Mädchen sich um, ihr Blick fiel auf Lauris Arme, die er gegen die Wand gestemmt hatte und vor Anstrengung zitterten. Leidend verzog sie das Gesicht, gab sich dann aber einen Ruck und sprang schließlich an ihm hoch. Reflexartig hielt er sie fest und sah sie erschüttert an.
„Machs nicht noch schlimmer.“ Jammerte sie leise und hielt dann die Luft an, als die Zwischentür quietschend aufgedrückt wurde.
„Halloooo? Wer ist da?“ Gereizt stieß Lauri ihr in die Seite und zeigte mit dem Kopf auf die Fußspitzen der Lehrerin, die darauf schließen ließen, dass sie versuchte, über den Rand der Kabine zu schielen.
„Ähm . . .ja, ich bins, Frau Hautamäki.“
„Miss Ahtisaari? Sie sollten in der Pause sein, bitte kommen sie da jetzt raus.“
„ Ich . . . äh, kann nicht.“ Sie quiekte erschrocken auf, als sich Lauris Hände mit einem mal von ihrer Hüfte unter ihren Hinter schoben, damit er sie besser halten konnte. Entschuldigend grinste er zu ihr hinauf und dachte darüber nach, warum gerade Aliisa das erste Mädchen war, das ihre Beine um seinen Rücken schlang und leise wimmerte.
„Geht’s Ihnen nicht gut?“
„Nein, ich . . . ähm . . .“
„Achso, ich versteh schon, wie unsensibel von mir. Sehen sie, das passiert jedem Mädchen, wenn es langsam zur Frau wird . . .“
Lauri fühlte, wie sie scharf die Luft einsog und musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut loszuprusten. Die Vorstellung, wie sie dann mit dem Kopf voraus in die Schüssel fiel, machte es ihm auch nicht gerade leichter.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wieder zu gehen, Frau Hautamäki?“
„Oh, nein natürlich nicht. Wir sehen uns in der fünften Stunde.“
Mit einem Klappen fiel die Zwischentür ins Schloss und die Schritte entfernten sich wieder. Langsam rutschte Aliisa, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen spürte und fand sich in seinen Armen wieder.
„Könntest du mich vielleicht eventuell jetzt loslassen?“ Statt einer Antwort fing er wieder an zu grinsen.
„Ich stell mir grad vor, wie die alte Schachtel . . .“
„Baaaa, Lauri, du Sau! Das is ja widerlich . . ähhh.“ Halb lachend, halb schaudernd verpasste sie ihm einen Schlag auf den Hinterkopf und schlüpfte geschickt aus seinen Armen, die immer noch um ihren Rücken lagen.
„Aua, wofür war das denn jetzt?“
„Für deine kleine, kranke, perverse, schwanzbezogene Halbstarkenfantasie.“
„Halt die Klappe Liz, du bist tausendmal notgeiler als Janne und ich zusammen. Außerdem sitzt du auf meinem Platz.“
„Pech gehabt, ich war schneller. Sowas nennt man Demokratie“
„Demokratie wäre, wenn du ein Stückchen rutschst.“
„Na gut . . .“ Seufzend rückte sie ein Stück zur Seite und lehnte nachdenklich den Kopf gegen die Wand.
„Wie kommen wir hier überhaupt wieder raus?“
„Mhm . . . wie wärs mit der Tür?“
„Haha, sehr witzig. Ich hab keinen Bock mit dir gesehen zu werden, wenn wir zusammen aus dem MÄDCHENKLO kommen.“
„Ahja, aber durch Rumjammern wird’s bestimmt besser. Wenn du willst, kann ich dich mit Klopapier einwickeln, dann erkennt dich keiner.“ Lauri verzog genervt das Gesicht und starrte weiter vor sich hin, ohne zu antworten.
„Tschuldigung . . . Vielleicht sollte ich ab und zu einfach die Klappe halten.“
„Wär nicht schlecht.“
„Man, ich kann doch auch nix dafür, dass Janne . . .“
„Schon okay.“ Lächelnd stieß er sie mit dem Ellbogen an. „Versuchen wirs?“
„Japs, tu so, als wärst du n Mädchen.“
„Mhm . . . soll ich wild kichern und mit den Titten wackeln?“
„Lauri?“
„Jaa?“
„Ich muss dir was sagen.“
„Jaa?“
„Dein Busen ist zu klein.“
„Ne, oder? Das meinst du jetzt nicht wirklich ernst?“
„Doch . . . Alter, tut mir leid, aber jemand musste es dir sagen.“ Sie legte ihm mitleidig den Arm um die Schultern und friemelte mit der freien Hand das Schloss der Kabinentür auf. „Toll, jetzt will Aki bestimmt nicht mehr mit mir gehen.“
„Wer ist verdammt ist dieser Aki?“
„Komm heute Nachmittag und lern ihn kennen.“
„Ich bin doch so schüchtern . . .“ Grinsend stand sie im Vorraum und grinste ihn an.
„ Jaaaa, Liisa, ich weiß, überwind dich mal. Und jetzt gehen wir schön raus zu Janne und den anderen und ich streif meine Kohle ein.“
„Du meinst wohl 50 Prozent davon. Für die Aktion mit der Hautamäki will ich Schadensersatz.“
Er blieb plötzlich stehen und sah sie leidend an. „Liiiiiz?“
„Was kommt jetzt?“
„Wenn ich den Rest des Tages gaaaanz nett zu dir bin, . . .“
„Jaja, schon gut. Nimm das Geld, aber jetzt raus hier.“
„Okay.“
Unter dem Grinsen der anderen drei verließen sie den Vorraum und sahen sich misstrauisch um.
„Wieso haben die euch nicht rausgeschmissen?“
„Wir haben der Hautamäki gesagt, dass es dir gaaaaaanz schlecht geht.“
„Damit sie das Gestöhne nicht falsch deutet.“ Kicherte Pauli dazwischen. Lauri wurde knallrot und trat ihm gegens Schienbein während er nach einer passenden Antwort suchte. „Wir haben nur geredet.“
„Mhm, du kannst aber gut reden . . . Lauri.“ Sie grinste zu ihm auf und ließ sich seinen Namen auf der Zunge zergehen.
„Du kleines perverses Miststück. Jetzt kriegst du erst recht nix von meinem Geld, dass ich jetzt bitte bar auf die Kralle will.“
„Ähm, aber Lintu . . . das war doch nur Scheiß.“
„Wie, nur Scheiß?“ fragte er mit drohendem Unterton.
„Naja, soviel Geld haben wir doch gar nich . . .“
„Du willst mir jetzt also sagen, dass ich ne viertel Stunde umsonst in einem Mädchenklo gesessen hab, mit diesem Ding da am Hals und fast dabei ERWISCHT worden wäre, Jannelein?“
„Ich bin kein Ding, ich . . .“
„Klappe, Blondi.“
„Ähm, ja . . . das will ich damit sagen . . .“
„Ich bring euch um, ihr Bastarde.“
„Ruhig Schatzi, das ist nicht gut für deinen Blutdruck.“
„Sei ruhig, Liz. Das hier ist ein Männergespräch.“
„Du meinst zwei Halbstarke, ein Trommeläffchen und nervenkrankes Vögelchen. Ich geh jetzt Tobi und Jenna suchen, tschö.“
Im nächsten Augenblick war sie um die Ecke verschwunden und hinterließ vier leicht überrumpelte Rasmusse zurück.
„Das war deutlich.“ Grinste Pauli und kramte in seinen Taschen nach einem Kaugummi. „Vielleicht ist sie auch einfach nur erschöpft . . .“
„Halt die Fresse Janne, oder geh die Regenrinne ficken. Ich brauch jetzt nen Kaffee.“
„Wie die restlichen 23 Stunden am Tag auch.“ Brüllte ihm Janne noch hinterher und erhielt als Antwort nur Lauri erhobenen Mittelfinger.
„Zicke. Lauri ist das weiblichste Wesen, dass ich kenne.“
„Lass ihn doch in Ruhe, Janne. Aliisa stellt ihn gerade auf den Kopf . . . Nein, sag nix, ich will deinen versauten Kommentar gar nicht hören.“ Eero schüttelte leicht abwesend den Kopf und drückte Pauli ein Päckchen Kaugummi in die Hand, bevor er pünktlich mit dem Klingeln zurück ins Klassenzimmer verschwand.
„Der Erklärbär hat gesprochen. Ich geh auch mal rein, bis später Pauli“
„Jo, tschöööö.“ Zufrieden kauend tapste er zu Lauri hinüber, der mit einem dampfenden Becher schwarzen Kaffee an der Ecke stand und auf ihn wartete.

Chapter 10

„Ahvo!! Langsam, hab ich gesagt.“
Aliisa zerrte genervt an der Leine und erntete dafür ein verärgertes Bellen von dem großen schwarzen Labrador. Der Hund gehört eigentlich der Nachbarin, aber das Mädchen hatte sich wiedereinmal breitschlagen lassen, mit ihm zum Hafen zu gehen, weil seine Besitzern Migräne hatte oder eines ihrer vier Kinder suchte.
„AHVO, lass die Mülltonne! Ich schwör dir, eines Tages schick ich dich in die Hundeschule oder nach Taiwan zu McDonalds.“
Sie musste über das schuldbewusste Fiepen lachen und tätschelte den drängelnden Kopf, der sich auffordernd unter ihre Hand schob. Doch im nächsten Moment wurde ihr die Leine mit einem Ruck aus der Hand gerissen und sie sah nur noch einen schwarzen Blitz am Pier entlang rasen.
„Komm sofort zurück, du verdammtes Mistvieh!“
„Na, na, Fräulein. Zügeln Sie Ihr loses Mundwerk.“ Eine alte Dame wedelte empört mit ihrem rosa Blümchenschirm herum und setzte zu einem längeren Vortrag an, als Aliisa wütend abwinkte und dem Hund nachsetzte.
„Zügeln Sie erst mal Ihren abartigen Kleidungsgeschmack.“
„Also, das ist ja unerhört . . .“ Mehr bekam das Mädchen nicht mehr mit, weil sie nun um die Ecke rannte und sah, wie Ahvo zum Sprung ansetzte. Im nächsten Moment erfüllte ein Aufschrei die Luft und der Hund stand breitbeinig über einem blonden Jungen, der wie gelähmt auf dem Boden lag und ihn anstarrte.
„Ähm, geht’s dir gut?“ fragte Aliisa leicht bedripst und biss sich auf die Lippe.
„Nimm das Vieh da weg . . . bitte.“ Antwortete er leise und wich Ahvos schlabbernder Zunge nur um Haaresbreite aus.
„Los, komm her.“
Mit der einen Hand zog sie den Hund zur Seite, während sie ihre Rechte dem fremden Jungen entgegen hielt. Er nahm das Angebot dankend an und stand einen Augenblick später wieder auf den Beinen.
„Schiss gehabt?“
„Nee, es is nurn Schock, wenn dich plötzlich son riesiges schwarzes Vieh anspringt. Ich bin übrigens Aki.“
„Oh, ähm DER Aki?“
„Also meine Ma hat mich immer zum Fußballspielen geschickt . . .“
Er grinste anzüglich und klopfte sich dabei den Staub von der Jacke.
„Jaaa, ich glaube, du bist DER Aki, mit dem Lintu gehen will.“
„Du kennst Lauri?“
„Naja, ich saß heute ne viertel Stunde mit ihm im Klo fest . . .“
„Janne?“
„Jap.“
„Dann bist du bestimmt die heilige zweite Basserin, stimmts?“
„Nein, ich bin nicht heilig, sonst wäre der Himmel ein einziger großer Puff.“ Sie tätschelte grinsend Ahvos Kopf, während Aki lachte und sich anschließend suchend zu den anliegenden Gärten umsah.
„Was suchst du?“
„Meine Katze, aber die is wegen deinem Ungetüm da über alle Berge.“
„Sorry . . . es is auch gar nicht mein Hund.“
„Macht nix, die wird schon zu meiner Tante laufen . . . und wenn nicht, nach Espoo isses gar nich soooo weit . . .“
„Wohnst du da?“
„Ja, meistens jedenfalls.“ Er grinste wieder und Aliisa fragte sich, wie jemand wie Lauri mit einer Type wie Aki befreundet sein konnte. Denn obwohl sie den blonden Jungen erst seit drei Minuten kannte, verspürte sie für ihn mehr Symphatie als sie für Lauri wohl jemals übrig haben würde.
„Meinst du, ich kann das Vieh mit in den Probenraum nehmen?“
„Ja, klar, warum nicht. Aber halt ihn von Lintu fern, sonst kriegt der Schreikrämpfe.“
„Sag nicht, er hat Schiss . . .“
„Doooooch.“
„Au man, tut mir leid, aber Lauri is wirklich die größte Memme, die ich kenne.“
„Er mag manchmal so wirken, aber er ist wirklich voll okay, glaub mir.“
„Wie du meinst . . .“
„Japs, mein ich. Komm, lass uns gehen.“
Er nahm ihr bestimmt die Leine aus der Hand und verwickelte sie in ein Gespräch, das erst verstummte, als sie in der Tür des Probenraumes standen und von vier Rasmussen erstaunt angegafft wurden. Lauri war der Erste, der etwas sagte, denn er beäugte den großen schwarzen Hund äußerst misstrauisch und quetschte sich in die hinterste Ecke des Raumes. „Was hat der Köter hier verloren?“
„Stell dich nich so an, Lintu. Der is ganz putzig.“
„Ich hab ihn extra für dich mitgebracht, damit er dir die Arbeit mal nen Tag lang abnimmt. N großer Unterschied wird da ja wohl nich zu hören sein. Wir brauchen nur noch den riesigen Käse mit Lampe drin als Mond . . .“
„Es war so klar, dass du das Mistvieh hier hergeschleppt hast.“
„Memme.“
„Zicke.“
„Weichspüler.“
„Schlampe.“
„Halbseitenspast . . .“
„HEY!! Könnt ihr nicht mal langsam damit aufhören? Hey Aki, übrigens.“
„Hey Pauli.“ Er nickte grinsend in die Rune und beobachtete, wie Lauri und Aliisa sich ankeiften.
„Sei friedlich, Süße, und setz dich hin, ich halt auch dein Viech.“
„Ich bin weder heilig noch friedlich noch süß, okay?“
„Jaja, schon gut.“
Leicht beeindruckt ließ er sich auf die Couch fallen, während sie mit Eero die Einsätze besprach.

Da Aliisa wegen dem Hund ihren Bass nicht dabei hatte, beschränkten sich die Jungs auf ein paar einfachere Stücke. Lauris Stimme hüpfte sowieso ständig auf und ab, wenn sein Blick auf Ahvo fiel. Dem gefielen die fielen schnellen Bewegungen und das Rumgehüpfe dieses merkwürdigen Jungen, der anscheinend mit ihm spielen wollte. Ständig zog er an der Leine und tänzelte zwischen Aki und Aliisa herum, die auf der Couch saßen und sich über Jannes Headbanging lustig machten. Langsam wurde es dem Labrador zu bunt und in einer unbemerkten Sekunde riss er sich los und beschloss, ein kleines Spielchen mit der Type am Mikro zu beginnen. Er hörte noch ein aufgeregtes Kreischen hinter sich, dann setzte er zum Sprung an und begrub sein ahnungsloses Opfer unter sich.
„Lauri? Gehts dir gut?“ Zweifelnd beugte sich Eero zu seinem Freund hinunter und piekste ihn mit Jannes Drumstick in die Seite. Mit weit aufgerissenen Augen starrte der auf die tropfende Zunge, die ihm im Gesicht hing und zitterte am ganzen Körper.
„Der will nur spielen.“ Grinste Aliisa und packte den Hund umständlich am Halsband, um ihn von dem Nervenbündel herunter zu ziehen.
„Nimm ihn weg.“ Jammerte Lauri und rutschte hastig an die Wand zurück.
„Der tut deinem zarten Teint schon nix, keine Sorge.“
„Das is zwecklos, Liz. Lintu hat ne Hundephobie.“
„Das hättest du auch früher sagen können, Vögelchen.“
„Hab ich doch, aber du hast mich ne Memme genannt und das Vieh trotzdem hier reingezerrt.“
„Woher sollte ich den bitte wissen, dass du dermaßen Schiss vor sonem kleinen Hündchen hast?“
„Hätte ich in Tränen ausbrechen sollen?“
„Tjaaa, dann wäre mir dein Standpunkt klarer gewesen . . .“
„Hör auf, dich so geschwollen auszudrücken und komm wieder her.“ Quengelte Aki und ließ sich wieder auf die Couch fallen. Sie wollte sich gerade umdrehen und ihm folgen, als ihr Blick nocheinmal kurz auf Lauri fiel, der an die Wand gelehnt auf dem Fußboden saß und sich mit der Hand durch die Haare fuhr. Sein Blick war merkwürdig starr und verbissen auf den Boden gerichtet, als sich plötzlich eine feigliedrige warme Hand in seine schob und ihn auf die Beine zog. Erstaunt blickte er auf und sah sie zum ersten Mal wirklich lächeln.
„Tut mir leid, ich hätte Aki nicht die Leine geben dürfen, der hat Muskeln wie ein Stück verschimmeltes Brot.“
„Schon okay, du wusstest es ja nicht . . .“
„ Dass Aki ein weiches Brötchen ist? Stimmt, aber auf die Zeit gerechnet, in der ich ihn kenne, hab ich das doch früh bemerkt, oder?“
Lauri lachte, während er seine Klamotten abklopfte, wurde dann aber plötzlich ernst und beugte sich zu ihr hinüber, sodass er ihr direkt ins Ohr flüstern konnte.
„Aki ist das eine Brötchen . . . Janne das andere . . . Pauli ist der Käse . . . und Eero die Tomate, wenn du verstehst, was ich meine . . .“
„Gruppensex unter Rasnüssen und du bist der mit dem Keuschheitsgürtel?“
„Nein . . . ich bin für die Groupies zuständig.“
„Ohooo, interessant. Du weißt aber schon, dass es Tierquälerei ist, wenn du die streunenden Katzen hier auf dem Grundstück zu etwas zwingst . . .?“
„Sei still, du versautes Viech und hock dich wieder zu Brötchen Nummer eins, da störst du wenigstens nicht. Ach ja, und nimm den Köter mit.“ Mit einem herausfordernden Grinsen stützte er sich auf den Mikroständer und legte sein rechtes Bein lässig über das andere.
„Und wenn ich’s nich tue? Weil ich mich von deinem großkotzigen Gelabere nicht einschüchtern lasse?“
„Dann setz ich dich vor die Tür, mit dem Vieh da. Wird zwar schwer, dich hochzubekommen, aber . . .“
Er hielt mitten im Satz inne, taumelte und fiel schließlich krachend nach hinten auf dem Boden. Scheinheilig war Aliisa näher an ihn herangerückt und hatte das Mikro mit einem kleinen Tritt zum Fallen gebracht. Jetzt beugte sie sich über den am Boden liegenden Jungen und warf grinsend einen eindeutigen Blick auf seine Hose, bevor sie weitersprach.
„Bevor du mich hochkriegst, solltest du erst mal was anderes hochkriegen . . .“
Mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck ließ sie sich neben Aki auf die Couch fallen und hielt Ahvos Leine diesmal selbst fest. Der Hund hatte aber nun eh keinen Bock mehr auf diese merkwürdigen Menschen hier und rollte sich zu ihren Füßen zusammen.
„Poaah, sei doch nicht so fies zu unserem Vögelchen, der is sensiiibel.“ Kicherte Pauli und sah unschuldig zu Boden, als Lauri ihn wütend angiftete.
„Sind wir hier um zu proben oder um uns die tollen Witze von der Madame mit dem Mistköter anzuhören, he?“
„Also ich bin für beides . . .“ warf Aki vorsichtig ein und tastete nach Aliisas Hand. Sekunden später fühlte er, wie sich ihre Finger mit seinen verschlungen und sah sie glücklich an. Doch da fiel im auf, das Aliisa schon wieder stand und den Hund dabei aus seinem Mittagsschläfchen riss. Geschockt folgte er dem Arm, der an der Hand hing und starrte schließlich in Jannes Gesicht, das ihn genauso dümmlich anstarrte, wie er es tat. Hastig zogen beide ihre Hände weg und starrten stattdessen zu dem Mädchen, dass Lauri auf die Schulter klopfte und im nächsten Moment zur Tür hinaus stand.
„Hä? Wo will sie denn hin, was hat sie gesagt?“
„Bye. Und jetzt lasst uns spielen.“ Entschlossen hob er seine Gitarre vom Boden auf und wartete, bis die anderen wieder auf ihren Plätzen waren.

Chapter 11

Den Rest der Woche sah Aliisa die Jungs nur flüchtig, außer Janne und Eero natürlich. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass es sich der Drummer zur Lebensaufgabe gemacht hatte, sie zu nerven, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Am Abend zuvor hatte er sie erst wieder um halb ein Uhr nachts aus dem Schlaf gerissen, weil er wissen wollte, ob sie am nächsten Tag Physik oder Chemie hatten. Wortlos hatte sie aufgelegt, das Handy ausgeschalten und es in den Papierkorb geworfen. Nachdem sie sich wieder hingelegt und eine Weile an die Decke gestarrte hatte, kam ihr ein fieser Gedanke und sie fischte das Telefon wieder aus dem Haufen Altpapier. Nea war sowieso nicht zu Hause, deshalb schaltete sie ihren CD-Player an, drehte ihn auf volle Lautstärke und wählte vor Freude quiekend Jannes Nummer. Der Junge war auch eben gerade eingeschlafen und tatschte jetzt schlaftrunken auf dem Display herum. Plötzlich kam er auf den kleinen grünen Knopf und im nächsten Moment schallte ihm Unforgiven von Metallica um die Ohren. Erschrocken fuhr er hoch, rutschte ab und landete mit einem lauten Knall auf dem Bettvorleger.
„Verdammte Scheiße ALIISAAAA!!“ krähte er und drückte hektisch auf der Tastatur herum, um den Lärm abzustellen, bevor seine Eltern aufwachten. Das Mädchen kugelte sich währenddessen vor Kichern auf dem Bett herum und schaltete die Anlage erst wieder aus, als ich Nachbarhaus die Lichter angegangen waren.

Es war Freitag und Aliisa hatte vorgehabt, den Schultag ausfallen zu lassen und sich ein verlängertes Wochenende zu gönnen. Doch nach der vergangenen Nacht wollte sie unbedingt Jannes Gesicht sehen, wenn er sie mit dicken fetten Ringen unter den Augen in die Klasse schleppte. Deshalb krallte sie sich in der Kühe nur eine Flasche Wasser, zog sich an und warf wahllos ein paar Sachen in ihren Rucksack bevor sie fröhlich pfeifend die widerspenstige Haustür hinter sich zuknallte und sich auf den Weg zu Tobi machte, um ihn abzuholen.
Wenige Minuten stand sie drei Straßen weiter vor dem modernen Reihenhaus und klingelte Sturm. Nach einigen Minuten öffnete ihr ein nur mit Boxershorts bekleideter Tobias die Tür, sein Haar stand nach allen Seiten aus und die Augen brachte er nur zu schmalen Schlitzen auf.
„Morgähn, Tobischatz! Entweder hattest du letzte Nacht ne Edelhure oder du hast wieder gesoffene wie die Schweine. Ich tipp eher auf Letzteres.“ Grinsend kniff sie ihn in die Wange und erntete dafür einen ärgerlichen Puff in die Seite.
„Aua, lass da , tut weh . . . nix von beiden . . . schlafen . . . du bist zu früh.“
„Ich versteh dich zwar nicht wirklich, aber ich glaube, ich weiß, was du meinst. Ich mach dir jetzt nen schönen schwarzen Kaffee, du packst deine sieben Sachen und dann gehen wir zu Schule.“
Seufzend nickte der Junge und hatte sich schon die ersten drei Stufen der Treppe in den ersten Stock hochgeschleppt, als Aliisa ihn zurückhielt.
„Ähm Tobi, ich wusste gar nicht, dass du sonen sexy Oberkörper hast . . .“
Ihr spitzbübisches Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen, während sie vorsichtig gegen seinen Sixpack piekste.
„Finger weg, Anfassen is nich.“
„Sei doch nicht so zickig, du willst es doch auch . . .“
„Boa Liz, du bist SO notgeil.“
„Ich weeeeiß.“ Rief sie ihm hinterher und ging in die Küche, um sich dort zur Espressomaschine durchzuwühlen.
Zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn schleifte sie ihn hinter sich in den Schulhof und blendete dabei sein nörgelndes Gequengel vollständig aus.
„Moin Liz, was hast du da?“ grinste Pauli.
„N Klageweib . . .oder isses doch n Kerl? Ich weiß nich genau . . .“
„Guck doch nach.“
„Wo denn?“
„Lass mich los, ich kann selber laufen.“
„Naja, ich weiß ja nicht . . . mhm, wenigstens läufst du nicht gegen Schilder, gelle Lauri?“ „Hä, was?“ Gähnend schlurfte der Junge durch den steinernen Torbogen und gesellte sich zu Eero, Pauli, Aliisa und Tobias. Letzterer nutze aber den Moment Unachtsamkeit seiner besten Freundin und verkrümelte sich schnell in das Innere des Gebäudes, um den Kaffeeautomaten zu quälen.
„Ui, jetzt isser weg. Wo is eigentlich Janne? Ich bin nur wegen seiner verpennten Fresse hier.“
„Häääää?“
„Kannst du auch noch was anderes sagen, Täubchen?“
„Willst du damit sagen, dass ich FETT bin?“
„Äh, nööö, ich . . . hallo Janneeeeeee! Na wie geht’s?“
„Tu mir nen Gefallen und sag nix, sonst erwürg ich dich heute noch . . .“
„Ich helf dir, Alter.“
„Wieso wollt ihr mich heute alle umbringen?“
„Doch nich alle, Lizzy. Eero und ich suchen dir sogar deinen Grabstein aus, nich wahr?“
„Jaa, gute Idee. Mhm, was schreiben wir drauf?“
„Wie wärs mit: Was glotzt ihr so, sie hats verdient?“
„Aber Pauliiii, sei doch nich so unsensibel.“ Eero stieß seinem Kumpel grinsend in die Seite und sah dann abwechseln zwischen Janne und Lauri hin und her. Der Drummer schoss ab und zu giftige Blicke auf Aliisa ab, die nach einer passenden Antwort kramte und dabei immer kleiner wurde. Lauri starrte bloß in die Ferne und sagte kein Wort.
„Ich kann nicht nett sein, das liegt nicht in meiner Natur.“
„Der Natur als keifendes Biest?“ stichelte Janne dazwischen.
„Bin ich denn sooooooo schlimm?“ „JA!“ kam es von allen vieren im Chor zurück. „Was kräht ihr den so?“ Mit verwirrtem Gesichtsausdruck quetschte sich Aki in die Lücke zwischen Aliisa und Lauri und sah fragend in die Runde.
„Die machen mich nieder, Hattu.“
„Wir machen dich nicht nieder, Lizzy, wir haben nur gesagt, dass du ein Biest bist.“
„Ja, ein Biest, dass mich mitten in der Nacht anruft und mich mit Metallica beschallt.“
„DU hast mich angerufen, wegen dieser beschissenen letzten Stunde, BLONDI.“
„Na und, deswegen . . .“
„Ruheee. Aus jetzt, vertragt euch, es is fast Wochenende.“ Schaltete sich Aki wieder ein
„Vielleicht geh ich gleich heim, ich hab ja Jannes Gehsichtsbaracke jetzt gesehen.“
„Ne, nix da, kommt wir gehen jetzt rein.“ Mit sanfter Gewalt schob er sie vor sich her in das Innere des Schulgebäudes, während die Rasnüsse ihnen grummelnd folgten.
In der Mitte der großen Aula blieb er plötzlich stehen und drehte sich zu den Jungs um, wobei er Aliisa an den Schultern mit herumriss.
„Auaaaa, das tut weh!!“
Noch im Drehen ließ er sie daraufhin erschrocken los, doch das Mädchen war nicht auf die schnelle Reaktion gefasst und taumelte deshalb wankend gegen die Mauer. Lauri starrte sie eine Sekunde lang an, dann begann er leise zu glucksen. Aus dem Glucksen wurde ein Kichern und schließlich lag er mit Janne zusammen auf dem Boden wälzte sich mit schallendem Gelächter im Dreck. Pauli und Eero beschränkten sich auf ein gehässiges Grinsend und Aki stand mit schuldbewusstem Ausdruck fingernagelkauend daneben.
„Liiiiz? Geht’s dir gut?“ fragte er nach einer Weile vorsichtig.
„Ja, Aki, ich seh nur so aus, als wäre ich grade wegen dir vor der ganzen Schule gegen die Wand gelaufen . . . quiek nich so schwul, Blondi.“
„Das is . . . EEEER!!“ kicherte Janne und piekte Lauri in die Seite, der immer noch links von der großen Topfpflanze lag und sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischte.
„Toll, und da soll man nicht zickig werden.“ Maulte sie und stampfte sich die Stirn reibend zu den anderen zurück.
„Tut mir wirklich leid, ich wollte nicht . . .“
„Jaja, schon gut, Aki. Wenigstens haben die beiden da ihr Depressionen überwunden.“
„Weißt du, wie bescheuert du aussiehst, wenn du gegen Wände rennst?“ grunzte Lauri und zog sich am Treppengeländer hoch.
„Wie sone Maus, die nich checkt, dass sie nich durch Beton gehen kann unds immer wieder versucht, bis sie stonend an der Mauer lehnt und wirres Zeug brabbelt.“
„Ich weiß zwar nicht, wie du da jetzt drauf kommst, aber ich geh jetzt rein. Ciao Pauli, pass auf den Wurm auf. Machs gut, Hattu.“
„Tschöö Liz, lass dich von Jeanette nich so ärgern.“ Winkend ging Aki in die entgegengesetzte Richtung davon und verschwand im nächsten Moment mit Pauli und Lauri um die nächste Ecke.
„Jeanette? Das is ja geil.“ Grinste Aliisa und hielt vor der Klassenzimmertür kurz inne.
„Joa, Janne könnte glatt 0190 Service machen . . . Jeanette - ruf mich an und ich stöhne dir live in Ohr . . . ahhhhhh.“ Eero stöhnte auf und musste nun Aliisa festhalten, weil sie sonst schon wieder wo gegen gelaufen wäre, aber diesmal, weil sie vor Lachen die Augen nicht aufbekam. Janne drehte sich daraufhin beleidigt um und ging in die Klasse, die beiden anderen atmeten nocheinmal tief durch und folgten ihm dann, pünktlich mit dem Klingeln.

Chapter 12

Am Nachmittag standen Janne, Eero und Aliisa im Schulhof vor der schweren Eingangstür und warteten auf Pauli und Lauri, die noch zwei Stunden Unterricht hatten.
„Baaaa, es ist doch erst Juni, warum verdammt noch mal ist das so heiß?!“
Maulend verzog sich das Mädchen in den Schatten und kramte nach ihrer Wasserflasche.
„Warte, Liz, ich komm mit.“ Meldete sich der Bassist und schmiss sich ebenfalls an den Stamm der mächtigen Eiche, die am Rande des Hofes stand. Nur Janne sprang wie ein zugekiffter Affe über den heißen Teer und lachte mit der Sonne um die Wette.
„Du Eero?“
„Mhm?“
„Ich glaub, Jeanette hat nen Sonnenstich oder so.“
„Langsam glaub ich’s auch. Wollen wir ihn retten oder warten, bis die Spiegeleier fertig sind?“
„Warten, ich steh hier nicht mehr so schnell auf.“
„Oki, jetzt brauchen wir nur noch Speck dazu.“
„Ihhhhh, mir kommts hoch. Gib mir meine Flasche wieder.“
„Jetzt is sie leer . . .“
„Eero du Arsch, jetzt hocken wir hier auf dem Trockenen. Ich hab kein Geld mehr und ihr beide auch nich, so wie ich euch kenne.“
„In en paar Minuten kommen Tonni und Nalle, die können wir anpumpen.“ Trällerte Janne und schlug ein Rad an den beiden vorbei.
„Jeanette, komm in den Schatten, du machst mir Angst.“
„Ich geh nich in die dunkle ecke da, sonst vergewaltigt ihr mich noch.“
„Ja, ne, is klar. Weil wir dich ja auch alle . . .“
„WASSER!!“ Mit einem Stöhnen rutschte Lauri den kühlen Stamm hinunter und saß dann wie ein Häufchen Elend auf dem Boden. Mit großen Hundeaugen schielte er auf Aliisas< Rucksack, doch sie drückte ihm nur die leere Flasche in die Hand und sah Eero giftig von der Seite an.
„Er hat alles ausgesoffen und wir haben auch keine Kohle mehr.“
„Pauliiiiiiiiiiiiiiiiiiiii???“ krähte er jetzt und sah zu seinem Kumpel auf, der Janne gerade mit Gewalt unter den Baum schleifte.
„Ich hab auch nix mehr, tut mir leid.“
„Dann muss eben jemand was holen.“
Alle Blicke richteten sich auf Aliisa, die abwehrend mit den Händen herumfuchtelte.
„Nein, bitte nicht ich, ich kann nicht mehr.“
„Bittteeeeee, Liz! Pauli und ich sind völlig am Arsch, Janne dreht durch und wenn wir Eero losschicken, fällt ihm unterwegs ein, dass er noch Hausaufgaben machen muss und geht heim.“
„Haha, sehr witzig, Babyface.“
„Aber ich . . .“
„Leute?“ Janne hatte sich wieder einigermaßen gefasst und mischte sich jetzt ein, indem er sich vor den anderen aufbaute und selbstgefällig grinste.
„Wasn, Jeanette?“
„Wie wärs, wenn wir jetzt alle nach Hause dackeln, unser Campingzeug holen . . ..“
„ . . . und am See zelten?“ quietschte Lauri vergnügt dazwischen und hopste auf seinem Platz herum. Leider saß er genau auf einer Wurzel, und so verstummte er schnell wieder und sah vorsichtig nach, ob noch alles dran war.
„Jaaaa, genau, ich lad nochn paar Leutz ein und dann machen wir die Nacht durch.“
„Heißt das, ich muss jetzt doch aufstehen?“ fragte Aliisa gequält und zog Lauri mit spitzen Finger ein Eichenblatt aus dem Haar.
„Jetzt wächst dirn Baum ausm Kopf, Nalle.“
„Liz, du drehst auch durch, aber mach dir keine Sorgen, ich kenn da ne schööööne Anstalt für dich . . .“
„Toll, jetzt fällt mir nix mehr ein . . . ich hab keine bissige Antwort mehr, Hilfäääää.“
„Ahja, alles klar. Lauri, du nimmst die Durchgeknallte mit, auf dem Rückweg holt ihr Aki ab. Eero, du gehst mit Pauli und ich häng mich ans Telefon.“
„Wenns nich so heiß wäre, würd ich mich nich von dir rumkommandieren lassen, Jeanette. Das wollte ich dir nur mal sagen . . .“ grummelte das Mädchen und zog Lauri hoch, der faul und schwer wie ein nasser Sack im Gras lag.
„Dann wollen wir auf vieeeeeeeele Hitzewellen diesen Sommer hoffen.“ Kicherte Janne und sprang im nächsten Moment zum Schultor hinaus. Pauli und Eero folgten ihm etwas langsamer und trennten sich bei der nächsten Kreuzung von Aliisa und Lauri, die den Weg in Richtung Hafen einschlugen.
„Welcher See überhaupt?“ fragte sie, als sie an der Ampel standen und sehnsüchtig zu dem kleinen Kiosk hinüber sahen, der eisgekühlte Getränke verkaufte.
„Außerhalb der Stadt, da ist selten jemand, obwohl das Wasser viel wärmer ist als das Meer. Aber wir müssen mit dem Bike hinfahren, ich seh mich schon jetzt auf der Landstraße zwischen zwei Zeltheringen verrecken.“
„Keine Sorge, ich sammle dich auch auf und pack dich in die Kühlbox, bis wir wieder in Helsinki sind. Weißt du, so schön in Frischhaltefolie gewickelt.“
„Lecker, dann seh ich aus wie ne Salami, die zu lange in der Sonne lag.“
„Nein . . . du bist eher der Schinkentyp.“
„Liz halt die Klappe, mir ist schlecht vor Durst.“
„Wir sind gleich bei mir, da kannst du dich von meiner Ma abfüllen lassen, während ich mein Zeugs zusammen suche.“
„Ich ab aber Angst, so ganz allein mit nem Psychologen . . .“
„Hehe, sie wird dir jedes kleine schmutzige Detail aus deinem Leben ausquetschen.“
„Au man, was fürn toller Tod . . .“

Chapter 13

„Maaaaaaaaaaaa???? Ich bin heute Nacht nich da, okay?“ schrie Aliisa die Treppe hinauf und drückte Lauri derweilen eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank in die gierigen Patschhändchen, die nervös zitterten.
„Was machst du?“ krähte es aus dem Obergeschoss zurück.
„Weiß nich, irgendwas mit Zelten am See oder so.“
„Aha, ruf mich an, wenn du nicht mehr aufhören kannst zu kotzen, ja?“
„Mach ich, Ma.“
Lauri verschluckte sich fast an seiner Cola, als er den beiden zuhörte und dachte daran, was er seinen Eltern erzählen würde müssen, damit sie ihn gehen ließen.
Aliisa riss in der Zwischenzeit die Tür zu ihrem Zimmer auf und begann wild in den Schränken zu wühlen. Nach fünf Minuten hatte sie alles zusammen, was sie brauchte und grapschte sich noch ein bisschen Geld aus einer Schublade, bevor sie an erneut an ihm vorbei raste und ein paar Flaschen Bier aus dem Keller holte.
„Halt mal, Dicker.“
Ehe er sich versah, war er mit Alkohol beladen und musste aufpassen, dass er nicht mitsamt dem ganzen Krempel zur Haustür hinausfiel. Das Mädchen hatte in der Zeit, in der Lauri mit dem Bier kämpfte, ihr Fahrrad aus der Garage gezerrt und hibbelte jetzt ungeduldig auf der Einfahrt herum.
„Kommst du jetzt endlich, oder brauchst du immer solange?“
Er ignorierte ihr zweideutiges Grinsen und tapste vorsichtig die drei niedrigen Stufen zu ihr hinunter. Irgendwie brachte sie es sogar fertig, das ganze Zeug sicher zu verstauen und sah Lauri abwartend an.
„Willst du Laufen oder lieber auf dem Lenker sitzen?“
„Haha, dann überschlagen wir uns und das ganz schöne Bier is futsch . . . sag mal, war die Stimme aus dem Hintergrund wirklich deine Ma? Die Psychotussi?“
„Ja, das war sie. Wieso?“
„Weil . . . sie echt cool ist.“
„Ja, eigentlich schon, aber es ist nicht besonders cool, wenn deine Mutter deinen Freunden ständig dreckige Witze erzählt, sie abfüllt und ihnen irgendwelche intimen Geständnisse abzockt.“
„Das hab ich gehöööööört.“ Trällerte Nea und sprang die Stufen auf die Einfahrt hinunter, um dem völlig perplexen Lauri überschwänglich die Hand zu schütteln.
„Nea, lass das, du tust ihm weh.“
„Ich mach ihn schon nicht kaputt.“ Die junge Frau lächelte und amüsierte sich über das knallrote Gesicht des Jungen.
„Ähm, also . . . ich bin Lauri. Nett, ähm, Sie kennen zu lernen.“ Stotterte er und biss sich in Gedanken kräftig auf die Zunge.
„Nix Sie, ich bin Nea und muss jetzt zur Arbeit. Viel Spaß euch beiden . . .“ fügte sie mit zweideutigem Grinsen hinzu und schwang sich hinter das Steuer ihres Wagens.
„Wir sind da nicht . . .“ Die Autotür schlug geräuschvoll zu. „ . . . allein.“ Keifte Aliisa ihrer Mutter hinterher.
„Verstehst du jetzt, was ich meine?“
„Jaaaa . . .“
„Na schön. Und jetzt hör auf, win verwirrtes Karnickel zu glotzen und komm.“
„Es ist aber so heeeiß, ich will nicht zu Aki latschen . . .“
„Na dann schwing deinen Hintern auf den Gepäckträger und halt dich fest.“
„An dir?“
„Nalle, lass es, dieses Machogetue macht dich nur lächerlich.“
„Na gut.“ Gottergeben packte er den Rucksack mit dem Alkohol, setzte sich auf den Gepäckträger und hoffte, dass ihm noch ein, zwei Knochen heil bleiben würden.

„HAAAAAAAAAAALT!!!“
„Wo?“
„HIER!“
„Okay.“ Aliisa ignorierte das wilde Gezapple hinter sich und legte eine saubere Vollbremsung vor Akis Haus hin. Leider hatte Lauri nicht mit einer so schnellen Reaktion gerechnet und flog in hohem Bogen in den ganzen Stolz von Akis Tante, ihre Buchsbaumhecke, die täglich mit der Nagelschere nachgeschnitten wurde.
„Aua . . .“
„Lauri? Geht’s dir gut?“ fragte Aliisa leicht besorgt.
Die Hecke raschelte und nach ein paar Sekunden purzelte ein kleiner Leadsänger mit Buchsbaumblättern im Haar auf den Gehsteig und rappelte sich mit hochrotem Kopf wieder auf die Beine.
„Was guckst du mich so böse an, du wolltest doch, dass ich anhalte.“
„Aber nicht SO.“
„Wie denn dann?“
„So, dass ich nicht in irgendwelchen Hecken lande und du dir nen Ast lachst.“
„Ich lach doch gar nich . . .“
„Nööö, du grinst nur wien Keks mit Zuckerguss.“
„Hääääää?“
„Ach vergiss es. Ich hol Aki, wehe du haust ab.“
„Wo soll ich mich denn schon vor dir verstecken? Du kommst doch sogar durch die kleinen Löcher im Gulideckel.“
„Du mich auch.“ Brammelte er und stiefelte mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck die Treppen zur Haustür hinauf.

Zehn Minuten später hüpfte ein hyperaktiver Aki um Aliisa herum und bemerkte erst nach einer halben Ewigkeit, dass ihm niemand zuhörte, sondern die anderen beiden nur darauf wartete, dass er endlich seinen Kram auf sein Bike packte und die Klappe hielt.
„Ähhhhm, Leutz, wasn das da?“ er zeigte mit dem Kopf auf die eingedellte Hecke.
„Büsche?“
„Grünzeug?“
„Haha, sehr witzig. Jetzt sagt schon.“
„Lintu wolle sich die Stelle anscheinend mal genauer anschaun . . .“
„Weil sie nicht mal Rad fahren kann . . .“
„Und da is der Vogel eben maln Stückchen geflogen . . .“
„Ah jaa, ich versteh schon, dann lasst uns verschwinden, bevor mein Hausdrache mit den Vitamintablettchen für den Schnuckiputzi-Buchs kommt.“


Chapter 14

Alle viere von sich gestreckt lag Aliisas im hohen Gras und sah in den durch und durch blauen Himmel, an dem nur hin und wieder kleine Schäfchenwolken vorbeizogen. Die Luft brannte fast von der gewaltigen Hitze, die die Sonne ausstrahlte, nur das leise Plätschern des Wassers vertröstete auf eine geringfügige Abkühlung. Eine träge, schwerfällige Ruhe hatte such über den See gelegt, nur von der Ferne konnte man das Gelächter von ein paar Kindern hören, die mit ihren Eltern auf der anderen Seite des Ufers badeten.
Zufrieden seufzte das Mädchen auf und ließ sich in eine Art Dämmerzustand fallen, in dem es ihr wie eine grausame Bürde erschien, sich auch nur minimal bewegen zu müssen. Nur ihr kleiner Finger bewegte sich unablässig über einen dünnen halb verbrannten Grases, der ein angenehmes Kitzeln auf ihrer hinterließ.
Doch plötzlich spürte sie den Boden vibrieren, lautes aufdringliches Gelächter drang an ihr Ohr und im nächsten Moment wurde sie aus der ganzen Friedlichkeit der Umgebung in die Wirklichkeit zurückgerissen.
Sie lag mitten zwischen den Fahrädern mit dem Zelt, den ganzen Taschen und allem anderen Kram, den die Jungs unbedingt hatten mitschleppen müssen. Nach dem Vorfall waren sie schnell zu Lauri nach Hause gefahren, wo er fast eine halbe Stunde gebraucht hatte, um seinen ganzen Mist zusammenzusuchen. Danach hatten sie sich mit den anderen an der Landstraße getroffen und waren schließlich auf einer versteckten Wiese am entlegensten Ufer des Sees gelandet.
Der Lärm um sie herum schwoll an, Taschen würden herumgezerrt, Janne erzählte wer wann kommen würde und ab und zu warf Aki einen dreckigen Witz ein. Genervt rollte sich Aliisa auf den Bauch und drückte das Gesicht ins Gras, in der Hoffnung, dass die Rasnüsse bald verschwinden und sich mit irgendwelchen Prügelspielchen beschäftigen würden.
Tatsächlich wurde es auf einmal still um sie und jemand stupste mit dem Fuß an.
„Lebst du noch, Kaktuslady?“
„Fick dich, Blondi.“ Nuschelte sie unwillig und weigerte sich, die Augen aufzumachen.
„Aha, also nix wars. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, das dein kleiner Freund heute Abend auch kommt.“ Kicherte Janne und stieß Lauri grinsend in die Seite.
Der lächelte nur halbherzig und widmete sich wieder Aliisas Hintern in der engen Jeans.
„Echt? Geil, wie hast du Satan erreicht? Ich dachte, der macht grad Urlaub auf Hawaii . . .“
„Dein Humor is trocken wien Stückchen Knäckebrot.“ Feixte Aki und zog sie bestimmt auf die Beine.
„Haha, gleichfalls. Wenn meinst du denn jetzt, Trommeläffchen?“
„Na den Tooooobiiii . . . .“
„Aha.“
„Was Aha?“
„Nix aha, ich geh jetzt ins Wasser.“
„Ich komm mit.“
„Na gut, komm Vögelchen, ma sehn, ob du auch auf dem Wasser landen kannst.“
„Bin ich Jesus?“
„Nööö, Jesus hatte mehr Muskeln als du.“
„Werd mal verletzend, okay?“
„Tschuldigung, Schäfchen, is mir so rausgerutscht . . . sacht ma, kanns sein, dass ihr schon wieder was gesoffen habt?“
„Ach . . . wie kommst du drauf?“ fragte Eero scheinheilig und begann sich auszuziehen . . . er versuchte es zumindest.
„Weils hier riecht wie auf nem zweitklassigen Piratenschiff und Eero nich mal mehr aus seinen Klamotten rauskommt.“
„Sei doch nicht so gierig, du bekommst schon noch genug zu sehen.“ Kicherte Pauli und tänzelte Rückwärts zu dem schmalen Strand hinunter.
„Gebt mir ne Flasche Wodka und ich spiel nachher mit euch Strippoker bis zum Erbrechen.“
„Das merk ich mir, warts nur ab, bis die andern kommen.“
„Aber bis dahin . ..“ Eero grinste und setzte Pauli nach, der unschlüssig am Ufer stand und mit dem Fuß im Wasser herumrührte.
„Bis dahin müssen wir uns selber beschäftigen. Mister Ylönen?“
„Ja, Mister Trommeläffchen?“
„Auf drei.“
„Okayyyy.“
„Eins.“
„Zwei.“
„Drei!!“
Mit einem Ruck wurde Aliisa nach oben Gerissen und fand sich in der Gewalt von Janne und Lauri wieder, die sie fröhlich grinsend hinunter zum Wasser trugen.
„Nein, das macht ihr jetzt nich, oder? . . . Das ist doch arschkalt und ich . . .“
„Pshhhht, ganz ruhig, wir wärmen dich schon wieder auf.“
„Neeein, bitte nicht . . . Lauri, bitteeeeeeeee.“
„Zu spät, Lizzy-Mäuschen.“
„Du machst mir Angst . . .“
„Und tschüss.“
„Wa . . .“
Der Rest des Satzes ging in einem lauten Platschen unter. Lauri und Janne standen am Ufer und lachten sich einen Ast, als Aliisa prustend den Kopf aus dem Wasser strecke und sich die nassen Haare aus dem Gesicht wischte.
„Toll, jetzt hock ich hier mit triefenden Klamotten im See und werde von vier besoffenen Rasnüssen ausgelacht.“
„Tu doch nich so, als hättest du besonders viel an.“ Pauli grinste gehässig und ziepte an ihrem Top herum.
„Genau, Aaaaaaaaaaauszieeeeeeeehn!!“
„Na warte, dir werd ich helfen, Äffchen.“ Im Nu war sie aus dem triefenden Shirt geschlüpft und rannte jetzt mit Bikinioberteil hinter Janne her und verprügelte ihn so gut es ging mit dem nassen Stück Stoff.
„Auaaaa, ich mag doch gar kein SM.“
„Mir egal, du Bastard, gehorche!!“
„Jaja, schon gut.“ Jammernd stakste er in das kühle Wasser und war im nächsten Moment in eine Schlacht mit Eero vertieft. Aki und Pauli sprangen inzwischen von einer gossen Weide, die weit ins Wasser hineinhing und verstümmelten den armen Baum dabei aufs Gröbste.
Langsam wanderte Aliisas Blick nach links, wo nur noch Lauri stand und abwehrend die Hände hob, als er ihren Blick bemerkte.
„Oh nein, geh weg . . . Aliisa aus, nein, pfui . . . hilfääääääääääää!!!
Nachdem er dreimal um die Wiese, einmal durch den Wald und wieder zurück geflüchtet war, rannte er auf die große Weide zu und kletterte flink wie ein Einhörnchen auf den Breiten ast, der über dem See ragte.
„Bleib mir vom Hals.“
„Und wenn ich’s nicht tue?“ Gehässig grinsend wirbelte sie ihr Shirt wie einen Colt um den kleinen Finger und folgte ihm.
„Aliisaaaaa!“ Er wich noch ein paar Schritte zurück.
„Ja, Täubchen?!“
„Ich . . . Ahhhhh!“ Mit einem lauten Krachen brach das dünne Endstück des starken Astes, auf dem Lauri stand und krachte mitsamt dem Jungen hinunter ins Wasser.
„Das ist kalt!!“ Jammernd paddelte er im Kreis herum und sah vorwurfsvoll zu Aliisa hinauf, die auf dem breitbeinig auf dem abgebrochenen Ast saß und Tränen lachte.
„Na warte, du Miststück.“ Zischte er und pirschte sich leise an, während sie immer noch kichernd die Augen zusammenkniff. Dann, als er direkt neben ihr war, zog er kräftig an ihrem Bein, sodass sie in Zeitlupe kippte, nach unten rutsche und schließlich mit einem Aufschrei neben im ins Wasser platschte.
„Du mieser kleiner . . .“
„Pshhht, sei friedlich, jetzt sind wir quitt.“
„Na gut, sei bloß froh, dass ich noch meine Hotpants anhatte, sonst würde ich dich jetzt ausziehen und vorne an das Straßenschild hängen.“
„Du darfst mich auch so ausziehen, wenn du unbedingt willst.“
„Du bist so anders, wenn du gesoffen hast.“
„Ich weiß.“ Er lächelte verklärt und fischte einen kleinen Zweig aus ihren Haaren.
„Komm, wir gehen zu den andern.“
„Wie du meinst.“
Aliisa verdrehte genervt die Augen und zog in mit sich durch den dichten Weidenvorhang, bis sie unter den Grinsen der anderen wieder in die kleine Bucht kamen

Chapter 15

Mittlerweile brannte die Nachmittagssonne auf die große Wiese und der Alkohol floss in Strömen. Nach und nach waren alle eingetrudelt, die Janne eingeladen hatte und jeder von ihnen hatte selbst noch zwei oder drei Leute mitgebracht, sodass Aliisa seit gut einer halben Stunde weder Tobi noch einen der Jungs gesehen hatte. Die Tatsache, dass sie bei einem Spiel gerade eine halbe Flasche Wodka auf ex hatte trinken müssen, machte es auch nicht einfacher, jemanden zu finden, der genauso nah am Kotzen war wie sie.
„Isch hasse die Rasnüsse, isch hasse sie . . .“
„Was brammelst du da?“
„Toooooobi!!! Wo willsu denn hin?“
„Nach Hause.“
„Aber wieso denn?“
„Die saufen mir hier zu viel . . . kanns sein, dass du auch ziemlich zu bist, hää?“
„Jaaa, aber Tobi, du kanns mich doch nich mit den Rasnüssen alleine lassen.“
„Dann pass ma schön auf, wie ich jetzt gehe.“
„Na schön . . . hassu Lauri gesehn? Oda Janne? Wo is übrigens BassiBärchen hin? Der wird doch wohl nisch wieder mit dem Pauliee im Gebüsch sein . . .“
„Tschüss, Liz, viel Spaß beim suchen.“ Grinste er und trollte sich dann doch etwas beleidigt davon.
„Mhmmm, wo haben sich die Nüsschen versteckt . . .“ murmelte Aliisa zu sich selbst und kämpfte sich durch die Masse herumspringender Menschen ans Ufer, um einen besseren Überblick zu haben. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass sich etwas in der großen Weide bewegte und ging neugierig näher heran.
„Gartenzwerg? Was suchst du da oben? Nüsse? Also eine Rasnuss habsch ja jetz schon . . .“
„Hast du dieses blöde Rechen- und Saufspiel gespielt?“
„Jaa, wieso?“
„Weil du dich anhörst wiene einzige große Flasche Schnaps.“
„Na schön, du hast mir aber immer noch nich gesagt, wieso du da oben hockst.“
„Weil ich nachdenken will.“
„Während alle anderen saufen?“
„Ja.“
„Jetz hör doch mal auf zu reden, ich komm ja gar nich zu Wort.“
„Witz lass nach.“
„Bä, bä, bä, und ich bin zickig, alles klar.“
„Mhmmm.“
„Na egal, ich komm jetzt.“
„Jetz schon? Das ging aber schnell.“
„Du olle Sau . . .gib mir mal deine Patschpfote, sonst flieg ich noch.“
Seufzend packte er sie am Arm und zog sie zu sich in die Krone des alten Baumes.
„Hui, ist das hoch. Hättest du dir nich ne, ähm, tiefergelegenere Gegend suchen können, dann hätt ich dich eher gefunden.“
„Was glaubst du, warum ich so hoch oben hocke, hä?“
„Weil du allein sein wolltest? Na ja, zu spät, jetzt bin ich da und ohne zu kotzen komm ich hier eh nie wieder runter.“
„Das heißt, du wirst hier bleiben und mich nerven, bis du halbwegs nüchtern oder ins Wasser gefallen bist?“
„Japs.“
„Toll.“
„Mensch Hamsteri, wasn los? Heute Mittag bist du noch rumgesprungen wien junges Reh zur Paarungszeit.“
„Wieso Hamsteri?“
„Wenn du lachst, hast du so fette Hamsterbäckchen . . . guck.“ Sie kniff ihn so kräftig in die Wange, dass er erschrocken aufjaulte und sie vorwurfsvoll ansah.
„Wenn du mich schon nervst, brauchst du mich nich auch noch verstümmeln, außerdem hab ich keine Hamsterbacken . . .“
„Doch, eine Rasnuss muss ja schließlich Hamsterbacken haben, oder?“
„Aliisa, du laberst wirres Zeug.“
„Ich weiß . . . Jeanette hat mich abgefüllt und dann bei seinen Kumpels hocken lassen.“
„Meinst du Tuomas und so?“
„Jaaa . . .“
„Die spielen nachher bestimmt noch Strippoker.“
„Wenn ich bis dahin wieder nüchtern bin, häng ich mir ihre Shorts an die Ohren und geb ihnen stattdessen Blatter . . . ganz kleine Blättchen . . .“
„Du Sau . . . aber wenn du nüchtern werden willst, guck mal da unten is ganz viel kaltes Wasser.“ Er grinste gehässig und rutsche ein Stückchen näher an sie heran.
„Nein, Lauri geh weg . . . bitte . . . LAURIII!!!“ Jetzt balancierte sie nur noch auf dem Ende des obersten Astes und versuchte, Lauri mit den Beinen wegzuschieben, aber der drängte sie ungerührt weiter über den See hinaus und dachte an das Geräusch von vorhin, als ihm das Holz unter den Füßen weggebrochen war.
„Sag Adios, piikkilanka.“
Mit einem kleinen Tritt schubste er sie herunter und grinste hämisch, als er plötzlich einen Zug spürte und er die Blätter der Weide an sich vorbeiziehen sah. Dann war alles still, dumpf, taub und kalt. Vorsichtig öffnete er die Augen und sah direkt in Aliisas, die belustigt grinsten, während sie ihn mit nach oben zog. Nach Luft schnappend tauchte er an die Oberfläche und wollte gerade anfangen rumzumosern, als das Wasser wieder über seinem Kopf zusammenschlug und er ihr ganzes Gewicht auf seinen Schultern spürte. Ärgerlich verpasste er ihr einen Schlag in den Bauch und hatte im nächsten Moment ein schlechtes Gewissen, schließlich lag es unter seiner Würde, ein Mädchen zu schlagen . . . Allerdings vergaß er das bei der daraufhin folgenden Kopfnuss und dem Tritt in den Magen wieder und prügelte sich mit ihr unter Wasser, bis sie beide halb am ersticken wieder den Kopf aus dem Wasser streckten. Keuchend klammerte sich das Mädchen an einem dünnen Weidenast fest, der ins Wasser hing und schüttelte sich das Wasser aus den Haaren.
„Ich glaub, jetzt bin ich wieder nüchtern.“
„Ja und ich hab überall blaue Flecken.“
„Na und, es is eh fast dunkel, das siehst doch keine Sau und wenn du morgen früh aufwachst, sagst du einfach, ich hätte dich im Schlaf vergewaltigt.“
„Apropos dunkel . . .“ Er schwamm zu ihr hinüber und klammerte sich an denselben Ast, sodass ihre Nasen fast zusammenstießen. „ . . . ich könnte jetzt lauter böse dinge mit dir anstellen und keine Sau würde es merken, weil es DUNKEL ist, muahahah.“
„Dann verpass ich dir noch ne Rasnuss auf dein zierliches Köpfchen und du fängst an zu heulen, wie ein kleines Baby.“
„Na warte, du kleines Miststück . . .“
„Nein, Schäfchen, aus, sei brav, ich hol die große böse Jeanette.“
„Die Jeanette macht mit der Janin hinten im Wald rum, also schrei ruhig.“
„Lauri, nein, AUS!!“
Jammernd schwamm sie ans Ufer und krabbelte aus dem Wasser, doch der Junge folgte ihr dicht auf den Fersen und erwischte sie irgendwann, als sie über eine Wurzel stolperte und dadurch langsamer wurde.
„Aliisa, bleib stehn.“
„Ich will aber nicht, dass du mich frisst.“
„Hier laufen lauter besoffene Typen rum, dazu noch Jannes Freunde, ich will nich, dass du hier allein rumläufst.“
„Ach Schweinchen, jetzt wirst du aber albern. Ich kann gut auf mich selber aufpassen.“
„Aliisa, bitte.“
„Was? Sollen wir Händchenhalten? Das is ne sehr schlechte Anmache, Hamsteri.“
„DAS IST NICHT WITZIG!“
„Jaja, schon gut, beschütz mich vor den schwarzen Männern, Algenmonster.“
„Algen?“
„Na du hast welche im Haar . . . und eine hängt aus deiner Shorts.“
„Oh . . .“ Lauri war froh, dass es dunkel war, als er das schlabbrige Gras aus seinem Bund fischte und dabei knallrot wurde.
„Können wir jetzt, Zeus? Oder brauchst du noch dein Krönchen?“
„Sag noch einmal, du wärst nicht zickig und bind dich hier annen Baum und warte, bis alle Alkis mal über dich drüber sind.“
“Wie sagtest du vorhin so schön: DAS IST NICHT WITZIG!“
„Blabla, wie auch immer, gehen wir zurück, mir ist kalt, außerdem hab ich Hunger und ich will ans Feuer.“
„So viele Wünsche auf einmal . . .“
„Komm mit und sei still, ja?“
„Okay, aber nur weil du der Gott des Teiches bist.“


Chapter 16

„Hey Eero, da sind sie doch, die waren im WALD.“ Kreischte Pauli zu seinem Freund hinüber, der angestrengt zwischen den leeren Flaschen wühlte.
„Mit Aki?“ krähte es von rechts, wo Janne vor der Feuerstelle saß und vergeblich versuchte, ein Feuer in Gang zu bekommen.
„Wieso Aki?“ fragte Aliisa misstrauisch und reichte ihm mitleidig ihr Feuerzeug. „Und wo hast du Janin gelassen? Und waren das vorhin nich noch mehr Leute?“
„Die meisten sin irgendwie devongetorkelt, keine Ahnung wo hin . . . aber Aki? Und Janin?“
„Komm Zeus, wir gehen wieder in den Wald.“ Grinsend zerrte sie Lauri hinter sich her und ignorierte sein Quengeln, bis sie am Waldrand angekommen war und ihm die Hand auf den Mund patschte. Unwillig versuchte er sich zu befreien, doch dann hörte er es auch und ein fettes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Vorsichtig streifte er ihre Hand ab und zog sie näher an den dichten Busch heran, bis sie davor knieten und andächtig lauschten.
Undeutliches Gekicher und Gebrumme kam aus dem kleinen Wäldchen, ab und zu fielen ein paar gehauchte Worte. Plötzlich japste Lauri erschrocken auf und schielte auf das Stückchen Stoff, das ihm über den Augen hing. Aliisa biss sich auf die Lippen und fischte ihm dann vorsichtig den schwarzen Spitzen - BH aus dem Haar.
Mit großen Augen sah er ihr zu, wie sie das Ding sorgfältig auf den Busch legte, sodass man es von der Wiese aus gut sehen konnte.
„Janniiiii . . . ja . . . das machst du toll . . .“
Ein leises Kieksen entwich der Leadrasnuss und das Mädchen hatte alle Hände voll zu tun, ihn ruhig zu stellen. Schließlich kniete sie hinterm ihm und trat ihm mit dem Bein kräftig in den Rücken, wenn er auch nur ein winziges Geräusch von sich gab. Nur seine zuckenden Schultern und der hochrote Kopf ließen darauf schließen, was er gerade dachte.
„Jetzt sei endlich ruhig, Hamsterbacke.“ Flüsterte sie ihm ärgerlich ins Ohr und presste ihren Unterarm gegen seinen Hals, sodass sie ihn bequem würgen konnte, wenn er zu laut wurde.
Nachdem er gemerkt hatte, dass mit den Armen und Beinen wedeln nichts brachte, fügte er sich seinem Schicksal und genoss es, mit dem Kopf auf ihrem Bauch zu liegen und auf die Geräusche aus dem Busch zu horchen.
Nach und nach scharten sich die vielleicht 20 übriggebliebenen Leute um den Strauch und wurden von Aliisas strengen Blicken kontrolliert, damit auch ja keiner lachte. Dann holte sie tief Luft und ließ dabei Lauri los, sodass er nach hinten umkippte und wie ein Käfer auf dem Rücken lag.
„Akiiiiiiiii? Wo bist duuuu? Deine Ma ist hier, sie will dich unbedingt sprechen.“
Stille. Lauri kiekste und wurde von Aliisa schnell auf die Beine gezerrt, sodass sie ihn wieder würgen konnte. Mit der anderen stupste sie Janne auffordernd an, der die Stimme von Akis Mutter täuschend echt imitieren konnte.
„Ähm . . . Akiiiiiii? Schaaaaaaaatz? Ich muss unbedingt mir dir über die Kiste unter deinem Bett reden . . .“
Geraschel im Gebüsch, Lauri gab einen krächzenden Laut von sich und kämpfte gegen Aliisas quetschenden Unterarm. Schuldbewusst ließ sie ein wenig locker und tätschelt ihn entschuldigend.
„Mama, was machst du denn hier?“ quiekte es aus dem Gebüsch und es wurde hektisch Stoff durchs Gras gezerrt.
„Akiii? Was machst du denn da? Warte, ich helf dir . . .“
„NEIN!!!“
„Aber Junge . . .“
Die Zweige knackten und ein halb angezogener Aki stolperte aus dem Gebüsch. Als er die ganzen Leute sah, Aliisa, die einen kichernden Lauri würgte und Janne, der immer noch mit gekünstelter Stimme weiterlaberte, glotzte er erst verständnislos, doch dann sah man es hinter seiner Stirn arbeiten und im nächsten Moment sprang er wild auf der Wiese auf und ab.
„Ihr Schweine, ihr verdammten Arschlöcher, ich HASSE euch!!!“ kreischte er lachend und warf im nächsten Moment Aliisa zu Boden, die zwangsläufig Lauri losließ, der ebenfalls anfing loszuprusten.
„Du Sau, das is alles auf deinem Mist gewachsen, stimmts?“
Die beiden kappelten sich bestimmt noch fünf Minuten auf dem Boden, bis nur noch die Jungs daneben standen und interessiert zusahen.
Plötzlich hielt Aki inne und sah hinter den Busch.
„Wo ist denn Janin? Wir hattens doch grad so gemütlich . . .“
„Die is wech, mit Tuomas knutschen.“
„Na toll.“
„Seid nich traurig, Jungs, und jetzt lasst uns jetzt endlich das Feuer anmachen.“
„Zu Befehl, Chefin.“ Kam es im Chor zurück und die Rasnüsse inklusive Aki watschelten ihr brav zur Feuerstelle nach.

Chapter 17

Weit nach zwölf Uhr. Aliisa saß neben Aki am Feuer und beobachtete interessiert, wie er mit seiner Zunge in Janins Mund herumfuhrwerkte.
Janne und Pauli hatten sie nach dem kalten Wasser und dem Vorfall mit dem Busch wieder auf ein Mindestmaß Alkohol im Blut gebracht und so saß sie nun zwischen Aki und Lauri und schaukelte mit einer Bierflasche in der Hand vor und zurück Von den Leuten, die am Mittag gekommen waren, waren nur noch wenige übrig, die sich jetzt eng um das Feuer drängten. Obwohl der Tag so heiß gewesen war, hatte sich die Luft innerhalb kürzester Zeit abgekühlt.
„Jungs, ich muss euch was sagen.“ Sagte sie schließlich bestimmt.
„Du willst auch mal Gitarre spielen, stimmts?“ sagte Lauri leicht schief und grinste.
„Nein, Zeus, ich hab dir vorhin schon gesagt, dass du das schön selber machen kannst. Ich wollte nur sagen, dass Aki ein guter Handmixer wäre, weil er doch so schön rühren kann . . . und was dich angeht, Gartenzwerg, dein Würstchen ist mittlerweile schwarz und wenn du nicht aufpasst , verbrennst du dir auch noch die Eier.“
Kichernd stieß Pauli Janne in die Seite, der hatte allerdings nicht aufgepasst, weil er zu sehr damit beschäftigt war, Aki beim Rühren zuzusehen, dass er erschrocken zur Seite kippte und sein Bier in Akis Schritt kippte, worauf dieser aufgeschreckt quiekte und Janin ordentlich auf die Zunge biss.
„Toll, piikilanka, jetzt hast du ne Kettenreaktion ausgelöst. Gib mir mal noch ein Würstchen.“
„Huch, wo will Janin denn jetzt hin?“ krähte Eero aus einer dunklen Ecke und starrte dem Mädchen nach, das wutschnaubend über die Wiese davon stampfte.
„Aki hat versagt, hehe.“
„Halt du deine Klappe, müsstest du nich immer solche versauten Sachen sagen, wäre ICH jetzt mit ihr im Gebüsch und würde es NICHT so versauen wie Jeanette.“
„Na du würdest ja gleich gar nich erst zum Schuss kommen . . .“
„Aliisaaaa!! Wer verdammt noch mal hat ihr den ganzen Alkohol eingetrichtert?“
„Das waren wir. Aber was hassu denn, sie ist doch ganz niedlich, wenn sie blau is wien Rudel schwuler Matrosen.“ Kicherte Pauli und hielt sein Würstchen bedächtig ins Feuer, worauf er ein paar neidische Blicke von Lauri erntete, der immer noch damit beschäftigt war, Aliisas Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Isch bin nich niedlich, du Quietschgemüse. Was willsu denn, Zeus? Hör gefälligst auf, mich mit deiner Gabel zu pieksen.“
„Ich will nochn Würstchen.“ Quengelte er und schüttelte das verkohlte Gebilde von seinem Stock.
„ Das ist jetzt schon das vierte, dass du verbrennen lässt. Ich wunder mich, dass du dich noch nicht selbst kastriert hast.“
„Bei Lauri gibs nix zu kastrieren.“ Grölte jemand aus dem Hintergrund und die restlichen Rasnüsse stimmten giggelnd mit ein.
„Lasst Zeus in Ruhe, nur ich darf ihn ärgern.“
„Wie gnädig von dir, dass du mich so toll verteidigst.“ Brummte Lauri und grapschte sich eingeschnappt ein Würstchen aus dem Glas.
„Mensch Zwergi, jetzt sei doch nich beleidigt.“ Versöhnlich rückte sie näher an ihn heran, legte ihm den Arm um die Schultern und zog ihn mit einem Ruck an sich, sodass Würstchen Nummero fünf den Flammen zum Opfer fiel. Lauri hingegen musste erst den Überraschungseffekt überwinden, bevor er anfangen konnte, herumzunörgeln.
„Aliisa, du quetscht mir schon wieder den Hals ab.“
„Sollten wir da was wissen?“ warf Aki grinsend ein.
„Wenn du mit Janin nich so lange um den heißen Brei herumgeschwänzelt wärst, hätte ich ihn nicht würgen müssen, also sei still.“
„Jaja, schon gut, Kätzchen . . . sagt mal, wo sind eigentlich die anderen hin?“
Erstaunt sahen sie sich um und stellten fest, dass sie nur noch zu sechst waren.
„Wie spät, Jeanette? Wollten wir nich zelten? Ich versteh gar nix mehr . . .“ brummelte Aliisa und legte ihren Kopf schläfrig auf Lauris Schulter.
„Ähhhhm, wadde . . . das schwimmt alles so . . . kurz nach drei.“
„Hui, es ist Samstag.“
„Toll, Aliisa.“ Gähnte Janne zurück und starrte schläfrig ins Feuer.
„Zeus?“
„Ja?“
„Bild dir ja nix drauf ein, dass ich hier an deinem Hals hänge, ich bin müde und besoffen, capishe?“
„Jaja . . .“
„Hör auf zu grinsen.“
„Nö . . .“
„Ich verarbeite dich zu Fischfilet.“
„Haltet jetzt beide euer Maul oder macht sonst was, ich geh jetzt schlafen.“ Maulte Aki. „Immer noch sauer wegen deiner Niederlage?“
„Ach piikilanka, wenn ich nur sauer auf dich sein könnte.“
„Versuchs doch mal.“
„Neee, es ist einfach zu schnuckelig, wie du die Augen vom meinem besten Freund zum Glänzen bringst.“ Seufzte er theatralisch und stieß Eero kichernd den Fuß in die Seite.
„Dreh dich mal um, Zeus, ich will deine Guckerchen sehen.“
Sie wartete erst gar nicht auf seine Reaktion, sondern packte ihm an Kinn und zog seinen Kopf zu sich herum.
„Auaaaa, du renkst mir den Hals aus.“
„Mhm, die funkeln ja wirklich . . . wie ne Flasche purer Wodka.“
„Nimm deine Pfoten aus meinem Gesicht, ich will jetzt auch schlafen.“
„Ach Gottchen, jetzt ist ihm das peinlich und er macht einen auf Zicke.“ Janne wieherte fast und trat Eero erneut in die Seite, bis dieser genervt das Ketchup packte und es in die Shorts des Drummers kippte.
„Eero, du . . . ahhhhhhhhhhhhhhh!!!“ Wild zappelnd sprang er um das Feuer herum und stürzte sich unter dem Gelächter der anderen drei auf seinen Freund, der schon mal angefangen hatte, zu rennen und jetzt kreischend über die Wiese Richtung Wals raste. Aki hatte sich derweilen ins Zelt verkrochen und kämpfte mit einer Kröte, die sich darin eingenistet hatte.
„Lauri?“
Stille, nur das prasseln des Feuers, Jannes entferntes Kampfgeschrei vermischt mit Eeros Geheule und Akis Streit mit der Kröte drangen durch die Sternenklare Nacht.
„Lauriii? Hast du ne Alkoholvergiftung oder schläfst du schon?“
„Ne.“
„Hab ich was falsch gemacht? . . . Ah, bring mich nich dazu, noch mehr solche schwulen Sachen zu sagen.“
„Dann sag doch einfach gar nix.“
„Es tut mir leid, dass ich mich manchmal ziemlich scheiße bin, aber ich mein das doch alles nicht ernst.“
„Das ist der erste normale Satz, den ich von dir höre.“
„So schlimm?“
„Sobald du den Mund aufmachst, würgst du mir eine rein und machst mich mehr oder weniger lächerlich. Weißt du, irgendwann ist es genug.“
„Ich weiß nicht, wie ich mit dir umgehen soll, also bleibt mir nur, dumme Witze zu machen.“
„Wie meinst du das, mit mir umgehen . . .?“
„Du bist manchmal . . . so abwesend . . . so abweisend, als ob du mich hassen würdest.“
„Nein, das tu ich bestimmt nicht, aber würdest du dir nen Zacken aus der Krone brechen, wenn du mich nicht immer so niedermachen würdest?“ Er lächelte verklärt und legte langsam seinen Arm aufs Knie, man konnte deutlich sehen, wie viel er getrunken hatte. Nüchtern hätte er nie so offen mit Aliisa geredet. Auch das Mädchen hätte sonst nicht zugegeben, dass ihre Anspielungen oft nur Fassade waren.
„Nein, aber ganz aufhören kann ich damit sicher nicht . . .“
„Musst du auch gar nicht, nur meine Hose in Ruhe lassen.“
„Das wird zwar schwer werden, aber okay. Friede?“
„Freude“
„Eierkuchen.“ Lauri grinste stolz und blinzelte, als er ins Feuer sah.
„Guck mal, da kommt Eero . . . JEANETTE!!! Hinter dir!!“
„Waa . . .“ Mit einem Satz für Janne herum und sah sich erschrocken auf der dunklen Wiese um. Eero nutze seine Chance und hechtete hinter Lauri und Aliisa, um sich vor dem großen bösen Blondinendrummer zu verstecken.
„Warum müsst ihr euch eigentlich immer jagen?“
„Weil das männlich ist.“ Sagte Eero grinsend und ließ Janne nicht aus den Augen
„Mhmm . . . ich dachte immer, schlagen wäre männlich.“
„Ne, Liz, du schlägst uns doch auch immer, also mussten wir uns was anderes einfallen lassen.“ Lauri wankte wieder gefährlich und stützte sich mit einer Hand im feuchten Gras ab, um nicht kopfüber ins Feuer zu fallen.
„Verstehe . . . wo ist eigentlich Pauli?“ fragte sie und verpasste Lauri einen Puff, damit er nicht rückwärts auf Eero fiel.
Janne ließ seinen Blick schweifen und sah dann grinsend zum Zelt hinüber.
„Der hat sich mit Aki im Zelt verkrochen.“ Er grinste und kippe dann ungefragt einen Eimer Wasser über das schon sehr abgebrannte Feuer.
„Heyyyy!“
„Nich aufregen, und sag nich, du wärst nicht müde.“
„Alles klar, Jeanettenchef, aber ne kleine Frage hätt ich da schon noch.“
„Jaaa?“
„Wie zum Teufel sollen wir da alle reinpassen?“
„Oh, keine Angst, das kriegen wir schon . . .“

Chapter 18

Scheiße, was war das? Ich glaube, das hier ist genau das, was man meint, wenn man sagt, dass man die Arschkarte gezogen hat . . . Ui, wie kann ich in dieser Situation noch so lange Sätze denken? Erstaunlich, wenn man zwischen einem schnarchenden Aki und der Zeltwand eingequetscht ist und sich nicht mehr bewegen kann. Außerdem raschelt es da drüben dauernd im Gebüsch, wenn uns ein tollwütiges Eichhörnchen anfällt, bin ich die erste, die draufgehen wird. Danach wird sich das Vieh den kleinen Sunnyboy neben mir reinziehen, danach ist der Herr der Algen dran. Als Nachtisch kommen dann noch Eero und Gemüsepaule dran und wenn es dann immer noch Hunger hat, kann es Jeanette und das Zelt fressen.
Ich glaub, ich bin blau . . . und nicht die einzige, dieses Zelt riecht wie Al Bundy mit Aldischnaps unter der Brücke. Kein Wunder, ich lieg hier mit fünf Kerlen, die allesamt vollkommen dicht sind, ich glaub, ich bekomm Angst.
Schon wieder dieses Geräusch, ich werde noch wahnsinnig davon. Verzweifelt versuche ich ein Stückchen von der Zeltwand wegzurutschen, aber da ist schon Aki, der mir plötzlich die Arme um die Hüften schlingt und mich noch mehr nach außen drückt. Toll, hat der keine Freundin, Gummipuppe oder sonst was? Kann er nicht Zeus nehmen? Neeeein, er muss ausgerechnet mir die Rippen brechen und mich dem Ungetüm da draußen anbieten. Ich wette, das überlegt schon, wie es mich am besten zerlegt.
Ein verschlafenes Grummeln neben meinem Ohr, jetzt vergräbt der auch noch seine Schnapsdrosselschnute in meinen Haaren, es reicht. Von ganz allein holt mein rechter Ellenbogen aus und will sich gerade mit Akis Bauchdecke anfreunden, als sich mein dummes Hirn zwischenschaltet und mich das Anhängsel nur leicht anstupsen lässt. Es grummelt verschlafen und ich glaube, es hört mir einigermaßen zu.
„Aki, hörst du das auch?“ ohhh, ich kann flüstern, man höre und staune. Bisher dachte ich immer, ich könne nur schreien, zicken und fluchen, aber man lernt ja nie aus.
„Nee, wasn?“
„Na dieses Rascheln.“
„Da is nix, schlaf einfach.“
„Kann ich nich, wenn du mich gegen dieses scheiß Zelt drückst und ich das Gefühl habe, gleich zerfleischt zu werden.“ Wow, ich kann sogar zicken UND flüstern.
Wortlos packt er mich an den Hüften und ehe ich herumkreischen kann, lande ich ungemütlich hart zwischen ihm und Zeus. Der wirft sich nur auf die andere Seite, sodass ich jetzt zwei Rasnussvisagen im Blickfeld habe. Aber immer noch besser als zuerst vom wildgewordenen Killereichhörnchen gefressen zu werden. Eigentlich ist Aki ja auch keine Rasnuss . . .
Wer kann seine Griffel denn jetzt schon wieder nicht unter Kontrolle halten? Beide?! Oh mein Satan, ich will nach Hause, in mein Bett, ALLEIN.
Leise seufzend lass ich mich zurückfallen und ziehe meine Decke enger um mich, wenigstens muss ich zwischen den beiden nicht das Gefühl haben, dass ein Teil von mir in Todesangst erfriert, während der andere mit dem heißen Aki zu kämpfen hat . . . Ich bin ja sogar in meinen Gedanken doppeldeutig . . .

Minuten vergehen, werden zu Stunden, ich liege schläfrig in diesem Alkizelt und kann einfach nicht einschlafen. Aki und Lauri halten sich mittlerweile gegenseitigfest, ich liege nur noch wie nutzloser Ballast dazwischen.
Seufzend lege ich den Kopf schief und sehe durch eine schmale Öffnung am Rande des Zeltdaches zu den Sternen hinauf, als neben mir etwas zusammenzuckt. Es ist Zeus, der sich angewidert aus Akis Umklammerung befreit und mich dann erstaunt anglubscht.
„Er hatte Schiss vor tollwütigen Eichhörnchen.“ Sage ich leise und grinse verhaltend. Warum bin ich nur so verdammt nett, wenn ich müde bin? Naja, ich hab dem Babyface ja eh versprochen, zärtlicher mit ihm umzugehen . . .
„Und ich hab Schiss vor tatschenden Akis, ähh.“ Er wirft seinem Kumpel einen misstrauischen Blick zu und lässt sich wieder zurück fallen, sodass ich mich keinen Zentimeter mehr bewegen kann.
„Laurii, du quetschst mich gegen die Schwuchtel da.“
„Tschuldigung, ich will nur Paulis Hand von meinem Arsch bekommen.“
„Dann dreh dich doch einfach um . . .“
„Dann hat er sie aber da wo ich sie GANZ sicher nicht haben will.“
„Mhmmm . . .“
Schweigen. Dieser blöde Alkohol hält immer noch nach, ich fühle mich wie in Trance, als ich weiterhin in den nachtschwarzen Himmel starre.
„Siehst du den großen hellen Stern da? Neben dem großen Wagen.“
„Ja, was ist damit?“ Teufel noch mal, ich sage das richtig freundlich . . .
„Als ich klein war hab ich mal das Tagebuch von meiner Schwester in eine Auflaufform getan, es mit Milch aufgefüllt und die Pampe in den Ofen geschoben. Nach einer Stunde kamen meine Ma und Hanna nach Hause und haben das verkohlte Teil gesehen. Hanna hat den ganzen Tag nur noch geheult und ich hatte eine Woche Hausarrest, keiner hat mehr mit mir geredet. Ich war so verdammt traurig, dass ich ihnen einen Stern schenken wollte und den hab ich mir ausgesucht.“ Er zeigt zum Himmel hinauf und seine Augen glitzern so merkwürdig, als er mich wieder ansieht. Wow, ein Kerl mit Gefühlen . . . na ja, er ist blau, stockbesoffen um genau zu sein.
„Und dann?“ Was für eine intelligente Frage, Aliisa, wirklich . . .
„Meine Schwester hat mich ausgelacht, aber wenigstens hat sie wieder mit mir geredet, wenn auch nur, um mich damit aufzuziehen . . .“
„So fies bin ja nicht mal ich, ich hätte mich gefreut.“
„Wirklich?“
„Ja, sowas süßes hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Du unterschätzt mich.“ Er lächelt müde und tritt nach Pauli, während er sich enger in seinen Schlafsack kuschelt. Doch der grummelnd nur im Schlaf und lässt seine Fingerchen anscheinend immer noch nicht vom kleinen Zeus, denn der König der Algen rückt mir gefährlich nahe auf die Pelle und schießt ein paar giftige Blicke auf sein Bandmate ab. Okay, er ist NICHT schwul . . .
Obwohl ich zwischen den beiden Halbstarken eingequetscht bin und ihren Atem ins Gesicht bekomme, der mehr aus Alkohol als aus was anderes besteht, friere ich mich fast zu Tode. Klein Aki schläft friedlich an der eisigen Zeltwand und auch der Sternengucker scheint langsam wieder wegzuduseln. So ne scheiße, ich kann nicht schlafen, wenn mir kalt ist und bis morgen sind es noch mindestens drei Stunden. In mich hinein jammernd rolle ich mich auf die andere Seite und starre Akis Rücken an, bis mich ein warmer Hauch am Hals streift. Erschrocken drehe ich mich wieder um und sehe in Lauris glasige grüne Augen, die mich unverwandt fixieren.
„Ist dir kalt?“
„Wieso?“ Tollll, Aliisa!!
„Weil du hier rumzitterst wie . . . ähm, ja.“
„Lauri, du Sau.“
„Selber.“
„Sei ruhig.“
„Ist dir denn kalt?“
„Ja, verdammt.“
Oh nein, das hätte ich nicht sagen sollen. Die Leadrasnuss macht einen auf Gentleman und schlingt mir ihre Stummelärmchen um den Bauch, zugegeben ziemlich kräftige Stummelärmchen . . . Wie wärs mit fragen bevor er mir seinen hochprozentigen Atem in die Haare pustet? Naja, wenigstens merk ich als erste, wenn sich anzügliche Fantasien in seinem kleinen Hirn abspielen . . . der Gedanke macht mir Angst . . . Hilfe!
„Zappel doch nich so.“ brummelt das Tier hinter mir jetzt und hält mich erbarmungslos fest. Wenn wir so aufwachen und er bis dahin nüchtern ist, kann ich Tomatensauce aus seinem Gesicht machen.
„Deine plötzliche Aufgeschlossenheit ist mir suspekt.“
„Red nicht so geschwollen und schlaf.“
Wow, jetzt hat er’s mir aber gegeben. Zugegeben, kalt ist mir nich mehr, der Gedanke an das, was hinter seinem Schlafsack lauert hält mich warm. Nicht, dass ich es so genau wissen wollte . . .
Trotzdem, das gleichmäßige Atmen und die Wärme, die die beiden neben mir ausstrahlen machen mich schließlich doch ziemlich schläfrig, sodass mir die Augen zufallen und ich nur noch Lauris Herzschlag spüre, bis ich einschlafe.

Chapter 19

Wo bin ich? Es ist heiß, verdammt heiß . . . und stickig. Vorsichtig öffne ich die Augen und blinzle wegen dem grellen Licht, das mir ins Gesicht fällt. Im Rest des Raumes herrscht dämmriges Zwielicht.
Ich fühle mich, als hätte mich jemand in ein nasses Handtuch gewickelt und damit in den Ofen geschoben, wie in einer Sauna, und ich hasse Saunas aus tiefstem Herzen, fast noch mehr als die Kelly Family. Ich muss mir unwillkürlich diese grottige band in einer finnischen Sauna vorstellen . . . jetzt ist mir erst recht schlecht.
Okay, Orientieren. Noch einmal die Frage: wo bin ich? Mhmmm, es riecht nach Müllkippe, nur in meiner direkten Nähe ist etwas, das gut riecht, zu gut für diesen Ort. Außerdem kitzelt mich was an der Nase, Mopsnase, wie Aliisa sie immer nennt . . . Aliisa, das ist es, jetzt weiß ich wenigstens, in wessen Haaren ich mein Gesicht habe.
Weiter im Text. Meine Arme sind um einen flachen Bauch geschlungen, ich lasse meine Finger ein Stückchen weiter wandern und habe im nächsten Moment einen Ellenbogen in der Magengrube.
„Nimm deine Griffel da weg, ich bin nicht Aki.“ Brummelt die Besitzern dieses Stahlarmes, macht aber keine Anstalten, mich zu erwürgen oder mir die Fresse einzuschlagen. Ich glaube, sie ist auch noch müde . . .
„Dir auch nen guten Morgen, Liz.“ Maule ich zurück und versuche die Hand auf meinem Hintern zu ignorieren, die gehört nämlich ganz sicher nicht ihr.
„Lauri, ich verrecke hier gleich.“
„Dann geh doch raus.“
„Wie denn? Du umklammerst mich und Aki benutzt mich als Wärmflasche.“
„Dann ist das Akis Hand . . .“
„Woo?“
Kanns sein, dass es sie geil macht, wenn wir uns gegenseitig begrapschen?
„Ach nix.“
„Doch, zeig, wo?“
Ahh, oh mein Gott. Jetzt sucht sie doch tatsächlich nach Akis Hand an MEINEM Körper. Ich hab doch nix als ne Shorts an . . . scheiße, nich da, da bin ich so empfindlich. Ich kanns nicht haben, wenn mir jemand an der Seite entlang streicht, da werd ich immer so . . . geil? Weiter nach hinten, sie hat zwar Akis Arm gefunden, aber ihre Finger streifen trotzdem meinen Hintern, als sie seine Hand da wegnimmt und ihn kräftig durchschüttelt.
„Waaaaa . . .mhmm.“ Toll Aki, so verstehen wir dich natürlich.
„Wärs schlimm wenn du mich mal loslässt, ähm . . . Aki? Und Mopsi, du auch?“
„Willst du sagen, ich wär fett?“
„Neeee . . . mir is nur grad nix anderes eingefallen.“
„Mhmm . . .“ Aki kuschelt sich nur noch tiefer in seinen Schlafsack, sodass er ihr jetzt das Kinn bricht, wenn er den Kopf hebt. Diese Sau, der tut doch nur so, als würde er schlafen . . .
„Aki . . .“ Ihre Stimme hat diesen schneidenden Unteron, fast giftig. Ich nehme schnell meine Hände weg.
„ . . . wenn du mich nicht auf der Stelle loslässt mach ich heute nen schönen Eiersalat und du wirst ganz bestimmt nicht mitessen können.“
Er quietscht plötzlich hell auf und springt auf, sodass er fast das Zelt zum Einsturz bringt.
„Na also, geht doch.“ Zufrieden grinsend klettert sie ins Freie und lässt mich mit dem jammernden Mützenfetischisten, der sich mit schmerverzerrtem Gesicht die Hand in den Schritt presst, und den anderen dreien, die noch friedlich pennen, zurück. Dieses Weib bringt mich noch um. Oh Gott . . . meine Shorts . .. ich leg mich lieber ganz schnell auf den Bauch.

„Zeus?“
Keine Antwort. Ungeduldig watete Aliisa aus dem Wasser und schlich sich leise an das kleine Zelt an, das mittlerweile in der prallen Sonne stand und die enthaltenen verkaterten Halbstarken ordentlich durchschmorte.
Mit einem Ruck riss sie den Reißverschluss auf und strecke den Kopf ins Innere.
„Baaaa, weg, du machst mich ganz nass.“ Jammerte Aki und kroch mit seinem Schlafsack in die hinterste Ecke.
„So geil? . . . Mopsi, was machst du da?“
„Wie? Was soll ich denn machen?“
„Na auf dem Bauch rumliegen und gegen die Wand starren. So sehr du dich auch anstrengst, du kannst da nich durchgucken.“ Sie lachte und wrang ihre Haare über seinem nackten Rücken aus, worauf er erschrocken aufquiekte und sich krampfhaft auf den Boden presste.
„Was seid ihr nur fürn müder Haufen? Es ist schon fast vier Uhr nachmittags und drei von euch pennen noch, tzetze . . .“
„Tut dir der Kopf nich weh?“ fragte Aki und krabbelte vorsichtig aus seiner Ecke hervor.
„Nöööö, jetzt nicht mehr, das kalte Wasser hat geholfen.“
„Soll ich dir verraten, warum Lauri nicht aufstehen will?“ giggelte er jetzt und rückte näher an sie heran.
„Halt dein dummes Maul, Hattu.“
„Hast du was zu verbergen, Mopsi?“ fragte sie scheinheilig und schmiss sich zwischen ihn und Aki, sodass sie fast mit den Nasenspitzen zusammenstießen.
„Ich hab einfach keinen Bock in dieses arschkalte Wasser zu springen, das is alles.“ Knurrte er und sah krampfhaft an ihr vorbei
„Das würde dir aber gut tun . . .“ Aki grinste wissend, während er den kleinen Tropfen verfolgte, der Aliisas Rücken hinabrann und schließlich in ihrem Schlafsack versickerte.
„Mhmm . . . kommt ihr nu endlich mit, oder nich?“
„Also ob Lauri . . .“
„HALTS MAUL, HAKALA!“
„Genau, lass den kleinen Lauri in Ruhe.“
„Den kleinen . . . au man, ich muss hier raus.“ Kichernd hechtete Aki durch die Zeltöffnung ins Freie und kugelte noch ein wenig auf der Wiese draußen herum.
„Das muss dir nicht peinlich sein.“
„Ist es aber.“ Er betonte jede Silbe einzeln und starrte mit hochrotem Kopf gegen die Wand. Eero, Pauli und Janne schliefen immer noch friedlich und Aliisa fragte sich, was die wohl getrieben hatten, als sie geschlafen hatte.
„Man hat eben nich jeden Tag das Vergnügen mit einer starken Hand auf dem Hintern aufzuwachen, glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche.“
„Aliisa, du bist . . .“
„Ein Miststück? Ne Schlampe? Spucks ruhig aus.“
„Nein, unverbesserlich und mit Versautheit abgefüllt bis Oberlippe Unterkante.“
„Wie nett, dass du das bemerkt hast.“ Sie lächelte und gab ihm einen Klaps auf den Hintern, bevor sie aufstand und ebenfalls hinausgehen wollte. Doch dann hielt sie inne und beugte sich nocheinmal zu ihm hinunter, um mit dem Finger sanft an seiner Seite entlang zu streichen. Sofort bekann Lauri zu zappeln und mit den Beinen zu strampeln, während er wie ein kleines Kind quengelte.
„Hör auf . . . lass das . . . FINGER WEG!“
„Da hab ich aber mal gut aufgepasst.“ Sie lachte verhalten und ging endlich hinaus, um Aki ins Wasser zu schieben, damit er endlich aufhörte zu kichern.


Chapter 20

Es war jetzt bereits neun Uhr abends und die vier Jungs hatten den restlichen Alkoholbestand vernichtet, um den mächtigen Kater zu unterdrücken, den sie seit heute Nachmittag hatten. Nur Aki und Aliisa waren noch weitestgehend nüchtern, sie hatten den Großteil des Abends im Wasser und mit Lauri-ärgern verbracht. Der saß jetzt neben Janne auf der Wiese und starrte auf seine halbleere Bierflasche.
„Meine Ma bringt mich um . . . mein Dad setzt mich aus . . .“ nuschelte er solange, bis sein Bandmate einstimme und die beiden laut und falsch anfingen zu singen.
„Was säufst du auch soviel, Wodkakrähe? . . . lach nich, Jeanette, für dich gilt das gleiche.“
„Nu hilf uns doch mal trinken, wir schaffen das nich.“ Erwiderte der Drummer und grinse schweinisch, als Aliisa sich strecke, um in ihre Shorts zu kommen. Leider hatte sie dabei auch die Schultern ziemlich nach oben gezogen . . .
„God doesn’t want me for a sunbeam . . .” krähte Lauri mit Hingabe dazwischen und streckte seine Patschhändchen zum Himmel empor.
„Algi, ich glaub nich, dass Gott deine angesabberte Bierflasche will . . . frag doch Satan.“
„Lizzy, warum nennst du unser zwitscherndes Schäfchen Algi?“ fragte Aki neugierig.
„Na wie würdest du jemanden nennen, der Algen in seiner Shorts hat?“
„Algen? Aber wie können die so . . . wachsen?“ giggelnd kippte er nach hinten um und hielt sich schützend die Hände vors Gesicht, als Lauri ihn wütend ansprang.
„Häääää? Haben wir was verpasst?“ Eero kratze sich nachdenklich den Kopf, zuckte dann aber mit den Schultern und warf einen Blick auf seine Uhr.
„Leutz, ich will euch ja nicht hetzen oder so, aber die Sonne geht bald unter, es ist fast halb zehn.“
„Aber meine Mama schlägt mich tot, wen ich so blau nach Hause komm.“ Jammerte Lauri und ließ den Kopf hängen.
„Und mein Dad nimmt mir mein Drumset weg.“ Stimmte Janne in das Wehklagen ein.
„Ich glaub, wir kriegen alle Ärger . . . ich hab übrigens gestern bei dir gepennt, Eero.“ Brummelte Pauli und wühle in der Kühltasche herum.
„Und ich bei dir . . .“
„Wollt ihr damit sagen, dass eure Erzeuger nicht wissen, dass ihr hier seit?“
„Natürlich nich.“ Kam es im Chor zurück und 4 Rasnussaugenpaare starrten sie entrüstet an.
„Ich will auch sone coole Ma wie Lizzy.“ Nörgelte Lauri und lehnte seinen Kopf auf ihre Schulter.
„Du wirst immer so anhänglich, wenn du betrunken bist.“ Sagte Aliisa kopfschüttelnd, blieb aber ruhig auf ihrem Platz sitzen.
„Wieso? Hast dus deiner Mutter etwa erzählt?“ wollte Aki wissen.
„Sie hat einfach gesagt, dass sie in der Nacht nich da is und fertig.“ Maulte Lauri und warf ihr einen beleidigten Blick zu.
„Ihr bringt mich da auf ne Idee.“

„Aliisa, meinst du wirklich, dass das ne gute Idee is?“ fragte Aki nervös und wippte von einem Bein aufs andere.
„Aliisa, ich hab Angst, dass deine Ma wieder perverse Sachen zu mir sagt.“ Kicherte Lauri und stupste sie in die Seite.
„Mensch Zeus, wieso musstest du unbedingt den ganzen Alk leer machen? Du bist ja voll wie zehn nackte Matrosen.“
„Ui, das würde dir doch gefallen.“ Raunte er aufreizend und giggelte im nächsten Moment schon wieder los.
Die Rasnüsse und Aki standen mit Aliisa vor deren Haus und warteten darauf, dass ihre Mutter öffnete. Das Mädchen hatte ihren Schlüssel nämlich im See verloren, als der Ast der großen Weide gebrochen und sie mit Lauri ins Wasser gefallen war.
„Kann man den abstellen? Sonst macht er sein Maul doch auch nich auf und jetzt . . .“ sagte sie genervt und klingelte noch einmal Sturm.
„Sei nicht so gemein zu ihm, er ist schließlich noch klein.“ Nahm Janne ihn in Schutz und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf die Oberrasnuss erneut in einem Lachanfall rot anlief.
„Jetzt halt endlich dein Maul, Ylönen, oder ich stopfs dir mit Algen.“
„Sei doch nich so gereizt, Lizzy.“ Kam es im Chor zurück und das Mädchen verzog das Gesicht.
„Kastrieren sollte man euch, allesamt.“
„Nur Lauri nich . . . der hat ja nix.“
„Wie? Wer hat nix?“ Nea stand in der geöffneten Haustür, ihren Discman und einen riesigen Stapel CDs im Arm, sodass man dachte, sie würde jeden Moment mit dem ganzen Kram nach hinten umkippen.
„Ich wusste gar nicht, dass du ne Schwester hast.“ Sagte Eero mit glänzenden Augen und strahlte Aliisas Mutter an.
„Das ist nicht meine Schwester.“ Erwiderte das Mädchen und warf ihm einen misstrauischen Seitenblick zu.
„Haaaaaallooooooo!!!!!“ trällerte Lauri und drängte sich in den Vordergrund.
„Da ist also unser schönes Bier gelandet.“ Sagte Nea lachend und trat vorsichtig einen Schritt zurück, damit sie vorbei konnten.
„Lizzy war so gemein zu mir, da hab ich mich aus Verzweiflung zugesoffen.“ Jammerte er und kassierte einen giftigen Blick von Aliisa.
„Ich sags gern noch mal: Halts Maul, Ylönen!“ keifte sie und schob die anderen vier vor sich her uns Wohnzimmer, wo sie erst einmal geschockt auf den Boden starrte. Überall lagen CD Hüllen, CDs, Booklets und alte Schallplatten herum, in der Ecke ein paar Nirvanaposter und eine alte E-Gitarre.
„Was hast du gemacht, Ma?“
„Ich hab den Keller ausgeräumt.“ Sagte Nea beschwingt und ließ den Stapel auf den Teppich krachen.
„Uiiiiiii, da is ja Kurt.” schmachtete Lauri und warf einen sehnsüchtigen Blick auf das gerollte Papier.
„Jetzt dreht er ab, ich sags euch.“
Kopfschüttelnd bahnte sich Aliisa einen Weg durch die Kraterlandschaft und ließ sich auf das große schwarze Ledersofa fallen, das vor der verglasten Wand zum Garten hin stand,
Der Raum war mit Parket ausgelegt, die gesamte Außenfront bestand aus Glas und ein paar Halogenschweinwerfer durchfluteten es mit leicht gedimmten Licht.
Zögerlich folgten ihr Aki, Pauli und Janne. Eero schmachtete weiterhin Nea an und hing an ihren Lippen, während Lauri sich verwirrt im Kreis drehte und albern gluckste.
„Vögelchen . . . Rabi . . . Zeus . . . kleine Morgenlatte . . . hier sind wir.“ Sagte das Mädchen und wedelte mit der Hand.
Verklärt lächelnd stakste er endlich zu ihnen hinüber und kroch neben ihr aufs Sofa.
„Hat dir schon mal jemand gesagt, was für wunderschöne Augen du hast?“ Immer noch kichernd kuschele er sich an ihre Seite „Es tanzt ein Biiii-baaaaa-butzemann . . .“ sang er und spielte mit seinen Fingern herum.
„Ich hab Angst.“ Flüsterte Aliisa leise und warf Aki einen bedeutungsschweren Blick zu.
„Das schaffst du schon, Kleines. Morgen ist er wieder normal und sagt nur was, wenn mans aus ihm rausprügelt.“ Sagte der beruhigend und tätschelte ihr Knie.
„Der Aki grapscht Lizzy aaaaan!!“
„HALTS MAUL, YLÖNEN!“

Chapter 21

Hui, alles dreht sich . . . und diese Farben . . . ist das ein Kaninchen? Nein, das ist nur Liz, die mich an den Schultern gepackt hat und schüttelt. Warum ist sie denn so grob zu mir? Das is gemein . . .
„Lauri!? Hallo, verstehst du mich?“
„Boa, der is ja echt blau.“ Nea kichert, aber Lizzy schießt einen ihrer Giftpfeilblicke auf sie ab. Das is echt fies . . .
„Lauri, sag was, verdammt!“
„Vielleicht isser ja schon längst ins Koma gefallen.“ Plötzlich steht Jeanette neben ihr, und auch Aki, die Schweine legen ihr den Arm um die Schultern und grinsen mich vielsagend an.
Jetzt machen die nen flotten Dreier und ich komm nicht mal an meine Hose. Obwohl . . . wenn ich es schaffe, den Kopf noch ein Stücken runter zu bekommen, kann ich mir selber einen . . .
„Lauri!!! Was machst du jetzt wieder für nen Scheiß?“
Wohin zerren die mich? Egal, ich komm nich ran . . . Aber vielleicht haben die hier nen Staubsauger . . . Oder jemand hält mich fest, damit ich aufrecht sitzen kann.
Mhmm, schön so, ihre Wärme zu spüren. Ich mache mich extra ein bisschen schwerer, damit sie mich noch ein bisschen an mich quetscht.
Doch plötzlich spüre ich ihre Arme nicht mehr und mir wird kurz schwarz vor Augen. Au mann, sie hat mich fallen gelassen wie ne heiße Kartoffel. Niemand liebt mich, buhu . . .
„Wieso habt ihr ihm das Zeug nich abgenommen? Besaufen schön und gut, aber das is zuviel, der is ja so dicht, dass er nich mal mehr kotzen kann.“
„Wir sind doch nicht seine Kindermädchen, wenn er saufen will, dann soll er doch. Du bist übrigens auch nich gerade nüchtern, so wie du läufst.“
„Ich versuch aber nicht, mir selber einen zu blasen.“
„Also wenn du willst, kannst auch du . . .“
„Ich sags noch einmal: Halt dein Maul, Lauri, oder ich sorg dafür, dass du keinen Grund mehr hast, dir den Kopf zwischen die Beine zu stecken.“
Jetzt is sie wieder so gereizt . . . ich glaub, sie hat ihre Tage, sonst würde sie doch nicht nein sagen . . . oder?
Ich werde wieder aufgehoben, diesmal von den beiden notgeilen Säuen, die meine Kleine gleich auf dem Teppich . . .
„Wohin mit ihm?“
Hey, wieso quatscht immer jemand rein, wenn ich denken will? Das is gemein!
„Ich weiß nich, in meinem Zimmer is auf dem Boden grad für vier Leute Platz.“
„Also in dein Bett.“
„Waaaa . . ?“
Juhu, ich darf in Aliisas Bett schlafen, ätschebätsch. Hab ich das jetzt gedacht oder gesagt? Naja, egal . . . huch, ein Moorhuhn!
„Nalle?“
Ohhh, sie ist so hübsch . . . ach nee, das sin ja zwei . . . oder vier? Häää? Auf jedenfalls ganz nahe, wenn ich den Kopf heben könnte, könnte ich ihr in den Ausschnitt gucken. So ein Scheiß . . .
„Lass ihn, der bekommt heute nix mehr mit.“
Blöder Aki, jetzt reißt er ihr bestimmt gleich die Klamotten vom Leib.
Wieso wird auf einmal alles so schwarz? Häää? Oh, ich hab die Augen zu . . . wie bekomm ich die nur wieder auf? Die Geräusche treten in den Hintergrund, ich fühle mich, als würde ich in etwas ganz flauschiges fallen. Wieder diese Farben . . . wie schön . . .

Ich spüre etwas Warmes auf meinen Lippen, auf meinem nackten Oberkörper. Etwas krault mich und hinterlässt eine feuchte Spur. Mhmm, das ist schön . . .
Es ist ganz weich, wie Aliisas Hände . . . Momentchen mal, ich kann mich erinnern, dass die mich gestern in ihr Bett gelegt haben . . .
Oh mein Gott . . . Ihre Zunge bahnt sich vorsichtig den Weg in meinen Mund, spielt mir ihr und stupst mich an. Selig lächelnd erwidere ich ihren Kuss und gebe ein leises Seufzen von mir. Ich wusste doch, dass diese andere Seite an ihr keine Illusion war.
Diese Zärtlichkeit bringt mich noch um, sie stützt sich auf meiner Brust ab und ich kann die Spitzen ihrer Haare an meinem Hals fühlen.
Dann plötzlich dieses flüchtige Streifen über meine Shorts . . . ich glaub, ich bin im Himmel.
Man könnte denken, sie schnurrt sogar ein wenig. Na warte, mein Schmusekätzchen . . .
Ohne die Augen zu öffnen hebe ich meine Hand und lege sie auf ihren Rücken. Warum ist der so pelzig? Ich wusste gar nicht, dass sie so was Flauschiges trägt . . . Naja, wird sie eh nicht mehr lange anhaben . . . hoffentlich. Ich darf nur die Augen nicht aufmachen, dann kann ich auch keinen Rückzieher machen.
Augenblick . . . Wenn das geile Stück da über mir Aliisa ist, wer oder was wälzt sich da neben mir auf die andere Seite und tritt mich dabei heftigst in den Hintern?
Langsam, Stück für Stück öffne ich die Augen. Etwas dunkles über meinem Gesicht, aber noch zu verschwommen, um deutlicher sehen zu können. Regungslos liege ich da und warte, bis ich mich an das fahle Licht im Raum gewöhnt habe.

Chapter 22

Ein gellender Schrei ging durch das Haus, sodass Aliisa vor lauter Schreck aus dem Bett rollte und krachend zu Boden fiel. Auch die Jungs, die bis zu diesem Moment noch friedlich auf dem Boden oder der Couch geschnarcht hatten, fuhren erschrocken auf und sahen sich an.
Durch die nur angelehnte Tür huschte ein schwarzes, pelziges Etwas und raste fauchend die Treppe hinunter, während Lauri fluchend im Bett saß und versuchte, sich die Katzenhaare von der Zunge zu wischen.
„Hast du wieder vom schwarzen Mann geträumt, oder hattest du einfach mal Bock, Hähnchen zu spielen, hä?“ brummte Aliisa müde und krabbelte wieder unter die Decke, um dem Jungen noch einmal einen kräftigen Puff zu versetzen.
„Dieses dumme Katzenvieh hat mich angefallen, also hör auf, mich zu schlagen“ Maulte er und trat zurück.
„Es wird dir kaum den Schwanz ins Maul gesteckt haben, oder? Und außerdem ist das mein Bett, hier schlage ich, wen ich will.“
„Warum gehst du nicht von der Schule ab und wirst Domina, Lizzy? Das könntest du bestimmt gut.“ Kicherte Janne aus der Ecke und piekste in Akis Gesicht herum, bis dieser aufwachte und ihm einen Schlag in den Magen verpasste.
„Joa, und Aki wird mein Folterknecht.“
„Normal ey.“
„Ne, jetzt mal im Ernst. Wie kommen Panus Haare auf deine Zunge?“
„Was weiß ich? Das Vieh war plötzlich da und hat mich aufgeweckt.“
„Toll Hamsterbäckchen, jetzt wissen wir alle Bescheid.“
„Was kann ich dafür, wenn mich das Mistding mit dir verwechselt und mir die Zunge in den Hals steckt?!“
„Waaaaaaas?“ Zum zweiten Mal an diesem Morgen, Mittag oder was auch immer, fiel Aliisa aus dem Bett, doch diesmal blieb sie liege und schlug den Kopf kichernd gegen die Wand.
„Lauri treibts mit Tieren, ich fass es nich . . .“ Nachdenklich saß Janne zwischen Pauli und Aki und schaukelte mit dem Oberkörper vor und zurück, bis er in das Lachen einstimmte.
„Deshalb hat er auch Angst vor Hunden . . .“
„ . . . und nix zum kastrieren.“
„Ihr seid alle scheiße.“ Mürrisch drehte er sich auf die andere Seite, doch da lag schon Aliisa, die bei seinem dummen Gesicht sofort wieder losprustete.
„Und du ganz besonders.“
„Ach sarvi . . .“
„Hä? Was bin ich?“
„Naja, du bist klein, flink . . .“
„ . . . und hältst dich mit dem Schwanz fest, um nicht vom Baum zu fallen.“ Kreischte Pauli dazwischen und stieß vor lauter Lachen glatt mit dem Kopf gegen den Schrank, vor dem er geschlafen hatte.
„Jetzt hört doch mal auf. Bis einer weint . . .“ kopfschüttelnd kletterte das Mädchen wieder aufs Bett und schlang die Arme um Lauris nackten Oberkörper.
„Du hast sie gefügig gemacht, gibs zu.“
„Es gibt nichts, was man sich nicht schön saufen könnte.“ Sagte Aliisa bestimmt und grinste innerlich über Lauris zerrissenen Gesichtsausdruck; er wusste nicht, wie er ihren plötzlichen Überfall deuten sollte.
„Sag mal, war ich gestern sehr besoffen?“ fragte Eero plötzlich in die entstandene Stille hinein.“
„Naja, ging schon. Du konntest wenigstens noch laufen, im Gegensatz zu jemandem anderen, der nur noch über schöne bunte Farben gesungen hat . . .“
„Ich hab gesungen?“ warf Lauri ein und wurde knallrot, als er Aliisas Blick auffing. Dadurch, dass sie so nah bei ihm lag, hatte er so etwas Dunkles . . .
„Ja, und du hast gedacht, ich wäre ein pinkes Kaninchen.“
„Oh. . .“
„Wieso fragst du, Eero?“
„Weil ich geträumt habe, dass ich deine Mutter angebaggert hab.“ Er schüttelte verwirrte den Kopf und sah dann fragend in die grinsenden Gesichter, bis Aliisa wieder das Wort ergriff.
„Das war kein Traum, Kollege . . .“
„Willst du damit sagen, ich hätte wirklich . . .?“
„Japs, traurig, aber wahr.“
„Ach du heilige Scheiße . . .“
„Schön, Liz schmeißt sich in nem plötzlichen Anfall von Selbstaufopferung an Babyface ran, Eero flirtet mit chaotischen Psychologinnen und ich hab Hunger.“ Fasste Pauli zusammen und sah sich fragend um.
„Da ich Panu nich seinen Job als Lintus persönlicher Callboy wegnehmen will und meine Ma eh nich daheim ist, könnten wir ja frühstücken . . . oder Mittagessen . . . was auch immer.“
„Endlich jemand, der mich versteht.“

Chapter 23

[Tage später]

Genervt ausstöhnen zog sich Aliisa das Kissen über den Kopf und versuchte das penetrante Klingeln des Telefons zu ignorieren. Sie ärgerte sich, dass sie es direkt dort neben dem Bett hatte liegen lassen und strampelte gereizt mit den Beinen, in der Hoffnung, dass das kleine Gerät dort unten endlich Ruhe geben würde.
Aber es piepste beharrlich weiter und schließlich warf sie einen Blick auf das Display. Die Uhr zeigte, dass es fünf Minuten nach halb eins war, ein Freitag, der erste seit Wochen, an dem sie um diese Uhrzeit im Bett war.
Seit dem letzten Wochenende hatten die Jungs sie jeden Abend durch ihre Lieblingsclubs gezerrt, sie hatte Janne mit einem Eimer auf dem Kopf an der Stange tanzen sehen und Aki war mitten in einem heißen Trip von den Türstehern vom Tresen gezerrt worden. Lauri hatte sie zweimal für eine gelbe Giraffe mit lilablassblauen Punkten gehalten und Pauli hatte ihr ein paar pikante Stories über die anderen erzählt, bis er endlich auch kichernd vom Barhocker gerutscht war.
An diesem Freitag hatte sich das Mädchen vorgenommen, zu Hause zu bleiben und ihren Schlaf nachzuholen, nachdem sie am letzen Morgen vor lauter Müdigkeit mit dem Gesicht auf ihrem Marmeladenbrötchen geschlafen hatte. Leider war das in der Schule gewesen und hätte Lauri ihr nicht ein kalten Glas Orangensaft über den Kopf geschüttet, wäre sie vielleicht nie wieder aufgewacht. In dem Moment allerdings, als ihr das klebrige gelbe Zeug über die Haare lief, hatte sie wohl etwas überreagiert und den König des Baggersees mit dem Fleischmesser aus der Kantine gejagt.
Jetzt tastete sie fluchend auf dem Boden herum und überlegte kurz, ob sie den Anruf annehmen sollte. Entschlossen würgte sie den Störenfried ab und kuschelte sich selig seufzend zurück ins Bett.
Ein paar Minuten vergingen und Aliisa war schon fast wieder am Einschlafen, als ihr Handy auf dem Nachttisch losging. Wütend rappelte sie sich auf und schaltete es mit fahrigen Bewegungen aus, bevor sie es in die Ecke warf und sich zurücklegte. Langsam stieg aber Wut in ihr auf und sie trauerte dem versäumten Schlaf hinterher, während ihre innere Anspannung in Erwartung auf einen erneuten Anruf wuchs.
Nach endlosen Minuten klingelte tatsächlich wieder das Funktelefon auf dem Boden.
„Egal wer du bist: LASS MICH SCHLAFEN!!“
„Hey Liz . . .“
„Lauri!? Was willst du? Es ist fast ein Uhr morgens und ich will SCHLAFEN!“
„Hast du nicht fünf Minuten Zeit für mich? Es ist wichtig.“
„Mopsi, ich hab immer Zeit für dich, aber bitte bitte bitte nicht jetzt.“ Jammerte sie und verzog leidend das Gesicht.
„Du bist doch jetzt eh schon wach.“
„Dank dir!“
„Tut mir leid . . .“
„Hör mit der Mitleidsmasche auf, du weißt doch, dass . . .“
„Ja, ich weiß. Gute Nacht noch, entschuldige, dass ich dich geweckt hab.“ Murmelte er und gab ein trauriges Seufzen von sich.
„Lauri, hör auf!“
„ Ja, ich lass dich jetzt in Ruhe, es war dumm von mir, anzurufen.“
„Nu erzähl schon, ich hör dir zu.“ Sagte sie resigniert und ärgerte sich, dass sie jedes Mal wieder auf seine Masche a la „Armes, kleines Hörnchen“ hereinfiel.
„Okay, also ähm, ich wollte dich fragen, mit wem du zum Schulball gehst.“
„Gar nicht, kann ich jetzt schlafen?“
„Wieso gehst du nicht hin? Alle gehen hin.“ Er ignorierte ihre Frage und rechnete im Kopf seine Chancen aus.
„Deshalb ja. Ich hasse Massenveranstaltungen, außerdem is der ganze Scheiß der pure Schwachsinn und ich HASSE tanzen. Kann ich jetzt schlafen?“
„Naja, aber danach gibt’s doch immer diese Party . . .“
„Ach meinst du das Kindergartenfest mit der alkoholfreien Bohle, wo jemand der Star des Abends ist, wenn er ein Fläschchen Wodka da reinkippt?“
„Genau das.“
„Ne, Nalle, lass ma. Da guck ich mir lieber alle Folgen von GZSZ hinternander an, bevor ich da hingehe.“
„Aber wir werden da spielen.“ Lauri friemelte nervös am Telefonkabel herum und sah zur Treppe hinauf. Er saß im Wohnzimmer und würde riesigen Ärger bekommen, wenn ihn seine Eltern um ein Uhr morgens beim Telefonieren erwischen würden. Die waren nach der letzten Woche sowieso schon genug gereizt, nachdem ihr Sohn das gute Sonntagsgeschirr zerdeppert und auf den Abstreifer gereiert hatte.
„Wir ihr? Rasmus?“
„Ja . . .“
„Mhmmmmm, na ja, wenn das so ist . . . ich kann ja erst da auftauchen, wenn dieser spießige Ball vorbei ist.“
„Aber darum geht’s ja grade, wir müssen dahin. Also Janne, Eero, Pauli und ich.“
„Wieso müsst ihr auf den Ball, wenn ihr nur auf der Party spielt?“
„Weil das eben die Bedingung war, dass wir auf die Bühne dürfen. Naja und ich . .“
„Du willst jetzt aber nicht zufällig andeuten, das ich mit dir da hingehen soll, oder?“
„Aliisa, biiiiiiiiiiiiitte!!!“
„Ne, vergiss es, Mopsi. Bei aller Freundschaft, aber nicht das.“
„Lizzy, du kannst mich doch nicht einfach im Stich lassen!“
„Bitte, Lauri, frag irgendwen anders, aber nicht mich.“ Sie jammerte ins Telfon und stellte sich mit angsterfüllten Augen vor, wie man sie in ein rosa Rüschenkleidchen zwingen würde.
„Wen soll ich denn fragen? Josefiina oder eine von ihren Püppchen? Biiiiiiiiiiiiiiiiiitte!!“
„Lauri, NEIN!“
„Biiiiiiiiiiiiiiiiiiitte, ich tu alles, was du willst!“
„ Auch ein rosa Rüschenkleidchen tragen?“
Stille.
„Vielleicht . . . aber nicht auf dem Ball.“
„Danach, nach eurem Gig, okay?“
„Und wenn ich’s verspreche, dann gehst du mit mir hin?“
„Nagut, weil du mein Hörnchen bist . . .“
„Du bist die Beste! Wirklich!“ Sie hatte den Eindruck, als wäre er ein bisschen unter Drogen . . . oder einfach nur ein bisschen müde und aufgedreht
„Aber ich werde Fotos machen . . . und nen Film!“
„Natürlich, und jetzt schlaf, du musst doch ausgeruht für nächsten Samstag sein.“
„Was? Das ist schon nächstes Wochenende?“
„Japs. Gute Nahaaaacht!“
Piep, piep, piep. Mit offenem Mund starrte sie auf das Telefon und brachte es schließlich nach draußen in den Flur auf seine Station, bevor sie wieder ins Bett kroch und darüber nachdachte, auf was sie sich eben eingelassen hatte.

Chapter 24

[am nächsten Wochenende]

Zwei Köpfe fuhren herum, als sie den Raum betrat.
„Zu lang.“
„Ganz genau.“
Lauri saß mit Nea in der Küche und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, während er kritisch Aliisas Kleid musterte. Auf dem Tisch lagen CDs, Zigaretten, leere Kaffeetassen und ein Fotoalbum.
„Du hast ihm doch nicht etwa BILDER gezeigt!?“
„Doch, ich hab ihm BILDER gezeigt.“ Nea grinste hinterhältig und zog an ihrer Kippe.
„Du sahst voll süß aus in dem Prinzessinnenkleidchen.“ Kicherte Lauri.
„Ich hasse euch, alle beide!“
„Sie ist nervöööööööös.“
„Sie hat Angst, was Peinliches zu machen.“
„Wie niedlich.“
„Na gut, du wolltest es so. Geh gefälligst allein zu deinem beschissenen Ball, MOPSI!“ keifte das Mädchen und wollte wütend in ihr Zimmer zurückstampfen, als Lauri und Nea aufsprangen, zurückzogen und auf einen Stuhl drückten.
„Jetzt rauchst du erst mal schön eine und hörst auf, mich anzuschreien.“
„Und ich hol derweilen ne Schere.“ Warf Nea ein und schlüpfte ins Nebenzimmer während Lauri eine Zigarette anzündete und sie Aliisa zwischen die Lippen schob.
„Willst du mich mit dem Ding ersticken? Ich zeig dir mal, wie das ist.“
Schon wieder lachend drehte sie den Spieß um, nur mit dem Unterschied, dass Lauri den Rauch nicht gewöhnt war und heftig anfing zu husten.
„Oh sorry, Hörnchen, ich hab vergessen, dass du gesund lebst.“
„Lass ma, so schlimm is es ja gar nich.“, erwiderte er mit Tränen in den Augen und versuchte, gleichgültig auszusehen.
„Jaja, ich sehs.“
„Ich hab mich nur verschluckt.“
„Ja ne, is klar. Und jetz gib mir meine Kippe wieder, sonst dreh ich hier noch durch und fang an, gelbe Giraffen zu sehen, gelle, Lintu?“
„Steck dir doch ne neue rein, äh an“
„Du wirst ordinär.“
„Ich weiß. Und das is alles nur deine Schuld.“
„Lauri, wir labern nur Bockmist, schon aufgefallen?“
„Ja.“
„Soll ich dir was verraten?“
„Du bist wirklich nervös, stimmts?“
„Merkt man das so arg?“
„Du zitterst.“, er lächelte und zeigte auf ihre Hand. „Außerdem ist dein Blick so unruhig.“
„Ach scheiße man . . .“
„Mach dir keinen Kopf, du siehst gut aus.“
„Danke . . . können wir bitte gehen, bevor sie die Schere gefunden hat, die ich im Ofen versteckt hab?“
„Aber das Kleid könnte wirklich kürzer sein.“
„Is es aber nich und jetzt komm.“
„Das würde aber viel besser passen.“, quengelte er weiter und warf einen Blick auf ihre hochgesteckten Haare. Kleine Strähnen hingen ihr ins Gesicht und umspielten ihre dunkel geschminkten Augen.
„Na gut . . . aber wenn schon, denn schon.“ Mit einem Ruck stand sie auf und riss kraftvoll am Saum des schwarzen Kleides, sodass es fast bis zur Hüfte aufgeschlitzt war. Nach kurzem Umsehen nahm sie sich ein Messer aus dem Block und schnitt solange an dem malträtierten Stück Stoff herum, bis es auf der rechten Seite asymmetrisch nur noch bis knapp unter den Po reichte.
„Wow.“
„Besser so? Können wir?“
„Ja gut, aber ich hab Angst, dass du nach zehn Minuten nicht mehr da bist und ich dich später mit irgend nem Kerl auf dem Klo wiederfinde.“
„Such mich eher im Nosturi, auf der Theke, mit nem schönen Tequila in der Hand.“ Seufzte sie und versuchte, ihre Kippenschachtel in ihrem Ausschnitt unterzubringen.
„Lass das ma lieber, da is kein Platz mehr.“
„Halt die Klappe, du Perversling und beweg deinen Hintern zur Tür, wir sind spät dran. Janne hat mir noch nen feinen Jägermeister vor der Folter versprochen.“
„Wenn du brav bist, lad ich dich nachher noch ins Nosturi ein, dann bekommst du deinen Tequila.“
„Wenn ihr nen guten Gig macht und ich genug Alkohol erwische, tanz ich auch auf der Theke.“
„Na schön, dann werd ich mich anstrengen.“
„Was hat sie dir gegeben?“
„Nurn bissi Rum mit Kaffee . . .“
„Aso, klar.“ Grinsend piekste sie ihn in die Seite und versuchte, ihre Nervosität zu unterdrücken. Es war schließlich nur ein Schulball, nichts weiter . . . eigentlich.
Energisch schob sie Lauri zur Tür hinaus, rief ihrer Mutter, die immer noch die Schere suchte, einen Gruß zu und atmete dann die kühle Nachtluft ein, die ihnen entgegenschlug.
Die hellen Lichter der Stadt erleuchteten den dunklen Himmel, es war immer noch warm.
„Es riecht nach Sommer.“ Sagte sie verträumt und legte den Kopf in den Nacken.
„Was?“
„Spürst du das nicht?“
„Dieses Gefühl, sich einfach in die Nacht stürzen zu wollen?“
„Ja . . .“
„Lizzy, wir gehen nach dem Gig noch weg mit den Jungs, versprochen.“
„Ach Lauri, du kannst so süß sein, wenn du was getrunken hast.“

Chapter 25

Ich bin nervös. Nervös, nervös, nervööööööööös.
„Hör auf, so rumzuzappeln, Nalle.“ Janne ist kreideweiß im Gesicht, sitzt ruhig auf einem kleinen Stuhl und starrt den dicken Vorhang an, der uns von der wilden Horde da draußen trennt.
Sie werden uns auslachen, mit Bechern und Tomaten werfen und uns schließlich von der Bühne zerren, ich weiß es genau. Es sind ja nicht irgendwelche Leute, es sind Leute, die wir nach diesem Abend noch lange jeden Tag sehen werden. Sie werden sich über uns kringeln, ein Photo von mir mit ner zerquetschten Tomate im Haar in die Zeitung stellen und mich dann nackt draußen an den Fahnenmast hängen . . .
„Ich geh da nich raus.“ Noch drei Schritte und ich bin an der Tür. Freiheit, juhu!
Hallo, warum geht das Scheißding plötzlich auf? Neeeeeein, ich will doch nur hier weg! Gut, dann hilft eben nur Augen zu und durch, durch die Tür natürlich, ich werde da nämlich ganz bestimmt nicht rausgehen. Wenn ich mich wenigstens hinterm Drumset verstecken könnte, aber nein, ich muss ja singen. SINGEN! Danke, Hanna.
Okay, bei drei werf ich den Typen um und renne weg.
Eins . . .
Zwei . . .
„Aliisa!“
„Hallo, Mopsi. Wo willst du denn so schnell hin?“
Baaa, warum muss diese Frau immer zum falschen Zeitpunkt auftauchen?!
„Ich geh da nicht raus.“ Verzweifelt versuche ich, an ihr vorbeizukommen, aber sie hat mit diesen Mörderabsätzen einfach die besseren Karten.
Eine Minute späte sitze ich zusammengekauert vor Janne und rauche eine von ihren Kippen. Wow, ich rauche, langsam werd ich echt cool.
„Man Jungs, ihr seid echt gut, wovor habt ihr also Angst? Und wo sind Pauli und Eero?“
„Wir sind nicht gut, wir sind schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, und ich bin am aller schlechtesten!“ bricht es aus mir heraus. Das scheint sie ja sehr zu beeindrucken. . . . ob ich heulen soll? Nein, Janne sieht mich schon so komisch von der Seite an.
„Mensch, Mopsi. Ihr seid nicht schlecht und du auch nich, du nervst nur manchmal, aber das darfst du auch.“
„Ah ja, und wieso?“
„Eben so . . . wo sind denn jetzt die andern?“
„Eero kotzt grade und Pauli war grade noch da.“
„Jetzt hört gefälligst auf, mich wie Kühe anzuschauen, es ist doch nur die Schule. Ihr hattet doch auch schon mal nen Gig im Nosturi!“
„Da waren wir aber betrunken . . .“
„ . . . stockbesoffen.“ Danke Alter, ich dachte schon, du sagst gar nix mehr.
„Hast du noch ne Kippe für mich? Biteeeeeeeee, ich halt das sonst nich aus.“
„Aber nur noch eine einzige, kapiert?“
„Danke, Lizzy . . .“ Ich glaub, sie macht sich echt Sogen um uns . . . na ja, wir sehen ja auch zum Fürchten aus, wie n Stück vergammelter Käse.
Ich weiß ja selbst nicht, warum wir uns wegen diesem kleinen Gig so fertig machen. Vielleicht ist e, weil wir viele von den Leuten da draußen uns nicht mögen und unsere Musik wahrscheinlich schon dreimal nicht.
Ich stelle mir vor, wie der ganze Saal in schallendes Gelächter ausbricht . . . okay, ich geh jetzt, tut mir leid, aber ich geh das sicherlich NICHT raus.
„Lauri!!!“ Wusch die Tür ist zu. Links, rechts, einmal um die Ecke. Folgt mir jemand? Nein, sehr gut. Den langen Korridor entlang und dann ab in die Freiheit. Ich bin wohl doch nicht zum auf der Bühne stehen geboren, aber immer noch besser, als mich jeden Tag auslachen zu lassen.
„Lauri . . .“ Was macht die denn da? Und wie hat sies geschafft, mich zu überholen? Au nein, jetzt ist alles aus.
„Bitte Liz, lass mich gehen.“
„Wieso denn? Vor was läufst du davon?“
„Vor der Horde dadrin, von denen mich mindestens die Hälfte abgrundtief hasst.“
„Na und? Das ist dein Traum, du kannst ihn dir doch nicht von so ein paar Arschlöchern kaputt machen lassen!“
„Eben, es ist nur ein Traum. Ich kann das nicht, ich kann gar nix und deshalb geh ich jetzt.“
„Du kannst vielleicht nicht tanzen, du bist mir vorhin bestimmt fünfmal auf die Füße gelatscht, aber du kannst singen und deshalb bewegst du jetzt gefälligst deinen Arsch hinter diesen Scheißvorhang und baust deine Band auf, sonst türmen die auch noch und ich hock hier alleine rum.“
„Liz, ich kann nicht.“
„Doch, du kannst, du willst nur nicht.“
„Aliisa, ich . . .“
„Bitte Lauri, für mich, ja?“
„Toll, jetzt kann ich eh nicht mehr nein sagen.“
„Wieso?“
„Weil ich deinem Hundeblick nicht widerstehen kann.“
„Dann geb ich dir jetzt mein Pfötchen und wir gehen wieder rein, okay?“
„Na gut, weil dus bist.“

Ich stehe auf der Bühne, endlich. Mein Shirt klebt mir am Körper und ich kann kaum noch atmen, aber ich singe trotzdem weiter, es ist wie ein Rausch, nur viel intensiver. Niemand hat uns ausgebuht, die Menge da unten tobt, manche liegen schon völlig blau in der Ecke.
Pauli kommt neben mich, spielt einen harten Riff und grinst mich an. Wenn er keine Ohren hätte, würde er im Kreis lachen . . .
Janne hat vor lauter Begeisterung schon zweimal seine Sticks ins Publikum geworfen, wir haben fast keine mehr, geschweige den Geld, neue zu kaufen. Aber das ist im Moment alles egal, nur das hier und jetzt zählt, dieser stickige Raum, die durchdrehenden Menschen da unten.
Ich lasse meine Augen durch den milchigen Nebel schweifen, mein Blick bleibt an Aliisa und Aki hängen, die dort drüben an der Bar stehen. Als sie meinen Blick bemerkt, springt sie von ihrem Hocker und zieht ihn mit sich.
„LAURI, ICH WILL EIN KIND VON DIR!!!“
„ICH AAAAAAUCH!!!“
Grinsend laufe ich zurück zum Mikroständer und warte, bis die letzten Töne verklungen sind. Obligatorischen Klatschen, vereinzeltes Kreischen. Betrunkene Teenager, der einzige Nachteil, dass man nix saufen darf, wenn man hier oben stehen will.
Es wird ruhiger, alle starren mich gespannt an. Wenn ich nicht so benommen wäre, würde ich jetzt knallrot anlaufen . . . obwohl, das bin ich auch so . . . egal jetzt.
„Der nächste Song ist für ein ganz bestimmtes Mädchen, sie ist was Besonderes.“
Pärchen strahlen sich an, einzelne Leute gehen an die Seite in der Annahme, dass sie wissen, was jetzt kommt.
Immer noch grinsend drehe ich mich zu den anderen um, sie erwidern meinen Blick. Janne schlägt die ersten Takte und innerhalb weniger Sekunden haben wir ein total perplexes Publikum da unten stehen.
Nein, wir spielen keinen Schmusesong, wir spielen Lake Suicide von Black Sabbath, Lizzys Dauerburner.
Apropos Aliisa, Aki scheint ziemliche Probleme zu haben, sie von der Bar zu bekommen. Schließlich gibt er genervt auf und sieht zu, wie sie dort oben rumhampelt. Oh na ja, eigentlich bewegt sie sich ziemlich sexy . . .
Eine abrupte Kehrtwendung, ich laufe zur anderen Seite der Bühne und versuche diese Gedanken zu unterdrücken, die sich mir bei mir Anblick aufdrängen. Nach ein paar Augenblicken lasse ich mich tatsächlich von der Melodie davontragen und vergesse ihren knackigen Hintern in dieser knallengen Jeans. Weiß der Teufel, wo sie die neuen Klamotten herhat und wo das verstümmelte Kleid abgeblieben ist.
Auch dieser Song geht zu Ende, er soll der letzte des Abends sein, die dritte Zugabe und das äußerste, was ich meinen Stimmbändern zumuten kann. Wegen der viele Kippen singe ich viel rauer als sonst, vielleicht erotischer?
Erschöpft, triefend und stinkend kommen die Jungs zu mir vor, wir verbeugen uns, strahlen mit dem Schwarzlicht um die Wette und vergessen völlig, dass wir hier nur auf einer provisorischen Bühne in der Schulaula stehen, auf der vorhin ein paar alte Knacker ihren Wiener Walzer gefiedelt haben.
Selig lächelnd erlaube ich meinem Blick wieder hinüber ur Bar zu schweifen, was ich aber einen Augenblick später schon wieder bereue. Anscheinend hat es Aki jetzt auch gepackt, er sitzt breitbeinig auf dem Tresen und versucht, ein Bierglas auf seiner Nase zu balancieren.
Was mir aber wirklich Sorgen macht, ist dieser dunkelhaarige, muskulöse Typ da unten, der vor Lizzy steht, sodass ich sie nicht ganz sehen kann. Scheint ja Spaß zu machen, ihr die Zunge in den Hals zu stecken . . .
Eero und Pauli ziehen mich mit sich von der Bühne und ich versuche, dieses stechende Gefühl in der Brust loszuwerden. Was ist denn schon dabei, wenn sie unbedingt mit diesem Macker rummachen muss? Nichts, gar nichts . . .

Chapter 26

„Ihr wart toll!!“ Sie quetschte sich durch die wartenden Leute hinter der Bühne und sprang erst Lauri, dann den anderen der Reihe nach um den Hals. Aki folgte ihr grinsend ein wenig gemächlicher und klopfte den Jungs lobend auf die Schulter.
„Wer war denn der Typ da?“
„Ach, das war nur Charles . . . „
„Der sich seeeeehr dafür interessiert hat, ob Aliisa ihre Weisheitszähne schon hat.“ Kicherte Aki dazwischen, worauf sie knallrot anlief.
„Ach man, Aki . . .“
„Das war nicht zu übersehen.“ Warf Pauli lachend ein und legte seinen Arm um ihre Schultern, damit sie nicht noch zu Seite umkippte.
„Können wir jetz ins Nosturiii?“
„Du bist doch eh schon total blau, Lizzy.“
„Aber du hasts versprochen.“ Sie griff Lauris Hand und sah ihn mit großen Augen an.
„Dann kotzt du aber wieder in den Straßengraben und ich muss aufpassen, dass du nicht mit irgendwelchen alten Knackern verschwindest.“
„Bitteeeeee.“ Plötzlich schlang sie ihre Arme um seinen Bauch und drückte sich gegen ihn, sodass ihm fast die Luft wegblieb.
„Jaja, schon gut, aber lass mich gefälligst los, sonst zeig ich dich an wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.“
„Ich würde dir doch niemals wehtun, Lauri . . .“
„Äh ja, hehe . . . Aki? Nimm sie weg.“
„Na gut, wenn du sie nicht willst.“ Grinsend nahm er ihre Hände von Lauri und nahm sie zwischen sich und Pauli, damit sie wenigstens einigermaßen geradeaus laufen konnte.
„Ach Jungs?“
„Jaaaa, Aliisa?“
„Bevor ihr was Falsches denkt: ich bin NICHT besoffen oder so . . .“
„Nein, würden wir niemals drauf kommen . . .“

[drei Stunden später]

„Lauriiiiiii?“
„Ja, Aliisa?“
„Nenn, mich nich so, dann bissu böse auf mich.“
„Ach Lizzy, der Lauri hat nur zuviel Bier erwischt.“ Warf Aki kichernd ein und hielt sich an der Hausmauer fest.
„Gar nich wahr.“ Grummelte er zurück und packte Aliisa an der Hand, weil sie sonst geradewegs in den Straßengraben gelatscht wäre.
„Also bissu doch böse auf mich!“
„Nein, bin ich nich. Ich bring dich sogar nach Hause.“
„Wie schöööön . . . mein Mama is nich da, dann nehm ich meinen Bass mit ins Bett.“
„Oder Lintu . . .“
„Oder beide“ Pauli und Eero schlugen sich lachend gegenseitig auf die Schultern und ernteten dafür einen bösen Blick von Lauri, der zweifelnd in Aliisas verklärt strahlende Augen sah.
„Oh ja, und dann backen wir Kuchen.“
„Ich denke nicht, dass er mit dir Kuchen backen will, Liisa.“ Janne grinste zweideutig und legte ihr seinen Arm um die Schulter. „Aber egal, ich verpiss mich dann ma. Gutes Nächtle noch.“
„Nacht Jeanette . .. .“
„Nacht Alter.“
Nach ihm machten sich auch gleich Pauli und Eero aus dem Staub, sodass nur noch Aki, Lauri und Aliisa vor dem Club standen und sich ansahen.
„Erst mal die Schnapsleiche hier abliefern, oder?“
„Japs, sonst trägst sie noch jemand weg.“
„Die kriegen wir schneller zurück, als uns lieb ist.“
„Ihr seid gemein . . .“ Beleidigt schob sie die beiden weg und stolperte prompt über den Bordstein. Mit einer für seinen Alkoholspiegel ziemlich schnellen Reaktion packte Akis sie am Gürtel und zog sie zurück, bevor sie wie ein nasser Sack auf den Teer knallte.
„Immer langsam, Lady.“
„Kicher nich so, Schäfchen und du auch nisch, Hattu. Das war Absicht . . .“
„Schon klar . . . Ich geh rechts, okay, Oberrasnuss?“
„Jetz sagst du das auch schon.“ Lauri seufzte theatralisch, hakte sich dann aber brav links bei ihr unter und ignorierte das kalte Händchen, das sich in seine Tasche schob.
„Mhmmm, schön. Und jetzt gehen wir zu mir und machen nen flotten Dreier.“
„Ach Lizzy . . . du bist so dermaßen besoffen . . .“
„Man Lintu, wasn mit dir los, du has ja fast gar nix getrunken.“ Sie sah ihn mit großen Augen an und achtete nicht darauf, dass Aki ängstlich auf ihre Hand an seinem Hintern schielte.
„Ich hab nur über den Gig nachgedacht.“ Er lächelte und schob sie etwas zur Seite, damit er nicht wieder gegen ein Schild rannte.
„Asoo . . . Lauri, is das mein Haus?“
„Nein.“
„Un das?“
„Auch nich.
„Und das, Aki??“
„Das is ne Bushaltestelle, Süße.“
„Ups . . .“
„Aber das da is dein Haus.“ Schaltete sich Lauri ein und blieb vor dem dunklen Gebäude stehen.
„Ah schöööön . . .“
„Gib mir mal die Schlüssel.“
„Welche Schlüssel?“
„Na die Haustürschlüssel, oder willst du hier im Garten pennen?“
„Aso, wadde mal . . .“ sie kramte umständlich in ihrer Tasche und kippte den Inhalt schließlich auf die Straße.
„Lizzy, sag nicht, dass du den Schlüssel verloren hast.“
„Doch . . . scheiße man, ich bin sone dumme Sau.“
„Ach neee . . . nagut, manchmal schon . . .“ warf Aki giggelnd ein und sah Lauri erwartungsvoll an.
„Deine Eltern sind doch heute nicht zu Hause und Hanna eh nicht . . .“
„Willst du damit sagen . . .“
„Nu guck doch mal.“ Er zeigte auf Aliisa, die mit großen Augen auf der Straße hockte und die verstreuten Sachen anstarrte.
„Hör doch auf, so zu gucken, Liz.“ Sagte er verzweifelt und verzog das Gesicht.
„Ich hab sie verloren . . .“
„Nagut, okay, du kannst bei mir pennen.“
„Na siehst du, Alter, jetzt gehst du doch nicht alleine nach Hause.“
„Jaja, du mich auch, Akischnuckiputzischatz.“ Knurrte der Junge und kniete sich dann neben Aliisa auf den Boden, um ihr mit der Hand vor dem Gesicht auf und ab zu wedeln, bis sie reagierte und ihn ansah.
„Sammel deinen Kram ein, wir gehen zu mir, okay?“
Sie nickte nur und sagte nichts mehr, bis sie sich von Aki verabschiedeten und vor Lauris Haustür standen.
„Jetzt hab ich nen Schlüsse und krieg das Scheißding nich rein.“ Fluchend kniete er am Boden, während Aliisa an der Wand lehnte und verträumt die Sterne beobachtete.
„Wie wärs, wenn dus ma mit dem richtigen versuchts, mhm? Du hast da grad den Flaschenöffner.“
„Ups . . .“ Das Schloss knackte und die Tür sprang auf.
„Na komm, Pikku, oder willst du da draußen Wurzeln schlagen?“
„Nein, ich komm ja schon, bin nur so müde und alles dreht sich . . .“
„Kenn ich, keine Angst. Morgen früh kotzt du schön und dann is alles wieder gut.“
„Man Lauri, hör auf, sonst tu ich’s gleich.“ Sie tappte ihm langsam in das Dunkel hinterher.
„Tut mir Leid.“

Chapter 27

„Hanna!“
„Wasn, Ma?“
„Komm mal her, aber sei leise.“
Misstrauisch verzog das Mädchen das Gesicht, tappste aber dann aber brav den Gang entlang, wo sie ihre Mutter vermutete.
Diese stand vor einer halbgeöffneten Tür und lugte durch die schmale Öffnung geschockt in das dämmrige Innere des Raumes. Neugierig stellte sie sich hinter se und lugte ihr über die Schulter.
„Hat Lauri gekotzt oder so?“
„Nein, guck doch mal.“
„Ich seh doch nix, geh mal weg.“ Zischte sie und verschaffte sich genervt mehr Platz.
„Er ist doch erst 15 . . .“
„Ja was denn, verdammt?“
„Mein kleiner Lauri . . . er kann doch nicht jetzt schon mit den Mädchen anfangen.“
Langsam gewöhnten sich Hannas Augen und sie sah ihren Bruder friedlich im Bett schlafen . . . aber nicht allein, auf seinem nackten Oberkörper lag Aliisa, ebenfalls schlafend und ihre Arme um seinen Bauch geschlungen.
„Oi . . . Aber Ma, das is doch nur Lizzy.“
„Du kennst dieses Gör?!“
„Sie ist kein Gör, sondern mit den Jungs befreundet.“
„Meinst du, sie haben . . .“
„Gefickt? Eher weniger.“
„Hanna, du sollst doch nicht solche Wörter benutzen!“
„Jaja, schon gut. Können wir jetzt bitte frühstücken?“
„Aber . . .“
„Jetzt lass ihn doch in Ruhe. Warum vermutest du immer gleich das Schlimmste? Es WÄRE ja nich mal schlimm . . .“ erwiderte Hanna aufgebracht und nahm ihren kleinen Bruder in Schutz. Sie kannte Aliisa zwar nur flüchtig, aber sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass sie irgendwas mit ihm hatte. Ihm Gegenteil, sie hatte ihn ziemlich unter der Fuchtel und das da sah eher aus wie die Folgen einer feuchtfröhlichen Nacht.
Durch das mittlerweile lauter gewordene Gespräch wurde Lauri währenddessen unsanft auf dem Schlaf gerissen und blinzelte verärgert zur Tür, bis ihm bewusst wurde, wo er gestern Abend seine Hände vergessen hatte. Er warf einen Blick auf Aliisa, die immer noch friedlich schlief und wollte gerade so tun, als wäre er nie aufgewacht, als seine Mutter ihn anstarrte.
„Junger Mann, wir müssen reden.“
„Ähh . . .“
„Nimm deine Griffel da wech, Mopsi . . .“
„Sei still.“ Zischte er dem Mädchen zu, das gerade seinen Bauch annuschelte und versuchte ihre Haare zu ignorieren, die bei jedem Ausatmen an seiner Seite entlang strichen . . .
„Was kann ich dafür, wenn du dauernd meinen Hintern angrapscht?“
„Liiiz, is grad schlecht . . .“
„Hab ich dich wohl wieder da . . .“
Sie hielt mitten im Satz inne und fuhr zur Tür herum, wo Lauris Mutter sich gerade eindeutig räusperte und die entschuldigend grinsende Hanna zur Seite schob.
„Zieht euch was an, wir müssen reden.“ Sagte sie unterkühlt und schmiss die Tür hinter sich zu.
Aliisa drehte sich um und sah Lauri mit großen Augen an.
„Was ist passiert?“
„Du warst völlig dicht und hast deine Schlüssel verloren.“ Presste er hervor, während er in Windeseile in seine Jeans stieg.
„Und deine Ma denkt jetzt, wir hätten . . .“
„Gevögelt, genau. Guck mich nich so an, zieh dich an, wir müssen hier weg“
„Aber . . .“
„Oder hast du Lust mit meiner Mutter über Bienchen und Blümchen zu reden?“ Anzüglich grinsend warf er ihr ihr Shirt zu und öffnete das Fenster.
„Was hab ich da überhaupt an?“ Misstrauisch sah sie an sich herab und ziepte an dem Stoff herum.
„Ähm, ich glaub, meinen Vorhang . . .“
„Oh . . .“
„Lizzy, jetzt mach schon, wir müssen hier weheheheg!“
„Mach die Augen zu.“
„Hä?“
„Ich habe einen VORHANG an, falls dir das auf die Sprünge hilft.“
„Jaja, schon gut.“ Seufzend drehte er sich um, doch plötzlich sah er ihren Rucksack direkt vor sich auf dem Boden liegen. Zwischen dem zusammengeknüllten Abendkleid lugte eine Schachtel Zigaretten hervor.
Nervös betrachtete er die Tür aus den Augenwinkeln und nahm das Geräusch wahr, als sich Aliisa in ihrem Vorhang verwickelte und mit einem Plumps wieder aufs Bett zurückfiel.
Seine Mutter könnte jeden Augenblick zurückkommen, und dann würden sie REDEN . . .
Panisch machte er einen Sprung nach vorne und friemelte angespannt an der Folie herum, bis er endlich eine Kippe in der Hand hielt und sie mit fahrigen Bewegungen anzündete.
„Toll, erst jagst du mich auf die Flucht vor deiner Erzeugerin und dann rauchst du MEINE Kippen. Ich dachte, das hinter der Bühne war deine letzte?“
Sie grinste und nahm ihm die Schachtel aus der Hand, während sie ihre Tasche ergriff und ans Fenster trat: sie befanden sich im Erdgeschoss.
„Das ist eine Stresssituation . . .“ mit einem Satz war er nach draußen gesprungen und streckte ihr jetzt die Hand entgegen.
„Madame?“
„Ich seh hier keine Madame, soll ich sie suchen?“
„Na komm schon, Liz, lass die verkrampften Witze und spring.“
„Jaja, schon gut, aber dazu brauch ich dein Patschhändchen nicht. Obwohl . . . du kannst meine Tasche tragen.“
Schnell schlüpfte sie ebenfalls ins Freie und grinste siegessicher.
„Nagut, eins zu null für dich. Aber jetzt nix wie weg von diesem verdammten Ort.“
„Wo könnten die anderen sein?“
„Dreimal darfst du raten.“ Lachend wandte er sich nach links und wich Aliisas Kleid aus, das ihm gerade in diesem Moment um die Ohren flog . . .

Chapter 28

„Gib mir mal den Honig, Aki.“
„Na, wie heißt das Zauberwort?“
„Fick dich.“
„Nein, das warn schon zwei, tut mir leid.“
„Manno . . .“ Aliisa zog beleidigt das Gesicht und versuchte noch ein letztes Mal an das Honigglas zu kommen, dass ihr gegenüber am anderen Ende des Tisches neben Akis Ellbogen stand.
„Nimm doch den Schinken da, der steht genau vor deiner Nase.“ Nuschelte Pauli und stopfte sich das letzte Stück von seinem Brötchen in den Mund.
„Ne, danke, ich ess keine toten Tiere zum Frühstück.“
„Du siehst selber aus wie ein totes Tier, wenn ich das mal sagen darf, Lizzyschatz.“ Lauri grinste breit und ignorierte ihre giftigen Blicke, während er sorgfältig darauf achtete, dass niemand Milch in seinen tiefschwarzen Kaffee schüttete.
„Das weiß ich selber . . .“ Lustlos kaute sie auf einem Butterhörnchen herum und sah zum Fenster hinaus. Die sechs saßen in einem gemütlichen Coffee Shop mitten in der Stadt, allesamt von ihren wütenden Eltern geflüchtet, oder im Fall von Aliisa und Lauri von peinlichen Fragen und „Gesprächen“ . . .
„Mensch Lauri, sei doch nich so fies zu deinem Opfer.“ Kopfschütteln zog Eero sie an sich und drückte ihr das Honigglas in die Hand.
„Jaaa, erst hat er mich betrunken gemacht und . . . und dann . . .oh mein Gott . . .“ schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in Eeros Shirt und wurde auch von Janne tröstend in den Arm genommen.
„Schon gut, du musst nicht darüber reden, Kleines.“
„Jaja, und ich bin fies . . .“ Lauri nahm einen Schluck von seinem Kaffe und bewarf die drei mit Kuchen, bis Aliisa sich von Eero löste und mit Butterhörnchen zurückschoss.
„Is gut jetz, ich hör ja schon auf . . .“ Angewiderte pulte er sich die Brösel aus den Haaren.
„Jungs, ich muss jetzt gehen, ich hab ein DATE.“
„Waaaas?“ Pauli, Eero und Janne starrten sie entgeistert an, Lauri verschluckte sich prompt und hing im nächsten Moment hustend auf dem Tisch. Nur Aki grinste wissend und sah lächelnd zu ihr auf.
„Is es denn so unwahrscheinlich, dass jemand mit mir ausgehen will?“ resigniert ließ sie sich auf ihren Stuhl zurückplumpsen und starrte mit leerem Blick auf den Tisch.
„Ach Quatsch, Süße, du siehst toll aus, NICHT wie ein totes Tier.“ Er warf Lauri einen verärgerten Seitenblick zu. „Und jetzt verschwinde, sonst kommst du noch zu spät.“
„Okay, danke Aki.“ Sie schlang ihm lächelnd kurz die arme um den Hals und verschwand in der nächste Sekunde schon zur Tür hinaus.
„Mit wem?“ Pauli zog grinsend eine Augenbraue nach oben und grapschte quer über den Tisch, um an die Nutella zu kommen. Dass sein Arm dabei in der Butter hing, interessierte ihn wenig.
„Bestimmt der Typ, den sie gestern an der Bar abgeschlabbert hat.“ Knurrte Lauri und nippte an seinem Kaffee.
„Er heißt Charles und ist mit Tobias befreundet.“
„Charles? Wie kann man bitte Charles heißen?“
„Lauri is ja nu weiß Gott auch nich das gelbe vom Ei, Lintumopsi.“
„Ach halts Maul, Hakala.“
„Ist da jemand eifersüchtig, häääää?“
„Ach Quatsch . . .“
„Naja, ich mein, ne Süße is sie ja schon . . .“ Pauli blickte unsicher in die Runde, bis plötzlich alle anfingen zu lachen.
„Kanns sein, dass wir alle n bisschen was von ihr wollen?“
„Ach neee, das sind nur die Hormone . . .“
„Genau, Testosteronüberschuss.“
„Die soll nur ma wieder in den Probenraum kommen.“
„Dann geht’s ihr schlecht.“
„Oder gut, je nach dem . . .“Lauri grinste breit und versuchte die nagende Eifersucht aus seinem Kopf zu verbannen. Wieso musste er immer gleich diese Besitzansprüche entwickelt, immer dieses Gefühl haben, etwas verlieren, wenn er nicht ständig darauf acht gab? Manchmal tat es ihm sogar schon weh, wenn einer der Jungs mit jemandem redete, den er nicht kannte. Dieser jemand könnte ihm ja alle seine Freunde wegnehmen . . . Bei Aliisa war es anders, er mochte sie, trotz ihrer manchmal wirklich fiesen Art, oder gerade deswegen. Sie faszinierte ihn mit ihrem Auftreten, das so ganz anders war, als seines . . . sie hatte keinen Grund, eifersüchtig zu sein, sie brauchte niemanden . . . ihm Gegensatz zu ihm, der ständig Angst hatte, allein gelassen zu werden. Er wusste nicht wirklich, was ihn mit ihr verband. War es Freundschaft, oder doch nur das wunderbar demütigende Gefühl, wenn sie ihn wegstieß und er immer wieder angekrochen kam?
„Lintu? Hey Nalle, pennst du?“ Janne wedelte ihm mit der Hand vor dem Gesicht herum. Alle anderen waren in der Zwischenzeit aufgestanden und warteten geduldig, dass er sich von seinem Thron erhob.
„Hab nur nachgedacht.“ Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln und stand endlich auch auf, um mit den Jungs das Cafe zu verlassen.
„An was wohl . . .“ Eero grinste, lief gegen die Tür, fluchte leicht und versank wieder in seinen Tagträumen.
Kopfschüttelnd zogen die anderen ihn mit sich, nach und nach verschwand einer nach dem anderen nach Hause, bis Janne schließlich alleine am Straßenrand entlang lief, unklar über diese Gefühle, die sich ihn ihm auftaten. Für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, Aliisa anrufen, sie würde ihn vielleicht verstehen, als einzige . . . doch dann steckte er sein Handy zurück in die Jackentasche, er wollte ihr das Date nicht versauen.

Chapter 29

[einen Monat später]

Charles Nummer blinkt auf dem Display. Er will wissen, wo ich bin, was ich mache und vor allem mit wem, ich könnte mich ja mit Tobi oder einem der Jungs treffen und mit ihm in die Kiste hüpfen . . .
Ob ich ihn wegdrücken soll? Dann wäre er bestimmt enttäuscht und traurig . . . oder wütend, aggressiv, gewalttätig . . . psychopatisch, wie Lauri immer sagt. Irgendwie hat er ja Recht. Auf der einen Seite ist er total lieb und witzig, aber wehe ich wage es, etwas ohne ihn zu machen. . .nicht jeden Abend mit ihm in der Bude zu hocken und fern zu sehen. Dann rastet er aus, beschimpft mich . . . schlägt mich . . . Nein, das ist nicht wahr, er hat es doch erst einmal getan . . . Niemand weiß etwas davon, ist doch auch nicht der rede wert, oder?
Aber ich glaube, Lauri weiß etwas, er sieht mich die ganze Zeit so von der Seite an, sein Blick gefriert zu Eis, wenn er Charles sieht. Gut, er hat seine Fehler, aber warum ist er so unterkühlt zu ihm? Sieht er nicht ein, dass ich ihn liebe? Tue ich das denn . . .?
Es klingelt immer noch. Gebannt starre ich das kleine Telefon an, hebe zaghaft die Hand . . . und drücke den Anruf schließlich weg. Eine merkwürdige Stille erfüllt den Raum, Sonnenlicht fällt durch das Fenster in mein Zimmer. Eigentlich ist alles wie immer . . . er wird es verstehen, Aliisa. Er wird verstehen, dass du deinen Freiraum brauchst . . .
Nein, wird er nicht! Er wird dir wieder wehtun, er ist nicht lieb, nett und süß und du hast ihn niemals geliebt. Du warst nur zu betrunken um ihn gleich beim ersten Versuch abzuwürgen und danach hattest du immer Angst . . .
Ich sehne mich danach, wieder etwas mit den Jungs zu unternehmen, Spaß zu haben und einfach nur mit ihnen durchzudrehen, so wie damals am See. Ich will nicht mehr in der Wohnung sitzen, seine verschwitzen Hände unter meinem Shirt auf meiner Hüfte und auf den Fernseher starren. Ich will einfach nur raus . . .
Mit Janne und Lauri habe ich oft abends telefoniert, ungestört reden, ohne, dass Charles daneben steht und mir jedes Wort im Mund umdreht. Janne will mir irgendwas sagen, aber er kommt nie wirklich zum Punkt, ich verstehe noch nicht ganz, was los ist . . . mit Lauri kann ich nach einem beschissenen Tag mit IHM wieder lachen. Er sagt, dass Charles mir meinen eigensinnigen Humor genommen hat, dass er es vermisst von mir fertig gemacht zu werden. Versteh einer die Männer . . .
Plötzlich wird mir bewusst, was ich gerade getan habe. Er weiß, dass ich ihn absichtlich abgewürgt habe, nicht mit ihm reden, ihn einfach nur noch loswerden will. Und er wird das nicht einfach auf sich sitzen lassen, sondern hierher kommen . . . entweder heulend, mich anflehend oder mit diesem stählernen Blick, mich in Grund und Boden brüllen, was mir überhaupt einfällt. Ich tippe eher auf letzteres und bekomme plötzlich Angst . . . wahnsinnige Angst: Was ist aus mir geworden, wo sind mein Selbstbewusstsein, meine Unabhängigkeit und mein verdammter Sarkasmus geblieben? Oh nein, ich lasse nicht zu, dass er mein Leben ruiniert, jetzt wo es gerade anfängt, schön zu werden.
Mit fahrigen Bewegungen nehme ich das Handy wieder in die Hand, vertippe mich unendliche Male, bis ich schließlich Lauri an der Strippe habe.
„Hast du grad Zeit, Dicker?“
„Wasn los? Du hörst dich so gehetzt an . . . und ich bin nicht dick!“
„Ich . . . hab nen Anruf von Charles weggedrückt.“
„Toll, soll ich jetzt Eheberater spielen?“ Er klingt gekränkt.
„Lauri, bitte . . . ich halt das nich mehr aus, ich will, dass er aus meinem Leben verschwindet.“
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“ Ich kann förmlich hören, wie er beginnt zu strahlen.
„Du mochtest ihn nie besonders, was?“
„Ich hasse ihn.“ Eine trockene aber ehrliche Antwort . . .
„Ich hab Angst, dass er gleich herkommt . . .“
„Ich bin schon unterwegs, aber erwarte nicht zuviel von mir, er ist schließlich fast 20 Zentimeter größer als ich.“ Er lacht kurz, höre ihn die Tür zuschlagen.
„ALIISA!? WO STECKST DU, KOMM SOFORT HER!“
„Bring Janne mit.“ Ich höre noch, wie er etwas sagen will, aber ich muss das Handy loswerden.
Soll ich mich verstecken? Würde es etwas bringen? Nein, ich muss mich ihm stellen.
„Komm du doch her, wenn du was von mir willst.“ Erwidere ich mit kratziger Stimme und bete, dass Janne bald hier ist, um ihn mit seinen Haaren u erwürgen, während Mopsi mir seelische Unterstützung leistet. Ich sollte nicht immer so gemein zu ihm sein . . .
„Sag mal, HAST DU SIE NOCH ALLE?! KOMM JETZT GEFÄLLIGST HER, DU MISTSTÜCK!“
„Nein.“
Poltern auf der Treppe, mein Zittern wird stärker, ich zwinge mich zu Ruhe, zünde mir eine Kippe an. Am liebsten würde ich ihm damit die Augen ausbrennen . . .
Mit einem Mal werde ich hochgerissen, seine Finger schlingen sich wie Stahlseile um meine Handgelenke, ich sehe in sein wutverzerrtes Gesicht.
„Lass mich los, du Bastard.“
„Sag das noch mal.“
„Du sollst mich loslassen, verdammter Flachwichser.“ Ein Klatschen, meine Wange brennt, alles dreht sich.
„Ich dachte, das hätte ich dir ausgetrieben.“
„Nein. Ich sage, was ich will und jetzt verpiss dich, es ist aus.“ Nocheinmal wird mein Kopf zu Seite geschleudert, doch ich zeige keinerlei Reaktion. Die Hoffnung, dass alles wieder wie vorher wird gibt mir ungeahnte Kräfte.
„Du kannst doch gar nicht ohne mich.“
„Doch, aber du nicht ohne mich.“
„Was bildest du dir eigentlich ein . . .“ Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, aber ich sehe ein bisschen Unsicherheit darin.
„Wie tief willst du eigentlich noch sinken, Charles?“ Janne lehnt im Türrahmen, Lauri auf der anderen Seite. Sie grinsen beide gelassen . . . was . . . auf dem Boden zu ihren Füßen sitzt Ahvo, die Zähne gefletscht und bedrohlich leise knurrend. Er hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt . . . Und mein Ex hier fürchterliche Angst vor Hunden.
„Nehmt da Vieh da weg.“ Langsam lockert er seinen Griff und lässt mich schließlich ganz los. Ich gebe einen Angstschrei von mir, was den Hund nur noch wütender macht.
„Er mag es nicht, wenn du seinem Mädchen wehtust.“ Lauri tätschelt ihm den Kopf und sieht abwartend zu Charles auf.
„Aber . . . Aliisa, ich LIEBE dich . . . ich . . .“
„Halt dein scheiß Maul und sprich mich nie wieder an, hast du kapiert?“
„Aber Lizzyschatz . . .“
„Janne, lass den Hund los.“
„Soll ich wirklich? Ich meine, er wird ihm höchstwahrscheinlich die Eier abreißen . . .“
„Eben deshalb.“
„Nein, wartet, ich geh ja schon . . . obwohl ich dich liebe!“
„VERPISS DICH!“ Ahvo beginnt zu bellen, fällt den kleinen Scheißer fast an, als er die Flucht ergreift und mit einem Türknallen nach draußen verschwindet.
„Liz? Alles okay?“ Laui macht einen Schritt auf mich zu, sieht mich besorgt an. Janne lässt einfach den Hund los und nimmt mich in den Arm, irgendwann ziehe ich Lauri an meine Seite. Doch plötzlich springt Ahvo mich, stützt sich an meiner Hüfte ab und sabbert uns nacheinander die Gesichter voll. Kichernd lassen wir uns los.
„Ja, jetzt schon . . . ihr seid so lieb zu mir, obwohl ich euch oft so anzicke.“
„Ach Süße, das ist eben deine Art von Humor.“ Janne lächelt, leint den Hund wieder an und grinst Lauri zu, den ich dabei ertappe, wie er sich das Gesabber mit meinem neuen Sommerkleid aus dem Gesicht wischt.
„Ups, sorry . . .“
„Ach scheiß drauf, gehen wir was trinken? Ich will hier raus.“
„Yeah, Massenbesäufnis.“ Ich habe sie so vermisst . . .

Chapter 30

Wir sitzen in einem kleinen Cafe, draußen am Hafen . . . gut, es ist eher eine Bar, aber was solls. Na ja, bis auf die Tatsache, dass wir alle drei schon wieder ziemlich angeheitert sind. Ach was, egal . . . Lauri hat seine Angst vor Ahvo anscheinend endgültig überwunden, er hat ihn fast auf dem Schoß und flöhst ihm gerade den Rest aus seiner Bierflasche ein. Der arme Hund ist bald genauso blau wie wir und ich weiß nicht, ob das meine Nachbarin auch so toll findet wird wie die beiden Rasnüsse, die vor lachen beinahe rot anlaufen.
„Du Lizzy?“ Er wird kurz ernst und stupst den Hund von seinen Beinen. Au man, das arme Vieh taumelt ja schon . . .
„Japs, bei der Arbeit.“ Salz auf die Hand, Tequila, Zitrone. Janne sagt, ich muss schleunigst nachholen, was ich im letzten Monat verpasst habe.
„Hör doch ma wieder auf . . . sonst siehst du irgendwann auch noch rosa Kaninchen, das ist NICHT lustig, ich sags dir.“
„Aber Janne gibt mir nen Fünfer für jeden Kurzen.“ Gott, ich dachte schon, ich hätte dieses alberne Kichern verlernt.
„Du bezahlst sie fürs Trinken?“
„Jo, Liz is sozusagen meine kleine private Tequilanutte.“
„Aufs Maul, Jeanette.“
„Nich aggressiv werden, Schatzi.“
„Ich bin nicht dein Schatzi, ich bin . . . blau.“
„Genau . . . Ahvo, leg dich besser hin, altes Haus . . .“ Der Hund rollt sich auf den Rücken und guckt mit glasigem Blick zu den Sternen empor, die langsam deutlich werden. Es dämmert gerade, die schönste Zeit, um hier am Meer zu sitzen und Spaß zu haben. Wie konnte ich mich nur auf dieses Arschloch einlassen? Hatte ich vielleicht Mitleid für ihn? Oder Angst?
„Liisa, huhu? Musst du kotzen?“
„Ne ne, hab nur nachgedacht.“
Lauri seufzt, zieht meinen Stuhl zu sich heran und bestellt mir einen Kaffee, schwarz, extra stark. Blondi fühlt sich anscheinend ausgeschlossen, denn er rutscht an meine andere Seite, sodass wir jetzt in einer Reihe sitzen und aufs Meer hinaussehen. Zufrieden lege ich die Füße auf den niedrigen Balkon und stupse Zeus an, damit er mir endlich sagt, was er schon vor fünf Minuten sagen wollte.
„Aaaaalso, du wirst es nicht glauben . . .“
„Jaaaaa?“
„Unterbrich mich nicht ständig!“
„Sorry.“
„Also . . .“
„Guck mal, Ahvo . . .“
„Aliisa!“
„Da ist dein Kaffee, trink schon und sei ruhig.“ Jeanie nimmt der äußerst freundlichen Bedienung die Tasse ab und drückt sie mir in die eiskalten Pfoten.
„Mein Dad hat mir eine Wohnung gemietet!“
„Waaa . . .?“ Beinahe spucke ich die braune Brühe runter zum Strand, kann mich aber gerade noch beherrschen und würge sie mit Tränen in den Augen hinunter.
„Japs, als Probenraum, ist das nicht geil?“
„Das ist tooooll!“
„Mhmm, dann muss ich mich nicht von deiner Katze sexuell belästigen lassen, wenn ich mal wieder bunte Farben sehe.“
„Ach Nalle, er macht das doch soooo gern.“
„Sei n braves Mädchen und trink deinen Kaffee.“
„Bin kein braves Mädchen . . .“ nuschle ich und trinke das Zeug schließlich doch, macht den Kopf wenigstens ein bisschen freier. Na wenigstens hab ich jetzt zwanzig Mäuse mehr in der Tasche. Janne muss irgendwo ne illegale Geldquelle haben . . .
„Doch, manchmal schon.“
„Aber nur manchmal . . .“ Ich seufze und überlege mir, auf wem ich meinen Kopf am besten ablegen könnte, als sich zwei Ärmchen klammheimlich um meine Schultern legen. Ziemlich starke Ärmchen, zugegeben . . .
„Wir haben so eben beschlossen, dass wir dich jetzt besser nach Hause bringen.“ Au man, jetzt grinsen sie sich schon wieder so an, wie ich das hasse.
„Aber ich will doch den neuen Probenraum sehen.“ Vielleicht hilft jammern?
„Morgen, okay, Pikku?“ Nein.
„Na guuut . . . aber ich find auch selber nach Hause, der Kaffee hat schon gewirkt.“
„Sicher?“
„Ja, Dickerchen, wirklich.“
„Okay, dann sehen wir uns morgen?“
„Japs, bis denne, meine Retter.“
„Ciao, Kleines.“
Langsam wird dieses Gruppenknuddeln normal . . . warum müssen wir Finnen so extrem sein? Erst kalt wie Eis und dann Schnuckiputzi trallala . . . Was solls, ich glaub, ich muss hierlang . . .

Chapter 31

Langsam schlenderte Aliisa die Promenade entlang und dachte über den vergangenen Monat, über ihre Naivität und Gutgläubigkeit nach, Dinge, die so untypisch für sie waren. Niemals hätte sie geglaubt, dass jemand so etwas mit ihr machen könnte, wie Charles es getan hatte, ihr innere Stärke zerstören, ihr Selbstbewusstsein niederwalzen.
Langsam wurde ihr auch klar, wie sie vor dieser Geschichte auf andere gewirkt haben musste . . . kalt wie Eis, mürrisch und schnippisch . . . Vielleicht war es nicht das Schlechteste, was passiert war, obwohl die seelischen Wunden noch schwer an ihr zehrten und auch ihre Wange immer noch brannte.
Und es tat so wahnsinnig gut, sich wieder mit den Jungs voll laufen zu lassen du einfach nur herumzualbern. Sie musste unwillkürlich grinsen, wenn sie an die letzten Stunden dachte. Zwar verstand sie nicht, warum die beiden das alles für sie getan hatten, aber sie war ihnen unendlich dankbar, dass sie ihr geholfen hatten . . . einfach nur da waren.
Pauli und Eero waren einfach nur nett, Aki schon mehr ein Kumpel aber Lauri und Janne waren einzigartig. Beide durchgeknallt, ständig besoffen und blond wie Extremwasserstoffbleiche. Nur die Größe . . . Papa Schlumpf und Gargamel . . . Aliisa grinste und blieb kurz stehen um die letzten, dünnen Strahlen der Sonne im Meer untergehen zu sehen.
Nach ein paar Minuten brach endlich die Nacht über Helsinki herein und sie wandte sich fröstelnd zum Gehen, als sie plötzlich brutal zurückgerissen und zu Boden geschleudert wurde.
Als sie auf dem kalten Beton aufschlug, setzte ihre Wahrnehmung kurz aus, durch den Alkohol hatte sie zu langsam reagiert um den Sturz abzufangen. Nach einigen Sekunden öffnete sie langsam die Augen, sah aber nur ein paar schwarze Schatten, vielleicht drei Menschen, bevor der stechende Schmerz ihren Magen durchbohrte und ihr für Augenblicke die Luft zum Atmen nahm. Wieder vergingen Sekunden, in denen sie sich auf dem kalten Stein krümmte, versuchte, die Situation zu erfassen und den rasenden Schmerzen zu entgehen. Tritte hagelten von allen Seiten auf sie ein, bis sie sich wie gelähmt fühlte, als würde sie aus einem einzigen großen Bündel Schmerz bestehen, unbeweglich, in dieser kauernden Position verharrend. Ächzend hob sie die Hand, wollte sie von ihrem Bauch nehmen, in Sicherheit bringen, doch ein gezielter Tritt in die Seite ließ sie zusammensacken und resigniert liegen bleiben.
Sie wusste nicht mehr, was passierte, fühlte nur noch diesen unglaublichen Schmerz, der sie zu zerfressen drohte. Tränen liefen ihr über die Wangen, lautlos, während nur das Keuchen der Gestalten über ihr und das dumpfe Geräusch, wenn einer ihrer Stiefel gegen ihren Körper prallte zu hören waren.
Sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon hier lag, wie lange sie es noch ertragen konnte, wusste nicht, womit sie das verdient hatte.
Plötzlich wurde es still, die demütigenden Tritte stoppten. Das Mädchen schluckte, bewegte sich zitternd und fühlte, dass ihre Haut wie Feuer brannte.
Einer der Schwarzgekleideten beugte sich zu ihr hinunter, sie konnte sein Gesicht durch den Tränenschleier nicht sehen, fühlte nur, wie sich seine Finger unter ihr Kinn schoben.
Stille. Lauernde Stille, beängstigende Stille.
Wurde durch ein lautes Klatschen durchbrochen, ihr Kopf schlug wieder auf dem Boden auf, die Schritte entfernten sich.
Minuten vergingen, bevor sich Aliisas Gedanken klärten und sie die Arme mühsam ausstreckte und ihre Finger in die Vorsprünge der kleinen Kaimauer grub, um sich näher heran zu ziehen. Zitternd blieb sie liegen, versuchte ihre Atmung zu beruhigen und endlich wieder zu denken. Sie wusste, dass sie bald zusammenbrechen würde, wenn sie noch länger hier auf dem kalten Stein bleiben würde.
Der stechende Schmerz verdreifachte sich fast, als sie sich mühsam aufrichtete und zitternd auf zwei Beinen zum Stehen kam. Wie in Trance setzte sie einen Fuß vor den anderen, wunderte sich, dass sie sich anscheinend nichts gebrochen hatte, auch wenn sich ihr Körper anfühlte, als sein er so eben zu Brei zerschlagen worden.
Nach zwei Minuten gehen änderte sich der Schmerz, wurde zu einem Pochen, das gleichbleibend stark blieb, aber ihr wenigstens erlaubte, zu denken, den Weg nach Hause zu finden. Sie versuchte, sich nur auf dieses eine Ziel zu fixieren, alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen, um sich nicht gehen zu lassen und einfach wieder zusammenzubrechen.
Den Blick fest auf den boden geheftet setzte sie einen Fuß vor den anderen. Nur nicht die Kontrolle über ihren nach Ruhe schreienden Körper verlieren

Chapter 32

Kurz nachdem Aliisa um die Ecke verschwunden war hatte sich Ahvo auf den Bauch gerollt und hemmungslos begonnen zu kotzen. Lauri hatte ihm eine Weile ausdruckslos dabei zugesehen, aber als der Hund irgendwann begann, das ganze wieder aufzufressen, war er ruckartiges von seinem Stuhl aufgesprungen und in Richtung Toiletten davongerast.
Als er nach zehn Minuten ziemlich blass wieder nach draußen trat, hatte Janne die Rechnung bereits bezahlt und drückte ihm zum Ausgleich grinsend Ahvos Leine in die Hand.
„Und wenn du schonma in der Nähe bist, kannst du gleich nachschauen, ob die Prinzessin brav in ihrem Bettchen liegt und dich notfalls dazulegen.“
„Gib schon her.“ Brummte er zurück und zwang sich, nicht nach unten auf den verkaterten Hund zu sehen. „Was soll ich denen bitte erzählen? Dass wir ihren Hund aus Scheiß abgefüllt und danach im Duett gekotzt haben?“
„Nee . . . sag einfach, er hat inner Mülltonne irgendwelche vergammelten Sushireste oder sowas gefressen.“
„Oh man, Alter, halts Maul . . .“
„Du machst das schon, Babyface, ich muss jetz weg, bis denne.“ Grinsend klopfte er ihm auf die Schulter und war im nächsten Moment um die nächste Straßenecke verschwunden.
„Warum is der nur immer so schnell wech?“ murmelte Lauri halblaut, seufzte dann und schleifte Ahvo mit sich davon.
Nachdem er den Hund mit einer im Nachhinein völlig bescheurten Ausrede zurückgegeben hatte, sah er kurz zu Aliisas Haus hinüber. Es brannte kein Licht, aber das musste bei den beiden durchgeknallten Weibern noch lange nichts heißen.
Er grinste unbewusst und grübelte dann, ob er vielleicht . . . Nein, er sah schließlich auch nicht nach, ob Janne . . .
Mit einer Handbewegung wischte er seine irrsinnigen Gedankengänge weg, drehte sich abrupt um und ging mit schnellen Schritten in Richtung Hafen zurück. Den ganzen Weg über starrte er auf den Boden und dachte an alles und nichts, nur als er an „seinem“ neuen Probenraum vorbeikam hielt er kurz inne und lächelte. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken hineinzugehen, sich ein bisschen auszuruhen und nachzudenken, einmal seine Ruhe zu haben. Aber dann fiel ihm ein, dass die Heizung noch nicht funktionierte und da er sich bereits jetzt einige wichtige Körperteile abzufrieren drohte, wandte er sich schweren Herzens um und schlug den Weg nach Hause ein. Zu Hause, bei seiner tollen Mutter, die den Gedanken einfach nicht aufgeben wollte, dass Aliisa ihren Sohn mit Charles betrog . . . betrogen hatte.
Bei seiner Schwester, die ihn wenigstens ein bisschen verstand, aber von Zeit zu Zeit auch ihre Aggressionen an ihm ausließ und bei seinem Vater, der ihm diese tolle Wohnung gemietet hatte . . . Lauri glaubte schon lange nicht mehr daran, dass sein Dad es getan hatte, um ihm eine Freude zu machen. Er hatte das Gefühl, dass er einfach einen Platz gesucht hatte, wohin er seinen Sohn abschieben konnte, wenn der ihm zu anstrengend wurde, mit seinen Problemen belastete . . .
Traurig sah er in den dunklen Himmel hinauf, wünschte sich nichts sehnlicher, als mit der Nacht zu verschmelzen und mit ihr davon getragen zu werden . . . Warum hatte er sie gehen lassen, Aliisa sogar regelrecht nach Hause geschickt? Wieso ließ er seine besten Freunde gehen, wenn er sie doch so dringend brauchte?
Wenn er mit ihnen zusammen war, kamen ihm diese Gefühle lächerliche und kindisch vor, erst wenn er allein war empfand er sie wieder als so bedrückend und sehnsuchtsvoll. Er wollte hier weg, aus diesem Käfig ausbrechen, in den man ihn gesteckt hatte. Manchmal gelang es ihm, wie bei dem Gig in der Schule oder an dem Abend am See . . . doch er wurde immer wieder erbarmungslos zurückgerissen.
Kurts Stimme dröhnte in seinem Kopf, als er die Straße entlang lief, die Augen fest auf den Boden gerichtet. Smells like Teen Spirit . . .

. . . here we are, now entertain us . . . Ich pralle plötzlich gegen etwas, werde zurückgestoßen und komme taumelnd drei Schritte weiter hinten zum Stehen. Was zu . . . Vor mir steht ein Mädchen, sie rührt sich nicht, scheint nichtmal erschrocken zu sein.
„Sorry, ich ähm . . .“ Nicht stammeln, du Pfeife, FLIRTEN! . . . Oh Gott, mein Verstand setzt aus.
Sie hebt langsam den Kopf, macht immer noch keine Anstalten sich zu bewegen, während ich irgendwie nervös herumzapple und am liebsten im Erdboden versinken würde.
„Aliisa!?“ Was treibt dieses Gör schon wieder hier draußen, verdammt noch mal? Ich hätte sie doch nach Hause bringen sollen, nein direkt ins Bett stecken und anketten . . . Ähm ja . . . Ich will nicht wissen, wie viel sie noch gesoffen hat . . . wahrscheinlich wieder irgendwelche Typen angegraben vor denen wir sie dann in zwei Monaten retten dürfen. Gott, verdammt, ich bin so sauwütend.
„Kannst du mir mal erklären, was du hier zu suchen hast? Meinst du, es macht uns Spaß, dich ständig aus der Klemme zu ziehen? Außerdem bist du schon wieder stockbesoffen! Sag mal, HAST DU SIE NOCH ALLE?!“
Keine Antwort, nur ein leichtes Zittern durchfährt ihren Körper. Gereizt mache ich einen Schritt auf sie zu, packe sie am Arm und will sie zwingen mich anzusehen. Doch als meine Finger ihre Haut berühren, schreit sie plötzlich auf, ihr Blick durchbohrt für eine Sekunde meine Augen bevor sie kraftlos in sich zusammensackt.
„Liz, was . . .“ Erschrocken lasse ich mich vor ihr auf die Knie sinken, will meinen Arm nach ihr ausstrecken, aber sie schlägt ihn zurück und kriecht ein Stück rückwärts von mir weg.
„Sorry, ich wollte dich nicht anschreien . . . Liz, sag doch wenigstens was.“
Vorsichtig rutsche ich wieder ein Stück näher, versuche sie zu stützen, aber sie weicht mir wieder aus. Ich kann ich ihr Gesicht nicht sehen, ihre Haare verdecken es völlig . . . Wenn ich nur wüsste, was los ist.
„Lass . . . das tut weh.“
„Liisa, bitte . . . kannst du aufstehn?“
Sie nickt langsam und nimmt dann zögerlich meine Hand. Mit einem unterdrückten Stöhnen lässt sie sich auf die Beine ziehen und streicht sich dann die Haare aus dem Gesicht.
Ich weiß nicht, ob ich froh oder erschüttert sein soll. Ihre Augen sind völlig trocken, keine einzige Träne läuft über ihre Wangen. Aber sie sind so furchtbar kalt und starr, fast glasig . . .
Mein Blick fällt auf ihr Shirt, das ein bisschen hochgerutscht ist . . .
„Darf ich?“ Ein kurzes Nicken, ich hebe es äußerst vorsichtig hoch, schlucke und lasse es wieder sinken.
„War . . . er das?“ Ihr Bauch ist von unzähligen Blutergüssen übersäht, kein Wunder, dass ihr jede Berührung wehtut.
„Nein . . . Lauri, bitte, es geht schon.“
„ Liisa, du siehst aus, als würdest du gleich wieder zusammenbrechen!“
„Es sind doch nur ein paar blaue Flecken . . .“
„Kannst du nicht einmal aufhören die Starke zu spielen? Kannst du dir nicht ein verdammtes Mal helfen lassen?“
„Ich . . .“
„Ich kann dich auch hier verrecken lassen, wenn dein Stolz dir wichtiger ist. Ich will dir helfen, aber du lässt mich nicht . . .“
„Ich weiß . . .“
„Schaffst dus noch bis in die nächste Straße? Da ist der neue Probenraum.“
Sie nickt, lässt zu, dass ich ihre Hand nehme. Für ein Mädchen kann sie verdammt gut mit Schmerzen umgehen . . . nur ihr verbissener Gesichtsausdruck lässt mich erahnen, was sie fühlt.

Chapter 33

Es war so klar, dass der Aufzug gerade heute kaputt sein muss, es hätte ja gar nicht anders kommen können. Drei Stockwerke . . .
„Schaffst du das?“ Wenn ich sie ansehe, dreht sich mir der Magen um, erst im grellen Licht der Hausbeleuchtung sieht man, wie aschfahl ihr Gesicht ist. Ihre Augen müssten eigentlich blau sein, so eisig und starr wie sie gerade sind, nicht dieses warme Braun, das so rötlich schimmert, wenn sie lacht.
„Wände hochlaufen oder fliegen kann ich ja schlecht.“ Knurrt sie zurück und beißt sich auf die Unterlippe. Ich bin es so leid ständig Opfer ihrer Ausbrüche zu sein, aber ich kann es nicht lassen, ihr ständig hinterher zukriechen wie ein verstoßener Hund. Genau, ich komme mir vor wie der letzte Straßenköter, springe hier um sie rum, während sie die Ruhe selbst ist und sich nichts anmerken lässt. Ich weiß, was für verdammte Schmerzen sie haben muss, vorhin, als sie kurz die Kontrolle verloren hat . . . aber sie würde sich niemals bemitleiden lassen oder nach Hilfe fragen. Gott, wie ich das hasse . . .
„Ich mein ja nur . . .“ Toll, jetzt hast dus ihr aber gegeben . . . andererseits . . . ich kann das nicht, ich weiß schließlich, dass sie leidet, auch wenn sie es nicht zeigt.
Erster Stock. Sie zittert kurz, tastet vorsichtig nach ihrem Bauch. Dann spürt sie meinen Blick und fixiert die nächste Etage, es ist, als ob sie versuchen würde, die Emotionen einfach abzuschalten . . . ich glaube, Aliisa könnte auch problemlos auf einem Nagebrett pennen oder über glühende Kohlen laufen und dabei dreckige Witze erzählen, bzw. Witze über mich reißen, das ist ihre Spezialität.
Zweiter Stock. Ihre Finger umklammern das Geländer, mir wird schlecht bei der Vorstellung, was ihre Fingernägel mit ihren Handflächen anstellen, wenn sie noch ein bisschen fester zupackt.
„Soll ich nicht doch einen Arzt . . .“
„Nein.“ Sie lässt die blaue Eisenstange los und schließt kurz die Augen, bevor sie das letzte Stockwerk anpeilt.
Endlich, unzählige Gewissensbisse und Anblaffereien später stehen wir vor der Tür und ich friemle nervös an meinem Schlüsselbund herum.
„Nimm doch den.“ Überrumpelt starre ich sie an. Es ist tatsächlich der richtige und ich kann mich gegen die ständig klemmende Tür schmeißen, damit sie endlich aufgeht.
„Woher hast du das gewusst?“
„Weibliche Intuition . . .“ Sie versucht zu grinsen, doch daraus wird nur ein klägliches Gesichtverziehen. Gerade, als ich Licht machen will, sackt sie hinter mir kurz zusammen.
„Liz, bitte, mach keine Scheiße, es wäre wirklich besser, wenn . . . Man, ich hab Schiss, dass du mir hier die Biege machst.“
„Dann kannst wenigstens sagen, du hast mich abkratzen sehen, das is doch ne gute Publicity für Rasmus.“
„Halt den Mund.“ Ich kann nicht fassen, dass sie sowas sagt.
„Tut mir leid . . .“ Ich sehe sie nur kurz an, ziehe dann die Plane von unserem Sofa, dem einzigen Teil, das wir aus dem alten Probenraum mitgenommen haben, außer die Verstärker und den ganzen Kram natürlich, der steht schon verteilt überall hier rum.
Man hat einen tollen Blick auf die Stadt von hier oben, man kann sogar das Meer und ein Stück vom Hafen sehen. Die Miete ist nur so billig, weil es kein warmes Wasser gibt, sämtliche Türen klemmen und man nichts an die Wand hängen kann, weil sie sonst sofort abbröckelt. In den anderen Wohnungen ist es nicht ganz so schlimm, aber es wohnen trotzdem nur Leute darin, die Aliisa als Mülltonnenjunkies bezeichnen würde.
Im Moment krabbelt sie aber nur äußerst vorsichtig auf das weiche Sofa und lässt sich mit einem unterdrückten Aufstöhnen darauf nieder.
„Erzählst du mir, was passiert ist?“
Draußen in dem kleinen Flur brennt noch das Licht, hier im großen Raum herrscht dagegen ein leichtes Dämmerlicht, und hier am Fenster wirken nur die Lichter der Stadt und der Sterne. Zögernd setzte ich mich neben sie und lege den Kopf fragend schief. Wenn meine Oma das putzig findet . . . vielleicht bringts ja jetzt auch was.
„Hör auf den Kopf so zu verdrehen, dann muss ich lachen und das tut höllisch weh.“
„Sorry, ich zieh Scherze nun mal magisch an . . . ist dir kalt?“
„Mhmm, ja . . .
„Warte mal, hier müsste irgendwo ne Decke oder sowas rumliegen . . .“
„Meinst du die, die du letztens mit am See hattest und die Pauli dir weggenommen und damit mit Janne ein Floss gebaut hast, das dann untergegangen ist?“
„Ähm ja, genau die.“
„Die vergammelt jetzt irgendwo im 10 Meter tiefen Wasser, zusammen mit Jeanettes Playboy-Sammlung . . . ich hab ihn noch nie so heulen sehn.“
„Naja, also die Dinger sind ja auch schweineteuer . . .“ Scheiße . . . Dummes blödes Babyface labert von Softpornos während seine beste Freundin sich auf dem Sofa krümmt . . . immer diese Zweideutigkeiten . . . Halt die Klappe, pubertierendes Hirn. Welches? Oben oder unten? Ich dreh durch . . .
„Ach jaaa?“ Sie piekst mich leicht in die Seite und angelt sich die Plastikfolie, während ich tomatenrot anlaufe . . . In Holland würden sie mich jetzt bestimmt für vollreif halten
„Was willst du denn mit dem Ding?“ Ablenken, ganz schnell.
„Das hält auch warm.“ Sie versucht ein vages Lächeln und stemmt die Hände in das dunkle Leder, um sich ein Stück nach hinten zu ziehen, doch ihre Armen geben nach, bevor sie sich überhaupt aufgerichtet hat.
„Aua . . .“
„Liegst du auf irgendwas?“
„Joa, auf dem Sofa hier.“
„Wenn du nicht grad aussiehst wie zusammengeschlagen, machst du bessere Witze . . . du weißt genau, was ich meine.“
„Nein, aber es tut sauweh, so flach zu liegen.“
Ich glaube nicht wirklich, was ich da gerade tue. Ich setze mich neben sie, hebe ihren Kopf vorsichtig an und lege ihn auf meinen Schoß.
„Besser?“ Ich muss bekifft oder sowas sein, normalerweise würde ich jetzt anfangen zu zittern und zu schwitzen wie Schwein, oder ich würde gleich davonrennen und nach Lappland auswandern. Aber im Moment bin ich verhältnismäßig ruhig, es ist einfach zu viel passiert, alles ist anders, als dass ich jetzt so eine Reaktion zeigen könnte.
„Mhmmm.“
„Erzählst du mir jetzt, was passiert ist?“
Schweigen, sie schließt kurz die Augen und zieht die provisorische Decke enger um sich. Es macht mich fast wahnsinnig sie so nahe zu fühlen und zu spüren, dieses intensive Gefühl sie beschützen zu wollen ist stärker denn je und es wird mich zerreißen, wenn sie mir jetzt nicht sagt, wer ihr das alles angetan hat.
„Ich weiß nicht . . . ich bin noch am Strand entlang gegangen, es war so ein schöner Sonnenuntergang . . .“ Sie seufzt leise und verzieht gequält das Gesicht, als sie mit der Hüfte gegen die Sofalehne stößt.
„ . . . ich wollte mich gerade umdrehen und nach Hause gehen, aber irgendwie lag ich dann schon auf dem Boden . . . es hat so furchtbar wehgetan . . .“ Wieder schließt sie die Augen, ich streiche ihr vorsichtig über die Wange und greife dann nach ihrer Hand, die sich krampfhaft in das schwarze Leder krallt.

„Weißt du, wer es war?“
„Wieso willst du das alles wissen?“ Merkt er denn nicht, dass ich nicht darüber reden will? Dass es so furchtbar demütigend ist, dass es fast mehr wehtut als die ganzen Prellungen und blauen Flecken? Alles an mir fühlt sich merkwürdig taub an, nur wenn ich mich bewege durchfährt mich wieder dieser stechende Schmerz, der mir zeitweise fast den Atem nimmt.
Warum?
„Weil ich es nicht leiden kann, wenn jemand meine Freunde verprügelt.“
Seine Freunde? . . . Mir wird plötzlich klar, wie viel mir jeder einzelne der Jungs bedeutet, mehr als mir Jenna oder Tobi jemals bedeutet haben und bedeuten werden. Ich habe die beiden in letzter Zeit so selten gesehen und ich vermisse sie nicht. Sogar Eero ist mir wichtiger, wenn er von Zeit zu Zeit mal aus deinen Tagträumen erwacht, Aki und ich machen Ärger, wo wir gehen und stehn, man kann uns nicht alleine lassen und gerade das mag ich so an ihm, er bringt mich immer zum Lachen, wirklich immer.
Pauli ist einfach nur cool, ihn kann nichts schaffen und er ist der einzige, den ich niemals anzicken würde, weil . . . ich weiß nicht warum, Pauli ist einfach der Saufkumpane schlechthin.
Janne und Lauri . . . Janne kann mit mir umgehen, er macht jeden Scheiß mit und macht sich nichts aus meinen Stichelein und dummen Kommentaren, er weiß, dass ich es nicht so meine und manchmal denke ich, dass er irgendwie ein Auge auf mich hat, wenn ich mit ihm irgendwo unterwegs bin, wagt es keine Sau mich blöd anzumachen. Er ist mein Schutzengel, Jeanette mit den goldenen Löckchen . . .
Lauri ist . . . warum mag ich Lauri? Weil es Spaß macht, ihn zu ärgern? Nein . . . doch . . . niemals . . . Ich verstehe nicht, warum er sich von mir so fertig machen lässt und trotzdem immer für mich da ist. Es tut mir leid, dass ich ihn immer fertig mache, ich will das gar nicht, er hat es nicht verdient, nicht im Geringsten . . . Ich wende meinen Blick von der schwarzen Front vor meinen Augen ab und sehe zu ihm auf. Wieder legt er den Kopf so leicht schief und sieht mich mit treuen Hundeaugen besorgt an. Ohne Janne und ihn würde ich sterben . . .
„Hör auf mich so anzuglupschen, dann muss ich lachen und das tut weh.“
„Dann sag mir endlich, wers war.“
„Ich weiß es wirklich nicht . . . es waren drei oder vier . . . bitte, Lauri, ich will das nicht noch mal alles durchkauen, nicht jetzt.“
„Das war bestimmt Charles, weil sein Ego es nicht verträgt, dass du ihn sitzen lassen hast.“ Wütend beißt er sich auf die Unterlippe und starrt zum Fenster hinaus.
„Bitte sag den anderen nix . . . vor allem nicht Janne.“
„Wieso denn?“
„Weil er dann wieder denkt, er muss das rächen oder so und dann kloppen sich die beiden und der ganze Scheiß hat nie ein Ende. Außerdem weiß ich doch gar nicht, dass es der Junge mit dem bescheuerten Namen war.“
„Na gut . . . aber der Junge mit dem bescheuerten Namen is gut.“ Er lacht leise und ich fühle plötzlich diese dumpfe Müdigkeit in mir aufsteigen, die Plastikplane hat mich tatsächlich aufgewärmt und es tut so wahnsinnig gut, zu spüren, dass ich nicht alleine bin . . . Über die Tatsache, dass ich mit Lauri Händchen halte, kann ich morgen noch genug Sorgen machen . . .

Chapter 34

Mhmmm . . . oh . . . was ist das? Ich fühle mich wie zerschlagen, irgendwie taub, steif und immer noch müde. Die Sonne kitzelt meine Nasenspitze und etwas raschelt, als ich mich bewege. Gut, dann nicht mehr bewegen . . . tut so höllisch weh. Aber die Augen aufmachen wäre nicht schlecht . . . Langsam erinnere ich mich. Erinnerungen an den gestrigen Tag, dass ich IHN endlich losbin, an die Jungs, den Hafen, Janne, Lauri und die Bude hier, all das schwirrt mir durch den Kopf, während ich mich von der Morgensonne wärmen lasse.
Wo ist er eigentlich, mein Prinz in der XXS- Rüstung? Das fühlt sich nicht wie sein Schoß an . . . oder . . . NEIN! . . . Es ist einfach die Sofalehne, gut, nicht weiter hingucken, es zieht verdammt unangenehm, wenn ich mich auch nur ein bisschen drehe.
Momentchen mal, von da unten kommen so merkwürdige Geräusche . . .
„Lauri? Mopsimausi . . .?“
„Mhmmm? Will nich in die Schule . . .“
„Musst du auch gar nicht, Dickerchen, heute ist Sonntag.“
Dort unten auf dem Boden liegt er, zusammengerollt wie eine Kugel und glupscht mich mit großen verschlafenen Augen an. Ich muss einfach lachen, sodass mich meine geschundene Bauchdecke entrüstet daran erinnert, dass sie die brutalen Tritte von gestern noch nicht vergessen hat. Ächzend lasse ich mich zurück auf Sofa fallen und starre gegen die Wand, bis der Schmerz nachlässt und eine besorgt blinzelnde Rasnuss mit zerwühlten Haaren neben mir auftaucht.
„Wie geht’s dir? Immer noch so schlimm?“
„Nein . . . es ist schon besser, lässt sich leichter aushalten.“
„Das sagst du doch nur, damit ich nicht doch einen Arzt rufe.“
„Quatsch, es geht schon. Lauri, ich will einfach nicht, dass meine Mutter oder sonst wer davon erfährt. Die Sache soll nicht an die große Glocke gehängt werden, ich wills einfach nur noch vergessen, verstehst du?“
„Aber es ist auch nicht okay, wenn die Typen einfach so davon kommen.“
„Ich weiß doch gar nicht, wers war, wenn du dir jetzt Janne schnappst und Charles Clique vermöbeln willst, werden die sich auch wieder rächen und dann geht der ganze Mist immer weiter . . .“
„ Schon, aber ich kann das nicht einfach so hinnehmen . . . wie geht’s deinem Bauch?“
Ich ziehe vorsichtig mein Shirt hoch und erschrecke selbst über das, was ich sehe. Überall rote und blaue Flecken, an der rechten Hüfte sogar aufgescheuerte Stellen. Kein Wunder, dass sich meine Rippen wie gesteinigt anfühlen.
Er zieht scharf die Luft ein und sieht mich dann mit leidendem Gesichtsausdruck an.
„Kannst du mich vielleicht ein bisschen verstehen? Dass ich dir helfen will, wenn ich das sehe?“
„Ja, doch, aber . . .“
„Aber?“ Er zieht sich hoch, sodass er jetzt neben mir auf dem Sofa sitzt, ich seine Wärme kann, wo das Plastik nicht zwischen uns ist.
„Aber ich will trotzdem nicht, dass du dir Sorgen machst. Ich wollte dich auch nicht da mit reinziehn, ich hab einfach nicht aufgepasst, wo ich hingelaufen bin . . .“
„Dann hätten dich die Bullen morgen wirklich aus dem Straßengraben fischen können.“
„Warum wirklich?“
„Weißt du nicht mehr, vor dem alten Probenraum?“
„Achso, doch . . .“ Dass er sich daran doch erinnert . . .
„Ich wollte dich auch nicht anbrüllen . . . Ich hatte einfach Schiss, dass er dir diesmal richtig wehgetan hat . . .“
„Warum hast du eigentlich keine Freundin?“ DAS interessiert mich schon lange . . . und als Invalide darf man ruhig mal so neugierig sein.
„Weil . . . ich weiß nicht . . .“ Hach, jetzt hab ich ihn überrumpelt, er wird knallrot und spielt mit einem Ende der Folie herum. „ . . . warum?“
„Weil du zeitweise ziemlich knuffig, höflich und lieb sein kannst.“

„Gibt’s denn keine, die dich interessiert?“
„Doch . . .“ Mein Herz schlägt bis zum Hals, mein Körper fühlt sich an, als würde er glühen, als ich langsam den Kopf hebe und ihr direkt in die Augen sehe. Was tue ich hier überhaupt?
Ein breites Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus und sie lehnt sie zurück, verschränkt die Arme umständlich hinter dem Kopf, um ja nicht gegen ihren Bauch zu stoßen.
„Wer ist es? Sag schon, ich bin neugierig?“ Habe ich in ihren Blick etwas hineininterpretiert, was gar nicht da war? Dieses Flackern . . . nein, nur dieses schelmische Lächeln, dass ich so mag. Sie ist ehrlich . . . im Gegensatz zu mir. Ich erzähle ihr von irgendeinem Mädchen aus meiner Klasse, das ich angeblich toll finde, aber es ist alles eine einige große Lüge, jedes Detail erstunken und erlogen. Ich will nichts von dieser Tussi, finde sie nichteinmal hübsch, will nur diese tiefe Enttäuschung unterdrücken, die sich in mir ausbreitet.
Was habe ich eigentlich erwartet? Wieso sollte plötzlich alles anders sein? Warum sollte ich denn glücklich sein . . .
Ich bin fertig, habe eine wunderbare Geschichte zusammengedichtet, die sie anscheinend zufrieden stellt, denn sie richtete sich mit zusammengekniffenen Augen auf und sieht mich dann lächelnd an. Dieses warme Braun mit dem rötlichen Schimmer . . .
„Du bist immer so lieb, Lauri. Wenn ich schon in die Scheiße gegriffen hab, hast du bestimmt Glück, sie muss dich einfach mögen.“ Das will ich aber doch gar nicht . . .
„Ach Quatsch, die will bestimmt nix von mir.“
„Mensch Nalle, mach dich doch nich immer so runter, das mach ich schon für dich.“ Sie grinst, schlingt plötzlich ihre Arme um meinen Rücken und zieht mich an sich, vorsichtig, wegen ihrem Bauch. Völlig überrumpelt lasse ich es mir gefallen, erwidere nach einem Augenblick zaghaft ihre Umarmung und fühle dieses merkwürdige Gefühl in mir aufsteigen.
„Krall dir die Tussi, okay?“
„Mhmmz . . .“ Präge mir den Geruch ihrer Haare ein, wie sie sich anfühlt, alles.
„Aber richtig . . .“ Sie löst sich von mir, grinst immer noch und kneift mich in die Wange. Zurück bleibt dieses unbeschreibliche tiefe Gefühl.
„Wie meinst du das?“
„Das weißt du genau . . .“ Mit einem Ruck steht sie auf, schließt kurz die Augen, scheint den Schmerz förmlich hinunterschlucken zu wollen, grinst trotzdem weiter.
„Soll ich dich nach Hause bringen?“
„Wir wollten doch mit den andren in den Park.“ Quengelt verzieht sie das Gesicht und sieht mich beleidigt an.
„Ja schon, aber du . . .“
„Nix, ich bin doch nicht tot. Vielleicht treffen wir dein Honeymäuschen.“ Schon ist sie draußen, scheint ja doch nicht so schlimm zu sein . . . aber mir geht’s scheiße und ich darf mir nicht mal was anmerken lassen, . . . so wie sie.

Chapter 35

„Lizzzzy! Pass!“
Wumm, mit einem Grinsen holte Janne aus und feuerte den kleinen Baseball in ihre Richtung.
„Hööö?“ Eigentlich war sie nur kurz aufgestanden, um mit dem Eismann zu flirten, Lauri hatte ihr in einer halbstündigen Diskussion klar gemacht, dass es besser war, heute nicht finnisches Baseball zu spielen und so hatte sie sich resigniert am Rande der großer Wiese niedergelassen und den Jungs zugesehen.
Plötzlich prallte etwas gegen ihren Bauch, der Schmerz von gestern Abend strömte von diesem Punkt in jeden Winkel ihres Körper, bis ihr schließlich schwarz vor Augen wurde.
Kurz stand sie noch schwankend im Schatten der großen Kastanie, hörte noch Lauris erschrockenes Quieken und kippte dann schließlich bewusstlos nach hinten um.
Aliisa gefiel dieser Zustand, nichts tat mehr weh, weder körperlich noch seelisch, alles war einfach schön, warm und nett. Zwar hatte sie das Gefühl in einem schwarzen See zu schwimmen, aber von Zeit zu Zeit durchzogen bunte Ströme diese Trist und brachten sie mit ihren eigenartigen Verrenkungen zum Lachen.
„Sie dreht durch!! Oh Gott, Janne was hast du GEMACHT!?“
Verzweifelt versuchte sie die lauten Stimmen zu unterdrücken, sich wieder ganz dem Spiel der Farben und der pinken Kaninchen hinzugeben, doch die Wärme und Sorglosigkeit stellte sich nicht mehr ein, der Schmerz kehrte zurück. Langsam schlug sie die Augen auf, ihr Kopf war zur Seite gekippt, sodass sie direkt zwischen Lauri und Janne hindurch auf den Gehweg sah.
„Liisa, es tut mir leid, ich wusste doch nicht, dass . . . warum habt ihr uns das nicht gesagt!?“
Sie hörte zwar die Worte, konnte aber keinen Sinn darin sehen, nur bekannte Laute, sonst nichts. Sie starrte einfach weiterhin zum Weg hinüber und beobachtete die Menschen die dort auf und ab gingen.
„Sie hat den Verstand verloren und DU bist Schuld!“ wimmerte Lauri direkt neben ihr, doch sie ignorierte ihn, konnte den Sinn der Sätze nicht erfassen.
„Nein, DU bist Schuld, DU hättest uns sagen müssen, was passiert ist.“
„Damit du gleich wieder zu Mr. Charles rennst und ihm eine reinhaust, obwohl er’s vielleicht gar nicht war!?“
„Charles?! Ich bring ihn um, dieses Schwein.“ Eine ruckartige Bewegung neben ihr ließ sie kurz zusammenzucken.
„Da ist sie.“
„Was?“ Jemand beugte sich über sie, es roch nach Paulis Aftershave, aber sein Gesicht war zu verschwommen, um ihn zu erkennen.
„Da drüben.“
„Wer denn?“ Lauri . . . dachte sie, als jemand fluchend gegen Paulis Kopf stieß.
„Sie.“
„Okay, das reicht, ich ruf nen Arzt.“ Hektisch stand er auf und wollte sein Handy suchen gehen, als sie ihn zaghaft am Bein festhielt.
„Guck doch mal.“
„Liz, du bist . . . reif fürs Hirnathletencollege!“
„LAURI!“ kam es gereizt von den anderen zurück und er lief rot an. „Habs doch nich so gemeint . . . das warn Witz!“
„Haha, sehr komisch. Lizzylein, kannst du mich verstehn?“ Mit einem sanften Lächeln sah Janne sie an und nahm behutsam ihre Hand.
„Lass das Geschwafel, hilf mir lieber hoch.“ Die Farben verschwanden, die Konturen klärten sich und sie sah vier besorgt aussehende Rasnüsse sowie einen geschockten Aki über sich knien.
„Wenn sie wieder böse sein kann, ist doch wieder alles gut, oder?“ fragte Pauli vorsichtig und legte den Kopf schief.
„Schneeeeeell, gleich is sie weg!“ Ohne auf die zweifelnden Gesichter der Jungs zu achten, griff sie nach Akis und Lauris Hand, zog sich an ihnen hoch und rannte über den Rasen davon. Die beiden anderen verloren allerdings vor lauter Schreck das Gleichgewicht und versuchten sich jeweils an ihrem Nebenmann festzuhalten. Da aber auch diese nicht besonders stabil waren, herrschte innerhalb weniger Sekunden ein regelrechter Rasnusssalat unter der großen Kastanie. Überall zappelten Arme und Beine, es wurde geflucht und gestrampelt, bis jeder wieder für sich auf der Wiese saß.
„Wer hat mir an den Hinter gegrapscht, hää? Raus damit!“ Beschwerte sich Eero und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das hast du dir bestimmt wieder nur eingebildet.“ Murmelte Aki und suchte mit den Augen nach Aliisa, während er sich geistesabwesend ein paar kleine Blätter aus den Haaren pulte.
„Gar nich . . .“ brummte sein Gegenüber und stierte misstrauisch die anderen an.
„Was will sie nur von der Tussi?“
„Was, die gibs echt?“ Verblüfft wälzte sich Lauri auf den Bauch und starrte in die Richtung, in die Akis Zeigefinger wies.
„Ja, guck mal, das Blondi mit dem pinken Röckchen . . . man, hat die nen fetten Arsch.“ Kichernd sah er zu Boden, während die anderen ihrerseits das Geschehen dort drüben verfolgten.
Nur Lauri starrte ausdruckslos auf die beiden Mädchen, bis sein Gesicht schließlich einen entsetzten Ausdruck annahm.
„Oh Gott, ich glaub, ich weiß wer das ist.“
„Jaaaaaa, das is doch Laura aus unserer Klasse, nech Lintu?“ Pauli grinste, zog dann aber leicht eine Augenbraue nach oben, als sich die Augen seines Freundes panisch weiteten.
„Ich muss . . . das verhindern.“ Gehetzt sprang er auf und wollte hinüber rasen, doch Aliisa kam ihm auf halbem Weg fröhlich entgegen gehüpft und sah ihn strahlend an.
„Liz, was hast du gemacht?“ fragte er fast weinerlich, doch sie das, packte ihn einfach am Handgelenk und schleifte ihn mit sich zurück zu den anderen.
„Aaaaalso, Kinnerz. Janne, du hast mich zwar umgehaun, aber das war gut so, denn ich hab deswegen das Objekt von Nalles Begierde gesehen und ratet mal, was passiert ist.“
„Sags uns, Prinzessin.“
„Lauri hat ein Daaaaaaate!!!“ strahlend ließ sich sie von Janne auf den Boden ziehen und sich eine Flasche wasser in die Hand drücken.
„Hast du sie noch alle?! Ich . . .“
„Ach Dickerchen, du musst nich nervös sein.“ Glücklich grinsend zog sie ihn nun neben sich und legte ihren Arm um seine Schulter.
„Ich bin . . .“
„Du hast mir geholfen und jetzt tu ich was, damit du glücklich bist.“
Resigniert gab er seine Versuche auf, ihr zu widersprechen und blieb wortlos an seinem Platz sitzen, während die anderen sich weiterhin lautstark unterhielten. Der einzige Trost war ihre wärme, die allmählich durch sein Shirt kroch und die Nähe, die ihr Arm auf seiner Schulter auslöste. Wieso hatte er das alles gesagt, warum hatte er so eine dreiste Lügengeschichte zusammengesponnen? Er hätte wissen müssen, dass sie nicht . . .
Er wollte diese andere Seite an ihr, von der nur er wusste, dass es sie gab. Nein, er wollte sie, alles von ihr . . . Doch sie machte alle seine naiven Hoffnungen zunichte und er wusste, dass er mitspielen würde, ihr zuliebe, um sie glücklich zu machen.
Chapter 36

[ 2 Wochen später]

Angewidert werfe ich dir Tür hinter mir zu und schüttle mich wie ein Straßenköter. Wir waren am See, Janne, Liisa, Aki, Pauli, Eero und ich. So wie früher, als ich mich noch nicht abmelden musste, wenn ich mich mit meinen Freunden treffen wollte. Jetzt bestimmt Laura, wie ich meine Zeit zu verbringen habe . . . LAURA, welcher normale Mensch heißt bitte LAURA?! Und nein, ich finde es überhaupt nicht süß, dass wir uns nur durch einen kleinen Buchstaben unterscheiden, ich finde es zum Kotzen.
Durch die Fenster fällt kurz grelles Licht, kurz drauf ein langer, grollender Donner. Es gießt wie aus Eimern und ich könnte auf Anhieb nicht sagen, wo ich nicht nass bin . . . Wenn Liz mich nicht in die Seite gepiekst hätte, wäre ich vielleicht auch nicht ausgerutscht und den Hang hinunter gerollt. Aber andererseits war das eins der vielen Highlights des Tages, ich fühle mich gut und ich lasse mir meine Laune nicht durch diese breitarschige Tusse vermiesen, die sich meine Freundin nennt.
Achtlos werfe ich mein Shirt in die Ecke und lasse mich im Wohnzimmer seufzend auf die Couch fallen. Sturmfreie Bude, juhu. Keine Liebesfilme und widerlich grapschende Laurahände, sondern ein schöner, guter Horrorfilm zum Abschluss des Tages.
Meine Haare tropfen kleine Seen auf den Fußboden, aber das ist mir egal, ich drehe die Sicherungen wieder rein und gehe dann in die Küche, um mir irgendwas Essbares zu beschaffen. Aus dem Kühlschrank schmachten mir nur ein paar Herzchenpralinen von LAURA entgegen, die ich mit spitzen Fingern in den Mülleimer befördere.
Gut, weiter zum nächsten Schrank . . . ein Lebkuchenherz? Ähhhhh, Sondermüll. Gibt’s hier nichts, was nicht von Mrs Brauereigaul kommt? . . . sehr schön, eine Tüte Chips und eine halbe Flasche Rotwein.
Ich packe den Kram und beschließe zum zeigtausendsten Mal, mit ihr Schluss zu machen, bevor ich mich wieder auf die Couch knallen lasse und den Fernseher anschalte.
Nein, eigentlich ist das nicht der Punkt . . . ich sollte vielmehr mit Liisa reden, die mich jedes Mal davon abhält dieses Grauen zu beenden. Hätte ich nur damals nicht diese absurde Lügengeschichte erfunden, hätte ich ihr einfach die Wahrheit gesagt, dann . . . ja was wäre dann eigentlich?
Gott, verdammt, ich hab langsam keine Lust mehr, mich ständig anzüngeln und begrapschen zu lassen. Ich bekomm ja schon fast Ausschlag, wenn sie mich umarmt. . . . Arghs, nich dran denken, sonst hab ich den Horror, bevor der Film läuft.
Warum tue ich mir das eigentlich an? Weil ich Aliisa nicht enttäuschen kann und ich ihren großen dunklen Augen nicht widerstehen kann . . . Schluss! Kettensägenmassaker geht los.

Nette Kameraeinstellung. Das Blut spritzt auf die Kameralinse und im Hintergrund sieht man schemenweiße abgetrennte Körperteile durch die Luft fliegen. Das ist sooooo viel besser als Romeo und Julia . . .
Was zum . . . na toll, Gewitter schön und gut, aber warum zum Teufel muss dann IMMER der Strom ausfallen!? Jetzt sitz ich hier im Dunkeln, mit meiner halbleeren Chipstüte und starre den schwarzen Bildschirm an . . . das ganze Haus ist dunkel, draußen tobt der Sturm.
Scheiße, Lauri, du bist 15, keine 5! Nocheinmal tief durchatmen, dann stehe ich auf und gehe hinüber zum Schrank, da müssten noch Kerzen sein, von Weihnachten 89. Tatsächlich find eich noch ein paar rote Stumpen und zünde sie mit einem original von Liz gemopsten Feuerzeug an. Sie findet, ich rauche zuviel . . . pöh, das ist das einzige, was LAURA auf Distanz hält.
Der Raum taucht sich in ein dämmriges, schemenhaftes Licht, noch unheimlicher als das vollkommene Finster . . . Die Sicherung! Vielleicht sind die Sicherungen nur wieder rausgesprungen! Hastig gehe ich durch den Raum und will gerade rechts in den Flur einbiegen, als es drei Schritte links von mir an der Tür klopft. Wie erstarrt bleibe ich stehen, fast wie gelähmt. Blut schießt mir in den Kopf und ich fühle mich, als würde jemand in mir ein Feuer schüren.
Es klopft wieder, diesmal eindringlicher. Mein Kopf bearbeitet meinen verängstigten Instinkt, gewinnt schließlich und bringt mich dazu, zur Tür zu gehen und die Hand auf die Klinke zu legen.
Mein Herz pocht so laut, dass man denken könnte, sogar die Nachbarn könnten es hören. Würden sie auch meine Hilfeschreie hören?
Die Tür öffnet sich, ich öffne sie, Zentimeter für Zentimeter.
Vor mir steht eine schwarze Gestalt, ich kann kein Gesicht erkennen, es ist alles von schwarzem Stoff bedeckt, wie in dem Film . . . Eine Millisekunde starre ich das Wesen an, mir wird klar, dass ich kreische, was meine Stimmbänder hergeben.
Kalte, feuchte Hände pressen sich auf meinen Mund, schlammige Strähnen streifen mein Gesicht und die Tür fällt wieder ins Schloss. Es riecht nach Sumpf, atmet schwer und ich starre es mit panisch geweiteten Augen an.
„Sag mal, haben sie dir ins Hirn geschissen oder was? Du krähst ja, als hätte man dich kastriert.“
Das Wesen zieht sich die Kapuze vom Kopf und Aliisas blitzende Augen funkeln mich an.
„Gott . . . du . .. ich hasse dich.“ Erleichtert lasse ich mich auf die Treppe fallen und fahre mir mit den Fingern durch die Haare.
„Tust du nicht, du hast mich lieb. Hast du Besuch oder so?“ sie grinst zweideutig und verrenkt sich fast den Hals nach den Kerzen und dem Rotwein.
„Nein, hab ich nicht.“
„Ohh, schon wieder Stress?“
„Ne, kein Bock auf Schmalzfilme, Gegrapsche und . . . ach, lass uns nicht darüber reden, okay? Du siehst . . . nass aus, was ist passiert?“
„Mhmm, nagut . . . Nea is nich da . . . und ich hab meinen Schlüssel verloren.“
Sie grinst schuldbewusst und wirft sich die tropfenden Haare über die Schulter.
„Und da hast du gedacht, du könntest kurz mal den armen alten Lauri erschrecken, hää?“
„Hast du wieder Kettensägenmassaker geguckt? Du sollst das doch nich alleine machen, tzetze.“
„Tzio . .. du brauchst übrigens nicht so ängstlich zu gucken, meine Alten sind zwei Tage nich da.“
„Gott sei Dank . . . äh, sorry.“
„Hast doch Recht. Wenn du willst, kannst du duschen, sonst ziehst du noch Schlammspuren hinter dir her.
„Aye, Sir. Übrigens . . .“
Sie setzt einen Fuß auf die Treppe und grinst.
„Netter Oberkörper.“
Schon ist sie weg und ich bleibe schmachtend stehen . . . Lauri, was tust du da? Geh saufen und hör auf son Mist zu denken.

Noch ein halbes Fläschchen Wein ist übrig. Ich kuschle mich enger in die Decke und stopfe mir noch ein paar Chips in den Mund, bevor das blonde Gift zurückkommt und mir alles wegfrisst. Aliisa kann essen was sie will und wird nie fett dabei, ich hab immer gleich Rettungsringe … Apropos Ungetüm, sie ist schon seit mindestens einer halben Stunde da oben; warum müssen Weiber immer so lang im Bad brauchen?
Ein unterdrücktes Gähnen an der Tür lässt mich kurz aufblinzeln. Auf dem Bildschirm fliegen gerade wieder Leichenteile herum, das Licht funktioniert theoretisch auch wieder, aber ich war zu faul die Kerzen auszumachen. Außerdem ist es ganz gemütlich . . .
„Wie spät isses eigentlich?“ Ihre Stimme klingt so dunkel . . . erotisch? Maul halten, Ylönen .
„Halb eins durch.“
„Ich bin so müde . . .“ Sie krabbelt schwerfällig aufs Sofa und wirft sich die nassen Haare über die Schulter.
„Du musstest mich ja auch dreimal um den See jagen.“ Grinsend schnipse ich ihr einen Chipsbrösel ins Gesicht und ernte dafür einen entrüsteten Tritt in den Hintern.
„Du hättest mir ja nich mein Bikinioberteil klauen müssen.“
„Sei froh, dass dus nich angehabt hast.“
„Sei DU froh, dass ich’s nich angehabt hab.“
„Ohh, jetz hab ich aber Angst.“ Zitternd halte ich mich an der Flasche fest und schüttle sie ängstlich.
„Na warte, Zwerg, dafür hol ich mir deine Nase.“ Fies grinsend springt sie mich an und will sich die Chips krallen, aber ich bin schneller und schiebe sie außer Reichweite, wofür sie mir verärgert in die Wange kneift.
„Das tut wehhheeee!“
„Solls ja auch, du lässt mich verhungern.“
„Du hast doch schon meine Klamotten an, was willst du denn noch?“
„Das sind MEINE Klamotten, die hab ich auf den Ofen schockgedörrt.“
„Ach deshalb riechst du immer noch nach Algen.“
„Du bist fies.“
„Dann bist du scheißgemein.“
„Gar nich . . .“ Sie verzieht beleidigt das Gesicht, doch aus den Augenwinkeln schielt sie schon wieder auf die Tüte, die hinter dem Sofa darauf wartet, vernichtet zu werden.
„Wenn du brav bist, bekommst du was zu essen, okay?“
„Das is ja wie im Knast.“
„Oder einem sadistischen Porno.“
„Sag jetzt nicht, dass du auf sowas stehst.“ Sie zieht ungläubig eine Augenbraue hoch, während mein Kopf sich mal wieder in eine holländische Riesentomate verwandelt.
„Das hab ich nie gesagt . . .“
„Soso . . . unser kleiner unschuldiger Nalle . . .“ ein breites Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus und sie robbt langsam näher, bis sie direkt vor mir hockt und mich mit ihren umwerfenden Augen fixiert. Mein Verstand setzt aus, ich sehe nur noch dieses tiefgründige, warme braun mit dem hellen Flackern darin . . . sogar die Flammen der Kerzen spiegeln sich darin wieder . . . wie wunderschön sie aus der Nähe ist . . .
„Lauri!? Geht’s dir gut?“
„Mhmmmm.“
„Warum guckst du mich dann an wie ne Kuh, wenn’s donnert?“
„Weiß nich . . .“
„Äh . . . ja . . . hehe . . . guck mal, feiner Weeein.“ Sie wedelt mit der Flasche vor meiner Nase herum und blinzelt erwartungsvoll. Langsam wird mir klar, wie lange ich sie einfach nur angestarrt habe . . .
„Na gib schon her, das warn Witz . . .“
„Ohhh, gut. Ich dachte schon, du fängst jetzt an irgendwas auf Altgriechisch zu labern und den Weltuntergang vorauszusagen.“
„Ach Liz . . .“
Ich ziehe sie in einem Anflug von Selbstüberschätzung und Wahnsinn an mich, sodass sie vor mir auf dem Sofa liegt, und vergrabe mein Gesicht in ihren Haaren.
„Bist du müde?“
„Mhmmm.“ Gott, ich bin im Himmel.
Ich spüre, dass sie lächelte, ganz leicht . . . spüre sie atmen, ihre Wärme. Meine Augen werden schwer und ich schlafe mit dem Bewusstsein ein, dass kein Zentimeter Platz mehr zwischen ihr und mir ist.


Chapter 37

Wärme . . . Wärme und Stille umgeben mich. Es ist, als ob ich in ein kaltes tiefes Loch fallen würde, wenn ich die Augen öffne. Aber das werde ich nicht tun, ich vermeide sogar, mich zu bewegen, um nicht aufzuwachen. Aber da ist etwas anderes, was mich davon abhält wieder in der wohltuenden Schwärze des Schlafes zu versinken . . . Es fühlt sich gut an, sehr gut sogar . . . ich kann noch nicht begreifen, was es ist, aber ich will nicht, dass es aufhört.
Ich schmiege mich dagegen, ahnungslos, leichtsinnig. Ich weiß nichts, ich spüre nichts außer diesem Gefühl, das mich langsam ausfüllt. Nur nicht aufwachen, nur keinen Gedanken, keine Überlegung, keine Zweifel zulassen, nur genießen . . . es wird früh genug zu Ende sein.

Sachte streiche ich über ihre Wange. Draußen regnet es noch immer, es ist dunkel und nichts regt sich, außer mein wild schlagendes Herz . . . ich habe Angst, dass sie davon aufwachen könnte. Mein Zeigefinger fährt vorsichtig die Konturen ihrer Lippen nach, ein unbändiges Verlangen sie zu küssen überkommt mich, aber ich tue nichts, bleibe still liegen und spüre ihre warme Haut unter meinen Händen.
Ihr Gesicht hat so etwas mädchenhaftes, zerbrechliches, ganz anders als sonst . . . ich gleite tiefer, streife kurz ihren Hals und streiche eine kleine Strähne beiseite. Es ist so wahnsinnig aufregend . . . ich will sie wecken, endlich mit offenen Karten spielen und doch habe ich Angst, alles kaputt zu machen, diese wunderbare Freundschaft zu zerstören. Nein, vielleicht ist es für sie nur Freundschaft, für mich ist es schon lange mehr als das . . .

Farben tun sich vor meinem inneren Auge auf, helle, warme Farben. Sie ziehen vorbei, spielen miteinander, während sich das Gefühl intensiviert. Ich will nicht, dass es mich weckt, dass ich weiß, was es ist. Ich will es einfach nur spüren, mich von ihm durchfluten lassen, während ich auf dem schmalen Grat zwischen Schlaf und Wachsein balanciere.
Manchmal wird mir mein Körper kurz bewusst, die Punkte, auf denen das Gefühl seinen wohltuenden Schleiher hinterlässt, verbinden sich zu einem und bringen mich fast zum Schreien vor Sehnsucht.
Dann gleite ich wieder in die Schwärze zurück, es bleibt nur ein Hauch zurück, trägt mich kurz, bringt mich höher, bis ich abdrifte und vollends dem Schlaf verfalle.

Sie atmet wieder ganz ruhig, eben dachte ich, sie würde aufwachen, merken, dass ich sie berühre . . . darf ich das? Ich meine, sie ahnt vielleicht nicht einmal etwas von dem, was ich für sie empfinde. So lange habe ich es versucht zu unterdrücken, aber wir sind uns näher gekommen, Berührungen ganz selbstverständlich geworden. Ich bin mit Laura zusammen . . . weil sie es so will, weil sie denkt, dass dieses Gör mich glücklich macht. Dabei ist es jedes Mal wie Folter, wenn ich mich mit ihr treffen muss, sie mich anfasst und ich so tun muss, als würde ich es genießen . . . Ich unterdrücke den Würgereiz und die Abscheu, die mich plötzlich überfallen . Es klingt merkwürdig, aber ich hasse es, wenn sie an mir herumfummelt. Ich weiß, dass ich es mögen sollte, ganz gleich, was für ein Mädchen sie ist, aber ich kann das nicht und ich will es auch nicht. Ich sollte sie in die Kiste zerren, sie vögeln wollen . . . Gott, gib mir ne Kotztüte. Vielleicht bin ich ja schwul? . . . Nein, denn dann würde ich es jetzt nicht so unwahrscheinlich genießen, ihr nahe zu sein, ein Stückchen von ihrem nackten Rücken an meinem Bauch zu spüren..
Diese beiden „sie“s in meinem Kopf . . . das eine klingt wie eine vierstündige Mathearbeit, die man in Shorts im Snowcastle von Kemi schreiben muss, das andere wie Feuer, Wärme, Licht und Geborgenheit.
Abrupt wende ich mich ab und klettere vorsichtig über die Sofalehne, um sie nicht doch noch zu wecken.

Ein hartnäckiges Knistern ließ Aliisa aus ihrem Halbschlaf erwachen. Blinzelnd öffnete sie die Augen und versuchte etwas zu erkennen. Es war angenehm dunkel im Raum, nicht wirklich Nacht, aber irgendwie düster. Ein Blick zum Fenster hinüber zeigte ihr, dass es draußen wie aus Eimern schüttete. Langsam kehrte die Erinnerung zurück und sie wandte sich wieder der lästigen Geräuschquelle zu, die sich als Lauri, der neben ihr im Schneidersitz hockte, herausstellte. In der Hand hielt er eine Tüte Eis und hatte anscheinend ernsthafte Probleme mit dem gemeinen, bunten Papier.
„Lauri . . . was, verdammt noch mal, machst du da?“ fragte sie mit belegter Stimme und sah zu ihm auf.
„Ich ess n Eis.“
„Ach ne.“ Gähnend rollte sie sich auf die andere Seite, sodass sie ihn ansehen konnte, ohne Gefahr zu laufen, sich den Hals zu verrenken.
„Ach doch.“
„Wie spät ist es?“
„ Zehn nach neun.“
„Warum isst du um neun Uhr morgens Magnum Classic?“
„Warum nicht?“
„Weil du gar kein Magnum magst.“
„Jetzt schon.“
„Bist du schwanger?“
„Mhmm, vielleicht.“
„Von wem?“
„Weiß ich nich mehr, war besoffen.“
„Scheiße . . .“
„Mhmm.“ Triumphierend schnippte er das Papier davon und biss ein kleines Stückchen von der Schokolade ab.
„Das wird Laura aber gar nich gefallen.“ Sie grinste breit und griff nach seiner Hand, um ein bisschen von dem Eis zu klauen.
„Die kann mich mal.“ Bereitwillig ließ er zu, dass sie sein Handgelenk umfasste.
„Stress?“
„Nö.“
„Aber?“
„Nix.“
„Lass dir doch nich jedes Wort aus der Nase ziehen..“
„Magst du Kaffee?“
„Ja, aber . . .“
„Liisa, bitte . . .“ Leidend verzog er das Gesicht und stierte dann stur auf sein Eis.
„Sorry, ich bin mal wieder viel zu neugierig, tut mir leid.“ Entschuldigend legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und schob mit dem Fuß die leere Weinflasche unters Sofa.
„Macht doch nix, Prinzessin.“ Er lächelte gezwungen und stand dann schnell auf, um in die Küche zu verschwinden.
Lauri konnte ihre Nähe nicht ertragen, nicht wenn sie von Laura sprach und ihr Verhalten somit deutlich in die Kategorie „tiefe Freudschaft“ einordnete.
Seufzend wühlte er in den Küchenschränken und schüttete dann die doppelte Portion Instandkaffee in seine Tasse.
„Mopsiiii? Dein Ding klingelt.“
„Tut es nicht.“
„Doch, hör dochmal.“
Als er das Wohnzimmer betrat, robbte Aliisa gerade auf dem Boden herum und zog sein Handy unter dem Knäuel aus Decken, Fernbedienung, Tüten und Flaschen hervor.
Stolz hielt sie es ihm entgegen und sah in triumphierend an.
„Siehst du, ich hab doch keine Hallus.“
„Ach das Ding meintest du.“
Grinsend lehnte er sich in den Türrahmen und bekomm im nächsten Moment ein sauber platziertes Kissen mitten ins Gesicht.
„Du SAU! Und jetzt geh gefälligst ran.“
„Wer isses denn?“
Satt einer Antwort flog ihm nächsten Moment das Handy entgegen und er krallte es mit einem Hechtsprung aus der Luft, bevor es an der Wand aufschlug.
„Spinnst du?“ maulte er verärgert und ignorierte ihr entschuldigendes Grinsen, bevor er den Anruf seufzend entgegennahm.
„Wer stört . . . oh, hallo Laura.“ Er sprach das Wort aus, als hätte ihm gerade jemand Paulis Sportsocken unter die Nase gehalten und verdrehte die Augen zur Decke. „ . . . heute Abend? Also eigentlich . . .“
Irritiert sah er zu Aliisa hinüber, die sich fast die Arme abfuchtelte und dabei wild herumhüpfte. „Ähm . . .“ Mit einem lautes Krachend landen knallte sie vom Sofa, was sie aber nicht davon abhielt, weiterhin unkoordiniert in der Gegend herumzugestikulieren.
Lauri ließ das nervende Weib am anderen Ende einfach weiterschnattern und sah ihr interessiert dabei zu.
„Nu mach doch.“ Zischte sie und hibbelte auf dem Teppich herum, wobei sich bei Lauri die Frage auftat, ob sie vielleicht vergessen hatte, letzten Abend ihren BH wieder anzuziehen . . .
Seufzend wandte er sich wieder seinem quasselnden Handy zu und wartete, bis Laura Luft holen musste, um sich wieder einzuschalten. „Wasn heute Abend? . . . Aha . . . Ähm, ja . . .“
Unwillig zog er eine Augenbraue nach oben und sah aus den Augenwinkeln kurz zu Liz hinüber, die ein paar Meter neben ihm auf dem Boden kniete und selig vor sich hin glupschte.
„Ja, bis dann . . . mhm, wie schön, tschüss.“
„Wie schön!? Was hat sie denn da bitte gesagt?“
Er überlegte kurz, entschied sich dann aber dafür, ihr besser nicht zu sagen, dass er nicht mit den Worten „Ich liebe dich auch.“ zum Lügner werden wollte.
„Hab ich vergessen.“
„Jaaaaaa, klar und ich bin Mutter Theresa.“
„So siehst du aber nich grade aus.“
„Mann, du hast heut wieder Testosteronüberschuss.“ Kopfschüttelnd verpasste sie ihm eine Kopfnuss. „Aber den kannst du ja heute Abend loswerden.“ Sie grinste und stand dann auf, um sich ihren inzwischen lauwarmen Kaffe aus der Küche zu holen.
„Häää?“
„Denkst du, ich weiß nicht, was ihr vorhabt?“
„Ähm, was haben wir denn vor?“ Schlimmes ahnend rappelte er sich ebenfalls auf und hetzte ihr hinterher.
„Ach Dickerchen . . .“ Seelenruhig ließ sie einen Löffel Zucker in die schwarze Brühe rieseln und grinste weiterhin von einem Ohr zum anderen.
„Ich bin nicht dick.“
„Stimmt, is nur Babyspeck.“ Zu spät sah er ihre Hand kommen und quiekte im nächsten Moment empört auf, als sie ihn in die Wange kniff.
„Lass das, verdammt.“
„Tschuldigung, war so verlockend.“
„GRINS NICH SO!“
„Lauri, was ist mein Lieblingssong?“
„Ähm . . .oh . . . your sweet 666 . . .“
„Ganz genau . . .“
„Ohhhh nein, GANZ bestimmt nicht . . . ich werde doch nich mit Laura . . . ahhhh.“
„Jetzt stell dich doch nich so an, du magst . . .“
„Lalalalalaalalalalalalaalala, ich kann dich nich höreeen.“ Mit den Fingern in den Ohren wollte er zur Tür hinaus flüchten, aber Aliisa war schneller und versperrte ihm den Weg. In Zeitenlupentempo rührte sie in ihrer Tasse herum und drückte seine Arme schließlich mit sanfter Gewalt nach unten.
„Das is eindeutig ein Fall für ein Rasnusstreffen mit Anhang.“
„Muss das sein, Aki und Janne . . .“
„Aki und Janne haben selber noch keinen Schuss gelandet, die sollen ma schön ruhig sein.“
„Woher weißt DU das bitte?“
„Das erklär ich dir n andermal, jetzt zieh dir erstma was an, sonst behauptet deine Ma wieder, ich wär deine Hure oder sowas.“
„Meine Mutter is ne dumme, alte Schlampe und außerdem nich hier.“ Brummte er und lief knallrot an.
„Aber Nalle, wie redest du denn, böser Junge, tzetze.“
„Du hast mich verdorben, Prinzessin.“
„Ohh, ich bin noch nicht fertig.“ Grinsend wandte sie sich um, blieb kurz an seinem nackten Oberkörper hängen und ging dann Kaffee schlürfend zurück ins Wohnzimmer.
Schluckend sah er ihr hinterher und hätte sie am liebsten angesprungen, nie mehr losgelassen . . . aber heute Abend würde er . . .
„Oh Gott, warum tu ich das eigentlich?“ murmelte er leise und sah an sich herunter.
„Weil sie es so will.“ antwortete seine innere Stimme.


Chapter 38

„Sehr geehrte Rasnüsse und Aki, wir . . .“
„Wie klingt das denn bitte? Ich will nicht ausgegrenzt werden.“ Maulte Aki und verschränkte gespielt gekränkt die Arme vor der Brust.
„Sehr geehrte Jungfrauen und Nicht – Jungfrauen?“
„Das is eindeutig ne Anspielung, du perverse Sau, du.“ Lauri verkroch sich tiefer in den Polstern des Sofas und krallte sich in das Kissen, das er auf dem Schoß hatte.
Mittlerweile war aus dem kahlen, kalten Probenraum eine kleine, chaotische Wohnung geworden. Neben dem schwarzen Ledersofa hatte der Raum ein zweites Highlight erhalten, ein sechseckiges Gestell mit Matratze und Rückenlehnen, das man sowohl als Bett als auch als Sitzgelegenheit nutzen konnte. Das Geld für das edle Stück hatten Janne und Aliisa in Gemeinschaftsarbeit Abend für Abend erpokert und fühlten sich deshalb persönlich beleidigt, wenn jemand ihrem heiligen Sofa etwas zu Leibe tat.
„Tut mir leid, ich kann nicht anders, das ist . . . erblich bedingt.“
„Tzio, Eero, da hast dus wieder . . . Eero? . . . Eeeeero!?“
„Höh?“
„Ach, vergiss es . . .“
„Na gut.“
„Mit dir kann man sich nich mal streiten.“ Murrte Pauli, stockte dann aber kurz und starrte fassungslos zu Lauri hinüber, der gerade dabei war, Aliisa anzuhimmeln und gleichzeitig völlig die Nerven zu verlieren.
„Du kleiner, mieser, dreckiger Vogel . . .“
„Wa . . ahhhhhhhh.“ Mit einem Hechtsprung hatte er sich auf den verängstigten König der Meere geworfen und malträtierte ihn nach allen Regeln der Kunst, während das Opfer wimmernd um Gnade flehte.
„Pauliiiii, lass das, er muss heute noch schwer arbeiten.“ Resolut packte Liisa ihn am Gürtel und zog ihn von Lauri herunter, der eingeklemmt zwischen zwei Rückenlehnen lag und winselte.
„Deshalb muss er sich aber nicht auf MEINE Schokolade setzten!!“
„Schoko . . .“
„Das war SCHWEIZER SCHOKOLADE!!! Die war teuer . . .“ Jetzt war Pauli an der Reihe herum zu flennen und langsam dämmerte es dem Mädchen, dass sie in der Sondergruppe der Nervenheilanstalt von Helsinki gelandet war.
„ . . . und jetzt klebt sie an Lauris Arsch.“ Bemerkte Janne kichernd und stieß dabei glatt den vollen Aschenbecher um, den sein Bandmate in der vergangenen Stunde überbelastet hatte.
„Gott, schick mir ein Zeichen und hol mich raus.“
„Nix da, du hast mir die Sache eingebrockt und jetzt holst du mich auch gefälligst wieder raus.“ Knurrte der Kleinste der Rasnüsse fingerte nervös die letzte Zigarette aus der Schachtel.
„ICH soll mit Laura in die Kiste steigen? Bei aller Freundschaft, aber DAS . . .“
„Halt die Luft an, das nich witzig.“
„Isses schon . . . stellt euch das mal vor . . . Liz mit nem Weib.“ Aki kringelte sich vor Lachen und fiel prompt über die Rückenlehne nach hinten um und landete krachend auf dem Fußboden.
Sogar Eero kicherte mit Janne zusammen um die Wette, nur Lauri schmollte vor sich hin und Pauli hatte seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt.
„Viel zu Schade . . .“ murmelte er glücklich und beschäftigte sich dann wieder mit dem XXL Mars, das er von ihr als Trost bekommen hatte.
„Ach Mopsimausi, so schwer is das doch nich . . .“
„Sei ruhig.“
Sei doch nich so schüchtern, du willst es doch.“ Grinsend klaute sie ihrem Anhängsel ein Stück von dem Riegel und biss genüsslich ein Stückchen ab.
„Ich will ja . . . aber nicht sie, sondern dich.“
Erschrocken sah er in die Runde, aber keine achtete auf ihn . . . er hatte also nur gedacht . . . Gott sei Dank.

„Du musst langsam los.“
„Ich kann nicht . . .“ erwiderte er leise und lehnte sich zurück, wo sie saß und seine Schultern massierte.
„Klar kannst du das . . . Tiger.“
„Tiger? Wie schwul ist das denn!?“
„Tiger of Love . . . klingt doch sehr eeeerotisch.“
„Hö?“
„Nix, Eero, gar nix.“
„Lass die beiden, Alter, Liisa übt nur schonmal mit klein Lintu . . .“
„Vor allem, wenn ihr dabei zuguckt.“ Gabe sie sarkastisch zurück und nahm Pauli zur Strafe sein Mars ab.
„Wir wollen doch nur was lernen . . .“
„Jaaaaaaa, wir wollen ALLES wissen.“
„In so dringenden Fällen geb ich auch Privatstunden.“ Für einen kuren Moment vergaß sie, was für ein zartes Wesen sie unter ihren Fingern hatte und fasste deshalb ein wenig zu grob zu, sodass Lauri mit einem Schmerzensschrei aufsprang, kurz taumelte und dann wie Aki über die Lehne knallte.
Erschrocken krabbelten die anderen zur Unglücksstelle und beugten sich hinunter, wo der Gestürzte flache auf dem Buch lag und sich die Nase am Parkett platt drückte.
„Aua . . .“ Nuschelte er nur.
„Hast du dir was gebrochen, Dickerchen?“
„Das wichtigste wird schon noch dran sein . . .“
„Was denn?“
„Na nix.“ Die Jungs grölten wie auf Kommando im Chor los und auch Aliisa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ich hasse euch.“ Murrte die Finnenflunder auf dem Boden und wälzte sich schwerfällig auf den Rücken.
„Soooo und da müsste jetzt mal so richtig draufspringen.“ Giggelte Janne und stieß Pauli in die Seite.
„Wenn du auf Lauri springst, ruf ich die Vereinigung liebeskranker Schwuchteln, damit sie euch mitnehmen.“
„Also bevor ich mich von Janne . . . baaaa . . . ich geh ja schon.“
„Braves Baby, viel Glück.“ Aufmunternd klopfte sie ihm auf die Schulter, wurde dann aber von den anderen zärtlich, aber bestimmt nach hinten geschubst, um ihrem Bandmate in letzter Minute noch ein paar nützliche Tipps zu geben.
„Männer.“ Brummte sie beleidigt und wartete geduldig, bis alle einen passenden Machospruch abgelassen hatten.
„Mach ihr den Hengst, Nalle!“ Mit Jannes Kampfgebrüll verließ Lauri den Raum, doch sie fing noch einen letzten Blick von ihm auf, bevor er die Tür hinter sich schloss. Er war enttäuscht, sehnsüchtig und verletzt . . .

Chapter 39

„Gott, ich bin so nervös.“
„Prinzessin, DU musst doch nicht mit Schwabbelar . . .“
„Janne!“
„Tschuldigung.“
Zusammengekauert saß Aliisa zwischen Aki und Janne auf dem Sofa, im Hintergrund liefen irgendwelche CDs auf und ab, doch sie nahm weder die Melodie noch die Texte wirklich war.
„Warum regst du dich denn so auf, Kleines?“
„Weil . . . er wie mein kleiner Bruder ist, auf den ich aufpassen muss.“
„Au, das solltest du ihn besser nie hören lassen.“
„Keine Sorge, ich würde niemals wagen, sein Ego zu verletzen.“
„So und jetzt hör auf dir Gedanken zu machen, er soll schließlich nur die Tusse vögeln und nich auf nem Einrad durch Lappland fahren.“
„Hört gefälligst auf , mich zum Lachen zu bringen.“
„Nieeemals, oder, Akischatzi?“
„Nur über meine rosablassblaugestreife Leiche, Jeanyschnucki.“
„Ihr seid scheiße . . .“ Lachend krallte sie sich ein Kissen und verpasste den beiden damit einen Schlag ins Gesicht, worauf sie aber lieber schnell die Flucht ergriff und zum anderen Ende der sechseckigen Matratze krabbelte.
„Na warte . . .“
„Nimm das zurück.“ Grinsend stürzten sich die beiden auf sie und drückten ihre Arme ins Polster, sodass sie nur noch hilflos mit den Beinen strampeln konnte.
Pauli hielt indessen sein Vor-Schlafenszeit-Nickerchen und Eero lugte nur ab und zu über den Rand seines Buches.
„Jajaja .. . Aki, nimm deine Finger da weg! . . . Ihr seid die tollsten, besten, stärksten und frisurtechnisch gutaussehensten Halbstarken in der ganzen Stadt.“
„Naaaaaaa, Prinzessin?“
Hämisch grinsend begann Janne sie an der Seite zu kitzeln und setzte sich klugerweise so, dass sie ihn nicht mit dem Bein erschlagen konnte.
„Bitte . . . ich . . . Pauliiiii!!“
„Wenn Pauli schläft, dann schläft Pauli, Liisaschatz.“
„Ihr seid die geilsten Typen von ganz Finnland!“
„Na also, geht doch.“ Grinsend ließen sie von ihr ab, nur um sie im nächsten Moment wieder zwischen sich zu ziehen und mit Süßkram vollzustopfen.
„Baaa, lasst das, ich bin fett genug.“
„Schwachsinn, du Zahnstocher und jetzt sei brav oder du bekommst Fluchverbot.“
„Ach du heilige Scheiße . . . ähm . . . aye, Sir.“
„Braves Mädchen . . . so und jetzt gucken wir Kettensägenmassaker Teil 2.“
„Das trifft sich ja gut.“
„Wieso?“
„Ach, nur so . . .“

Chapter 40

Scheiße, verdammte Scheiße! Warum tue ich mir das überhaupt an, WARUM? Vielleicht, weil ich durch diese ganze Sache viel mehr Zeit mit ihr verbringen kann . . . mit ihr reden kann, ohne das irgendwoher blöde Bemerkungen kommen. Merkt sie denn nicht, dass ich Laura auf den Tod nicht ausstehen kann? Naja . . . sie geht mir eben am Arsch vorbei . . . und jetzt bin ich grad auf dem Weg, um mit ihr . . .
Ein Schauer läuft über meinen Rücken, Wut der Verzweiflung steigt ihn mit auf und ich schnappe mir eine leere Flasche aus einem Mülleimer um sie mit voller Wucht gegen die nächste Hauswand zu donnern. Keuchend starre ich auf die Scherben, die im Mondlicht fahl glänzen . . . wir ihre Augen. Ich hasse es, ihren Namen zu denken . . . das scheint mich so von ihr zu entfernen. Dieses warme „sie“ ist viel angenehmer, gibt mir das Gefühl, als stünden wir uns so nahe . . .
Trotzdem, dieses andere „sie“ lässt sich nicht ausschalten . . . es ist so anders, so ein Unterdrücktes Gefühl im Bauch, voller Wut, die kein Ziel hat, sinnlos in mir herum irrt und keinen Angriffspunkt findet. Was ist schiefgelaufen, wen kann ich hassen? Ich hätte sie nicht anlügen dürfen, nur weil ich dachte, sie würde meinen Wink mit dem Zaunpfahl bemerken.
Aber merkt sie denn wirklich nichts? Es kann doch nicht sein, dass sie es nicht spürt . . . ich fühle mich ihr oft so unglaublich nahe.
Ich könnte schreien, heulen, zuschlagen weil ich meine Gedanken und Gefühle nicht ordnen kann, dieses ohnmächtige Verlangen danach, den Knoten zu lösen . . .
Jede Nacht schlafe ich mit der Vorstellung ein, dass sie bei mir ist, mich in ihren Bann zieht und von der grausamen Welt schützt.
Ich weiß, was sie sagen wird, bevor sie den Mund aufmacht, was sie tun wird und was sie denkt . . . es kann nicht sein, dass sie es nicht spürt . . .

Seufzend sehe ich zu, wie der blutige Arm zappelnd über den Asphalt rutscht und ein paar schmierige Kunstblutflecken hinterlässt. Eero und Pauli lachen ich Schrott über den kleinen Finger, der noch ein letztes Mal zuckt. Ich bin von Sadisten umgeben . . .
Nein, meine beiden Wärmflaschen lachen nicht, sie starren genauso desinteressiert wie ich auf den Bildschirm und stopfen mich ab und zu mit Schokolade voll, damit ich nicht vom Fleisch falle.
Ob die beiden jetzt wohl schon . . . Es geht mich einen Scheißdreck an, was die beiden machen, aber ich vermisse die kleine Ratte mit den Pausbäckchen. Irgendwas fehlt hier . . . sein schmollender Gesichtsausdruck, die blitzenden grünen Augen, wenn er dreckige Witze erzählt . . . Ich habe meinen kleinen Adoptivbruder an eine Schlampe verkauft!
Seufzend versuche ich meinen Schädel zu entwirren und lege meinen Kopf auf Jannes Schulter, er legt bereitwillig den Arm um mich, sodass wir erstaunte Blicke von Aki kassieren.
Aber ich weiß etwas, was die anderen Jungs nicht wissen, etwas, dass sie nach Jeanettes Meinung nie erfahren sollten . . . zu viele Probleme, Unverständnis und Verklemmung . . . Er weiß, dass es mir egal ist, dass ich es akzeptiere und er deshalb kein anderer Mensch für mich ist.
„Denk nicht so viel nach, mhmm?“
„Du hast ja Recht, aber ich . . .“
„Du bist nur ein paar Monate älter als er.“
„Ich weiß, aber ich bereue es, dass ich ihn mit dieser Tusse verkuppelt hab.“ Nur ein Flüstern, ein Hauch, aber er hat es verstanden, sieht mir in die Augen und nickt.
Es stimmt, sie sind wirklich einfühlsamer . . .

Ich kann nicht, ich will das nicht. Die reißende Bestie da drin wartet doch nur darauf, dass ich wieder rauskomme und sie über mich herfallen kann.
Langsam überdenke ich das, was in der letzten Stunde passiert ist und suche nach meinem verhängnisvollen Fehler, dem ich es zu verdanken habe, dass ich jetzt hier halbnackt auf dem Rand der Badewanne sitze und verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit suche. Was hab ich nur falschgemacht? Ich meine, ich habe LAURA in keiner Sekunde zeigt, dass ich will, dass sie mir die Klamotten vom Leib reißt und sich auf mich wälzt. Ich würde lieber einen Schwertransporter dreimal über mich fahren lassen, als dieses schwabbelärschige . . .
„Lauriiiiiiiii? Wo bleibst du denn, Schatzi?“ Schmor in der Hölle, Satanstochter . . . Ach nein, das ist ja Liisa schon und ich würde sie niemals mit LAURA gleichstellen. Aliisa ist witzig, zeitweise total nett und sogar nach einer feuchtfröhlichen Nacht noch wunderschön . . . im Gegensatz zu der Pomeranze im nächsten Raum, die sich schon wieder die Seele aus dem Leib kräht.
Gott, in was hab ich mich da nur reingeritten? Ich habe mitgespielt, weil ich sie nicht enttäuschen wollte, aber das hier geht zu weit . . . obwohl, ich glaube für Aliisa würde ich mit verbundenen Augen von der Brücke springen . . .
Krampfhaft versuche ich zu verstehen, warum ich hier bin, als die Tür mit Schwung aufgerissen wird und der Albtraum meiner schlaflosen Nächte in Unterwäsche von H&M vor mir steht.
„Was machst du denn so lange hier drin, wir haben doch noch viel vor.“ Es kichert . . . ja, genau, ich nenne es nur noch DAS TIER.
„Ähm . . .“
„Ach du Süßer du . . .“ Nein . . . nicht küssen . . . nein, ich . . . Anscheinend deutet sie mein Winseln falsch, den ich werde erbarmungslos auf die Beine gezerrt und zu unfreiwilligem Körperkontakt gezwungen.
„Hör zu, ich will . . .“
„Oh ja, ich will dich auch.“
Neeein, ich will nach Hause, in mein Bett und von Liisa träumen . . . ohne Hintergedanken natürlich.
Warum brauche ich immer erst solche Gefahrensituationen, damit mir klar wird, was ich wirklich fühle? Mir wird nämlich gerade bewusst, dass ich das Mädchen, das mir das alles eingebrockt hat, unendlich liebe . . .
Aber sie schiebt mich an irgendwelche notgeilen Weiber ab, tut mir so weh damit . . . verstößt mich und ich laufe ihr trotzdem weiterhin hinterher wie ein kleiner Hund.
Aber vielleicht . . . ich spüre diese unangenehmen Berührungen überall, abartige Geräusche, die die Stille durchbrechen. Ich liege nur starr wie ein Brett und starre zur Decke hinauf und versuche, mich in das Gefühl zu versetzen, dass ihre Berührungen bei mir auslösen.
Es ist so erniedrigend fast vergewaltigt zu werden, zu wissen, dass man von dem einzigen Menschen, den man liebt quasi verkauft wurde . . . Ich weiß, dass ich erbärmlich bin, aber ich kann dieser Flut von Gefühlen einfach nicht mehr standhalten, muss sie zulassen und in ihnen ertrinken.
Vielleicht sollte ich endlich aufhören, mich nach etwas zu sehnen, dass ich doch sowieso nie bekommen werde . . . die Zeichen sind zu deutlich, es ist zwecklos, sich an einen einzigen, winzigen Strohhalm zu klammern und zu hoffen, dass er im Sturm der Gefühle nicht bricht.
Ja, vielleicht sollte ich nicht so wählerisch sein, es lässt sich ja aushalten, mit Laura . . .
Ich betrachte sie eingehend, während sie mit Feuereifer an mir herumsabbert und stelle fest, dass sie strähnige, von der Farbe her undefinierbare Haare hat, die längst nicht den wohligen Schauer auf der Haut hinterlassen, wie Aliisas es tun . . . Ich finde, sie versteckt sich hinter dem Rot. Eine ganze Sportstunde, die wir mit Jannes und Eeros Klasse gemeinsam haben, habe ich auf sie eingeredet und letztendlich doch irgendwie abgelost . . . sie hört auf, sich die Haare zu färben, wenn ich meine quietschgelb mache. . . dann seh ich wirklich aus wie ein Küken . . .
Scheiße, ich war doch eben bei den Vorzügen von Mrs. Schw . . . ähm, na egal. Ihre Augen sind blau . . . oder grau? Was ist das bitte für eine Farbe? Sieht aus wie Regenwasser . . .
Meine Gedankenflucht wird je unterbrochen, da sich der Angriffspunkt ihrer Zunge nach oben verlagert hat. Scheiße, ich hab vergessen eine zu rauchen . . . Sie rollt sich auf mich und plötzlich bricht Panik in mir aus. Ich will das alles nicht, ich will hier weg, vor allem aber möchte ich alleine sein.
Entschlossen will ich sie von mir herunterschieben, aber sie versteht das völlig falsch und fährt mit fahrigen Bewegungen über meinen zitternden Körper. Ihre Zunge bewegt sich genauso unkoordiniert, streift mit einer harten Berührung über meine Lippen und ich kann spüren, dass sie jetzt mit ihrem gesamten Körpergewicht auf mir liegt.
Immer habe ich mich in der Sicherheit gewogen, dass mit ihr jeder Zeit beenden zu können, aber mir wird bewusst, dass es nicht so ist. Was wird passieren?
Ich bin so furchtbar unsicher, ich wäre es selbst wenn Liisa hier neben mir liegen würde, obwohl ich ihr vertraue, wie ich noch keinem Menschen vertraut habe . . . Ich habe furchtbare angst, noch tiefer in dieses Netzt aus Missverständnissen zu geraten, denn wenn ich das tue, was Laura von mir erwarten, wird Aliisa niemals . . .
Die plötzliche, heftige Berührung lässt mich die Luft scharf einsaugen und die Augen vor Schreck und Schmerz aufreißen. Sie kniet über mir, ihre Hand dort, wo ich sie niemals, niemals spüren wollte.
Da tut sich aber nichts, weil ich ANGST habe und nur noch weg will.
„Du kleiner Kuscheltiger, bin ich dir zu grob?“ Mit einem lasziven Lächeln will sie mich wieder unter sich begraben, doch ich wittere meine letzte Chance und rolle mich blitzschnell unter ihr weg.
„Nein, LAURA, du bist mir nur zu fett, zu hässlich und zu PRIMITIV!“
„Das sagst du dich nur, weil du keinen hochkriegst, du SCHLAPPSCHWANZ!“
„Ich würde es lieber mit der Kuh treiben, als dich noch einmal anfassen zu müssen, SCHATZI!“
Mit meinen Klamotten in der Hand stehe ich am Fenster und reiße es auf. Erdgeschoss, sehr praktisch.
„Warum baggerst du mich dann an, du impotente Schwuchtel!?“
„Weil die, die ich liebe, es so wollte.“ Erwidere ich leise zu mir selbst, aber sie hat es verstanden und lacht höhnisch auf.
„Du liebst Aliisa? Das kannst du vergessen, da kannst du schmachten, bis du schwarz wirst. Sie will nämlich BESTIMMT nichts von dir!“
„Halts Maul.“
„Das erzähle ich ALLES in der Schule!!“
Ich höre ihr Gezeter nur noch undeutlich, denn ich bin schon gesprungen, ziehe mich im Laufen wieder an und versuche die tränen zu unterdrücken, die in mir aufsteigen. Ich bin so eine gottverdammte Memme . . . und morgen wird die ganze Schule wissen, dass ich keinen hochbekomme und Aliisa liebe. Sie wird mich auslachen, es für einen Witz halten, dass ich mir einbilde, wir . . .
Ich muss hier weg, weg von den Häusern, wo mich jeder sehen kann, einfach irgendwo in einer dunklen Ecke zusammenbrechen und hoffen, dass es keinen Morgen gibt. Einfach alles in der Dunkelheit der Nacht zu ertränken, mich in den Schatten zu verstecken und vor Angriffen auf mein erbärmliches Selbstbewusstsein geschützt zu sein. Wie naiv ich doch bin . . . Morgen wird kommen, erbarmungslos . . . wird mich verschlingen, zerfetzen und meine Gefühle zertreten wie eine zu Ende gerauchte Zigarette.
Der Hafen . . . Ruhe, Stille, Einsamkeit . . . für ein paar Stunden, bevor die größte Demütigung meines Lebens seinen Anfang nimmt . . . Nein, ich bin schon mittendrin.

Chapter 41

„Aki?
„Mhmm?“
„Nimmst du mal bitte deine Hand von Paulis Hintern?“
„Pauli!? Ich dachte . . .“
„Ich will gar nicht wissen, was du gedacht hast.“
„Toll, soviel interessieren dich also meine Gefühle.“
„Ach halt den Mund und lass mich aufstehn.“
„Halt den Mund? Nicht sowas wie: Fresse, Hakala?“
„Neee.“
„Scheiße, ich glaub, du bist krank.“
„Aki, jetzt nicht, okay?“
„Sorry . . . hast du was, Prinzessin?“
„Warum nennt ihr mich alle so? Was habe ich bitte mit ner Prinzessin gemeinsam?“
„Du bist mindestens genauso hübsch.“
„Man Akiiii, hör auf hier rumzusülzen.“
„Ich bin nun mal n Gentleman.“
„Du meinst eher nen Gentlezwerg . . . siehst du, ich bin gar nicht prinzessinnenmäßig . . .“
„Wasn los, mhm?“
„Gar nix, ich bin einfach nur müde und will nach Hause.“
„Du willst an den Strand und allein sein, stimmts?“
„Mhm . . . Aki, warum kennst du mich so gut?“
„Dazu sind Freunde doch da, oder?“
„Du bist lieb, Dickerchen.“
„Liisa?“
„Mhm?“ Vorsichtig stieg sie über den schlafenden Pauli und zog ihren Rucksack unter dem Bettsofa hervor. Janne und Eero waren bereits nach Hause gegangen und nachdem dritten Mars waren auch dem Gitarristen die Augen zugefallen.
„Fändest dus schlimm, wenn ich ne Brille bräuchte?“
„Nein, überhaupt nicht. Wieso?“
„Nur so . . .“
Sie lachte leise und boxte ihn leicht gegen die Schulter, bevor sie zur Tür ging und sie leise öffnete.
„Schlaf gut und lass dich nicht von Pauli nötigen.“
„Jups, fall nich ins Wasser, Prinzessin.“
„Tschüssi . . . Spinner.“ Lächelnd ging sie den Korridor entlang und hüpfte dann die Treppen ins Erdgeschoss hinunter.

Ich starre hinaus auf den Horizont, ein letzter heller Streifen ist zusehen, doch schließlich versinkt auch er im Meer und es wird kalt, unsäglich kalt. Meine Mundwinkel zucken und ich schlinge meine Arme fest um den Körper. Ich bin allein, allein und ein Loser. Ich kann nichts, niemand braucht mich, niemand . . .
„Lauri?“ Ich blicke auf, verwundert, aber auch schwer und dumpf, so, wie sich mein Herz im Moment anfühlt. Ein Schauer durchfährt meinen Körper, packt und schüttelt mich, ich drohe, in mich zusammenzubrechen, die Beherrschung zu verlieren. Ich kann meine Gefühle nicht einordnen, ich dachte ich wäre alleine hier und könnte in meinem Schmerz ertrinken, aber jetzt ist sie hier und ich weiß, dass sie mich nicht einfach gehen lassen wird. Vertraue ich ihr?
Sie sieht mich fragend an, klettert über die Kaimauer, wahrscheinlich war sie am Strand. Ich schüttle nur den Kopf und starre weiter aufs Meer hinaus, es hat zu schäumen begonnen, die Wellen tragen kleine weiße Schaumkronen mit sich in die Ferne davon. Wie gerne würde ich ihnen folgen, schwerelos, einfach alles vergessen. Es ist nur ein Schlüsselerlebnis gewesen, etwas, dass das Fass zum Überlaufen gebracht hat. All meine Gefühle, die Eifersucht, das Gefühl ständig allein und fehl am Platze zu sein, das alles droht aus mir zu brechen, wie aus einem brodelnden Vulkan.
Dieses Bild erinnert mich an Wärme, aber ich fühle mich an wie ein kalter grauer Stein, leblos und unwichtig. Wann habe ich das letzte Mal echte Wärme gespürt, hab ich überhaupt je erfahren, was das ist?
„Lauri, was . . .“ Ich wende mich ab, starre in die entgegen gesetzte Richtung, hier ist das Meer schwarz, undurchdringlich und doch so wunderschön. Bin ich dafür geschaffen, alleine zu sein? Ständig zwischen Melancholie und Zuversicht zu schwanken, immer rastlos sein?
Ich will nicht, dass sie geht, mich hier alleine lässt. Was soll ich tun, ich gehe schon wieder auf Distanz, grenze mich ab, suche die Einsamkeit um dann daran zu zerbrechen, immer wieder . . .
Ich spüre ihre Hand auf meiner Schulter, die Wärme, die sie ausstrahlt. Mit sanfter Gewalt dreht sie mich zu sich um, zwingt mich, sie anzusehen und erschrickt kurz über die Kälte in meinen Augen
„Wars nich schön?“ Wie kann sie nur sowas fragen . . . es ist doch nur Sex, es gibt keine Liebe in meinem Leben, wird es niemals geben. Ich lache spöttisch auf, lehne mich an die Mauer und zünde mir mit fahrigen Bewegungen eine Kippe an, während ich weiterhin auf den Ozean starre.
„Ich bin abgehaun.“
„Oh . . .“
„Ich hab es nie gewollt, Liisa, ich habe dieses Mädchen nie gewollt.“
„Aber wieso . . .“
„Ich wollte dich nicht enttäuschen.“ Mein Blick schweift ab, streift ihr Gesicht, ich sehe ihr in die Augen, das erste Mal in meinem Leben? Dieses Unverständnis, das Verlangen mich zu verstehen . . . all das spiegelt sich in ihnen wieder. Langsam tritt sie einen Schritt näher, sieht mich fragend an; Angst, ich könnte ihre Nähe nicht ertragen.
Fast von alleine strecken sich meine Arme aus, streifen ihre Hüfte, schließen sich um ihren Rücken. Ich weiß nicht, was zwischen uns ist. Nur dieses Gefühl, alles zu zerstören, wenn ich sie loslasse.
Gibt es in einem solchen Moment Zeit? Nur das Zittern, das durch ihren Körper geht und meine eiskalten Finger erinnern mich daran, dass die Nacht über uns hereinbricht, unbarmherzig alles verschlingt. Oder verzerrt sie doch nur alles, legt ihren Schleier über die Stadt, verhüllt die Wahrheit, die ich nicht sehen will.
Sanft löse ich mich aus ihrer Umarmung, spüre sofort den Drang, sie in meiner Nähe zu behalten, sie auszunutzen, um diese dumpfe Leere in mir auf sie abzuladen.
Ich blicke kurz auf, bleibe an ihren Augen hängen. Sie haben immer noch diese Feuer, so wie immer. Kann sie nachvollziehen, wie ich mich fühle, kann ich dieses Lodern auslöschen, mit dem was ich tue, ihr antue? All die angestauten Gefühle laufen wie ein Film vor mir ab, machen mich wütend, traurig, depressiv, ich beachte sie irgendwann nicht mehr. Halte mich an ihrem Blick fest, ihrem Enthusiasmus, ihrer Art, mich hochzuziehen, wenn ich am Boden bin.
„Gehen wir noch in den Probenraum? Du bist ganz kalt . . .“
Ich nicke nur, lasse es zu, dass sie meine Hand nimmt. Es ist merkwürdig, zu spüren, wie ich mich bewege. Noch vor ein paar Augenblicken habe ich mich gefühlt, als könnte ich nie mehr diesen Ort am Kai verlassen, nie mehr der Nacht entkommen, für alle Zeiten dort zu stehen und mich selbst kaputt zu machen. Sie lässt mich nicht, lässt nicht zu, dass ich mich wegen Banalitäten quäle.
„Es tut mir leid.“ Was?
„Was meinst du?“
„Dass ich dich mit dieser Tusse . . .“
„Ist schon okay . . . es ist ach nicht wegen ihr, es ist . . . einfach alles. Ich fühle mich wie tot . . . aber wahrscheinlich hab ich nur pubertierende Depressionen.“ Ich lache höhnisch auf und stecke mir die nächste Kippe an, doch sie zieht sie mir aus dem Mundwinkel und wirft sie achtlos auf die Straße.
„Das ist schon deine fünfzehnte heute.“
„Ich weiß.“
„Lauri, ich . . .“
„Ja?“
„Ich wollte nur sagen, dass ich verstehe, wie du dich fühlst.“
„Ich weiß.“ Ich ringe mir ein Lächeln ab und drücke mich unbewusst enger an sie.
„Hättest du dir nicht denken können, dass das alles zurückkommt, wenn du ständig versuchst, gut drauf zu sein?“ Unsicher sehe ich zu ihr hinüber, sie hat den Kopf leicht schief gelegt und wartet interessiert. Leine Stichelei, kein versteckter Vorwurf . . .
„Doch . . . aber was ist mit dir? Ich hab dich noch nie wirklich weinen sehen, außer aus Wut oder Schmerzen . . .“
„Was glaubst du, was ich tue, wenn ich alleine bin?“ Ich höre sie schlucken, ich weiß, dass sie an IHN denkt, IHN, der ihr so wehgetan hat. Unsicher umschließen meine Finger ihre Hand, im Gegensatz zu meiner warm, zittert nicht. Ich weiß nicht, was passiert, ich bin jemand anders, aber ich weiß endlich, wer sie wirklich ist.


Chapter 42

Es hatte zu regnen begonnen.
„Lauri?“
„Mhmm?“ Er stand mitten auf der Straße, sah zum Himmel hinauf und ließ das kalte Wasser an sich herab rinnen.
„Das hat Aki auch gesagt . . .“
„Ach, Prinzessin . . .“
„Ihr werdet mir unheimlich.“ Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah ihm zu, wie er die Augen schloss und sich eine triefende Strähne aus dem Gesicht strich.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“ Er lächelte leicht, ohne jedoch die Augen zu öffnen.
„Ich weiß . . . ist dir nicht kalt?“
„Nein . . . komm her.“ Zögerlich trat sie unter dem schmalen Mauervorsprung hervor und griff nach seiner Hand, die er ihr auffordernd reichte. Immer noch waren seine Augen geschlossen und seine Lippen umspielte dieses federleichte Lächeln.
„Und jetzt?“
„Mach die Augen zu.“
Sie tat, was er sagte und blieb regungslos neben ihm im Regen stehen. Der Geruch der nassen Straße hing in der Luft und das schale Licht der Straßenlaternen warf ein merkwürdig fahles Licht auf die Gesichter der beiden, doch alles, was Aliisa spürte war die Wärme, die seine Hand ausstrahlte. Mit jeder Minute, die sie neben ihm stand, fühlte sie mehr von ihm, seiner Anwesenheit, seiner Berührung.
„Frierst du immer noch?“ Nichts als seine Stimme in ihrem Kopf, hallte, verlor sich. Angestrengt versuchte sie den Sinn der Worte zu erfassen, zu denken, die völlige Schwerelosigkeit, in der sie sich befand, zu verlassen. Doch eigentlich wollte sie das gar nicht . . .
„Nein.“ Eine einzige Silbe hatte sie so viel Kraft gekostet. Traurig schlug sie die Augen wieder auf und wünschte sich sehnlichst in diesen einzigartigen Trancezustand zurück, in den er sie versetzt hatte.
„Es ist nicht gut, wenn man zu lange so vor sich hinträumt.“ Er lächelte und wollte mit dem Daumen sanft über ihre Hand streichen, aber er konnte nicht, sein Verstand siegte gegenüber seinem tiefsten Verlangen über seinen Körper und ließ ihn so verharren, wie er war.
„Aber jetzt friere ich wieder.“ Seufzend sah sie den Regentropfen zu, wie sie in langen Fäden vom Himmel fielen und wie sich das Licht der Laterne in ihnen brach.
„Ich weiß . . .“ Zögerlich trat er vor sie, den Blick gesenkt, seine Hand zitternd in ihrer.
Der Druck in ihrem Oberkörper verstärkte sich, das unbändige Verlangen nach Nähe wuchs in ihr, als der Regen sich noch verstärkte und jetzt dicht und milchig aufs Straßenpflaster prasselte.
„Es tut mir Leid . . .“ Mit geschlossenen Augen legte sie ihr Kinn auf seine Schulter und schlang ihre Arme um seinen Rücken.
„Is doch egal . . . Prinzessin.“
„Lauri?“
„Mhmm?“
„Sag doch nich immer mhmmm.“
„Sag doch nich immer Lauriiiiiii??“
„Nagut.“
„Mhmm.“
„Lauriiiiii??“
„Hey!“
„Du hast angefangen.“
„Mhmm.“
„Also, Lauriii?“
„Jaaa?“
„Brav . . . ich fühl mich wie n Gummibärchen, das zu lange im Wasser gelegen hat.“
„Willst du damit andeuten, dass du keine Gummibärchen magst?“
„Quatsch, ich lieeebe Gummibärchen.“
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt in den Probenraum gehen? Da gibt’s Gummibärchen.“
„Nein . . .“
„Wie nein?“
„Es gab Gummibärchen . . . bis Pauli sie gefunden hat.“
„Oh . . .“
„Mhmm.“ Plötzlich wurde Aliisa klar, dass sie gerade ihrem besten Freund in den Armen lag, mitten in Helsinki, im Regen, und sich mit ihm über Gummibärchen unterhielt.
Mit hochrotem Kopf löste sich von ihm und tat so, als würde sie etwas in ihren Taschen suchen.
„Liisa?“ Lauri legte den Kopf schief und wartete, bis sie ihn wieder ansah.
„Du hast gar keine Taschen.“
„Zeische.“
„Hö?“
„Das ist Deutsch . . . hat Eero gesagt.“
„Gehen wir einfach in den Probenraum, okay?“
„Okay . . . Lauri?“
„Ja, Prinzessin?“
„Kanns sein, dass wir den Verstand verloren haben?“
„Ich glaube auch . . .“

Chapter 43

Seltsam ruhig schloss er die Tür auf und zog sie mit sich in den dunklen Flur. Tastend fand sie den Weg in den großen Raum, auf dem Bett lagen immer noch die Spuren einer mehr oder weniger wilden Rasnussversammlung. Anscheinend hatte Aki Pauli doch noch wach bekommen und ihn nach Hause gebracht . . . hoffte Aliisa jedenfalls.
Leise tapste sie in die Ecke und suchte nach dem Regler der Heizung, denn es war schon wieder eiskalt geworden in dem großen Gebäude und die Tatsache, dass ihre Klamotten vor Nässe trieften, machte die ganze Sache auch nicht besser.
Lauri stand nur am Fenster und starre auf die Stadt hinunter, er war müde, verzweifelt, erschöpft und irgendwie schwermütig. Es schien ihm nicht einmal aufzufallen, dass sich zu seinen Füßen eine kleine Pfütze, die aus dem Wasser, das aus seinen Haaren tropfte, bildete und langsam verschwamm.
Unten leuchteten die Lichter, er sah darauf hinab, als würde er im Abseits, im Dunkeln stehen und die schönen Seiten des Lebens nur sehen, aber nicht spüren, nicht leben können.
„Die Heizung geht nicht.“ Fast ein wenig schüchtern trat sie hinter ihn und strich vorsichtig einen Wassertropfen von seinem Nacken.
„Warum sollte sie . . .“ Lächelnd drehte er sich um und rief sich das Gefühl dieser kleinen Berührung immer und immer wieder ins Gedächtnis. „ . . . ich denke, es gefällt ihr hier.“
„Du Spinner . . .“ Sie grinste, sah dann aber seine kalten Hände, die er zitternd ineinander gelegt hatte und nahm sie in ihre. „Hey, nicht erfrieren, morgen scheint die Sonne wieder.“
„Ich will aber nicht, dass die Sonne scheint.“
„Aber dir würde nicht mehr kalt sein.“
„Was will ich dann mit der Sonne . . .“ Vorsichtig schob er sein Finger unter ihr Kinn und hob es leicht an, bevor er sie an sich zog und seine Lippen zärtlich auf ihre presste.
Überwältigt von den Gefühlen, die in diesem Moment über sie herein brachen, ließ sie es einfach geschehen, ließ zu, dass er sie in seinen Armen hielt und mit seinen dumpfen grünen Augen durchbohrte. Sein Blick hatte so etwas Hilfesuchendes . . . wie bei einem Ertrinkenden, der sich verzweifelnd an einen dünnen Ast klammert, um nicht vom tosenden Meer verschlungen zu werden.
Er war verzweifelnd, unsicher über das was geschehen war und passieren würde, wenn er nicht sofort aufhörte, seine tiefste Sehnsucht zu unterdrücken. Dennoch wusste er, dass er schon wieder mit der Gefahr spielte, dass sie ihn nur noch nicht weggestoßen hatte, weil sie zu überrascht war.
Doch Aliisa dachte nicht daran, sich aus seiner Umarmung zu befreien, sie genoss den inneren Frieden mit sich selbst, den er bei ihr auslöste, das Gefühl, geborgen zu sein und sich verstecken zu können. Sie wusste, dass es falsch war und dass sie seine Unsicherheit und den Drang nach Selbstbestätigung ausnutzte, doch sie konnte nicht anders. Viel zu schrecklich war der Gedanke, sich jetzt von ihm zu lösen, seinen Schutz aufzugeben und alles kaputt zu machen. Sie spürte, dass er am Ende war, dass er Angst hatte und sich für seine banalen Probleme schämte . . . doch sie konnte es ihm nachfühlen, wollte ihm helfen.
Zwar bereute sie, dass sie ihn so nahe an sich heran gelassen hatte, dass er durch ihre sorgfältig immer höher gemauerte Mauer gedrungen war und den Menschen kannte, den sie vor langer Zeit zu verstecken begonnen hatte, weil er zu verletzlich für die grausame Welt dort draußen war. Aber dennoch konnte sie ihn nicht aufhalten, sich nicht selbst zwingen ihn zu stoppen und noch mehr von dem vollkommenen Gefühl in ihr zu verbreiten, wie es sonst niemand anders konnte.

Sanft beiße ich ihr auf die Unterlippe, meine Hand stützt ihren Nacken, krault ganz leicht und spielt ein wenig mit ihren Haaren. Es ist dunkel . . . ich mag es, wenn es dunkel ist . . . man kann sie verstecken, sogar vor sich selbst, aus seiner zu eng gewordenen Hülle schlüpfen und jemand anders sein. Ich weiß, dass sie das genauso empfindet. Ihre Hände schieben sich langsam unter mein Shirt und hinterlassen eine Gänsehaut, wo sich mich streifen. Ihre Berührungen sind genauso wie ihr wirkliches Ich . . . nicht so kühl, zynisch und herablassen, sondern sanft, bestimmend, aber voller Feingefühl und unglaublich zärtlich.


„Lauri, ich . . .“
„Shhht.“
Er legt mir lächelnd einen Finger auf den Mund, wirkt dann aber ganz konzentriert, als er die Konturen meiner Lippen nachfährt. Ich kann einfach nicht anders, muss ihn küssen und meinem Verlangen nachgeben. Was ist nur mit mir los? Mir ist bewusst, dass ich gerade dabei bin, die großartigste Freundschaft, die ich je hatte, zu zerstören, aber ich kann einfach nicht aufhören. Ganz von allein tue ich das, was mein krankes Herz sich wünscht um die tiefen Wunden zu heilen, die ihm durch Ablehnung und gezielten Hass zugeführt wurden. Es tut so gut, einmal dieses kleine zerbrechliche Ich herauszulassen und es beschützt zu wissen. Niemand wird mir wehtun, solange ich diesen Kuss nicht beende. Ich muss, aber ich kann nicht, will nicht, will wieder leben, aufhören mich zu verstecken, einfach ich sein.
Es ist so ein schäbiges Gefühl, das alles von ihm zu nehmen, aber er ist der einzige Mensch, der mich so sieht, wie ich wirklich bin. Es tut mir leid, dass ich ihn manchmal mit meinen unüberlegten Worten so verletze, aber er tut gar nichts dagegen, berührt mich einfach für einen Hauch einer Sekunde und schon bin ich friedlich wie ein Schaf.
Apropos Schaf . . . Gedankenverloren spiele ich mit seinen Haaren, wickle sie mir um den Finger, um sie sich das langsam wieder einringeln zu lassen. Er hasst seine Haare, trotzdem, oder vielleicht deswegen sind sie ihm so heilig. Außerdem ist er da so empfindlich . . . hier, am Nacken, wo sie sich besonders stark ringeln. Sanft kraulend lasse ich meine Finger wandern und genieße seine warmen Lippen an meinem Hals.
Dennoch . . . es reicht nicht, ich will mehr. Ein Blick in seine Augen verrät mir, dass ich kein billiger Lauraersatz bin, im Gegenteil, er sieht mich an, als würde ich aus purem Gold bestehen. Gott, ich will ihm doch nicht wehtun . . . aber ich kann nichts anders, meine Hände umgreifen automatisch seine Hüften und ziehen ihn enger an mich, bevor meine Beine den Rest erledigen und ihn in Richtung sechseckigen Bettsofa dirigieren.
Ich will mich zwingen, aufzuhören, aber es geht einfach nicht, zu stark sind die Gefühle, die jede einzelne Berührung in mir auslöst. Es ist, als ob ich eine Herdplatte berühren würde, von der ich genau weiß, wie heiß sie ist, nur um den brennenden Schmerz zu genießen, wenn die Hitze durch die Haut dringt.
Hitze . . . seine Finger streichen wie ein Windhauch über meinen Rücken, noch tiefer, bevor er mich vorsichtig an der Taille packt und über den niedrigen Rand hebt. Fasziniert sehe ich zu, wie seine Muskeln dabei unter den kurzen Ärmeln seines Shirts anschwellen . . . er genießt es sichtlich, Gewalt über mich zu habe, sich mir nicht unterzuordnen, sondern mich die Dinge tun zu lassen, die er für richtig hält. Kein Wort dringt über meine Lippen, keine spitze Bemerkung, keine Spöttelei. Zögerlich, fast ängstlich löse ich meinen Blick von seinen Armen und sehe ihm direkt in die Augen, versuche, alles, was ich ihm sagen will in diesen einen Blick zu legen. Noch nie hat er mich so ansehen dürfen, direkt in mein Inneres. Er sieht meine Zweifel, Ängste, mein Verlangen und die Reue, doch er lächelt nur und lehnt seine Stirn gegen meine. Hastig rutsche ich ein Stück nach hinten, in die Mitte des . . . was auch immer es nun ist . . . und ziehe ihn am Hosenbund mit. Erschrocken versucht er mitzukrabbeln, verliert aber nach ein paar Augenblicken das Gleichgewicht und bleibt schwer auf mir liegen

„Das hast du mit Absicht gemacht . . .“ ein leises Flüstern an meinem Ohr, bevor ihre Lippen wie zufällig meine rechte Wange streifen.
„Vielleicht . . .“ Mühsam drehe ich den Kopf, sodass ich sie nocheinmal küssen kann, schiebe meine Hände unter ihren Rücken und richte sie vorsichtig auf. Wir knien voreinander, fest ineinander verschlungen und so heftig knutschend, als gäbe es kein Morgen.
Gibt es denn ein Morgen, für uns beide? Ich spüre, dass sie etwas hat, was sie abstellen will, womit sie kämpft, aber ich bin zu ausgehungert, um mir darüber Gedanken zu machen. Ich habe selber genug Angst und Skrupel, doch das Verlangen ist stärker. Meine Hände gleiten ganz von allein unter ihr dünnes Top, fühlen, wie sie trotz der glühenden Hitze erschauert und sich an mich presst. Mit einem Ruck befreie ich sie davon und lege mich auf den Rücken, um sie auf mich zu ziehen. Doch plötzlich halte ich inne, betrachte ihr verunsichertes Geicht und greife vorsichtig nach ihren Haaren. Die Farbe ist immer noch nicht ganz herausgewaschen, aber dieses goldene Rotblond sieht auch wahnsinnig aufregend auf. Verträumt spiele ich mit der kleinen Strähne, die mir auf die Brust fällt, bis ich spüre, wie sie nach meinem Handgelenk greift und mich belustigt anlächelnd.
„Nich spielen . . .“
„Hast recht . . .“ Wieder dirigiere ich ihr Kinn sanft zu mir herunter und lasse meine Zunge über ihre Lippen gleiten. Sie schmeckt irgendwie . . . nach Erdbeeren.
Es ist ganz dunkel und still im Raum, jedenfalls empfinde ich es so, es ist wie eine Art Taumel, in dem es ist nichts als uns gibt, ihre Finger, die über meinen Bauch streichen und glühende Spuren hinterlassen. Mit geschlossenen Augen lasse ich den Kopf zu Seite sinken und Konzentriere mich ganz auf sie, ihre Lippen, die über meinen Hals streifen und ein prickelndes Gefühl hinterlassen. Irgendwie werde ich mein Shirt los, meine Augen immer noch geschlossen und ihr warmer Atem, der mir über die Brust streift, sodass sich die feinen Härchen zu einer Gänsehaut aufstellen. Schwer atmend taste ich nach ihrer Hand, die sich neben mir auf der Matratze abstützt und spüre ihre Fingernägel, die sich schmerzhaft in meine Haut krallen. Meine Linke wandert währenddessen fast von selbst von ihrem Knie aufwärts bis zum Saum der tiefschwarzen Bluse, die sich trägt und beginnt langsam Knopf für Knopf zu öffnen. Es ist so verdammt anders sie zu berühren als . . . Laura . . . Es sind nicht nur die geheimen Gefühle, die ich für sie hege und die mich jetzt leiten, es ist einfach alles an ihr. Ihr flacher Bauch, die klitzekleine Rose auf ihrer Hüfte und der knackigste Hintern, den ich je gesehen habe . . . Bestimmt drücke ich sie zurück und beuge mich vor, um das kleine illegale Kunstwerk zu küssen, meine Hand rutscht leicht ab, wird von ihrer ergriffen und sanft geführt. Kein Snoopy, schwarze Spitze, schmale Streifen blutroter Seide . . . fasziniert fahre ich das aufwendige Muster nach und fühle ihren Körper beben, während ich den letzen Knopf achtlos zerreiße und ihr den dünnen Stoff von den Schultern streife.
Zärtlich fährt sie mir durchs Haar und zieht mich dann an den Händen zu sich hoch, sodass wir wieder voreinander knien, diesmal enger, viel enger. Sie lässt mich los, legt mir die Arme stattdessen um die Schultern und lässt es zu, dass ich ihre Oberlippe sanft zwischen meine nehme und meine Finger ein paar Zentimeter unter den Bund ihrer Jeans gleiten lasse.
Doch plötzlich spüre ich ihre Zunge wie sie sanft gegen meine stößt und bei mir den Wunsch auslöst, sie sofort zu verschlingen. Gierig schlinge ich meine Arme um ihren Rücken, sodass wir beiden zur Seite umfallen. Sie grinst und stupst mich mit der Nase an, ich kann auch nur verklärt lächeln und in ihren wunderschönen Augen versinken . . . verdutzt lege ich den Kopf leicht schief und striche ihr eine kleine Strähne aus dem Gesicht. Tatsächlich, ihre Augen sind grün . . . nicht so hell wie meine, aber auch nicht das warme braun, sondern ein aufregender Mix aus Farben.
„Sieht komisch aus, oder?“ Sie lächelt verunsichert und malt kleine Zeichen auf meinen Rücken.
„Nein, ich finds wunderschön . . .“ Ich bedeute ihr mit zwei sanften Küssen die Augen zu schließen und genieße dieses unbeschreibliche Gefühl der Nähe, wenn sich unsere Körper beim Einatmen sanft berühren.
Eine Weile liegen wir still so da und spüren einfach die Anwesenheit des anderen, doch plötzlich ergreift sie wieder meine Hand und schiebt sie umständlich ein paar Zentimeter höher, sodass sie direkt auf dem Verschluss ihres BHs liegen bleibt. Scheiße . . . Panik . . . ich hab das doch noch die gemacht . . .
Aber irgendwie scheinen ihre Hände, die sich in Zeitlupe unter den Bund meiner Shorts schieben und dann langsam nach vorne wandern, einen kreativen Einfluss auf mich zu haben und so bekomme ich das fiese Ding innerhalb von Sekunden auf. Ich bin stolz auf mich . . . es ist . . . ja, befriedigend, zu spüren, wie sie beim nachgeben des Gummis erschauert und sich kurz noch stärker an mich presst. Sie spürt meine Erregung . . . durchbohrt mich kurz mit ihrem Blick und drückt sich dann wieder an mich, bewegt sich sanft, sodass ich unterdrückt aufstöhne und mein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrabe. Ohne nachzudenken presse ich meine Hand wieder auf ihren glühenden Bauch und schiebe von unten das lästige Stückchen Stoff nach oben, sodass sie es mit einer Armbewegung von sich schüttelt.
Ihre Bewegungen werden wieder heftiger, sie presst sich an mich und lässt ihre Hand über meinen Rücken, meine Haare gleiten, während sie sanft an der dünnen Haut meines Halses saugt. Es ist ein zwischen Schmerz und Leidenschaft schwankendes Gefühl, aber in Verbindung mit einem spontanen Griff nach ihrem Po wächst es wieder zu dieser brennenden Begierde, die droht, meinen Verstand auszuschalten. Aber das ist genau das, was sich nicht will. Ich will jede Millisekunde genießen, spüren, für ewig ins Gedächtnis brennen.
Warum tut sie das bloß, sich hinter dieser kalten und abscheulich gemeinen Fassade verbergen . . . Mir ihrer verdammten Hochnäsigkeit jeden vergraulen, der nett zu ihr sein möchte. Und warum ausgerechnet ich? Ich, der immer alles mit sich machen lässt, von alten vertrockneten Omas als knuffig und süß bequietscht und vom Rest einfach nur herumgeschubst wird. Aki, Pauli, ja selbst Eero haben in diversen feuchtfröhlichen Nächten geoutet, was sie mit ihr anstellen würden, wenn sie sie ließe. . . Aber ich liege hier neben ihr, platze fast vor Verlangen und weiß nicht mal, worauf. Ich tue einfach, was sich gut anfühlt und genieße ihre Reaktion.

Er träumt . . . seine Augen sind geschlossen und ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen. Er spürt nicht einmal, dass ich von seinem Hals ablasse und ihn stattdessen betrachte. Das hier ist nicht der kleine Junge, über den man sich so schön lustig machen kann, Opfer meiner verletzenden Spötteleien und knopfäugiger kleiner Dackel, der alles tut, was man ihm sagt.
Er hat Macht über mich, weiß das und genießt es. Ich glaube, zum ersten Mal in diesem Leben habe ich Respekt vor ihm . . . nein, er ist wirklich nicht der Winzling mit den chaotischen Haaren. Ganz vorsichtig streiche ich über die dunklen Stoppeln auf seiner Wange und fahre seine markanten Gesichtszüge nach. Je länger ich ihn so anstarre, desto mehr wird mir bewusst, dass er doch ziemlich männlich aussieht . . .
Was tue ich hier eigentlich? Ich muss aufhören, retten, was zu retten ist, aber ich kann nicht. Ich will doch nur, dass er glücklich ist, sein wunderschönes Lachen lacht und aufhört, sich mit diesen idiotischen Minderwertigkeitskomplexen zu quälen . . . an denen ich ja teilweise nicht ganz unschuldig bin.
„Es tut mir leid . . .“ Sanft fahre ich die Konturen seiner Lippen nach, bis er meine Hand ergreift und sie sanft küsst.
„Was denn?“
„Alles . . . die idiotischen Sachen, die ich zu dir gesagt habe, dass ich dich mit dieser blöden . . ..“
„Ist doch egal.“ Er lächelt leicht, scheint sich wider ganz auf mich zu konzentrieren, denn ich spüre, wie seine Lippen meine berühren und schließe instinktiv die Augen. Plötzlich schlingt er seine Arme ungewöhnlich fest um mich und ich fühle mich in meinen Gedanken bestätigt, dass er doch kein kleiner Jungte mehr ist.
Einen Augenblick später liege ich direkt auf ihm, ohne diesen fantastischen Kuss auch nur für eine Sekunde unterbrochen zu haben. Fast gleichzeitig schieben wir unsere Hände zwischen uns und pressen sie sanft auf den Bauch des anderen. Lächelnd lege ich meine Hand auf seine Brust und spüre, wie sein Herz schneller zu schlagen beginnt, während er mich streichelt.
Er ist so zärtlich im Gegensatz zu Charles, der wäre schon längst wieder eingepennt . . . Moment mal, ich gehe ja schon davon aus, dass wir . . . will ich das denn? Ich weiß ja, dass es falsch ist, unwahrscheinlich dumm und voller grausamer Konsequenzen . . . verboten eben . . . er ist mein bester Freund . . .
„Lauri?“
„Mhmm?“ Seine Lippen verirren sich von meinen Lippen abwärst, sein Puls rast.
„Ich will mit dir schlafen.“
Er stockt und in mir bricht der Drang nach sofortiger Flucht aus, aber ich kann nicht, wir sind immer noch ineinander verschlungen. Plötzlich trifft mich sein durchdringender Blick, fixiert mich und nagelt mich fest, bis er sich mir wieder nähert und mich fast mit der Nasenspitze anstupst.
„Warum sagst du das nicht gleich . . .“ Ein tiefes Knurren, nichtmal süß . . . ich glaube, ich starre ihn in diesem Augenblick einfach nur mit offenem Mund an, denn ich bekomme nur am Rande mit, dass er mich neben sich schubst und sich dann über mich beugt und mit der Zunge über meine Zähne streicht. Vollkommen vertauschte Rollen, ich vertraue ihm und lasse mich ganz fallen, schalte die nörgelnde Stimme im Hinterkopf ab und schlinge meine Arme um seinen Hals . . .

Chapter 44

Brummelnd streckte Aliisa ihren Arm aus und griff nach dem nächstbesten, das ihre Finger ertasteten. Es war weich, warm und roch unheimlich gut. Zufrieden kuschelte sie sich zurück in die Kissen und dachte einfach an gar nichts. Es tat unheimlich gut sich so geborgen zu fühlen und sie wollte diesen Zustand nicht früher als unbedingt nötig beenden.
Doch plötzlich kehrte die Erinnerung Stück für Stück zurück und sie wurde sich bewusst, dass sie in Lauris Armen lag, nackt, mitten im Probenraum. Erschrocken öffnete sie die Augen und sah direkt in sein Gesicht. Er schlief noch, einzelne Strähnen hingen ihm ins Gesicht, aber er lächelte und zog automatisch die Nase kraus, als sie ihm sanft über die Wange strich.
Jetzt war alles noch gut, die Gefühle von gestern Nacht lagen noch in der Luft, wenn auch verschwommen, verwaschen, undeutlich eben, so wie in ihrem Kopf. Hatte sie das denn wirklich gewollt? Oder war es nur eine Flucht aus der Realität gewesen, die sie gemeinsam begangen hatten?
Natürlich hatte sie Gefühle für ihn . . . aber was für welche? Seufzend kuschelte sie sich enger an ihn, extrem darauf bedacht ihn nicht zu wecken und malte kleine Kreise um seinen Bauchnabel. Wenn er doch nur immer so wäre wie in den vergangenen zwölf Stunden, eigenwillig, tiefsinnig, bestimmt, aber auch zärtlich und eine gewisse Stärke ausstrahlend.
Sie hatte Angst, dem kleinen Jungen in die Augen zu sehen, wenn Lauri aufwachte.
Was würde mit dem Arm passieren, den er schützend um ihren Rücken gelegt hatte . . . würde er ihn wegziehen, knallrot anlaufen und irgendetwas stammeln? Oder würde er ihr sanft über die Seite streichen und sie küssen, so wie nur er es konnte . . .
Mit einem Ruck löste sie ihren Arm von ihm und krabbelte hastig an den Rand des Bettes. Noch war es nicht zu spät, er würde bestimmt verstehen, dass es eine Kurzschlusshandlung gewesen war. Sie würden Freunde bleiben und einfach alles vergessen . . . Ja, genau, alles vergessen.
In Windeseile suchte sie ihre Sachen zusammen, mucksmäuschenstill, um nicht doch mit der so gefürchteten Situation konfrontiert zu werden. An der Tür machte sie nocheinmal kurz halt und dreht sich zu ihm um. Es war schön gewesen . . . aber es hätte niemals passieren dürfen. Sie empfand einfach nichts für ihn und er hatte sich sicherlich auch nur über die Pleite mit Laura hinweg trösten wollen. Entschlossen griff sich nach der Türklinke, trat ins Freie und schloss sie vorsichtig wieder.
Es war Montag . . . sechs Uhr morgens, die Sonne stand schon seit drei am Himmel. Wenn sie sich beeilte, könnte sie noch zu Hause frühstücken, bevor sie zur Schule musste. Bevor sie ihn treffen würde . . . egal, je schneller sie die Sache hinter sich brachte, desto schneller würde sie ihren besten Freund zurückbekommen . . . .
Wieder dieses einzigartige Schweben zwischen Schlafen und Wachsein. Unruhig wälzte er sich zur Seite und wollte dieses wahnsinnig erfüllende Gefühl zurück, das ihn gerade erfüllt hatte. Aber es war weg, einfach so. Mit einem tiefen Seufzend landete er auf dem Bauch und presste sein Gesicht in den noch warmen Stoff, der so merkwürdig intensiv nach diesem Gefühl roch. Konnten Gefühle überhaupt nach etwas riechen? Für Lauri schon, er assoziierte alles, was dachte, sagte und eben fühlte mit einem bestimmten Bild, Geräusch oder Geruch , das machte es ihm einfach, zu irgendeinem Text eine passende Melodie zu finden.
Angestrengt versuchte er, wieder einzuschlafen, aber er war unruhig, instinktiv, denn irgendetwas fehlte hier. Es war wichtig, sehr wichtig . . .
Schließlich gab er sich geschlagen und rollte sich auf den Rücken, um ein paar Augenblicke die weiße Decke anzustarren und sich zu erinnern, genau wie Aliisa vor guten zehn Minuten.
Doch anders als sie packte ihn nicht die Panik, er genoss viel mehr die Tatsache, dass sie ihm ein ganzes Stück seines verlorenen Selbstvertrauens wiedergegeben und einen stärkeren Menschen aus ihm gemacht hatte. Zwar enttäuschte es ihn, dass sie weg war, aber er kannte sie, wusste, dass sie Zeit zum Nachdenken und verarbeiten brauchte und dass sie es hasste, bedrängt und eingesperrt zu sein. Trotzdem hätte er sie jetzt gerne bei sich gehabt und ihr gezeigt, dass er durchaus die Willensstärke und Persönlichkeit besaß, die sie sich immer von ihm gewünscht hatte.
Mit einem leisen seufzend und einem undefinierbaren Lächeln auf den Lippen kletterte er über die niedrige Lehne und suchte seine Sachen zusammen. Bals würde er sie wieder sehen . . . in nicht einmal zwei Stunden. Er hatte Angst davor, sie anzusehen, mit ihr zu reden, sich in dieser neuen Situation zurechtzufinden, aber andererseits freute er sich auf ihr schelmisches Lächeln und ihre sanften, zufälligen Berührungen . . .

„Hey Liz . . . Lizzy . . . ALIISA!!“ Wild fuchtelnd hüpfte Aki über den Schulhof und packte sie schließlich leicht empört am Arm.
„Oh, hi . . .“
„Tztztze, das wird ja immer besser mit dir. Erst haust du mitten in der Nacht zum Strand ab, machst da wahrscheinlich mit irgendwelchen gutaussehenden Typen rum und dann übersiehst du auch noch deinen Fanclub.“
„Meinen Fanclub?“
„Hab ich soeben beschlossen. Und jetzt komm, Prinzessin, lass deine schlechte Laune hier, dann geb ich dir auch nen Kaffe aus.“
„Also eigentlich wollte ich . . .“
„Blabla, was auch immer. Guck mal, der Pauli hat dir sogar was mitgebracht . . . einen SCHOKORIEGEL . . . is das nicht toll!?“
„Morgen, Liz . . . aber wieso mitgebr . . .“
„Weil Prinzessin heute Morgen nich gut drauf is, deshalb PAULI.“ Unterbrach Aki und riss ihm bestimmt die Schokolade aus dem klammernden Pfötchen.
„Lass ma, is ja lieb, aber ich mag weder Kaffee, noch Schokolade.“
„Aber was . . . hey, Lintu, hier sind wir!!“ Wieder seilte er sich von der Gruppe ab und hüpfte schon wieder wie wild auf dem gepflasterten Platz herum.
Panisch blickte das Mädchen in die Runde. Pauli machte sich vor Freude strahlend über seinen zurückeroberten Schatz her, Eero schlief im Stehen und Janne starrte nur zu Lauri hinüber, der langsam näher kam, unsicher zwar, aber trotzdem näher und das war schon ein Grund für sie, sofort die Flucht zu ergreifen.
„Äh Jungs, ich muss dann ma, nech, hehe.“ Sie wartete erst gar nicht auf eine Antwort aus den erstaunten Gesichtern, sondern machte auf dem Absatz kehrt, um so schnell wie möglich ins Schulgebäude zu hasten. Wenn sie es geschickt anstellte, würde sie ihn heute nicht mehr sehen und konnte sich in Ruhe überlegen, was genau sie ihm sagen wollte. Davon hatte sie nämlich im Augenblick nicht den leisesten Schimmer.
In Gedanken versunken tappte sie die Treppe in den ersten Stock hinauf und stieß glatt mit jemandem zusammen. Eigentlich war sie heute nicht in der Stimmung, andere Menschen zu verprügeln, aber als sie in das Gesicht der Person sah, die vor ihr stand, verengten sich ihre Augen zu Schlitzen und sie richtete sich automatisch zu voller Größe auf.
„Na, sieh ma an, wenn das nich unser kleines Moppelchen ist. Wie geht’s uns denn heute so, LAURA?“
„Ähm, na ja . . .“ Verunsichert blickte das Mädchen zu Boden und versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern, was sie sagen wollte.
„Pass mal auf Schätzchen, wenn du auch nur ein schlechtes Wort über meinen besten Kumpel verlierst, dann . . .“
„Bester Kumpel. Er liebt dich, der kleine Schlappschwanz.“
„Red keine Scheiße, Kleines, du weißt ganz genau, was passiert, wenn du nicht artig bist.“
„Hör auf mich zu terrorisieren, er hats versaut und das werd eich jetzt ALLEN erzählen!“
„Nen Scheißdreck wirst du tun.“
„Er liebt dich, er will gar nicht dein ach so toller Kumpel sein, er will dich v ö g e l n!“
Aliisa schluckte schwer, riss sich aber zusammen, wenigstens dieses Problem wollte sie beseitigen.
„Dann erzähls doch allen . . . dann werd ich aber auch nen schönen kleinen Beitrag über deine süße Snoopyshorts und den knackigen Hintern dahinter leisten.“
Laura wurde blass. Sie wusste, wie fies und gemein Aliisa sein konnte, obwohl sie in letzter Zeit eigentlich ziemlich friedlich gewesen war. Kurz schwankte sie, doch dann entschied sie sich, die ganze Sache einfach für sich zu behalten. Sollte er dieses Biest doch weiterhin anschmachten, wenn er mit einem normalen Mädchen nicht zu Recht kam.
„ Na gut . . .“
„Wehe ich hör nur ein Sterbenswörtchen über die Sache, dann . . .“
„JA! Is ja gut.“ Bei den letzen Worten hatte sie ihre Rettungsringe schon wieder in Bewegung gesetzt und eilte jetzt in die entgegengesetzte Richtung davon.
Seufzend sackte Aliisa wider in sich zusammen. Gut, das war soweit geklärt, aber das Hauptproblem war nach wie vor da, es stand draußen aus dem Schulhof und rauchte vor lauter Nervosität bereits die fünfte Zigarette an diesem Morgen . . .

„Na, Tiger, wie liefs?“ Pauli grinste breit und leckte sich anzüglich einen letzten Krümel Karamellkeks mit Schokolade von den Lippen.
„Gar nich.“
„Wie? Hat sein nen Rückzieher gemacht?!“
„Ne . . .“ Unruhig blickte Lauri sic um, er suchte sie . . . obwohl er am liebsten in einer kleinen dunklen Ecke verschwunden wäre, um endlich von allen in Ruhe gelassen zu werden. Die kure Zeit hatte nicht gereicht um die die wirren Gedanken seinem Kopf zu ordnen, er wusste immer noch nicht, ob er lieber alles ungeschehen machen oder doch lieber mit ihr reden wollte . . . Außerdem war die Sache ja eigentlich klar: Zurückdrehen konnte man die Zeit nicht und er wollte auch nie, nie wieder vor Sehnsucht zergehen, während er Mrs Schwabbelarsch im Arm hielt und sich mit Nikotin voll pumpte, um sie wenigstens etwas auf Abstand zu halten.

„Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Alter.“ Jannes heftiger Puff gegen die Schulter riss ihn abrupt aus seinen Gedanken, sodass er das Gleichgewicht verlor und sich an Aki festkrallen musste, um nicht umzufallen.
„Na, so umwerfend?“
„Haha, wie witzig . . . habt ihr . . . Aliisa zufällig gesehen . . . heute . . .?“
„Ja, sie war vorhin kurz da, ziemlich komisch . . . is auch gleich wieder abgehauen und reingerannt. Hattet ihr Zoff oder so?“
„Nein.“
„Na los, Lintu, spucks aus. Was ist passiert, ich meine, wir sinds ja gewöhnt, dass ihr beide ab und zu mal komisch seid, aber nie gleichzeitig. Also, was los?“
„Nix is los, gar nix, okay?“ Genervt friemelte er die sechste Zigarette an diesem furchtbaren Tag hervor und steckte sie sich von der Aufsicht unbemerkt an. So früh am Morgen war es den Lehrern meistens sowieso egal, was die Schüler taten, solange sie nicht die Schule anzündeten oder sich gegenseitig krankenhausreif schlugen. Nicht, dass das nicht alles schon einmal passiert wäre . . .
„Klar, und Janne is Mutter Theresa persönlich. Jetzt sag doch maaaaal.“
„Es gibt aber nix zu sagen, verdammte Scheiße noch mal!“
„Huihui, unser kleines Pelztierchen wird aggressiv. Gib ihm lieber ne Kippe, Pauli, sonst greift es uns noch an.“
„Ach, ihr könnt mich doch alle mal . . .“ Wütend pfefferte er den abgebrannten Filter auf den Boden und stampfte die Stufen zum Haupteingang hinauf. An jedem anderen Tag hätte er sich jetzt seine beste Freundin geschnappt und hätte mit ihr blau gemacht. Einfach irgendwo rumhängen, reden, über andere Leute lästern, hässlichen, vollbusigen Tussen Steinchen in den Ausschnitt werfen und dann vor ihren schwingenden Handtaschen davonlaufen.
Das wäre alles wahnsinnig toll, wenn da nicht dieses eine kleine Problem wäre, dass seine beste Freundin nicht mehr existierte, oder besser: zwischen Gelegenheitsfick und großer Liebe schwebte. Wütend trat er gegen die Wand und suchte nach der Antwort, die er so dringend brauchte: Was sollte er jetzt tun? Sie suchen, weglaufen, so tun, als ob nichts wäre . . . es gab unendlich verschiede Möglichkeiten, doch keine schien passend. Vielleicht wäre alles anders gewesen, wenn sie nicht verschwunden wäre, dann müsste er sich jetzt nicht auch noch den Kopf zermartern, wie es ihr ging, wo er ja selbst schon mit seinen eigenen Gefühlen genug zu tun hatte. Genau, sie war Schuld . . . das war die einfachste Lösung, alles auf sie abzuladen. Sie hatte ihn ja schließlich zuerst geküsst . . . sie hatte ihn mit LARA verkuppelt . . . und sie war doch auch irgendwie das Wichtigste in seinem Leben geworden.
Nein, er kam nicht darum herum, er musste sie suchen. Je früher er es hinter sich brachte, desto besser. Sie würde ihm wieder dieses unglaublich schöne, tiefe Gefühl geben, er musste sie nur finden.

„Hey Liisa, warte mal!“ Eben rannte er noch, jetzt wurde er plötzlich langsamer, als ob ihm jemand einen Eimer Steine in die Hand gedrückt hatte. Verlegen schlich er auf sie zu, unsicher, wo er hinsehen sollte. Aber dann fiel ihm plötzlich ein, wie sehr sie dieses Schüchternsein an ihm verachtete und so zwang er sich zu einem aufrechteren Gang und einem schiefen Lächeln.
Auf den Ruf hin drehte sie sich erstaunt um und was sie sah, löste bei ihr automatisch eine Fluchtreaktion aus, wie bei einem Pferd, das von einem Rudel Windhunde angegriffen wird. Aliisa rannte nicht, sie blieb einfach stehen und zermarterte sich das Hirn, was sie jetzt am Besten sagen sollte. Was wollte sie überhaupt . . . was wollte er . . . dachten sie überhaupt dasselbe?
„Hey . . .“
Lauri überraschte ihr Verhalten und machte ihn selbst noch unsicherer. Warum tat sie nichts, sagte nichts, stand einfach nur so da und sah ihn an . . . nichtmal das tat sie wirklich, ihr Blick ging direkt an seinen Augen vorbei, auf die Wand, wanderte unruhig umher und zuckte erschrocken zurück, wenn er den Jungen streifte. Andererseits . . . wenn sie so verlegen war . . . dann hieß das ja, dass . . .
Mit dem letzen Mut, den er sich von gestern nacht aufgespart hatte, beugte er sich leicht nach vorne und küsste sie vorsichtig. Für einen Moment lang hielt sie still, doch dann griff sie mit einer fahrigen Bewegung nach der Hand auf ihrer Hüfte und schon ihn einen halben Meter von sich weg.
„Lauri, hör zu . . .“ Weg war die Verlegenheit, sie überschlug sich fast, so schnell sprudelten die Wort aus ihr heraus.
„ . . . es war . . . du hast mir leid getan, verstehst du? Ich hab mich wegen Laura so scheiße gefühlt, weil ich nie gemerkt hab, dass du sie nicht magst. Vielleicht wollte ich es ja auch gar nicht wissen. Und du . . . du warst mal ein paar Stunden nicht tollpatschig und unsicher . . . es ist einfach mit mir durchgegangen . . . Sag doch auch mal was!“
Kalt blicke er auf und zuckte mit den Schultern. Er konnte einfach nicht glauben, dass sie das alles aus Mitleid getan hatte . . . warum ließ sie nicht einfach zu, dass mehr wurde. Soviel Leidenschaft konnte man sich doch nicht eben mal aus den Fingern saugen, sie musste irgendwo vorhanden sein und er weigerte sich zu verstehen, warum sie diese nun ignorierte und ihn so grob vor den Kopf stieß.
„Toll, was soll ich den sagen?“ Jetzt plötzlich konnte er ihr in die Augen sehen, sie seine tiefe Verletztheit und Unverständnis spüren lassen. Wie konnte sie nur, wo waren ihre Gefühle?
„Lauri, jetzt kapiers doch endlich! Bist du so naiv oder tust du nur so? Warum sollte ausgerechnet ich mich in dich verlieben? Sags mir! Hab ich jemals auch nur die leiseste Andeutung gemacht, dass ich mehr für dich empfinden könnte, als nur Freundschaft? Nein! Und weißt du auch, wieso!? Weil das alles nur ein dämlicher Ausrutscher war! Ich hab dich wirklich gern, ich wollte dir helfen, es ist schief gegangen und ich war enttäuscht, das ist alles.
Bitte, lass uns doch wieder Freunde sein . . . so wie früher. Ich verstehe nicht, warum du plötzlich so . . . so . . . verknallt bist, ich hab dir nie Grund dazu gegeben, ganz im Gegenteil.“
„Was bin ich eigentlich für dich? Ein Spielzeug, das man jederzeit in die Ecke stellen und vergessen kann, wenn es einem nicht mehr passt? Ständig trampelst du auf mir und meinen Gefühlen rum, lädst deinen ganzen Frust bei mir ab und erwartest dann auch noch, dass ich deine fiesen kleinen Spöttelein wegstecke und mir dabei einen Ast grinse. Was geht eigentlich in deinem Kopf vor? Du sagst, dass du mich gern hast und dann behandelst du mich wie den letzten Dreck, benutzt mich, wenn grad mal niemand anders da ist und schubst mich dann wieder ins Abseits, wo ich dich brav anhimmeln darf. Dazu bin ich doch deiner Meinung nach d, oder? Ein kleiner Idiot, der dir hinterher kriecht und dich anschmachtete, damit du dir so groß und toll vorkommst, wie du gerne sein würdest. Aber das bist du nicht, Aliisa, du bist erbärmlich und ich hasse dich!“ Die letzten Worte schrie er fast, sodass sich einige Schüler erstaunt zu den beiden umdrehten und dann grinsend weitergingen. Niemand von ihnen konnte sich vorstellen, wie verletzt sie in diesem Moment war, dachten eher daran, dass sie ihn belächelte und seine Szene mit einem müden Gähnen über sich ergehen ließ.
„Aber Lauri, das ist doch alles gar nicht wahr, du hast mir überhaupt nicht zugehört!“
„Und ob ich zugehört habe, das ist genau das, was ich meine. Du hast nen Fehler gemacht, du hattest Mitleid mit dem armen keinen Lauri, der keine Tussi abbekommt, du warst schlecht drauf, immer nu du, du, du, die große tolle Aliisa mit dem mickrigen, durchgeknallten Zwerg. Was willst du eigentlich von mir, such dir nen anderen Deppen, den du fertig machen kannst, ich hab keinen Bock mehr, mich jeden Tag von dir niedermachen zu lassen.“
„Jetzt bin ich schuld an deinem mangelnden Selbstbewusstsein, oder was? Selbst wenn es so wäre, warum hast du nichts dagegen gemacht? Du tust ja gerade so, als hätte ich dich in Ketten gelegt und dir jede Minute gesagt, wie mickrig, klein und unfähig du bist. Ich hab dir gesagt, dass ich dich gern habe, aber eben nicht so, warum akzeptierst du das nicht einfach?“
„Weil ich es nicht glauben kann, dass . . .“
„Oh, Master Ylönen werden größenwahnsinnig.“
„Du bist so arrogant und eingebildet, wie konnte ich nur so jemandem wie dir nachlaufen!? Laura is Gold dagegen, die hat nämlich MICH angehimmelt. Du hast Recht, es war alles ein einziger großer Fehler, unsere Freundschaft, alles.“
„Dann geh doch zu deiner schwabbelarschigen Tussi und fick die, da hast du wenigstens was zum üben.“
„Und ob ich das tun werde, dann hab ich auch keine Zeit mehr um dich vor irgendwelchen schlägernden Typen zu retten, vielleicht brauchst du das ja, damit du nicht abhebst.“
„Genau, vielleicht stehst du ja auf fette Ärsche und Rettungsringe, dann wären wir ja beide glücklich.“
„Gut.“
„Gut.“ Wütend drehte sie sich um und rauschte an ihm vorbei, wieder hinaus aus dem Gebäude auf den Schulhof.
Lauri blieb einfach still stehen, sein Atem zitterte und er konnte dieses Pochen im Kopf fühlen, das man nur spürt, wenn das Herz so heftig schlägt, dass man es fast hören kann. Jetzt hatte er ihr also alles gesagt . . . alles, was er in den vergangenen Wochen einfach hinuntergeschluckt hatte. Eigentlich hatte er ruhig bleiben wollen, aber als sie seinen Kuss so grob zurückgewiesen hatte, war einfach die ganze angestaute Aggression aus ihm herausgebrochen. Der Haken war nur, dass sie jetzt weg war . . . seine Aliisa.
Mit einer ungestümen Handbewegung wischte er den Gedanken beiseite und drehte sich ebenfalls um, aber in die entgegengesetzte Richtung. Er würde Laura suchen gehen . . . allein schon, um Liz damit wehtun zu können. Es war mies, aber seine Seele schrie geradezu nach Rache, er wollte, dass sie spürte, was er in den vergangenen Wochen gespürt hatte, als er für sie durch die Hölle gegangen war. Kurz lachte er über seine pubertäre Vorstellung von durch die Hölle gehen und rannte dann die Stufen hinauf. Wenn die verhasste Seite an ihr ihm eines beigebracht hatte, dann war es Herzlosigkeit.

Chapter 45

„Liisa!! Aliisa, verdammt! Nun WARTE doch mal!“ Unwillig hob sie den Kopf, um zu sehen, wer sie davon abhielt, einfach durchs Schultor zu gehen und von diesem schrecklichen Ort wegzukommen. Innerhalb von Sekunden war sie von schnatternden Rasnüssen umgeben, die allesamt gleichzeitig auf sie einredeten, allen voran Aki.
„Sag mal, was ist denn nun los? Ich hab gehört, dass ihr euch da drinnen gefetzt habt, ist das wahr?“
„Ja.“ Brummte sie mürrisch zurück und wünschte sich nach Hause in ihr warmes, weiches Bett, wo sie Jenna anrufen und ihr alles erzählen könnte. Mit Tobi wollte sie nicht reden, vielleicht aus Angst, dass sie auch noch mit ihm ins Bett ging . . . die beiden waren Gott sei Dank nicht böse, weil sie sich in letzter Zeit nicht mehr so oft mit ihnen getroffen hatte. Aliisa wäre verzweifelt, wenn sie sich von ihr abgewendet hätten . . . sie beschloss, sich in Zukunft besser um ihre Freunde zu kümmern und sich nicht wieder ihrem geliebten Egoismus hinzugeben.
„Aber Lauri scheint’s ja wieder gut zu gehen, der macht grad fröhlich mit Laura rum, soweit ich mitbekommen hab. Scheint ja doch ne interessante Nacht gewesen zu sein.“ Aki grinste und stupste Janne in die Seite, aber der beachtete ihn gar nicht, sondern nur besorgt und misstrauisch zu Aliisa.
„Scheint so, hehe. Naja, ich geh dann mal, tschüss . . .“ Ohne auf eine Reaktion zu warten, quetschte sie sich an Pauli vorbei und wollte gerade um die Ecke verschwinden und somit das Schulgelände verlassen, als sie plötzlich am Arm gepackt wurde.
„Komm, wir gehen ins Kahvila, dann erzählst du mir alles, okay?“
„Aber Janne, ich . . .“
„Komm einfach mit.“
„Janne, ich will nach Hause.“
„Ich denke nicht, dass du jetzt allein sein solltest.“
„Was willst du überhaupt? Bloß, weil ich mich mit Lintu gestritten habe, muss du mir keine Seelsorge leisten.“
„Liz, die andern mögen vielleicht so naiv sein und dir das glauben, aber mich kannst du nicht verarschen. Ich weiß doch, dass du uns, mir was verschweigst, dass da irgendwas zwischen euch gelaufen ist, von dem wir keine Ahnung haben.“
„So, und was soll das bitte sein?“
„Das wirst du mir gleich erzählen.“
„Ah ja, werd ich das?“
„Tu mir nen Gefallen und hör mit dem Rumgezicke auf, das macht es auch nicht leichter und außerdem bekomme ich davon Kopfschmerzen.“
„Tut mir Leid . . .“
„Kommst du mit?“
„Okay . . .“
„Aber?“
„Du sagst es niemandem.“
„Nicht mal den Jungs?“
„Nein . . . nicht solange ich nicht das Chaos in meinem Kopf wieder einigermaßen in Ordnung gebracht habe . . . ich weiß gar nicht mehr wie ich jetzt zu wem stehe.“
„Hey, das kriegen wir schon hin, ich hab doch bis jetzt immer zum lachen gebracht, mhm?“
„Jaaa, darin bist du echt toll . . . Gott sei Dank hast du aufgehört mich zu hassen.“
„Du bist einfach so in meine Band geplatzt, was sollte ich machen?“ Er lachte leise und legte ihr seinen Arm leicht um die Hüfte, um sie in die richtige Richtung zu dirigieren.
„Dich mit mir über Lauri lustig machen und gegen meine Zickerein immun sein . . . oh, Janne, ich bin sone schreckliche, arrogante, unausstehliche . . .“
„Liisaaa, jetzt mach dich doch nicht selber fertig . . . und bleib gefälligst stehn, die Ampel ist rot und ich hab keinen Bock, deine Einzelteile in dem Eimer zurück zu schleppen.“
„Nicht nötig, lass mich einfach liegen, dann hab ich die ganze Scheiße vom Hals, die ich angerichtet hab.“
„Findest du das nicht ein bisschen arg feige?“
„Ja, doch . . . vielleicht hab ich auch gar kein Rückrat . . . ich laufe ja schon wieder davon.“
„Schon wieder?“
„Wo gehen wir eigentlich hin?“
„Ins Kahvila, und das weißt du, also weich nicht aus.“
„Ich kann dir das nicht sagen, es ist so . . . absurd, unlogisch und . . . ach, verdammte Scheiße . . .“
„Seit wann ist es absurd, jemanden zu lieben? Und jetzt sag nicht, dass das Blödsinn ist.“
„Wie kommst du auf die Idee, dass . . .“ Mit Schwung schmiss sie sich gegen die Eingangstür des Coffeeshops und wartete, bis Janne wieder neben ihr stand.
„Sieht dochn Blinder mit Krückstock, bei Lauri jedenfalls . . .“
„Eben.“
„So langsam könnte ich mir ja zusammen puzzeln, was passiert ist, aber ich will es lieber von dir hören, und zwar die ganze Geschichte.“
„Wieso willst du denn das alles wissen? Als Ausgleich für dein Geheimnis oder wie?“ Sie sah ihm fest in die Augen, er erwiderte ihren blick für eine Sekunde, wandte sich dann jedoch ab und ging wortlos zu einem kleinen, einsam Tisch in der Ecke.
„Du hast es doch niemandem gesagt, oder?“
„Natürlich nicht, ich habs doch versprochen. Aber ich versteh nicht, wieso du es hören willst, wenn du doch sowieso nichts ändern kannst.“
„Vielleicht, weil ich will, dass es dir besser geht und du das alles verarbeiten kannst, wenn du darüber redest.“
Sie schwieg einen Moment, nickte dann leicht und spielte an einem losen Faden ihres Shirts herum.
„Du hast Recht . . . danke . . . ich sollte mich wohl bei vielen Leuten für mein Verhalten ihnen gegenüber entschuldigen.“
Entgegen ihrer Erwartung lachte er plötzlich los und piekste sie aufmunternd in die Seite.
„Das ist doch Schwachsinn, Kleines. Das ist eben deine Art von Selbstschutz, du hast ne gute Menschenkenntnis und die Leute, die du magst, lässt du auch spüren, dass deine Stichelein liebevoll gemeint sind.“
„Wirklich?“
„Ja, klar, aber jetzt würde ich echt gerne wissen, was passiert ist, seit wir dich und Aki allein im Probenraum gelassen haben.“
„Na gut . . .“ Sie seufzte tief und rührte in dem schwarzen Kaffee, den die männliche und durchaus gutaussehende Bedienung ihr gerade augenzwinkernd vor die Nase gesetzt hatte.
„Siehst du, du hast dieses gewisse Etwas.“
„Na toll, dann möchte ich es lieber ganz schnell wieder loshaben, dieses beschissene etwas.“
„Was war gestern?“
„Also . . . ihr seid gegangen, Aki und ich waren allein und irgendwann wollte ich nur noch raus, nicht wegen Hattu, sondern einfach nur so . . . ich war am Hafen und hatte dieses widerliche Gefühl, wenn man sich von allem wegsehnt, irgendwo anders hin, übers Meer und einfach frei sein. Ich glaube, ich saß mindestens zwei Stunden da unten im Sand und hab der sonne beim Untergehen zugeguckt. Irgendwann ist es dann arschkalt geworden und ich wollte nach Hause gehen, aber plötzlich stand Lauri am Kai und hat mir erzählt, wie mies es gelaufen ist und dass er nie etwas von Lara wollte, dass er nur wegen mir mit ihr zusammen war . . .“
„Deshalb hast du so gezuckt, als Aki sagte, dass er mit ihr rummacht.“
Aliisa nickte nur. Janne hatte wirklich Recht, mit jedem Satz, den sie loswürde, fühlte sie sich ein bisschen leichter und nicht mehr so allein und hilflos mit dem Schutthaufen, den sie fabriziert hatte.
„ . . . er hat mir so wahnsinnig Leid getan und ich hab mich so schuldig gefühlt. Wir wollten wieder zum Probenraum zurück, auf halben Weg hat es plötzlich angefangen zu schütten. Lauri ist einfach im Regen stehen geblieben, mitten auf der Straße . . .“
Sie lächelte leicht und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, die sie mit den Händen umklammerte.
„ . . . ich, ich hab ihn gefragt, was er da macht und er hat mich einfach an der Hand genommen und gesagt, ich soll die Augen zumachen. Wir standen da mindesten zehn Minuten . . . bis wir über Gummibärchen geredet haben und dann patschnass um Probenraum sind.“
„Gummibärchen?“ Janne grinste und zwang sie, einen von seinen fünf Donuts zu essen, die er vor sich hortete.
„Ja, Lauri eben . . . dann . . . Janne, ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich hab ihn plötzlich so anders gesehen . . . so erwachsen, so selbstbewusst, so tiefsinnig. Trotzdem hat er mir noch leid getan . . . Verdammt, wie soll ich dir das erklären, wenn ich selber nicht mal weiß, warum ich ihn plötzlich so wollte.“
„Ihr habt . . .?“
„Ja.“
„Oh . . .“
„Siehst du? Es ist doch absurd! Wir . . . wir sind, waren beste Freunde, ich mochte ihn eben einfach, so wie ich dich und Aki mag.“
„Liisa, hast du denn schonmal daran gedacht, dass er sich so verhalten hat, weil du da warst und ihm einmal richtig gezeigt hast, dass du ihn magst? Er weiß sicher, dass du diese ganzen kleinen Spötteleien nicht ernst meinst, aber trotzdem ist es bei Tageslicht und unter vielen Menschen schwerer, seine wahren Gefühle zu zeigen.“
„Das ist es ja . . . ich glaube . . . ich meine, er hat versucht, mich heute Morgen zu küssen . . .“
„Er versteht genauso wenig wie ich, was plötzlich so anders ist, als gestern Abend.“
„Ich liebe ihn einfach nicht, okay? Ich will meinen besten Freund wiederhaben.“
„Dazu ist es wohl leider ein bisschen zu spät . . . wenn du magst, bring ich dich nach Hause, damit du mal in Ruhe über deine Gefühle nachdenken kannst . . .“
„Da sind keine Gefühle.“
„Nein, du tust ja auch alles, um sie zu unterdrücken.“
„Ich . . .“
„Lizzy, das hat doch keinen Zweck, drüber zu streiten, das weißt nur du allein. Wir können aber auch noch hier bleiben, wenn du magst.“
„Nein, schon gut, ich will wirklich lieber nach Hause.“
„Okay . . . hey, lass den Kopf nicht hängen, du bist doch nicht allein.“
„Janne?“
„Mhmm?“
„Was ist eigentlich bei dir so . . .?“
„Was soll schon sein . . .“ Er zwang sich zu einem Lächeln und schnipste gedankenverloren einen kleinen Schokoladenbrösel von seinem Ärmel.
„ . . . ich kann ja mal in eine von diesen Bars gehen.“
„Dafür bist du viel zu schade, glaub mir.“
„Siehst du, du kannst echt süß sein, wenn du willst.“

Chapter 46

„Pauliiiii!!! Sag mal, geht’s dir zu gut!? Sei gefälligst vorsichtig mit den drums!“
„Jaaaaa, zick nich so rum, Jeanette, ich tu deinen Trommeln schon nix.“ Murrt Pauli zurück und startet einen neuen Versuch, das Equipment in den Bus zu verladen. Eero sitzt neben mir auf der Wiese und erträgt stillschweigend die milchige Rauchwolke, an der ich schon seit einer Stunde arbeite. Wir haben einen Deal, er hat sich nämlich die Hand verbunden, um nicht helfen zu müssen und ich werde ihn wohl verpfeifen, wenn er sich beschwert.
Nein . . . ich glaube, ich würde sogar aufhören, wenn er darauf bestehen würde, ich hab ihn und die anderen in letzter Zeit so selten gesehen, dass jede Minute kostbar ist . . . wie schmalzig . . .
Anscheinend hat Lauri damals noch mehr kreative Energien entwickelt, seitdem hockt er den halben Tag und die ganze Nacht zu Hause und schreibt an irgendwelchen Songs. Mit Erfolg, Rasmus hat seinen Medieneinstieg hinter sich, drei Singles und jetzt dieses verdammte Album. Promotionstour . . . ich gönne ihnen den Erfolg, sie sind echt gut geworden, aber trotzdem eh diese kleine nervende Stimme im Hinterkopf einfach nicht weg. Sie lassen mich einfach hier allein . . . aber vielleicht ist es besser, wenn ich Lauri nicht mehr jeden Tag sehe. Wir behandeln uns gegenseitig wie Luft und ticken bei dem kleinsten falschen Wort schon aus. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal normal mit ihm gesprochen habe.
Janne hat sein Wort nicht gehalten, jedenfalls glaube ich das. Aki, Pauli und Eero nehmen es einfach so hin, dass ich kein Wort mehr mit Lauri wechsle und umgekehrt. Das würden sie niemals tun, wenn sie nicht wüssten, was los ist. Rasnüsse sind von Natur aus sehr neugierige Wesen.
„Lizzyschatz?“
„Mhmm?“
„Würde es dir was ausmachen, mal eine Minute die Ozonschicht zu schonen?“
„Sag doch was.“ Gehorsam trete ich meine Kippe aus und starre dem letzten Rauch nach, der sich in der Luft verliert.
„Bist du traurig, weil wir auf Tour gehen, oder weil wir immer noch nicht hier weg sind?“ Eero stupst mich auffordernd in die Seite und beäugt nebenbei misstrauisch Aki, der die große Ehre hat, seinen Verstärker einzuladen.
„Das is echt ne bescheuerte Frage, ich vermiss euch jetzt schon.“
„Wir kommen doch in zwei Wochen wieder . . . willst du nicht dochmal mit Lauri reden?“
Ich hab noch eine ausgewachsene Henne mit Janne zu rupfen, altes Plappermaul . . .
„Das hat keinen Sinn, glaub mir, und eigentlich solltest du das alles gar nicht wissen.“
„Ach ihr beide . . .“ Er packt seufzend einen Schokoriegel aus und versteckt ihn sorgsam hinter dem Rücken, wenn Pauli vorbeikommt. Pauli ist der Futterverwehrter schlechthin, er isst und isst und nimmt kein Gramm zu. Ich habe ihm schon oft gedroht, dass er mal alt und fett und faul wird, aber er hat nur gelacht und mich um den See gejagt. Warum kann nicht alles wieder in Ordnung sein, es ist so komisch, mit den anderen Spaß zu haben und ihn dann da sitzen und mich anstarren zu sehen.
„Hör doch auf, schon wieder so vor dich hinzustarren, das machst du in letzter Zeit ständig.“
„Ich muss nachdenken.“
„Damit bringst du auch nicht wieder alles in Ordnung.“
„Kann ich das denn, alles wieder in Ordnung bringen?“
„Du könntest es wenigstens versuchen.“
„Warum ich? Er ist doch auch nicht unschuldig, an dem, was passiert ist.“
„Wer redet denn von Schuld . . . außerdem hat Lauri genau so einen Dickschädel wie du, Kleines.“
„Ach Eero . . .“ Seufzend rupfe ich ein paar Grashalme aus dem Boden und zerreiße sie langsam in kleine Stücke . . . Lauri und ich sind auch zerrissen, wir haben uns selbst auseinander gerissen. Ich habe Angst vor dem Abschied und nicht den blassesten Schimmer, was ich tun oder sage soll. Gott sei Dank ist Aki noch da, aber er weigert sich strikt, mir aus der Patsche zu helfen, überhaupt tun die vier alles, damit ich gezwungen werde mit der Oberrasnuss die Fronten zu klären. Irgendwie will ich es ja, aber wenn ich dann seinen kalten arroganten Blick sehe und die gelben, klebrigen Stacheln, die ihm aus dem Köpfchen ragen, kommt es mir hoch und ich sehe nicht ein, warum ich das tun sollte. Er hat sich verändert . . . es scheint ihn jetzt nicht einmal mehr zu stören, dass Mme Pommespanzer sich ständig an ihm aufgeilt, ganz ihm Gegenteil, er begrapschst sie nur noch heftiger, wenn ich in sein Blickfeld
trete. Pff, er glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass ich auf das Walross eifersüchtig werde, weil sie ihren dicken Hintern an ihm reiben darf und er mich wie Luft behandelt . . . ja, genau, er kann mich mal, wozu mache ich mir eigentlich den ganzen Stress!?
„Äh, Liisa? Lass das mal besser . . .“ Vorsichtig nimmt er mir den Erdballen aus der Hand, den ich in Gedanken brutal aus dem Boden gerissen habe und wirft ihn hinter sich.
„ . . . wir müssen jetzt langsam.“ Er versucht zu lächeln, aber er sieht eher aus wie ein trauriger Clown, als er mir seine Hand zum Aufstehen reicht.
„Jetzt schon?“ Schwerfällig komme ich auf die Beine und fummle wieder an meinem Shirt herum, jetzt wo die Kippen und das Grad tabu sind.
„Wir sind schon eine halbe Stunde zu spät, unser Fahrer stand so lange an der Tanke an.“
„Ich hasse Abschiede.“
„Es sind doch nur zwei Wochen . . . nichtmal vierzehn Tage.“
„Dreizehn und ein halber.“ Ich lächle ein wenig schief, nehme ihn in den Arm und heule für einen Moment fast los. Verdammt, warum nimmt mich das nur so schrecklich mit . . . vielleicht, weil sie meine besten Freunde sind.
Plötzlich werde ich brutal von hinten gepackt und zu Boden geworfen, als ich den ersten Schock überwunden habe, mache ich vorsichtig die Augen auf und sehe in zwei glänzige Ranussaugenpaare, die mich treu anglupschen. Janne und Pauli haben es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, mich nocheinmal zu Tode zu knuddeln, bevor sich sie in den Bus steigen und sich auf und davon machen.
„Aua . . . Janne, du quetscht meine Lunge!“
„Sorry, aber . . . ich will dich nicht einfach hier lassen . . . wenn Aki dir nun was antut.“
Aus dem Hintergrund kommt sadistisches Gelächter und eine leere Kontaktlinsenschachtel fliegt uns um die Ohren. Ja, ganz Recht, Aki braucht eine Brille, ist aber zu eitel um sie aufzusetzen. Lieber jobbt er abends und am Wochenende als lebendes Würstchen, um sich das Geld für die Dinger zu verdienen. Männer haben keine Logik . . .
„Nein, ich auch nicht, nur mit dir teile ich freiwillig mein Essen.“ Pauli legt noch einen Nachschub an Treuheit ein und steckt mir unbemerkt ein Tütchen Smarties zu . . . wie lieb von ihm.
„Was hältst du davon, wenn wir dich zusammenfalten und in den Kofferraum packen? Du könntest aber auch auf dem Flur schlafen.“
„Au jaaaa, Ferien mit Liz wären toll!“
„Ich denke nicht, dass alle damit einverstanden wären . . .“
„Willst du dich nicht von ihm verabschieden?“ Janne wird wieder ernst und rutscht ein Stück zu Seite, sodass ich wieder ein bisschen Luft bekomme.
„Was soll ich denn sagen? Tschüss, Dicker, war schön, mit dir gevögelt zu haben?“
„Ach du . . . jetzt zieh nicht sone Fresse, wir werden ihn die nächsten zwei Wochen fleißig bearbeiten und wenn ihr euch solange mal nicht seht, ist bestimmt alles anders, stimmts, Pauli?“
„Klar, ich hab mir auch Lauras Handynummer besorgt, damit wir sie jede Nacht anrufen und aus dem Bett werfen könne, sodass sie nur noch pennen will, wenn der Kleine wieder da ist . . . nein, hör doch auf, nicht schon wieder so traurig gucken, er liebt sie doch gar nicht.“
„Ist doch auch egal, sollen sie doch machen, was sie wollen. Ich werd euch tierischen vermissen, Jungs.“ Mit einem Ruck springe ich auf und leiere noch ein Gruppenknuddeln an, bevor ich die drei perplexen Chartbreaker Richtung Bus schubse und mich dann neben Aki verkrümle, der ein paar Meter neben mir am Straßenrand steht und mich aufmunternd in die Seite knufft.
„Gehen wir heute Abend ins Tarvastia? Ich will dich mal wieder so richtig abgehn sehn.“
Nein, ich hab keine Lust auf Tanzen und Saufen, aber wenn ich schon wieder nicht mitkomme, kriegen die anderen das noch alles mit und bald weiß es die ganze Stadt. Außerdem will ich Aki nicht enttäuschen, er gibt sich echt wahnsinnig viel Mühe, dass ich nicht einfach nur rumhänge und vor mich hin pennere.
„Klar, wird toll . . .“ Scheiße, jetzt kommt also der Moment, vor dem ich mich schon die ganze Zeit fürchte. Lauri kommt näher, er sieht mich nicht an, sondern fixiert Akis Shirt, aber er wird nicht einfach so wortlos gehen . . . das passt einfach nicht zu ihm.
Große Verabschiedung neben mir, Schulterklopfen, unbeholfenes Grinsen. Schließlich lässt er von ihm ab und wendet sich mir zu; Panik, Fluchreflex.
„Ciao.“
„Ciao.“
Für einen Moment sieht es so aus, als wolle er mich umarmen, doch dann weicht er zurück und ich fange nur noch diesen einen, unglaublich verletzten Blick auf, bevor er ebenfalls in den Bus steigt und die Tür sich hinter ihm schließt.

Chapter 47

[Fünf Jahre später]

Müde schmiss Aliisa die Schlüssel in die Ecke und grabbelte mit letzter Kraft ins Wohnzimmer, um sich dort auf die Couch zu hieven und den Fernseher anzuschalten. Draußen war es immer noch ziemlich kalt und sie war den ganzen Tag im schwarzen Kostüm und den mindestens drei Nummern zu kleinen Schuhen herumgelaufen und hatte Leute durch die Gegend gescheucht, Dokumente unterschrieben und sich das Ohr glühend telefoniert. Sie hasste den Winter . . . mehr denn je, seit sie diesen Job als Eventmanagerin angenommen hatte. In der kalten Herbst – und Wintermonaten, die sich in Finnland gut und gerne über mehr als ein halbes Jahr ausbreiteten gab es nichts zu tun, außer Papierkram zu erledigen und sich mit irgendwelchen spießigen Unternehmern und Bandmanagern auseinander zu setzen, die sich allesamt einbildeten sie wären Gottes vergoldeter Hintern. Nur im Sommer liebte sie ihre Arbeit wirklich, musste nicht dieses verstaubte Bürooutfit tragen und konnte in zerschlissenen Jeans über matschige Festivalgelände rasen und in Stargarderoben platzen, in der sich rein zufällig gerade diverse männliche Bandmitglieder ihrer Klamotten entledigten . . .
Seufzend streifte sie sich die Schuhe von den Füßen und tastete nach der Post, die sie vorhin einfach auf den Boden gepfeffert hatte. Eine Postkarte von Aki, sie, seine aller, aller, allerliebste beste Freundin solle ihn doch bitte morgen vom Set abholen, weil sein Auto kaputt sei und er seinen dicken Pelzmantel nicht mit in den Bus abnehmen könne. Kurz schwankte die junge Frau wischen Ärger und Belustigung, dann entschied sie sich doch für ein Grinsen und schüttelte seufzend den Kopf. Dann würde sie eben ein Stündchen eher dort antanzen und heimlich ein paar Photos machen, um sie Janne zu schicken. Aki mit totem Frettchen auf den Kopf und extrem orangegebleichtem Haar war eben immer wieder einen Lacher wert, allerdings wurde er selbst ziemlich ungemütlich, wenn sich jemand über seine Arbeit lustig machte. Wenigstens zahlten ihm die Filmfuzzis seine Kontaktlinsen . . . und außerdem hatte er schon immer einen Hang dazu gehabt, sich in irgendwelche durchgeknallten Kostüme Zu stecken, man bedenke nur das Würstchen.
„Hakala?“
„Moi, Pelzmensch. Dir ist schon klar, dass ich meinen freien Tag morgen für dich opfere!?“ Müde kuschelte sie sich tiefer in die Kissen und legte sich so, dass ihr der Arm nicht einschlief, während sie das Handy hielt.
„Du bist echt die Beste, Lizzymausiputzischatzi!“
„Weiß ich doch. Aber dafür musst du mir auch nen Gefallen tun, ja?“
„Kommt drauf an . . . „
„Aber Akiiiiiiii, büdde, büdde, büdde, büdde . . .“
„Gott, ja! Was kann ich für dich tun?“
„Weißt du, ich hab nächste Woche son Geschäftsessen . . .“
„Nein, Aliisa, vergiss es, nicht schon wieder!“
„Bitte, Aki! Die bilden sich sonst wieder ein, sie müssten mich auf Teufel komm raus anmachen.“
„Vielleicht sind sie ja ganz okay und du verlieeeeeeebst dich in einen von denen.“
„Akiiii, die sind echt blöde . . . da ist der Manager von Danzig!“
„Frag doch Tobi.“
„Der is immer noch böse, weil ich seiner Freundin ein paar kleine Geschichten über ihn erzählt habe . . .“
„Was machst du auch immer sone Scheiße, Kleines?“
„Hey, tu ja nich so, als ob du groß wärst . . . äh, hem, ich hab dich trotzdem lieb, Hattulein, hehe.“
Am anderen Ende war ein kapitulierendes Seufzend zu hören und Aliisa freute sich jetzt schon auf das, was er jetzt gleich sagen würde.
„Na gut, weil dus bist . . .“
„Ohhh, Aki, du bist TOLL, du bist einfach nur geil, du . . .“
„Hör ich da einen Hauch von Wuschigkeit in deiner Stimme?“ unterbrach er sie und kicherte das Schulmädchenkichern, für das er früher schon bekannt war.
„Nein, tust du nicht.“ Knurrte sie zurück und zappte durch die Kanäle. Vielleicht sah sie Janne und die andern Jungs irgendwo . . .
„Sag mal, hast du heute schon in die Post gesehn?“
„Nö, wieso? Ich hab das Zeug grad hier.“
„Äh, na ja, ich muss dann ma wieder. Machs gut und bis morgen, Liz.“ Mit einem Klack in der Telefonleitung war er weg und ließ eine verwunderte Aliisa am anderen Ende zurück. Schulterzuckend warf sie ihr Handy auf den Tisch, wurde aber dann doch neugierig und ging den Stapel Papier durch, der neben ihr auf dem Sofa lag. Rechnungen, Werbung, Flyer . . . plötzlich stutzte sie, sah nocheinmal genau hin. Jetzt wusste sie, was Akis plötzliche Hektik ausgelöst hatte . . .
Mit gemischten Gefühlen starrte sie auf den weißen Umschlag, wollte ihn schon fast ungeöffnet in den Papierkorb werfen, doch dann siegte doch die Neugierde und sie öffnete ihn mit dem Anhänger ihrer Kette. Langsam und bedächtig zog sie den ebenfalls weißen Bogen Papier heraus und überflog flüchtig die wenigen handgeschriebenen Zeilen, bevor sie wieder nach ihrem Handy griff und den Fernseher ein wenig leiser stellte.
„Aki, ich geh da nicht hin.“
„Aber es ist sein Geburtstag . . .“
„Na und!? Ich dachte, ich hätte das hinter mir gelassen und jetzt kommt er mir hier mit dem Mist angeschissen.“ Aufgebracht donnerte sie das Kuvert in die Ecke, leider hing aber noch das schwere Kreuz am Papier und so gab es in der nächsten Sekunde ein lautes Klirren und die kleine Palme auf dem Fenstersims wurde ihren Topf los, der sich gemeinsam mit der Erde gleichmäßig auf dem Teppich verteilte.
„Verdammt . . . siehst du!? Kaum seh ich nur seine Schrift, schon läuft wieder alles schief.“
„Du tust ja gerade so, als ob du ihn hassen würdest.“
„Tu ich auch.“
„Tust du nicht.“
„Tu ich wohl.“
„Ach, Prinzessin . . . es ist sein 20. Geburtstag!“
„Dann soll er sich gefälligst ne vollbusige Stripperin engagieren und mich in Frieden mein Leben leben lassen.“
„Vielleicht will er ja gar keine Stripperin, sondern dich.“
„Aki, hör zu. ER KANN MICH MAL KREUZWEISE AM ARSCH LECKEN, OKAY!?“
„Ich weiß genau, warum du jetzt wütend wirst.“
„Ach ja!?“
„Ja, weil du dir nicht eingestehen willst, dass du ihn auch sehn willst.“
Stille.
„Ich bin viel zu wütend, um mir was Passendes für diese saudumme Bemerkung zu überlegen.“
„Dann lass es doch einfach . . . und werd nicht immer aggressiv, wenn irgendjemand Lauri erwähnt. Ihr hattet euch so gern . . .“
„Hör auf, Aki. Wir haben es kaputt gemacht und aus . . . was gibt es da noch zu reden?“
„Liz, das ist fünf Jahre her, ihr seid erwachsen geworden.
„Na und. Ich will nicht . . .“
„Du bist echt n Kleinkind.“ Er lachte und sie hörte im Hintergrund wie die Tür der Mirkowelle aufsprang und er im nächsten Moment mit vollem Mund weitersprach.
„Pasch auf, du holscht misch moin ab un dann übazeug isch disch.“
„Ach Hattu, wenn du meinst . . .“
„Klar mein isch. Isch muss jetz aufhörn, meine Paschta wird kalt. Schüssi, Prinzeschin.“
„Ciao Aki, guten Hunga.“
„Dangeschööön.“
Seufzend legte sie das Telefon erneut weg und stellte sich vor, wie er jetzt gierig eine Portion nach der anderen in sich hineinstopfte und dann mit Magenschmerzen auf dem Sofa lag und unbedingt bemitleidet werden wollte. Bei dem Gedanken daran musste sie doch ein wenig grinsen und stand schließlich auf, um den Umschlag aus dem Matsch zu ziehen. Vielleicht hatte er ja Recht, und sie wollte wirklich . . .

Chapter 48

[ 23.04.1999]

„Okay, Schluss jetzt. Halt an und lass mich raus.“ Verzweifelt rüttelte Aliisa am Griff der Autotür und sah Aki flehentlich an.
„Vergiss es, du bleibst.“
„Ich kann das nicht . . . ich will das nicht . . . ich will nach Hause, in mein Bett und diesen verdammten Tag verschlafen.“
„Erstens ist es schon fast morgen, na ja . . . fast eben . . .“ Es war neun Uhr abends, stockdunkel draußen und außerdem regnete es in Strömen, wovon sich Aki allerdings wenig beeindrucken ließ. Er summte und hüpfte mit dem Autoradio und umfuhr nebenbei sämtliche andren Autos auf der Schnellstraße, die seiner Meinung nach sowieso wie Schlaftabletten fuhren.
„. . . . und zweitens willst du die Jungs auch mal wieder sehn.“
„Ja . . . nein . . . ich weiß nicht. Irgendwie schon, aber . . . sie sind doch so anders geworden.“
„Son Blödsinn, du hast doch vorgestern erst mit Janne telefoniert. Hast du ihm überhaupt gesagt, dass du kommst?“
„Nee, ich wollte mir erst mal alles offen lassen.“
„Feigling.“
„Gar nich.“
„Ooooooh doch, du hast wahnsinnigen Schiss vor jemandem, der keinen Zentimeter größer ist als du, dank dir immer noch raucht und mit wasserstoffblonden Haaren rumläuft.“
„Das hat er sicherlich nicht wegen mir gemacht.“
„Oh doch.“ Mit einem Grinsen warf Aki den Blinker an und zog sein kleines, rotes Auto brutal über zwei Spuren Richtung Ausfahrt, sodass Aliisa sich wiedereinmal fragte, warum der Kerl noch nie in seinem Leben einen Strafzettel bekommen hatte. Sie wurde grundsätzlich immer erwischt . . .
„Kannst du nich noch ne Runde auf dem Highway bleiben? Akileinchen? Bestaussehenster Mann ganz Helsinkis?“
„Nein, kann ich nicht. Sonst kommen wir zu spät.“
„Die wissen, wann wir kommen!?“ Panisch riss sie die Augen auf und suchte in ihrer Jacke hektisch nach einer Zigarette, worauf sie einen warnenden Blick von ihrem Nebenmann erntete. Akis Auto sah zwar aus wie ein fahrender Müllhaufen auf vier Rädern, aber er würde trotzdem wild wie ein liebestolles Eichhörnchen werden, wenn sich kalter Rauch in seinem geliebten Automobil breit machte.
„Sie wissen, wann ich komme . . . und wage es nicht.“
„Ich kauf dir nen Aufkleber zum Geburttag: Nichtraucherakimobil.“
„Mecker nicht, hör lieber auf mit den Dingern.“
„Ohne die fünf Kippen vorhin würde ich dir jetzt die Ohren vollkreischen und gegens Fenster springen.“
„Wo wär der Unterschied? Du jammerst trotzdem schon seit 20 Kilometern.“
Wimmernd vergrub sie sich auf dem Beifahrersitz und überlegte sich, wie sie dem Akinator am besten entkommen konnte, ohne gnadenlos auf diese verflixte Party gezerrt zu werden.
Warum hatte er sie überhaut eingeladen? So plötzlich, ohne Vorwarnung? Auf der Karte war nichts Besonderes gestanden, wie jede andere Einladung auch, als ob nie irgendetwas gewesen wäre.
Wie oft hatte sie ihn verflucht, dass er einfach weggegangen war und sie hier alleine sitzen gelassen hatte. Vielleicht hätten sie doch irgendwann miteinander geredet, sie hätten sich schließlich weiterhin jeden Tag in der Schule gesehen. Aber Lauri musste ja unbedingt die große weite Welt erobern und nahm ihr obendrein auch noch ihre besten Freunde weg.
Die Schule hatte sie so schnell wie möglich hinter sich gebracht, skrupellos und ohne Rücksicht auf Verluste, einfach nur noch weg von dort. Durch Beziehungen war sie schließlich in die Eventagentur gerutscht und hatte sich in der kurzen Zeit nach oben gearbeitet. Der Job machte ihr wirklich Spaß und sie genoss die Sommerabende mit der Crew, jeden Tag auf einem anderen Festival, doch jedes Mal hatte sie Angst, einer kleinen Gruppe namens Rasmus über den Weg zu laufen. Eero und Lauri hatten die Schule ganz sausen lassen, Janne und Pauli sahen auch nur alle Nase lang mal ein Buch.
Aliisa wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen, als sich die Tür öffnete und Aki ihr seine Hand reichte und ein aufmunterndes Lächelnd zuwarf.
Seufzend griff sie danach und stand wenig später neben ihm im Regen. Sie wollte sie wirklich wieder sehen, aber sie hatte Angst vor dem Mann, der ihr seit fünf Jahren einfach nicht aus dem Kopf ging, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte.

[Stunden später]

Kichernd umklammerte Aliisa ihr Glas und bekam darauf hin noch eine weitere kleine Anekdote aus dem Bandleben von Pauli serviert. Die beiden standen mit ein paar Leuten, die sie nicht kannte an einem Tisch und feuerten sich gegenseitig an, den überflüssigen Alkohol zu vernichten. Bis jetzt hatte sie ihn, den Grund, weshalb sich die rund 200 Leute hier in dem kleinen Club drängten, noch nicht zu Gesicht bekommen und war heilfroh darüber. Der Abend war gut gelaufen und nach den ersten Gläsern Champagner war es fast wie in alten Zeiten gewesen, mit den Jungs irgendwo zu sitzen, Blödsinn zu machen und sich darüber Schrott zu lachen. Champagner. Die junge Frau dachte, sie hätte nicht richtig gesehen, als ihr der leicht pikierte Schnösel an der Bar ihren Begrüßungscocktail über die Theke geschoben hatte. Entweder war Lauri zum Snob geworden, oder er war einfach nur stinkreich und das Bedürfnis, das die ganze Welt wissen zu lassen.
Trotzdem, bei Eero, Pauli und Janne hatte sie nicht das Gefühl, dass sie sich sehr verändert hätten, außer dass Paulis geliebte Dreads endlich lang genug waren und er alle drei Minuten kontrollierte, ob auch keins davon aufgegangen war. Mit Janne hatte sie mindestens einmal die Woche telefoniert, sodass es ihr gar nicht aufgefallen wäre, wenn er sich wirklich verändert hätte und Eero konnte immer noch minutenlang Löcher in die Luft starren ohne sich dabei von irgendetwas oder irgendwem stören zu lassen.

„Sach ma, was läuft eigentlich beziehungstechnisch so bei dir, Prinzeschen, hääää?“ Pauli beugt sich über den Tisch, sodass er mit der Nase fast in den Aschenbecher fällt, den wir beide schon seit Stunden fleißig füllen.
„Gar nix, die denken immer, dass ich, der Akinator, Lizzys Ste . . .“
„Ey, jetzt reichts aber mal, ja? Sonst zeig ich die Bilder von Aki mit Frettchen aufm Schädel. Weißt du, manchmal glaub ich, du lebst mit dem Job nur deine sexuellen Fantasien aus.“
„Was?“ Janne kichert sein Jeanettekichern und klammert sich kreischend an seinem Nebenmann fest, der mir schon den ganzen Abend in den Ausschnitt glotzt. Was sieht er denn da, verdammt!? Ich glaub, der kam grad mit Hattu . . oder nich? Wo kommt der überhaupt plötzlich her? War der schon immer da!? Egal . . .
„Naja, starker Mann mit dicker Keule und sein wehrloses Weibchen in einer einsamen Höhle . . .“
„Wuah, Liisa, laber kein Scheiß, in der Steinzeit gabs noch kein Viagra.“ Ich gebe grunzende Laute von mir und kippe ganz zur Erheiterung der restlichen Mannschaft nach hinten um, direkt in die Arme eines gutaussehenden Produzenten, der mir ein ziemlich eindeutiges Grinsen zuwirft.
„Hui, warum hat der denn so geguckt?“ Mit einem dümmlichen Lächeln auf den Lippen komme ich wieder in die Senkrechte und sehe Mr. Knackarsch gerade noch in der Menge verschwinden.
„Weil . . . ich glaub, der wollte dir ma seine Keule zeigen . . .“ Ich kann nicht mehr, gib mir irgendjemand die Kugel. Gott sei Dank hat Aki so starke Ärmchen entwickelt, an denen man sich sogar m Suff sehr schön festklammern kann. Ich bin verdammt stolz drauf, dass ich eine der wenigen Personen bin, die wissen, dass er schon seit sieben Jahren drummt. Die Rasnüsse dürfen davon aber nichts spitz kriegen, weil klein Aki Angst vor Konkurrenz mit Janne hat. Männer . . .
„Ne, jetzt mal im Ernst. Was läuft denn da so? Wir sind neugierig.“
„Sie hatte ma was mit ihrem Chef, aber seine Alte hats gemerkt und is mit ihm nach Schweden, weit weit weg von der zartesten Versuchung . . .“
„ . . . seit es Zicken gibt.“
„Ihr seid scheiße, außerdem kann ich alleine reden, Mr Hakallalaa.“
„Jo, man merkts. Außerdem war das gar nich so gemein, du bist ziemlich süß geworden . . .“ Pauli grinst und winkt einem von den VIP-Handlangern, damit wir unseren Karhudauerkonsum nicht unterbrechen müssen.
„Süß!? Ich glaub, du hast dir ins Hirn geschissen.“
„Na gut, ich nehms zurück.“ Kanns sein, dass die sich über mich lustig machen? Erstmal egal, meine Blase schreit.
Mal überlegen, wie stell ich das jetz an, nach dem Weg zu fragen, ohne dass ich wie ne Pissnelke dasteh . . . .
„Wo gibsn hier Kondome?“ Toll, Aliisa!
„Gradeaus, Gang runter, links. Wenn du willst, komm ich mit . . .“
„Keine Sorge, ich glaub, das schaff ich schon noch.“ Ohhh, scheiße, alles dreht sich. Aber mir geht’s fantastisch, niemand kann so gut Party machen wie die Jungs, auch wenn sie ihr Niveau schon um ein paar Stufen gesteigert haben. Das hier ist kein verlassenes Hinterhaus mit Ratten als Untermieter mehr.
Der Boden schwankt ständig hin und her, ab und zu winkt wer oder ruft meinen Namen. Ich winke einfach zurück, ohne überhaupt zu wissen, wer es war . . . Gott sei Dank weiß keiner von denen, dass ich dem Gastgeber schon den ganzen Abend aus dem Weg gehe, erfolgreich. Und ein Geschenk kriegt er von mir eh nicht, höchstens nen Tritt in seinem arroganten Hintern.
Toll, ich habs tatsächlich gefunden . . . upsi, falsche Tür . . . Jari hat echtn kleines Ding . . .
Jetzt aber . . .jaaaa, strahlendes weiß leuchtet mir entgegen und ich tapse seufzend weiter, hoffentlich schlafe ich nicht ein, wäre schließlich nicht das erste Mal.

Chapter 49

Ich bin tatsächlich eingeschlafen . . . aber nicht lange, denn Siiri hatte schon immer die Angewohnheit, Türen knallen zu lassen. Was macht Tejo eigentlich hier? Während ich mich sorgfältig an der Wand entlangtaste, sehe ich kurz sein grinsendes Gesicht an mir vorbei tapsen und dann knallt schon wieder eine Tür. Nimmt denn hier keiner Rücksicht auf meinen strapazierten Schädel!?
Die Klofrau mustert mich kopfschüttelnd, wofür ich ihr meine Schuhe ins Tellerchen lege. Die waren schweineteuer, was glotzt die mich so entgeistert an? Außerdem tun meine Füße weh . . „Aua, kannsu nich aufpassen, du Idiot?“ Klar, latscht mir nur alle auf die Zehn, bin ja nur ich.
„Sorry, tut mir leid . . . vielleicht solltest du Schuhe anziehn?“ Der Typ grinst und lässt sich von einer vorbeigehenden Person rein zufällig mal gegen mich schubsen.
„Ne, ham se mir abgenommen, damit ich nich noch mehr Kerlen wie dir in die Eier trete.“
Yeah, das saß, er trollt sich und ich setze meinen mühseligen Weg an der Wand entlang fort. Irgendwie fühle ich mich verloren, ich glaub, ich ruf Aki an, damit er mich abholt . . .
„Auaaaaaaa, maaan, soll ich mir vielleicht n Schild umhängen?“ Toll, ich kann meine zarten Füßchen jetzt zwar wieder spüren, aber da mir jeder drauflatscht macht das keinen besonderen Spaß.
„Es würde schon reichen, wenn du ma dein Top hochziehst. Kein Wunder, dass die die Typen dir hier alle fast in den Ausschnitt fallen.“
Huch, wo kommt Siiri denn plötzlich her? Die war doch eben noch . . .
„Frag nicht.“ Sie verdreht die Augen und zerrt noch ein bisschen an meinem Oberteil herum, bis sie wieder verschwindet und mich mir selbst überlässt.
Mein Hirn ist mit so vielen Gesprächspartnern in fünf Minuten im Moment überlastet, ich stehe einfach nur da und nicke brav . . . aber nicht zu doll, sonst fall ich um.
Mhmmz, da drüben steht doch dieser sexy Lichtmann mit der Stachelfrisur, ich glaub, dem werd ich mal eben ein bisschen Gesellschaft leisten.
Wenn ich mich ganz fest auf einen Punkt konzentriere, kann ich sogar einigermaßen geradeaus laufen, aber den Leuten, die ich anremple scheint es auch nichts auszumachen, die sind mindestens genauso blau wie ich. Trotzdem, ich sollte aufhören, zu viel vergorenen Zucker in mich hineinzuschütten . . .
„Hassu ma Feuer?“ Der Anmachspruch schlecht hin, wenn man nicht mehr bis fünf zählen kann.
„Klar . . .“ Schon wieder dieses „Toll,ne besoffene Frau“- Grinsen. Selbstverständlich lässt er sich es auch nicht nehmen, mir das weiße Stängchen eigenhändig zwischen die Lippen zu schieben . . . wie erotisch . . .
„Wie heißt du denn, Cinderella?“ Haha, ich hab keine Schuhe, hehe, Cinderella, witzig.
„Aliisa . . . glaub ich . . . un du?“
„Mikko . . . bist du nicht mit Aki zusammen?“
Ich kichere hysterisch, Mikko lacht höflich mit und zieht mich ungefragt auf seinen Schoß. Kein Wunder, dass er Aki kennt, dieser Höhlenmensch.
„Neee, Aki is toll . . . aber ich steh nich so auf Pelz und dicke Keulen . . .“
„Vielleicht lässt sich das ja ändern.“ Ein tiefes Knurren, direkt an meinem Ohr, ein zarter Biss in den Nacken . . . irgendwie macht mich das ganz . . . wuschig. Er ist zwar dumm, aber er sieht gut aus und mit Verstand kann ich im Moment eh nicht glänzen.
„Wie willst du das denn anstellen?“ raune ich zurück und streiche mit dem Finger an seiner Wange entlang.
„Komm mit hoch, dann zeig ich’s dir.“
Willenlos lasse ich mich durch die Menge ziehen, irgendwo da drüben war doch mal ne Treppe . . . Ein abrupter Stopp, ich lasse mich seufzend gegen seinen Rücken sinken und lasse meine Hände ein bisschen wandern, bis er plötzlich aufquiekt und aufgeregt anfängt zu zappeln. Nebenbei labert er noch mit irgendwem, ich bekomme nur einzelne Gesprächsfetzen mit, von wegen Schlüssel, Zimmer, irgendwas . . .
Endlich geht es weiter, aber auch nur ein paar Schritte, den wir werden schon wieder angehalten und diesmal packt mich wer und zieht mich nach ein paar scharfen Worten an meinen kleinen Standleuchter in die andere Richtung davon.
„Könnt ihr euch nisch ma einigen? Ich krieg Kopfschmerzen von dem ganzen hin un her.“ Maulend lasse ich mich mitzerren und versuche dabei ein bisschen zu schlafen, funktioniert aber nicht.
„Verträgst wohl immer noch nix, wie?“
„Glaub bloß nisch, dass ich besoffen bin.“
„Niemals . . . ich hätte übrigens nicht gedacht, dass du dich mit nem billigen Lichttechniker einlässt.“
„Hey, der sah gut aus, und du hasts mir versaut, schön Dank auch.“
„Seh ich etwa nich gut aus?“ Ich werde etwas unsanft auf ein schönes, weiches, zum Schlafen einladendes Sofa gedrückt und gezwungen, mir meinen Entführer genauer anzusehen.
„Was machsn du hia?“ Frage ich lahm und krame angestrengt nach Plan B, mit dem ich den Killerkeks loswerden wollte, sollte er mich denn gesichtet haben, was ja jetzt auch eingetreten ist. Aber alles, was ich tue, ist ihn anstarren und leicht hin und her zu schwanken.
„Ich hab Geburtstag, das is meine Party.“
„Oh . . .“
„Willst du mir nix schenken?“
Er kniet sich langsam vor mich und stützt seine Arme auf meinen angewinkelten Beinen auf. Egal, was er früher für Muskeln hatte, das, was sich da unter dem Tanktop abzeichnet, bringt meine Hormone ganz durcheinander. In seinem Blick ist keine Spur mehr von der Scheu, die ich kenne, er sieht mir voll in die Augen und strahlt dabei ein beinahe umwerfendes Selbstbewusstsein aus. Wie jung und dumm war ich nur, diesem Mann zu verstoßen?
“Ich dachte nich, dass ich dich treffen würde . . .“ Ich fühl mich so klein und unsicher unter seinem stechenden Blick, aber ich kann nicht wegsehn, muss weiterstarren.
„Ich hätte dich nicht eingeladen, wenn ich dich nicht hätte sehn wolln.“ Er lächelt und streicht mit dem Finger an meinem Oberschenkel hinauf, um dann klammheimlich nach meiner Hand zu greifen, die dort liegt. Diese Wärme und Stärke macht mich fertig . . . wo ist Zeus, mein Dickerchen, mein Kumpel, der kleine Junge?
„Aber wieso denn?“
Er lacht leise und lässt seinen Blick kurz durch die Chillingzone schweifen, in die er mich gezerrt hat und beugt sich dann ganz nah zu mir vor.
„Weil ich dich mag, Aliisa.“ Dieser Schauer ist tausendmal intensiver, als der, den mir Mikko verpasst hat und ich kann nur weiter vor mich hinglupschen und nicht verstehen, was hier gerade passiert.
„Immer noch?“
„Wieder . . . willst du mir nicht doch was schenken?“
„Ja . . . aber was denn?“
„Warte . . . willst du noch was zu trinken?“
Ich nicke nur lahm und lasse mir das kühle Glas in die Hand drücken, von dem kleine Wassertropfen abperlen. Ich weiß nicht, was es ist, trinke einfach, schmeckt wie Orangensaft mit sehr, sehr viel Wodka.
Er kniet sich nicht wieder auf den Boden, sondern kommt direkt neben mich und dreht meinen Kopf bestimmt zu sich, bevor ich seine stechenden grünen Augen näher kommen sehe und ich meine automatisch schließe. Dieser Kuss spiegelt die Gefühle der vergangenen fünf Jahre wieder, wild, leidenschaftlich, trotzdem zärtlich aber auch irgendwie ein bisschen grob und kalt. Mein Verstand weigert sich, bei diesem Alkoholspiegel noch weiter zu arbeiten und schaltet sich irgendwann zwischen Lauris Zunge an meinem Hals und seinen Händen unter meinem Shirt aus und verabschiedet sich bis zum Superkater am nächsten Morgen.
Aber daran ist jetzt noch nicht zu denken, denn nach einem weiteren Glas von seinem Spezialdrink lass ich mich von der Couch auf und zurück in die Menge ziehen. Seine Hand ruht auf meinem Hintern, in der anderen eine Zigarette, eine von meinen Zigaretten.
Jetzt lerne ich doch noch die besagte Treppe kennen und was sich dahinter verbirgt.
Bald bekomme ich nur noch Bruchstücke von dem mit, was passiert, die verschnörkelte Holztür, die Aufschwingt, das weiche Bett unter mir, sein nackter Oberkörper der näher kommt und die zunehmende Kühle an meinem Körper, die nur durch die heißen Spuren unterbrochen wird, die seine Hände hinterlassen.

Dann nur noch die weiße Decke, mein Körper, der sich weigert, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Schwer lasse ich meinen Kopf zu Seite rollen und sehe ihn an, wie er da liegt und seine Zigarette raucht, mich keines Blickes würdigt. Voller Konzentration zwinge ich meinen Arm dazu, sich doch noch etwas zu bewegen und meine rechte Hand sanft über seinen nackten Bauch zu lassen. Für einen Moment trifft mich sein Blick, er schiebt meine Finger von sich und drückt die Kippe in dem kleinen Aschenbecher auf dem Nachttisch aus, bevor er mir den Rücken zudreht und die Bettdecke über sich zieht.
Wie ein kleines Kind klammere ich mich an den schmalen Stoffstreifen, den ihr mir lässt und spüre plötzlich die Kälte, die sich im Zimmer breit macht. Fröstelt schlinge ich die Arme um meinen Körper und wünschte, er würde mich in den Arm nehmen und wärmen, so wie er es vor fünf Jahren getan hat . . . Nein, es ist einfach der Alkohol, ich bin einfach nur ganz wirr im Kopf, kann mich kaum an die vergangenen Stunden erinnern und muss nur kurz warten, bis mich der Schlaf überkommt.

Chapter 50

Leise tapse ich durchs Zimmer und löse mir drei Aspirin in einem Glas Wasser auf. Nach der Menge Alkohol wird es wohl noch dauern, bis sie aufwacht . . . Mein Plan hat bis jetzt absolut funktioniert, sie hat sich brav abfüllen lassen, wäre wahrscheinlich aus dem Fenster gesprungen, wenn ich es ihr gesagt hätte. Sie ist erwachsen geworden . . . aber ich bin es auch, und ich weiß, dass ich jede haben kann. Aber ich wollte sie, um ihr zu zeigen, wie weh es tut, von jemandem im Stich gelassen zu werden, dem man verfallen ist. Ich kann jetzt verstehen, was sie früher ständig an mir auszusetzen hatte. Ich war einfach zu gutmütig und unselbstsicher, wahrscheinlich braucht sie das, wie Dreck behandelt und beherrscht zu werden. Vielleicht reicht es ihr nicht, geliebt zu werden, vielleicht kann sie nur mit Typen wie Charles zusammen sein, die ihr zeigen wos lang geht, damit sie ihr freches Maul hält und tut was man ihr sagt . . .
Nachdenklich lehne ich im Rahmen der Badezimmertür und sehe ihr beim Schlafen zu. Ich dachte immer, ich hätte diese wundervolle Seite an ihr für mich gewonnen, aber sie hat weitergemacht, so grausam zu sein und das ausgerechnet an mir ausgelassen . . . fünf Jahre hatte ich Zeit, den Spieß umzudrehen und der Mann zu werden, der ihr die Stirn bieten
kann . . .
Nach dem letzten Schluck muss ich wieder an die vergangene Nacht und über die vertauschten Rollen nachdenken, die wir eingenommen haben. Ich hätte wirklich alles mit ihr machen können . . .
Meine Sachen habe ich alle zusammengesucht, in einer Viertelstunde geht es wieder in den Tourbus und ab in den Norden, Gigs, Gigs, Gigs und noch mal Gigs. Und sie wird hier sitzen und endlich einsehen, dass ich nicht mehr der kleine Junge bin, auf dessen Gefühlen man nach Lust und Laune herumtrampeln kann.
Zielstrebig setzte ich mich neben sie aufs Bett und kritzle ein paar Zeilen auf ein loses Blatt, das ich neben ihr Kopfkissen lege. Es wird ihr wehtun, nicht nur die Demütigung, sondern auch der Schmerz, dass ich sie diesmal allein gelassen habe. Oh ja, sie liebt mich, wie all die anderen Mädchen, die uns auf Schritt und Tritt folgen und hysterisch meinen Namen kreischen, wenn ich auch nur einen Fuß vor die Tür setzte. Sie wird dasselbe fühlen, was ich fühlen müsste, das ist nur gerecht.
Ich will aufstehen, doch ein letzter Blick auf ihr schlafendes Gesicht lässt mich kurz stocken. Sanft streiche ich über ihre Wange und beuge mich schließlich zu einem letzten, fast nicht spürbaren Kuss hinunter. Sie hat mich immer noch in ihrem Bann, aber ich werde ihm entkommen, jetzt wo ich die schwere Holztür hinter mir schließe und pfeifend den Gang hinunter gehe.

„Man, da bist du ja endlich! Die andern wollten schon nen Vogel fangen und ihn ans Mikro setzen.“
„Haha, wie witzig, Akimaus.“
„Akimaus? Oh Gott . . . wie schlecht war denn die Tusse, mit der du bis jetzt, ähm . . . verkehrt hast?“
„Oh, sie war zu besoffen, um sich zu bewegen, aber ich hab ja vorrausgedacht . . . . Mann muss eben Prioritäten setzen.“
„Sag mal, wieso grinst du denn so?“
„Ja, genau, du guckst wien wandelndes Schnitzel.“ Mit einem Satz sprang Janne aus dem Bus und boxte Aki hüpfend in die Seite, der mit Lauri zusammen vor dem Tourbus stand.
„Tzio, Kinder, auch ihr werdet noch den Genuss einer solchen Genugtuung erleben, wie ich ihn erleben durfte.“
„Aki?“
„Ja, Janne?“
„Hol Eero, wir brauchen einen Arzt, Lauri dreht durch oder ist von einem Philosophen besessen. Dann brauchen wir aber nen Exorzisten . . .“
„Ich kann jetzt net, ich muss noch Liisa suchen gehen, die is wie vom Erdboden verschwunden.“
„Vielleicht hats ihr ja maln Typ so richtig besorgt, letzte Nacht.“
„Lauri! Jetzt vergesst doch mal die dumme Geschichte und benehmt euch wie Erwachsene, ihr seid alt genug um über dieses kindische Getue zu reden.“
„Was willst du damit sagen?“
Aki seufzte tief und musterte sein Gegenüber, dass die Arme in die Seite gestemmt hatte und ihn mit funkelnden Augen anstarrte.
„Ach, gar nix . . .“
„Lauri? Janne? Wir müssen los, bewegt eure laschen Ärsche hier rein!“
Pauli hing in der Tür des Busses und krähte lautstark über den kleinen Parkplatz, auf dem sie standen.
„Jaaa, wir kommen ja. . . . hey, ich bin 20, nimm gefälligst Rücksicht!“ maulte Lauri zurück und schlug dann bei Aki zum Abschied ein.
„Wir sehn uns, Alter, bleib sauber.“
„Jo, bis dann Lauri, ciao, Janne.“
„Bis denne, pass auf unsre Prinzessin auf.“
„Auf dieses Weib zu achten, is schlimmer als ne vollbusige Blonde vor Lauri in Sicherheit zu bringen. Aber ich werd sie gleich mal suchen gehen.“
„Ich glaub an dich, du machst das.“ Janne grinste und wollte gerade einen Fuß auf die erste Stufe der kleinen Treppe richten, als hinter ihm jemand rief und Mikko mit hochrotem Kopf angerast kam.
„Hey, kann ich bei euch mitfahrn? Die ham mich . . . vergessen.“
„Na klar, fürn Fläschchen Finlandia tun wir doch alles, nich wahr, Jungs?“
aus dem hinteren Teil des Busses schallten laute Jubelrufe, die Tür schloss sich und kurz darauf erschienen nach und nach sämtliche Köpfe am Fenster und grinsten zu Aki hinunter.
„Tschöö, Aki und vergiss nich, nach Liz zu gucken.“
„Welche Liz?“ fragte Mikko und runzelte angestrengt die Stirn.
„Aliisa, ne gute Freundin von Aki, mir und den Jungs.“
„Aliisa? Sone gutaussehende Blondine mit diesen rattigen braunen Augen?“
„Äh ja . . . woher kennst du sie?“
„Die hätt ich gestern fast abgeschleppt, aber Lauri meinte, sie wär was Besonderes und bräuchte deshalb auch ne Sonderbehandlung.“
„WAS!? Wo sind die hingegangen?“
„Naja, erst warn sie ne Weile in der Chillinzone, aber dann sind sie glaub ich rauf . . .“
Er grinste, sah dann aber verunsichert von Janne zu Aki hinüber, die ihn beide mit großen Augen anstarrten.
„Lauri?“
Mit einem Ruck löste sich der Drummer vom Fenster und riss ihn unsanft zu sich herum.
„Wasn? Geht’s vielleicht auch zärtlicher?“ Grinsend drückte er seine Kippe aus und schubste Jannes Hände von seinen Schultern.
„Wo ist Aliisa?“
„Wird wahrscheinlich noch ihren Rausch ausschlafen.“ Gelangweilt zuckte er jetzt mit den Schultern und wollte sich wieder umwenden, als Aki in den Bus gestürmt kam und ebenfalls ziemlich grob packte.
„Was hast du mit ihr gemacht!?“
„Nix, ich hab mich nur für unsre tolle Nacht damals revanchiert.“
„Du hast . . . SIE GEFICKT!?“
„Wir sind jetzt quitt . . .“
„Sag mal, tickst du noch ganz richtig? Was fällt dir überhaupt ein, ihr so wehzutun!?“
„Dass sie mir wehgetan hat interessiert doch auch keine Sau, ich hab nur Gleiches mit Gleichem vergolten.“
„Du hättest ja auch mal mit ihr reden können, dann wäre dir vielleicht klar geworden, dass sie immer noch in dich verknallt ist, aber das checkst du ja nicht, lieber füllst du sie ab und vögelst wild drauf los, um dein angekratztes Ego wieder aufzurichten.“
„Du bist echt das letzte, Lauri. Komm, Aki, wir gehen sie suchen.“
„Spinnst du jetzt total!? Wir haben Gigs zu spielen!“
„Siehst du, das ist dein Problem. Shows sind dir wichtiger als die Menschen, die dich lieben.“ Ohne ihn eines weiteren Blickes uu würden, stiegen die beiden unter den verblüfften Blicken des Busfahrers aus und gingen in Richtung Club davon.
Entrüstet drehte Lauri sich zu Eero und Pauli um, die immer noch am Fenster standen und verarbeiteten, was sie da gerade mitbekommen hatten. Doch auf seinen zustimmungheischenden Blick hin drehten sie sich einfach um und verschwanden in den hinteren Teil des Busses.
„DANN VERPISST EUCH DOCH ALLE, IHR VERSAGER, ICH KANN DAS AUCH OHNE EUCH!“ schrie er ihnen hinter her, trat wütend gegen den nächstbesten Schrank und ließ sich dann kochend auf einem der Sitze nieder, die nächste Zigarette schon griffbereit.
Genau, er konnte das auch allein, wenn diese Idioten nicht verstanden, dass er nur endlich einen Gleichstand hatte haben wollen.


Chapter 51

„Liz?“ Leise öffnete Aki die Tür und trat in den leicht verdunkelten Raum. Janne folgte ihm mit einem zwischen Wut und Besorgnis schwankenden Gesichtsausdruck.
Keine Antwort, nur ein Rascheln aus dem Raum in dem das große Doppelbett stand.
„Vielleicht schläft sie noch.“
„Besser wärs.“ Flüsterte er zurück und tapste dann ein paar Schritte weiter den kleinen Flur entlang, bis er endlich das Schlafzimmer erreichte und tief durchatmend zu Janne aufsah. Der nickte nur und versuchte zu lächeln, was ihm allerdings gründlich misslang.
Fast lautlos drückte Aki die nur angelehnte Tür auf und schluckte, als er sie dort auf dem Bettrand sitzen sah, das Gesicht in den Händen vergraben und einen kleinen zerknüllten Zettel vor sich auf dem Boden liegend.
„Hey Kleines . . .“ Behutsam setzte er sich neben sie aufs Bett und wollte seinen Arm um sie legen, als plötzlich Bewegung in ihren Körper kam und sie ruckartig aufsprang.
„Da bist du ja, ich wollte dich gerade suchen.“
Etwas verwirrt sah Janne zu seinem Freund hinüber, doch der verengte nur die Augen ein wenig und schüttelte vielsagend den Kopf.
„Liisa, Lauri hat uns erzählt, was passiert ist, du musst nicht so tun, als ob nichts wäre.“
„Aha, wie schön. Lasst uns gehen, Janne kommt bestimmt noch zu spät zu Bus.“
Den Blick starr auf den Boden geheftet wollte sie an den beiden vorbei und das Zimmer verlassen, aber Aki klettete sich an ihren Arm und hielt sie bestimmt zurück.
„Janne hat Zeit und ich auch.“
„Was wollt ihr überhaupt von mir!?“ Langsam wurde es zusehend schwerer für sie, ihre Fassung zu bewahren und die Gefühle zu unterdrücken, die in ihr hochstiegen. Die Demütigung, die Enttäuschung, diese idiotische Sehnsucht . . .
„Wir dachten, du solltest jetzt nicht allein sein.“
„Lasst mich doch einfach in Ruhe.“ Wütend schüttelte sie Akis Hand ab und wollte sich an Janne vorbeidrücken, aber er reagiert schneller und packte sie mit sanfter Gewalt an den Schultern.
„Weißt du, ich dachte immer, wir wären deine besten Freunde. Warum spielst du dann hier Theater mit uns?“
„WEIL ICH WUSSTE, DASS ES NUR EIN VERDAMMTER ONE-NIGHT-STAND WAR!!“ Sie schlug wild um sich und versuchte sich freizubekommen, aber Janne dirigierte sie ruhig wieder Richtung Bett und steckte dabei ein paar ziemlich schmerzhafte Schläge ein ohne das Gesicht zu verziehen.
Aliisa kämpfte, sie wollte diese Gefühle nicht zulassen, denn sie taten weh, unwahrscheinlich weh, schlimmer als ein wuchtiger Schlag ins Gesicht. Aki und Janne hatten ihr immer Schutz und Wärme gegeben, es würde noch mehr wehtun, wenn sie aufhörte wütend zu sein, denn dann würde dieser demütigende Schmerz noch stärker werden und sie innerlich zerfressen.
Sie musste sich nur einreden, dass sie es immer gewusst hatte, dann würde alles gut werden, nur nicht zeigen, wie verletzt sie war. Denn wenn sie jetzt aufgab, hatte er erreicht, was er wollte, einen Stich mitten ins Herz gelandet. Nein, das wollte sie nicht, sie wollte stark sein, stärker als er, einfach unverletzlich.
Behutsam zog Aki ihren Kopf auf seine Schulter und strich ihr ein paar vereinzelte Strähnen aus dem Gesicht, währen Janne seine Arme um sie schlang und sich leicht an ihren Rücken lehnte.
Es war einfach zuviel. Die Tränen bahnten sich ihren Weg und versickerten allmählich in Akis Pulli, der sie geduldig festhielt und misstrauisch zu Janne hinüber sah, der sie weiterhin festumklammert hielt.
Sie hasste sich, sie hasste sich so sehr. Wie ein kleines Kind ließ sie sich von den beiden trösten und flennte, als wäre sie gerade von ihrem Dreirad gefallen. Wie schafft es dieser Mensch nur immer wieder, so starke Emotionen in ihr auszulösen? Das letzte Mal hatte sie vor drei Jahren geweint, als sie Panu eines Morgens tot in seinem Körbchen gefunden hatte . . . Niemand sonst konnte solche grausamen Spiele mit ihr spielen und ihr die Oberhand nehmen . . .sie hatte sonst immer die Kontrolle, nahm sich, was sie brauchte und ließ zurück, was ihr nicht passte.
„Wein ruhig, sieht ja keiner.“ Aki lächelte beruhigend und zog sie samt Janne im Anhang noch ein wenig enger an sich heran.
„Ich hasse ihn . . . ich hasse mich . . . warum hört das nicht endlich auf?“
„Ihr könnt einfach nicht ohne einander, und wenn ihr euch gegenseitig tausendmal das Herz brecht . . .“
„Ich war einfach nur sturzbesoffen, außerdem sah er gut aus, das ist alles.“ Erwiderte sie kalt und vergrub ihr Gesicht in Akis Ärmel.
„Lüg dich doch nicht selber an. Du dachtest, er könnte dir endlich die Stirn bieten und hast dich wieder Hals über Kopf in ihn verknallt.“
„Was heißt denn wieder?“
„Mein Gott Aliisa! Vielleicht wolltest dus einfach nicht wahrhaben, aber ihr habt euch schon damals geliebt, ihr wart nur einfach zu dumm es zu merken. Lauri hat dir seine Gefühle gezeigt, aber du hast in einem Anfall von Selbstschutz nur abgeblockt und auf ihm herumgetrampelt . . .“
„Du hast Recht, ich bin Schuld, ich hab alles kaputt gemacht.“ Mit einem erneuten Heulkrampf schmiss sie sich diesmal auf die andere Seite und verkroch sich diesmal in Jannes Armen, der Akis Blicke geflissentlich ignorierte. Irgendwann würde er es ihnen sagen können . . .
„Das wart ihr beide, durch eure verquere Hassliebe. So kalt wie du bist, ist Lauri egoistisch und unvernünftig.“
Sie schniefte nur, Aki legte seine Hand auf ihren Rücken, bis Janne die Stille wieder brach.
„Ich bring dich nach Hause, ich muss dir noch was sagen.“
„Du bist doch nich böse, wenn ich mit Janne . . .?“
„Quatsch . . . aber dafür kommst du morgen mit ins A9, okay?“
„Ich weiß nich . . .“
„Natürlich kommst du mit, du brauchst Ablenkung . . . oh, bitte nicht wieder anfangen zu heulen.“
„Du ähm, Aki?“
„Ja?“
„Könnt ich vielleicht dein Auto haben, ich mein . . . der Tourbus . . . hehe.“
„Na gut, aber wehe, du hinterlässt blonde Löckchen auf dem Polster!“

Chapter 52
„Danke . . . Janne, du musst das nicht machen!“
„Ich will aber.“ Lächelnd drückte ihr den warmen Becher Tee in die Hand und ließ sich dann leicht nervös neben ihr auf dem Sofa nieder.
„Warum hab ich das nur gemacht, ich war auf dem besten Weg alles zu vergessen.“
„Liisa, du bist nicht schuld, er hat dich abgefüllt. Ich weiß nicht, was plötzlich in ihn gefahren ist, wir wussten nichtmal, dass du eingeladen warst . . . aber ich denke, der Gedanke an dich hat ihn die letzten fünf Jahre nicht in Ruhe gelassen und mit dieser bescheuerten Aktion wollte er ihm wohl endlich entkommen . . . zwecklos, wenn du mich fragst.“
„Wir kannten uns doch nichtmal so lange . . .“
„Lang genug um Gefühle aufkommen zu lassen, mit denen ihr bis heute nicht fertig werdet.“
„Das will ich auch gar nicht mehr, weil es nämlich keine Gefühle mehr gibt.“ Erwiderte sie trotzig und nippte vorsichtig an dem dampfenden Jeanettespezialgebräu.
„Wenn du meinst . . .“ Er beschloss, es vorerst aufzugeben, die beiden wieder zusammen zubringen, sie waren im Moment einfach noch zu stur und verbohrt um sich darauf einzulassen, außerdem hatte er selbst genug Probleme. Irgendwann würde die Sehnsucht sie schon zerfressen und wieder zueinander treiben, davon war er überzeugt.
„Janne?“
„Mhmm?“
„Was hast du?“
„Was soll ich denn haben?“
„Du willst mir doch schon die ganze Zeit irgendwas sagen, oder?“
„Ja . . . nein . . . ach, das ist alles so kompliziert.“
„Na komm schon, ich hab dir meine Probleme aufgeladen, jetzt nehm ich deine.“
Bestimmt stellte sie den Tee kurz zur Seite und zog dann seinen Kopf in ihren Schoß.
„Ich . . . kann nicht.“
„Natürlich kannst du. Ich sags niemandem weiter, bring keine dummen Floskeln wie ‚Das wird schon wieder’ und ich lach auch nicht.“
„Wenns nur das wäre . . .“
„Na komm, schieß los. Früher hast du mich immer gezwungen zu reden, weil du meintest, dass man damit Ordnung in den Kopf bekommt. Und jetzt bist du mal dran.“
„Nagut . . . also, wie soll ich anfangen . . .“
„Wie wärs mit dem Anfang?“
„Haha.“ Brummelns kniff er ihr in die Seite und knibbelte dann nervös an seinem Shirt herum.
„Sorry, ich bin schon ruhig.“
„Also . . . ich . . . werd die Band verlassen.“
„Weiter.“
„Weil . . . Gott, Aliisa, ich hab mich in Eero verliebt . . . ich kann das einfach nicht mehr ertragen, ihn fast 24 Stunden täglich zu sehen, wenn wir auf Tour sind auch sonst viel zu oft. Die Jungs wissen doch nichtmal, dass ich . . . nicht normal bin.“ Seufzend schloss er die Augen und lies zu, dass sie die kleine Träne wegstrich, die seine Wange hinunterkullerte.
„Du bist nich normal Janne, du bist einfach nur super . . . ich mein, hey, du kannst sogar mir zuhören, mich trösten und mir helfen. Niemand sonst wird aus meinem wirren Gestammel schlau und du verstehst immer, was ich sagen will . . . du bist ein toller Mensch, der es nicht verdient hat, sich so fertig machen zu müssen.“
„Du bist süß . . . aber mein Entschluss steht fest, ich verlasse die Band.“ Erwiderte er mit fester Stimme und wischte sich mit der Hand übers Gesicht.
„Was wirst du denn machen?“ fragte die junge Frau behutsam zurück. Sie wusste, dass es sinnlos war, ihn überreden zu wollen und dass er sich dann nur weiterquälen würde.
„Ich gehe nach Thailand.“ Plötzlich begannen seine Augen zu strahlen und er griff begeistert nach ihrer Hand um sie aufgeregt zu quetschen. „Genug Geld hab ich ja jetzt. Und weißt du noch, was ich früher dort immer machen wollte?“
„Klar, du wolltest . . . Janne, du willst in Thailand Taxi fahren?“
„Jaaaa, das wird toll . . . jeden Tag neue Leute kennenlernen und nie in irgendwelchen stickigen Räumen rumhängen.“
„Besuchst du mich dann ab und zu?“ Ein wenig traurig strich sie über seine Hand, er hatte ihr immer sehr viel bedeutet und nachdem sie und Lauri ihren kindischen Krieg begonnen hatten war er zu ihrem engsten Freund geworden. Oft hatte sie Schuldgefühle gehabt, weil sie die Lücke, die Lauri hinterlassen hatte einfach so mit Janne gestopft hatte, aber der sah das alles ganz anders und redete ihr es immer wieder aus.
„Klar, und zu Weihnachten komm ich zu dir, auf finnische Weihnachten mit meinen besten Freunden kann ich einfach nicht verzichten!
„Wirst du ihnen sagen, warum du gehst?“
„Nein, das würde nur wieder alles aufwühlen . . . ich hoffe, dass sich die drei anderen schnell wieder vertragen.“
„Was ist denn passiert?“
„Mikko hat gelabert und unser Master hat sich benommen wie der letzte Idiot und nichtmal ein bisschen Reue gezeigt . . . oh, tut mir Leid, Kleines.“
„Schon gut.“
„Naja, jedenfalls haben Pauli und Eero dann gestreikt, worauf unser kleiner nen Schreikrampf bekommen hat.“
„Ach du scheiße und alles nur wegen . . .“
„NEIN, NICHT wegen dir. Sein trotziges Kleinkindverhalten zeugt auch nur davon, dass er durchaus noch Gefühle für dich hat, und war ziemlich starke, die er nicht mehr unter Kontrolle bringt und dann solche Shows abzieht, um sie abzuschalten, was aber natürlich nicht funktioniert.“
„Du solltest Psychologe werden . . .“
„Nee, lieber nich, da wär ich ja mit und Lauri allein schon überbeschäftigt.“
„Quatsch, er hasst mich, ich hasse ihn, was gibs da noch rumzudoktern?“
„Jetzt komm doch mal wieder von diesem Trip runter und sieh die ganze Sache mal subjektiv. Was wäre, wenn das gestern nicht passiert wäre?“
„Du meinst, wenn ich mich nicht stockbesoffen von ihm hätte vögeln lassen, worauf er seinen Sieg über mich mit einer schönen Zigarette gefeiert hat und es mir so scheiße ging, dass ich hätte sterben können. . . Janne, er war mir so nah und trotzdem ganz, ganz weit weg . . . so, als ob er eine Mauer wischen uns bauen und sich dahinter vor mir verstecken würde. Und das schrecklichste ist, dass ich selber den Grundstein für diese Mauer gesetzt hab.“
„Du hast es damals einfach nicht verstanden, dich nicht verstanden, du wusstest nicht, was du wolltest und dann auch noch diese Flut an Gefühlen, mit der du völlig überfordert warst. Lauri und du, ihr seid so sensibel und seit fünf Jahren bewerft ihr euch mit seelischen Steinen.“
„Seelische Steine? Das kann auch nur von dir kommen . . . übrigens bin ich nicht sensibel.“
„Oh doch, und wie. Ich seh doch, dass deine Augen glänzen . . .“
„Na und, das sind meine Augen, mit denen kann ich machen, was ich will.“ Schniefend wischte sie sich übers Gesicht und spürte dann seine Arme, wie sie sich um sie legten und sein leises Lachen, das gedämpft an ihr Ohr drang.
„Du lachst mich aus.“
„Stimmt.“
„Janne, du bist scheiße.“
„Du auch, Darling.“
„Hast du gesehen, wie Aki geguckt hat, vorhin?“
„Der dachte wohl, ich will dich mehr als nurn bisschen trösten.“ Sein giggelndes Kichern erfüllte den Raum und erinnerte Aliisa an alte Zeiten, mit denen sie mit den Jungs auf dem Schulhof gesessen hatte.
„Meinst du, er war eifersüchtig?“
„Liisa. . . . du wirst doch jetzt wohl nix mit Aki anfangen, oder?“
„Ich hab doch bloß gefragt . . .“
„Aliisa!?“
„Was denn? Aki isn Freund, mehr nich.“
„Das dachtest du bei Lauri auch.“
„Lauri kann mich mal, Lauri würd ich nichmal als meinen Feind bezeichnen.“
„Wir reden drüber, wenn du dich beruhigt hast . . . im Moment schwankst du irgendwie zwischen Heulkrampf und einem Kettensägenattentat.“
„Mir würde auch schon n Schweißbrenner oder ein einfaches Küchenmesser aus rostfreiem Edelstahl reichen, schön geschärft natürlich . . .“
„Lizzy, wie hast du dich gefühlt, als er dich geküsst hat?“
„Besoffen.“
„Jetzt sag schon.“
„Schüchtern irgendwie . . . als ob ich wieder fünfzehn wäre und er mir grade wieder den Verstand raubt . . . ganz leicht mit diesem aufregenden prickelnd im Bauch . . . es tut so weh.“
Seufzend schloss sie die Augen und klammerte sich ein wenig an Janne fest, der geduldig neben ihr kniete und zwang, sich ihren Gefühlen zu stellen.
„Siehst du . . . bitte hass ihn nicht. Du hast ihn so verletzt und er hat das bis heute noch nicht verkraftet. Er dachte, er könnte mit dieser bescheuerten Rache einen Schlussstrich ziehn, aber das funktioniert nicht. Lass ihm und dir einfach Zeit . . . aber hass ihn nicht, du bist nicht schuld an dem, was zwischen euch ist, aber trotzdem nicht unschuldig. Er hätte genauso das Recht dazu, dich zu hassen und ich bin mir sicher, dass du das nicht willst.“
„Ich weiß.“
„Kleines, ich muss jetzt gehen, sonst killt mich unser Manager. Zwei Monate muss ich noch spielen, dann kann ich gehen . . . und bitte halt dicht.“
„Ich versprechs dir.“ Ein bisschen gequält lächelnd brachte sie ihn zur Tür und ließ sich dann nocheinmal in den Arm nehmen.
„Ach, noch eins, Liz. Könntest du dich vielleicht nach nem Nachfolger für mich umhören, du hast ja Beziehungen . . .“
„Oh, da wüsste ich schon jemanden . . .“ Ihre Gedanken wanderten zu Aki unser seiner geheimen Drummerkarriere.
„Ok, danke, du bist toll, ich ruf dich an. Ciao, Kleines, ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch, Großer . . .“ In Gedanken versunken wank sie ihm kurz und schloss dann schnell die Tür hinter sich. Sie musste Aki erreichen, bevor Janne ihm das Auto zurückbrachte.

Chapter 52

[November 2003]

„Lauri? . . . Lauri! . . . LAURII!!“
„Mhm?“ Unwillig wandte er seinen Blick von der vorbeirasenden Landschaft ab und blickte zu Aki auf, der augenrollend mit je einer kleinen Tüte in der Hand vor ihm stand.
„Tomate oder Nudel?“
„Hä?“
„Suppe, Lintu, Suppe! Eben hab ich gesagt, dass ich was zu essen mach. Kriegst du eigentlich überhaupt noch was mit?“
Lauri antwortete nicht, sondern lies seinen Blick wieder nach draußen schweifen. Es war zwar dunkel und regnete schon seit Stunden, aber es hatte etwas Beruhigendes in die Schwärze jenseits des warmen Tourbuses zu starren. Es befreite die Gedanken und brachte einen in diesen angenehmen Zustand von Gleichgültigkeit.
Aki seufzte leicht genervt und raschelte erneut geräuschvoll mit der Fertigsuppe.
„Was willst du denn jetzt? Tomate oder Nudel?“
„Mir egal.“
„Man Alter, dir ist alles egal, seit der Sommer vorbei ist. Bist du erst ab April wieder ansprechbar oder wie?“
Nur ein Schulterzucken, das den hyperaktiven Drummer fast zum Ausflippen brachte. So gern er seinen besten Freund hatte, wenn ihn mal wieder eine seiner Depressionsattacken packte, war er einfach unausstehlich. Aki wollte reden, am liebsten den ganzen Tag, Party machen und sich über den kleinsten Scheiß freuen. Wenn ihm etwas nicht passte, schmollte er drei Minuten und war dann wieder fröhlich. Er konnte einfach nicht verstehen, wie Lauri dieses verbissene Schweigen stunden-, ja manchmal tagelang durchhielt.
„TOMATE ODER NUDEL?“
„Ich hab kein Hunger.“
Ein Quieken ging durch den Bus und im nächsten Augenblick stürmte ein brilletragender Zwerg nach vorne zum Rest der Band und schlug wie wild mit den Tüten um sich.
„Wie wärs, wenn du ihn einfach in Ruhe lässt, mhmm, Hattu?“ murmelte Eero geistesabwesend und kritzelte ein paar Buchstaben in sein Kreuzworträtsel.
„Wenn ich ihn noch ein bisschen in Ruhe lasse verhungert er noch!“
„Blödsinn, nich jeder hat son riesigen Magen wie wir.“ Schaltete sich Pauli ein und strich liebevoll über den kleinen Hügel unter seinem Hemd.
„Dann stell ihm den Scheiß einfach hin.“ Nuschelte der Bassist jetzt mit dem Kugelschreiber zwischen den Zähnen und studierte die Inhaltsstoffe auf der Rückseite von der Tomatensuppenpackung.
„Klar, dann kann ich’s gleich selber essen oder in den Ausguss kippen, weil es Master Ylönen eh nich anrühren wird.“
„Eero hat Recht, lass ihn in Ruhe, Aki. Du kennst das doch, morgen ist er wieder normal.“
„Na hoffentlich, ich hab keinen Bock allein saufen zu gehen, weil unser kleiner Trauerkloß daheim in seinem Bett liegt und björkhörend an die Decke starrt.“
„Das hab ich gehört.“
„Huch, ich dachte schon, du wärst scheintot geworden.“
„Haha, sehr witzig Aki.“ Träge lies sich Lauri neben seinem Bandmate auf dem Boden nieder und griff nach der Nudelsuppe die immer noch auf dem kleinen Tischchen lag, wo Aki sie vor ein paar Minuten hingepfeffert hatte.
Der verkniff sich angestrengt seine spitze Bemerkung und setzte stattdessen den Wasserkocher in Gang.
„Wie weit ist es noch nach Hause?“
„Keine Ahnung, Lintu. Eero?“
„Keine 20 Kilometer mehr.“
„Mhmm.“
„Irgendwas bestimmtes, Lauri?“
„Nö.“
„Was dann?“
„Es schneit schon ein bisschen . . .“
„Na und?“
„Winter ist toll, aber irgendwie scheiße . . . ich hasse diese verdammte Dunkelheit.“
„Kopf hoch, Dicker. Bald ist Weihnachten: Kerzen, Plätzchen, gutes Essen und die liebe Verwandtschaft . . .“
„Weihnachten ist auch scheiße. Meine Eltern halten mir vor, was ich alles falsch gemacht hab, alle anderen wollen Autogramme für ihre kleinen Rotzgören und Hannah ist mit ihrem neuen Stecher auf Ibiza. Toll, echt toll.“
„Du kannst doch auch mal zu uns kommen.“
„Nein, Eero, danke, aber ich würde mir ständig fehl am Platze vorkommen. Trotzdem nett von dir.“
„Und außerdem wär da ja noch Sylvester, da machen wir Party und reißen uns n paar scharfe Weiber auf!“ warf Aki ein, während er die Trockensuppe in Becher gab und das mittlerweile kochende Wasser darüber kippte.
„Gefickt hab ich in den letzten Wochen genug.“
„Warum bist du dann so kacke drauf? Du solltest strahlen vor Befriedigung.“ Kichernd rückte der größere der beiden Zwerge seine Brille zurecht und balancierte dann seinen Becher zurück zum Tisch.
„Toll . . . ficken kann ich auch alleine . . .“
„Macht aber längst nich so viel Spaß.“
„Versteht ihr das nicht, ich will . . .“ Er konnte den Satz nicht zu Ende führen, denn plötzlich ging ein gewaltiger Ruck durch den Bus, der alles, was nicht niet und nagelfest war zu Boden riss. Dann ein paar Sekunden Ruhe, bis es plötzlich einen erneuten Aufprall gab, der um einiges heftiger war als der erste, sodass die vier von ihren Plätzen quer durch den ganzen Bus rutschten und schließlich gegen eine Wand geschleudert wurden.
Lauri öffnete die Augen einen spaltbreit, doch dann verschwamm plötzlich alles und er fühlte sich, als würde er in einen gewaltigen Strudel gesogen werden . . .

„Vergiss die Unterlagen nicht.“
„Ne, mach ich nich.“
„Und denk dran, Mr Roberts anzurufen, er ist ein SEHR wichtiger Mann, Aliisa.“
„Ja.“
„Und bring am Montag unbedingt das Geschenk für Maija mit, sie . . .“
„JA, VERDAMMT!! Seh ich etwa wien Vollidiot aus? Ich kann mir den Scheiß auch merken, ohne, dass du mir in 24 Stunden am Tag vorleierst!“ wütend warf sie die schwere Eingangstür der Agentur mit einem Scheppern ins Schloss und lies ihren erschrockenen Assistenten einfach im Gang stehen. Manchmal war er ganz nützlich, zum Beispiel um irgendwelche Sachen zu überbringen oder unwichtige Telefonate zu führen, aber er war jemand, den man eindeutig zur Sorte Arschkriecher zählen konnte. Aliisa hasste Menschen, die jedem fast in den Hintern krochen nur um in der Hackordnung eine klitzekleine Stufe nach oben zu gelangen. Leider war der arme Mensch nun bei ihr gelandet und er schleimte umsonst vor sich hin, denn die junge Frau ignorierte seine Anfälle von überzogener Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit mit geflissentlicher Ruhe. Sie selbst hatte für ihren Job in den oberen Reihen hart arbeiten müssen und es ging ihr gegen den Strich, dass jemand nur wegen seiner widerwärtigen Einschmeichelei noch weiter kommen sollte. Ihren Stolz hatte sie nämlich nie verloren . . .
Fröstelnd kuschelte sie sich enger in ihren warmen Wintermantel und wünschte sich sehnlichst in ihr flauschiges Bett, vielleicht mit einer großen Kanne heißem Tee und Benji an ihrer Seite. Er würde zwar ein paar Kilo Haare auf den Kissen verteilen, aber dafür war er warm, weich und besonders anhänglich.
Doch es würde wohl noch ein wenig dauern, bis sie endlich zu Hause war, denn bei diesem Mistwetter war die Strecke nach Helsinki nicht ohne Tücken. Warum musste sie auch ausgerechnet in Vantaa arbeiten? Kein Mensch außer ihr war so blöd, sich außerhalb der Stadt einen Job zu suchen.
Seufzend friemelte sie den Autoschlüssel aus ihrer Jackentasche und fluchte dann leidend über ihre halberfrorenen Finger, die bei jeder Bewegung höllisch wehtaten. Langsam fand der kalte Regen seinen Weg durch den Stoff ihrer Kleidung und ließ sie zusätzlich erschauern, sodass sie hektisch die Tür aufriss und sich in das ebenso kalte, dafür aber trockene Auto fallen ließ. Sobald der Schlüssel im Zündschloss stecke, drehte sie die Heizung bis zum Anschlag auf und rechnete aus, wie lang es wohl dauernd würde, bis sie wieder sämtliche Körperteile spüren und bewegen konnte. Schlimmer, als dass ihr der Fuß beim Gasgeben abbrach konnte es ja wohl nicht werden.
Müde, hungrig und immer noch frierend parkte sie den Wagen aus und begab sich auf die Landstraße in Richtung Helsinki. Hierher verirrten sich nur Pendler und die Menschen, die auf dem Flughafen ankamen und keine Lust auf Autobahn hatten. Aliisa war das ganz Recht, sie wollte jetzt keine blendenden Scheinwerfer und drängelnde Raser, sie hatte ja schon genug damit zu tun, nicht einfach vor sich hinzuträumen sondern sich auf die Straße zu konzentrieren.
Gähnend schaltete sie das Radio an und hörte eine Weile dem Freitagabend-Gedudel zu, bevor sie beschloss, dass sie das auch nicht davon abhalten würde, bald einzuschlafen. Dann fiel ihr plötzlich die Thermoskanne mit dem kalten Kaffe ein, die im Handschuhfach lag.
Höchst erfreut hangelte sie danach und kippte die dunkle Brühe dann mit wenigen Schlucken hinunter. Wirklich gut schmeckte das Zeug ja nun wirklich nicht, aber wenigstens fühlte sie sich jetzt bereit, die letzten 20 Kilometer bis nach Hause zu schaffen.
Minutenlang fuhr sie einfach geradeaus, ohne, dass ihr jemand entgegenkam, als sie plötzlich eine Bewegung rechts von sich im Wald registrierte. Einen Augenblick später schossen zwei kleine Geschöpfe aus dem Busch, gefolgt von einem mächtigen Hirsch, der innerhalb von Millisekunden die andere Straßenseite erreicht hatte. Während Aliisa noch darüber nachdachte, ob die beiden kleinen Kreaturen wohl Eichhörnchen gewesen waren, wurde ihr plötzlich das Lenkrad aus den Händen gerissen. Auf dem nassen Asphalt hatten die Reifen ihre Bodenhaftung verloren und so geriet der Wagen unkontrolliert auf die Gegenfahrbahn. Das letzte, was die Junge Frau sah, waren zwei riesige Scheinwerfer, dann wurde plötzlich alles schwarz um sie herum. Aus der Ferne nahm sie einen Ruck war und dann ein gänzliches Erlahmen, so als ob die Zeit stehen geblieben wäre . . .

Chapter 53

Langsam öffne ich die Augen, sehe nur einen milchigen Schleier und fühle mich so seltsam leicht. Leise stöhnend tauche ich wieder in die klare Schwärze ein, damit ich diese schummrige Umgebung nicht länger erragen muss. Seltsamerweise fühle ich keinen Schmerz . . . eigentlich gar nichts, nicht einmal das volle Bewusstsein über meinen Körper. Warum ächze ich dann so?
In einem erneuten Versuch reiße ich die Augen weit auf und versuche, meinen Blick sofort an einem bestimmten Punkt festzumachen. Es gibt aber keinen Punkt . . . es gibt nur ein Nichts, dass keine Grenzen kennt. Alles verschwommen, es macht mich fast wahnsinnig.
Vielleicht bin ich blind . . . oder querschnittsgelähmt . . . oder beides? Panisch reiße ich einen Arm nach oben und beobachte, wie er durch das verwaschene Grau der Umgebung dringt. Er ist klar zu sehen, meine schwarze Winterjacke hebt sich gestochen scharf von diesem widerlichen Hintergrund ab und gibt mir das Gefühl, noch nicht ganz durchgedreht zu sein.
Ich will aufstehen, da fällt mir plötzlich auf, dass ich bereits stehe . . . Unter mir auch nur dieses dumpfe Nichts. Tränen laufen mir über die Wangen, aber ich bin nicht in der Lage, das Gefühl zu definieren, dass sie dazu treibt. Verzweiflung, Erschöpfung, Panik? Ich weiß nicht, was hier passiert, wo ich bin und was ich hier verloren habe.
Nach ein paar Schritten in das Grau hinein beginne ich zu laufen, schließlich hetze ich wie blindlings davon und scheine doch nicht vom Fleck zu kommen, alles bleibt, wie ist. Alles gleich, alles grau, alles beängstigend, wie ein Knast ohne Mauern, ein unsichtbarer Käfig.
Nach Minuten, die auch Stunden gewesen sein könnten lasse ich mich schließlich wieder zu Boden sacken und bin überrascht, dass ich nicht zu fallen beginne. Hier ist doch nichts . . .
Ist das der Tod? Wenn ja, dann ist er grausamer als jedes erdenkliche schreckliche Leben.
Doch plötzlich breitet sich dieses beengende Gefühl in mir aus,. . . ich weiß, dass hier etwas ist, ich kann es spüren, ja fast schon fühlen. Trotzdem kann ich meine Augen nicht dazu bringen, den Herd dieser Beklemmung zu suchen, stattdessen bleibe ich zusammengekauert hocken und höre auf mein wild schlagendes Herz, das mich mit jedem Schlag ein wenig mehr an den Rand des Wahnsinns treibt.
Es kommt näher, noch ein Stück . . . gleich stößt es mit mir zusammen . . . nein, es entfernt sich doch wieder und zieht jetzt scheinbar seine Kreise um mich. Kreise, die immer enger und bedrohlicher werden. Gleich hat es mich, wird mich berühren und meine Angst wird sich in brennenden Schmerz wandeln. Plötzlich spüre ich etwas Warmes auf meiner Haut und ein Schrei verlässt meine trockene, schmerzende Kehle, um sich schallend in diesem unwirklichen Nichts auszubreiten.
„Aliisa?“
Ich werde mich nicht bewegen, einfach so tun, als wäre ich schon tot . . . es kann nur noch schlimmer werden, wenn ich eine Reaktion zeige.
„Ich hab auch Angst.“
Irgendetwas an dieser Stimme spendet mir Trost, ein wenig Halt, hier, wo es nichts gibt, an das man sich klammern kann. In Gedanken flehe ich, dass sie nicht verstummt, auch wenn ich mich nicht als lebendes und denkendes Wesen zu erkennen gebe. Woher weiß es überhaupt meinen Namen? Langsam übernimmt ein einziger Gedanke die Kontrolle in meinem Kopf: ich bin tot, fast jedenfalls . . . und das, was mit mir spricht . . . ist vielleicht ein Engel . . .
„Bitte . . . sag doch was . . . ich dreh sonst durch.“
Wieder eine Berührung, diesmal zittrig und ein wenig unbeherrscht, fast verzweifelt.
„Liisa . . . du kannst nicht tot sein.“
Plötzlich spüre ich, wie meine Schultern mit festem Griff umfasst werden, mein Körper wird durchgeschüttelt und ich zeige immer noch keine Reaktion.
Dann diese unglaubliche Wärme, die mich umgibt und mir wieder das Bewusstsein gibt, dass es so etwas wie Materie gibt . . . und Gefühle. Ich heule einfach los, lasse die Tränen fließen und schluchze herzerreißend. In meine Arme kommt wieder Bewegung, sie umschlingen diese Quelle von Geborgenheit und klammern sich fest, als würde ich ertrinken, wenn sie versagen würden.
Langsam hebe ich den Kopf ein wenig und sehe daraufhin in ein paar grüne, strahlende Augen auf denen eine Art dunkler Schatten liegt. Ich weiß, wie sie funkelnd können, der Gedanke daran projiziert all die Gefühle, die ich spüre, wenn ich in diese glänzenden Augen sehe, in meine jetzige Situation und löst Schmerz, Freude und abgöttisches Verlangen zugleich aus.
„Du Arschloch, du Bastard, was machst du hier? Lass mich los, lass mich doch einfach endlich in Ruhe . . . verdammt . . .“
Meine Fäuste machen sich selbstständig, prallen immer wieder gegen diesen Mantel aus Wärme, den er um mich gelegt hat. Aber der Grund für das Chaos in meinem Kopf weicht keinen Millimeter, sondern schlingt seine Arme um meinen bebenden Rücken und erträgt mit Tränen in den Augen, wie ich meine aufgestaute Wut, Enttäuschung und Verzweiflung der vergangenen zehn Jahre auslasse.
Schließlich öffne ich meine inzwischen rotangelaufene Hand und hebe sie vorsichtig ein Stückchen an. Er zuckt nicht, er weiß, dass es jetzt zu Ende ist und dass ich ihn niemals ins Gesicht schlagen würde . . .
Sachte streifen meine Finger über seine unrasierten Wangen und spüren die kleine Bewegung mit der er sich nach noch mehr Nähe heischend dagegen drängt.
„Lauri?“
„Ja, Prinzessin?“
„Was ist das hier? Wo sind wir? Ich werd noch wahninnig . . .“
„Ich weiß es nicht . . . aber im Moment würde es mir nicht einmal etwa ausmachen, jetzt sterben zu müssen.“
„Warum?“
„Weil du da bist.“
„Es tut mir Leid, was ich dir angetan hab . . . einfach alles . . . ich wusste einfach nicht, was ich mit diesen widersprüchlichen Gefühlen anfangen sollte . . . ich war so jung und dumm. Das ist keine Entschuldigung, ich weiß, aber was kann ich denn machen, damit alles wieder gut wird?“
„Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen . . . außerdem ist es nicht deine Schuld gewesen, wir . . . wir hätten reden können, aber alles, was mir einfällt, ist mein Hirn abzuschalten und das Nötigste mit dem Schwanz zu denken . . .“
„Es ist okay, Lauri . . . vielleicht können wir die Zukunft ändern . . .“
„Ich hab schon wieder Angst, alles kaputt zu machen.“
„Wieso denn?“
„Weil ich dich gerne küssen würde . . . aber wenn du das nicht willst, dann . . .“
„Wer sagt denn, dass nicht das nicht will?“
„Deine Augen.“
„Guck dochmal genau hin.“
Für einen Moment scheint es, als würde ich in einem Ozean von stechendem Grün ertrinken, dann spüre ich plötzlich diese gewaltige Explosion in mir, die mir das Gefühl gibt, als würde ich Meter über dem nichtvorhandenen Boden schweben.
Sanft berühren sich unsere Lippen, betasten sich um sich schließlich doch leicht zu öffnen. Zaghaft stößt meine Zunge gegen sein, als ich plötzlich von hinten brutal zurückgerissen werde, alles beginnt sich zu drehen und tiefe Schwärze umhüllt mich. Sogar, als ich mit einem dumpfen Aufprall langsam das Bewusstsein verliere, spüre ich noch dieses samtige, wunderschöne Gefühl von Zuneigung auf meinen Lippen.

Langsam klärt sich die Umgebung, meine Magengegend brennt wie Feuer, aber ein eigenartiges Gefühl tiefster Zufriedenheit erfüllt mich. Tastend fasse ich nach etwas, an dem ich mich festhalten und hochziehen kann, schließlich ertaste ich die Kante der kleinen Sitzecke und hieve meinen Oberkörper mühsam hoch.
Es ist dunkel im Bus, dunkel und still . . . wenn ich das Pochen in meinem Kopf ignoriere kann ich sogar den Regen an die Scheiben prasseln hören. Komischerweise sind sie noch ganz, nur die Heckscheibe sieht ziemlich mitgenommen aus, jedenfalls das, was ich davon erkennen kann. Neben mir liegt der Inhalt von sämtlichen Schränken auf dem Boden zerstreut, wir sind eben zu faul jedes Mal wieder diese lächerlichen Häkchen vorzuschieben. Erst jetzt spüre ich den brennenden Schmerz an meinem Knie, ich sitze direkt in einem Haufen Glasscherben. Daneben Paulis Lieblingsbecher, heil geblieben, deutsche Markenqualität. Insgesamt sieht es hier aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen oder jemand, der sehr hungrig war, hat den Bus nach Essen durchsucht. So etwas gibt es hier nämlich schon seit 300 Kilometern nicht mehr.
Vorsichtig ziehe ich den Fuß an und stemme mich so auf die Beine, es tut weh, das Glas steckt zum Teil noch in der Wunde. Mit zusammengebissenen Zähnen ziehe ich das Stücken Glas zwischen den zerrissenen Hosen heraus und werfe es achtlos in die Ecke. Sofort färbt sich der Stoff dunkel, aber es hat etwas beruhigendes, zu sehen, dass ich noch am Leben bin.
Draußen herrscht ebenfalls tiefe Dunkelheit, doch nach längerem Hinsehen zeichnet sich die Silhouette eines dichten Waldes ab, zum Prasseln des Regens kommt das Rauschen des Waldes. Schon komisch, wie das, was wir sehen sich mit dem, was wir hören, verbinden.
In der Ecke rechts von mir raschelt etwas, Eero rappelt sich noch leicht benommen auf und sieht nach einem Augenblick erleichtert zu mir herüber.
„Geht’s dir gut?“
„Ja und dir?“
„Auch. Guckst du mal noch Aki und Pauli? Ich geh nach Thuomas sehn.“
Ein kurzes Nicken. Er weiß nicht, dass ich noch etwas anderes im Sinn habe, als mich zu vergewissern, dass es unserem Fahrer gut geht. Ich will raus, und zwar so schnell wie möglich. Irgendetwas ist da, ich weiß, dass da etwas ist und dass ich es finden muss, jetzt, gleich, sofort.
Mit noch leicht wackligen Schritten taste ich mich zum Fahrersitz vor und finde dort einen erschrockenen Busfahrer vor, der zwar eine kleine Platzwunde an der Stirn hat, aber ansonsten ziemlich unverletzt aussieht.
Nach ein paar heuchlerischen Worten steige ich die drei Stufen zur Tür hinunter und stelle mich auf die Zehenspitzen, um an den Nothahn zu kommen. Erst jetzt fällt mir auf, dass der Bus eine ganz schöne Seitenlage hat. Ich komme zwar nie besonders leicht an diesen verdammten Hebel, aber heute muss ich sogar ein Stücken springen, um das Teil endlich in die Finger zu kriegen und es mit meinem Körpergewicht nach unten zu ziehen. Mein Knie protestiert, aber ich ignoriere es geflissentlich. Für Wehleidigkeit hab ich später auch noch genug Zeit.
Mein Instinkt sagt mir, dass das eben kein Traum war . . . sondern nur etwas irreales . . . wirklich und doch auch nicht. Hört sich irgendwie nach einem Science-Fiction Film an . . . vielleicht hab ich ja doch ne kleine Gehirnerschütterung abbekommen.
Mit einem Zischen löst sich der Unterdruck in der Tür und ich kann sie mit einiger Anstrengung zur Seite schieben und von der letzten Stufe auf den federnden Waldboden springen. Rechts liegt die regennasse Straße, die Lichter vom Bus werfen einen leichten Schimmer auf den Asphalt. Langsam bahne ich mir meinen Weg durch das Gestrüpp und stehe nach ein paar Schritten auf dem Standstreifen und sehe zu dem schwarzen Wagen hinüber, der gleich an einem der ersten Bäume neben der Straße klebt. Seltsamerweise steht er in derselben Richtung wie der Bus, wie können wir also mit ihm zusammengestoßen sein?
Ärgerlich über die Ablenkung schiebe ich meine Gedanken beiseite und erblicke plötzlich die kleine dunkle Gestalt, die geradewegs auf mich zukommt. In meinen Ohren rauscht, fast lauter als der Regen der unablässig auf die Landsraße fällt. Während ich jede Bewegung dieser Gestalt verfolge, deren Silhouette sich zu der formt, die ich jetzt zu sehen hoffe, bemerke ich, wie sehr meine Hände zittern. Trotzdem nehme ich sie aus den Taschen, ich will sie in Empfang nehmen.
Irgendwann schließe ich die Augen und genieße die Anspannung, die durch meinen Körper fließt und ihn zum Glühen bringt. Gleich, gleich werde ich das erleben, von dem ich vor kurzem noch so brutal zurückgerissen wurde. Ich dachte, ich würde sterben . . . ich dachte, ich würde wissen, dass einer von uns sterben muss, dass es unsere letzte Chance war, diesen Krieg zu beenden. Jetzt will ich es nicht wahrhaben, dränge es beiseite und jage den letzten Funken Hoffnung in mir immer wieder zu einer Stichflamme empor, die mein Herz davor bewahrt endgültig zu sterben.
Plötzlich ein gewaltiges Glühen auf meiner Wange, das sich langsam in den Nacken verlagert und schließlich dort verweilt. Meine Augen sind immer noch geschlossen, Anspannung und bittersüße Erwartung peitschen gleichzeitig durch meine Gedanken und erwarten Freude und Leid zugleich.
Wieder einmal an diesem gottverdammten Tag scheint die Zeit still zu stehen, als ob sich sämtliche Kräfte der Erde verbündet hätten um mich dieses Gemisch aus Qual und freudigerregter Anspannung noch länger spüren zu lassen. Nichts passiert, das Glühen im Nacken und auf der Wange bleibt. Meine Arme reagieren nicht und weigern sich mich aus dieser zähfließenden Situation mit einer kleinen Bewegung zu befreien. Sie hängen nur einfach schlapp an mir herunter wie unnötiger Ballast.
Dann plötzlich dieses Gefühl, das mich wie einen Pfeil durchbohrt. Es tut nicht weh, ein ganz kleines bisschen vielleicht . . . es ist mehr, als würde der kleine Funke in mir endlich wieder brennen, ja, ich spüre richtig, wie die Wärme in jeden Winkel meines Körper kriecht.
In meinem Nacken ein leichter Druck, dem ich sofort und willenlos nachgebe. Ich versuche, irgendetwas zu sagen, wenigstens ihren Namen, aber alles, was ich heraus bringe, ist ein heißeres Hauchen, bevor ihre weichen Lippen sich schon wieder auf meine pressen.
Es passiert alles wie von selbst, ich kann nur zusehen und spüren, wie meine Hände über ihre regennassen Wangen streichen und die tropfenden Haarsträhnen aus diesem wunderschönen Gesicht streichen. Ganz nah stehen wir zusammen, ich kann die Wärme spüren, die durch ihre dünnen Klamotten dringt . . . fast kann ich ihr Herz schlafen hören. Für einen kurzen Moment tauche ich tief in das Grün ihrer Augen ein.
„Was ist mit deinen Augen?“ nur ein leises Flüstern während ich meinen Atem über ihren Nackten streifen lasse und im selben Augenblick ihre Fingernägel spüre, die sich fest in den Stoff meines Pullis krallen.
„Ändern die Farbe . . .“ Ein sanfter Kuss an der kleinen Stelle unter dem Ohrläppchen. Wie gut, dass ich mein Gesicht sowieso schon in ihren Haaren vergraben habe. Es kühlt ein bisschen . . . mir ist, als würde ich verbrennen.
„Nach Stimmung?“ mein Finger fährt vorsichtig an ihrer Seite hinauf und zeichnet schließlich die Konturen ihrer Lippen nach.
„Mhmm.“ Sie macht es mir nach . . . hat anscheinend nicht vergessen, was das für eine Wirkung auf mich hat.
Scharf einatmend presse ich sie in einem Anfall von Gier an mich und zwinge sie dazu, mir den besten Kuss meines ganzen Lebens zu schenken.
„Und jetzt?“ Ich lockere meinen Klammergriff leicht, ein bisschen ängstlich, dass ich zu heftig war und ich ihr Vertrauen missbraucht habe . . . Doch, da ist etwas, das sich wie Vertauen, Vertrautheit anfühlt. Es ist dünn und zerbrechlich, aber es existiert und ich weiß, dass es nicht noch so einen gedankenlosen Anfall von Sucht nach Nähe ertragen wird.
„Grün . . . verquer, eigenartig, etwas besonderes eben . . . so wie du.“ Ihre Hände ruhen wärmend auf meinem Rücken und streichen ab und zu ein wenig auf und ab.
„Und wenn’s dir wieder gut geht, dann werden sie braun?“
„Mir geht’s gut, Lauri . . . es ist nur . . .“
„Shht . . .“ Sanft lege ich meinen Zeigefinger auf ihre Lippen und küsse dann vorsichtig und wahrscheinlich kaum spürbar ihren Hals. „Ich versteh schon, was du sagen willst . . .“
Ihr leises Lachen durchbricht diesen magischen Moment, aber gleichzeitig spüre ich, wie ihr Kopf langsam gegen meine Brust sinkt. Es hat etwas trost- und geborgenheitsspendendes, sodass ich einfach die Augen schließe, mich an sie kuschle und warte, bis die anderen aus dem Bus gekrochen kommen und sich neben uns auf der Straße versammeln.
Drei Rasnüsse starren uns perplex an, während der Busfahrer die Aufregung nicht versteht und immer wieder herumjammert, er hätte eine Gehirnerschütterung.

Chapter 54

„Aki, deine Nase läuft blau an.“
„Pf, das kann dir ja nich passieren.“ In seinem Gesicht liegt eine Mischung aus Beleidigtsein und Grinsen . . . und jede Menge Regen, es gießt immer noch wie aus Eimern.
Wir sitzen in einem kleinen Kreis auf dem Standstreifen und warten auf die Bullen und den überflüssigen Krankenwagen den die gleich noch mit bestellt haben. Ich will nicht aufstehen müssen, das würde alles nur peinlich und unwahrscheinlich schwierig machen. Ich will einfach für ewig hier neben der Straße im Regen hocken und die Nacht genießen.
Meine Hände tasten vorsichtig Lauris Rücken ab und streifen dann sanft über die kleine freie Stelle zwischen Shirt und Hosenbund. Er zuckt leicht zusammen, grinst und gibt mir dann einen Kuss auf den Kopf. Warum kann es nicht für immer so bleiben. Es wird Licht kommen und ich werde ihn ansehen und mit ihm reden müssen . . .
Ich bemerke Eeros nachdenklichen Blick und schließe die Augen, konzentriere mich auf die Wärme die mich trotz des ganzen Wassers umgibt und höre auf Lauris gleichmäßigen Herzschlag. Ich frage mich, ob er auch sein Shirt am Kragen zerrissen und es über uns beide gezogen hätte, wenn es nicht stockdunkel hier mitten im Wald gewesen wäre. Seine Arme stecken in den Ärmeln und drücken mich leicht an sich, während meine erst um seinen Hals lagen und jetzt schlaff irgendwo unter seinem Tanktop hängen.
Irgendwie hab ich richtig Angst, ihm später gegenüberzustehen. Alles was ich je gesagt und getan habe, was ich jetzt sage oder tue werde ich vertreten und verantworten müssen und das ist mir schon immer schwer gefallen. Ich gebe mich zusehr meinen Gefühlen hin und schalte meinen Kopf dann einfach ab . . . ich tue Menschen weh damit und rede mich heraus, dass ich eben einfach so bin und nichts dafür kann. Aber das stimmt nicht, ich muss damit aufhören und endlich lernen, meinem kranken Herzen Teamwork mit meinem dicken Schädel beizubringen.
Mein Blick wandert spontan nach oben und verheddert sich mit Lauris, der vorsichtig zu mir herunter lächelt. Ich erwidere es und plötzlich spüre ich seine nasse, kratzige Wange an meiner Back, die sich zufrieden dagegen schmiegt.
„Machen wirs diesmal besser, Kleines?“
Er spricht so leise, dass nur ich es hören kann. Die andern unterhalten sich gerade angeregt über den Unterschied zwischen McKotz und FettKönig und würden es sowieso nicht mitbekommen.
„Okay . . .“ Meine Lippen machen einen kleinen Kurztrip auf seine andere Wange und im nächsten Moment spüre ich schon seine Hand die mir sanft über den Rücken streichelt. „Aber langsam . . . und denken.“
„Und reden.“
„Keine Spielchen.“
„Und noch mehr reden.“
„Und wenn ich nicht mehr kann? Wenn wir im Licht stehn und ich dich nichtmal ansehn kann?“
„Dann gehen wir nach draußen und setzen uns irgendwo hin.“
Ich lache kurz und schmiege mich dann noch ein bisschen enger an ihn.
„Ich denke schon wieder nicht.“
„Das hier ist doch was anderes . . . ich . . . ich mag dich, ich will dir irgendwie nahe sein und ich werd nie mehr zulassen, dass mein scheiß Hirn mir das verbietet.“
„Ich würde dir gern was sagen, aber ich kann nicht . . . ich fühl mich, als wär ich im Kindergarten.“
Sein Kopf rückt noch ein Stücken näher, bedacht darauf, mir die Scheu vorm Reden zu nehmen und mich trotzdem nicht zu bedrängend.
„Is doch egal, ich sags auch nicht weiter.“ Sein warmes, tiefes Lachen schmilzt die letzten Reste von Stolz und Feigheit davon, sodass ich mich ebenfalls ein bisschen gegen ihn drücken und zum sprechen ansetze.
„Ich mag dich auch . . .“
„Danke, dass du das gesagt hast.“
„Warum?“
„Weil ich ständig Angst habe, dass ich für dich nicht das bin, was du für mich bist . . . dass du mich hasst und nur ab und zu mal mit mir spielst.“
„Nein, Lauri, das ist nicht wahr, das stimmt einfach nicht. Du . . . du . . . ach scheiße, du bedeutest mir wirklich viel.“
Seine Lippen berühren sachte, aber dafür lange meine glühende Wange.
„Meinst du, wir schaffen das? . . . Irgendwas zwischen uns aufzubauen, . . . ich hab Angst, was von dir zu verlangen, dass du aber nicht willst und damit alles wieder kaputt zu machen.“
„Denken und fühlen, Lauri . . . ich werd dir nicht böse sein.“
„Du hast mir so gefehlt, Liisa.“
„Du mir auch.“
Erst jetzt bemerke ich, dass alle Augen auf uns gerichtet sind.
„Was isn jetz mit euch?“ Pauli hat in seiner Hosentasche ein zermatschtes MiniMars gefunden und knabbert jetzt daran herum, während er interessiert zwischen Lauri und mir hin und her schaut.
„Pauli!!“ Eero verzieht verärgert das Gesicht, nimmt ihm sein Schokoriegel ab und verpasst ihm zu guter Letzt noch einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Auaaaaaa, das tat weh, du Arschbassist.“
„Dann stell nich so saudumme Fragen.“
„Ich will aber wissen, ob ich anzügliche Witze machen darf.“
„Nimm einfach deine Schokolade und halt den Mund, das is am besten für uns alle.“
Gekonnt fängt unser Yogamann an, irgendwann drauf loszuplappern bis die anderen einstimmen und langsam das Interesse an uns verlieren.
Ich höre einfach zu, fest an Lauri gekuschelt und genieße die Zeit, bis ich ihn wieder loslassen muss.
Ich hab wirklich schreckliche Angst davor, ihm in ein paar Stunden wieder unter die Augen treten zu müssen . . . ich muss wirklich, da sind mein Herz und mein Kopf sich ausnahmsweise mal einig.

Chapter 55

Nervös mit dem Fuß hibbelnd sitze ich auf einem dieser grässlichen weißen Stühle und warte darauf, dass jemand kommt, mit dem ich reden kann. An meiner Stirn prangt eine wunderschöne Platzwunde die diese Schweine kurzerhand mit so einem fiesen Klammerpflaster bepappt haben. So eins mit Widerhaken, die sich dann langsam zusammenziehen . . . Schaudernd schiebe ich den Gedanken beiseite und sehe zu Boden. Da is allerdings mein Knie. Bei dem habe ich mich geweigert irgendendwen dran rumschnibbeln zu lassen. Das heilt schon von selbst und basta. Ich bin doch kein Puter, dem man so mir nix dir nix sämtliche Körperöffnungen zunähen kann.
Was is nur mit den anderen los? Vielleicht sind die alle halb am abnibbeln während ich hier mit ein paar Fleischwunden sitze und nur an mich denke. Aber Krankenhäuser machen mich immer ganz fertig . . . überall nur weiß und Leute die sich für was Besseres halten und sich nicht dazu herablassen mit einem zu reden. Außerdem hasse ich den Geruch, ich könnte schon allein davon krank werden.
„Schläfst du schon im Sitzen?“
Erschrocken hebe ich den Kopf und sehe ein nasses, schwarzes Shirt, unter dem sich ein mir ziemlich bekannter Bauch abzeichnet . . . genauer gesagt liebe ich diesen Bauch . . .
„Nein, ich . . . mag das hier nur alles nicht so . . .“ Sofort laufe ich knallrot an und haue mir in Gedanken selbst eine runter. Wie kann man nur sowas Bescheuertes von sich geben?
„Ich auch nicht . . . tuts sehr weh?“
Vorsichtig berührt sie das weiße Pflaster auf meiner Stirn, worauf ich leicht zusammenzucke und es im nächsten Moment schon wieder bereue. Ich hätte ihre Hand gern noch ein wenig länger gespürt . . .
„Sorry, ich muss mal wieder alles antatschen.“ Jetzt ist sie an der Reihe rot zu werden. Irgendwie ist dieses Gespräch richtig dämlich. Wir kennen uns seit über zehn Jahren und ich möchte mich am liebsten auf sie stürzen und nie wieder loslassen, aber alles, was ich tue, ist bescheuerte Sachen vor mich hinplappern.
„Wo sind denn die anderen drei?“ Yessss, endlich mal ein halbwegs intelligenter Satz.
„Aki und Pauli flirten mit der Krankenschwester, weil sie gesehen haben, wie sie nem Kind n Lolli gegeben hat und jetzt wollen sie unbedingt auch welche.“
„Und Eero?“
„Der versucht sie davon abzuhalten.“
Stirb, Lauri, dieses Lachen ist zu wundervoll für deine Ohren.
Glücklicherweise kommen meine lieben Bandmates im selben Moment strahlend um die Ecke gebogen. Die Kinderchen mit den Armen voller Süßigkeiten und Papa Eero zufrieden, dass seine Sprösslinge endlich Ruhe geben.
„Wir fahren die beiden Kleinen hier mit nach Hause, es macht euch doch nix aus, n Taxi zu nehmen, oder? Is leider kein Platz mehr, also tüdelüüü, man sieht sich!“
Zu früh gefreut, mit offenen Mund starre ich dem Yogamann hinterher und Hecke in Gedanken einen Plan aus, wie ich am besten an seinen dummen Button komme und ihn genüsslich verbrennen werde. Taxi heißt nämlich soviel wie Rumgeknutsche, Kaffe trinken und dann doch vögeln . . . oder so ähnlich. Ich hab Angst, fünf Jahre Groupies sind keine Vorbereitung wie eine Frau wie Aliisa . . . außerdem will ich doch gar nicht . . . jedenfalls nicht mit ihr schlafen . . . sagt mein Hirn, und zwar das oben, der Keller is grad außer Betrieb.
„Erst zu mir oder zu dir?“
Mit großen Augen starre ich sie an.
„Also wo das Taxi zuerst hinfahrn soll, ich mein . . . ähm, na ja . . . kann ja sein, dass wer auf dich wartet und na ja . . . das soll sich jetz nich so anhörn, als würde ich . . . würden wir . . . ähm . . . ach scheiße.“ Sie fuchtelt wild mit den Händen herum und läuft dann schließlich knallrot an.
Ich starre sie noch ein paar Sekunden an, dann fange ich plötzlich an zu grinsen und vergesse alle Vorsichtsmaßnahmen. Meine Hände umfassen ihre Hüften und ich höre mich selbst ziemlich idiotisch lachen. Zu meinem Erstaunen stimmt sie ein und lässt sich neben mich auf einen der hässlichen weißen Stühle sinken.
Ehe ich überhaupt kapieren kann, was wir hier tun, liegen wir uns lachend in den Armen.
„Das is alles so blöd, Lauri.“ Nuschelte sie in meine Haare und kuschelt sich noch ein bisschen enger an mich.
„Ich weiß doch, Prinzessin . . . Wenn wir erst zu dir fahren, darf ich mir dann mal kurz deine Wohnung angucken?“
„Neugierig bist du ja gar nicht.“ Grinsend knufft sie mir in die Seite und steht dann langsam wieder auf.
„Nööö, wie kommst du drauf . . . also, ich mein, wenn du nicht willst, dann musst du natürlich nicht, ich . . .“
„Lauri! Klar darfst du meine Wohnung sehn.“
„Okay . . .“ Wir gehen durch die Drehtür ins Freie und werden plötzlich von der Dunkelheit umschlossen. Draußen an der Straße steht ein Taxi, Liisa winkt und wir gehen darauf zu. Ich muss ihr noch etwas sagen, bevor dieses verdammte Licht wieder stört. „ . . . und es wartet übrigens niemand auf mich, nur der verschimmelte Käse im Kühlschrank.“
Schüchtern drehe ich den Kopf ein wenig und sehe sie lächeln. Plötzlich spüre ich etwas Warmes an meiner Hand, ihre Finger streichen zärtlich über den Handrücken, doch dann kommen wir schon bei dem Taxi an und die Berührung verflüchtigt sich wie ein Windhauch. Bitte, bitte, lass es kein Zufall gewesen sein . . .

„Fall bitte nicht über meinen Couchtisch, den hab ich gestern in die Diele geschoben, weil ich die Klingel kaputt machen wollte.“
„Warum willst du denn deine Klingel kaputt machen?“ Ganz gentlemanlike will ich ihr die Tür aufhalten, aber bevor ich überhaupt an den Griff komme fliegt mir das Teil schon in den Magen und ich ächze unterdrückt auf.
„Ich wollte schlafen.“ Mit den Schlüsseln klappernd geht sie auf das große Mietshaus zu, in dem vereinzelt noch ein paar Lichter brennen. Allerdings ist es kein Haus, das in einem normalen Wohnblock steht, dazu sieht es zu nobel aus. Die Wohnungen müssen doppelt so groß sein . . .
„Und da killst du mal eben die Türklingel?“
„Klar, warum denn nich, dazu is das Scheißding doch da. Außerdem hab ich nur die Drähte abgeklemmt.“ Lachend geht sie weiter den schmalen Plattenweg entlang und lässt mich perplex stehen.
„Na los, Junge, krall dir die Schnecke solang sie noch frisch is, hehehe.“ Der Taxifahrer leckt sich anzüglich über die Lippen, als er auch noch anfängt den Schaltknüppel zu vergewaltigen ergreife ich die Flucht und schiebe Liisa vor mir durch die Eingangstür in den hellbeleuchteten Flur.
„Hat dich ein Glühwürmchen gebissen?“
„Nein, der Taxifahrer hat mir Angst gemacht.“
„Ohhhh, hat er dich angefasst?“
„Ahhhhhhh, Liz hör auf, mir kommts hoch!“
„Dann kotz bitte draußen, ich hab Morgen Treppenwischdienst.“
„Nackt?“ Scheiße. F a l s c h e F r a g e . . .
Ich bekomme keine Antwort, nur ein Grinsen und diesen mehrdeutigen Blick. Hoffentlich interpretiere ich nicht das rein, was ich sehn will . . .
Bedripst schleiche ich ihr die drei Stockwerke hinterher und renne ihr dann fast in den Rücken, als sie vor ihrer Wohnung stehen bleibt.
„Jetzt guck nicht so dackelich.“
Ruckartig piekst sie mir die Zeigefinger in die Seite, sodass ich erschrocken aufquieke.
„Aua . . . ach man, ich sag einfach immer das Falsche.“
„Stimmt doch gar nicht.“ Ihr Lächeln schmilzt meinen letzten Rest Hirn wie die Sonne ein Stückchen Butter und ich lasse zu, dass sie meine Hand nimmt und mich in ihre Wohnung zieht. Juhu, ich halte Händchen mit Aliisa!!!
Drinnen ist es angenehm warm und als das Licht angeht fällt mir erst mal die Kinnlade runter. Das hier ist ein richtiges Atelier, mit vielen Fenster und erhöhten Parkettplateaus. Alles ist ziemlich hell gehalten, helles Holz, weiße Möbel und viele, viele Grünpflanzen. Einfach nur stylisch und trotzdem irgendwie gemütlich. Könnte daran liegen, dass man auf den ersten Blick sieht, dass Prinzessin Liisa hier haust. Leere Colaflaschen, Chipstüten, volle Aschenbecher und massig Rockzeitschriften liegen überall verstreut . . . in der einen Ecke ein Haufen Klamotten . . . mhmmz, hübsche Unterwäsche . . . sieht getragen bestimmt noch tausendmal schärfer aus . . . ach fuck!
„Nich hingucken, okay? Obwohl . . . ach, du weißt doch, wie schlampig ich bin.“ Grinsend schiebt sie mich ins Wohnzimmer und drückt mich mit sanfter Gewalt auf das große, weiche Sofa und kniet sich dann kurz vor mich hin. Ohhhh, das halt ich nich aus . . .
„Ich zieh mir schnell was anderes an, magst du vielleicht nen Kaffee?“
„Klar, soll ich dir auch einen machen, du bist ganz kalt . . .“ Sanft streiche ich über ihren Arm, als sich unsere Blicke treffen, schießen mir ca. zehn Liter Blut in den Kopf, sodass ich schnell in die Ecke gucke und meine Hände wieder bei mir behalte.
„Jup, wär toll. Die Küche ist da hinten . . .“
Ich nicke und sehe, dass ich mich schleunigst dahin bewege. Ich muss jetzt nachdenken und mir überlegen, wie ich diesen Abend überstehe, ohne noch mal sowas Dummes zu sagen und ihr trotzdem möglichst nahe zu sein . . . Gosh, das ist alles so verdammt scheiße.
Wütend auf mich selbst schlurfe ich hinüber in die eben so stylische Küche und mache mich an der Kaffeemaschine zu schaffen, ohne mich weiter umzugucken. Kaffee kochen befreit die Gedanken . . . Wieso bin ich nur so ein verdammter Idiot? Ständig sage ich etwas bescheuertes, das auch wenn’s um tausend Ecken ist, was mit Sex zu tun hat . . . dauernd tatsche ich sie an und kann mich einfach nicht entspannen. Ich kann das nicht mehr so einfach, ihr bester Freund sein . . . nein halt, EIN Freund sein . . . Bullshit, ich weiß doch selbst nichtmal, was ich eigentlich will. Natürlich sieht sie toll aus, verdammt sexy und außerdem ist es nicht so, dass ich ihr nicht schon auf ewig verfallen wäre, aber was ist mit ihr? Ihr Blicke, ihre Gesten, das was sie sagt bringt mich alles furchtbar durcheinander. Was will sie denn nur von mir? Freundschaft? Liebe? Sex? Freundschaft mit Sex, Liebe ohne Sex oder einfach gar nix? Genau, vielleicht will sie einfach nur nett sein und hat mich deshalb mitgenommen. Gleich wird sie sagen, dass sie Migräne hat und mich rausschmeißen . . . Ich hasse mein Leben!!
„Wenn du noch mehr Pulver reinschüttest kannst du das Zeug vom Boden auflecken.“ Mit einem Ruck fahre ich herum und sehe einen gutaussehenden, jungen Typen mit Handtuch um den Hüften im Türrahmen lehnen und mich angrinsen. Scheiße, dieser Kerl da is sowas wien Adonis, braun gebrannt, groß, dunkelhaarig und eine Reihe strahlend weißer Zähne . . . fucking Raucherei, ich will auch son Zahnpastalächeln.
Plötzlich fällt mir ein, dass ich Aliisa gar nicht gefragt habe, ob sie. . . . also ob sie zum Beispiel mit Mr Superman da drüben . . .
„Hey, was machstn du hier? Ich dachte, du wolltest erst übermorgen kommen?“ Ich fasse es nicht, jetzt KÜSST die diesen Vollspacko auch noch!!! Ich glaub, ich spring aus dem Fenster, das ertrag ich einfach nicht. Es tut so weh zuzusehen wie ihre weichen Lippen diese schlechtrasierte Backe berühren . . . wie kann sie mir das nur antun? Ich kann mir das doch nicht alles eingebildet haben . . . oder doch? Wahrscheinlich hab ich mein Wunschdenken einfach überbewertet . . .
„Liz hör auf, der Kleine denkt noch, wir tuns miteinander.“
„Blödsinn.“ Grinsend packt sie meine Hand und drückt sie in die Pfote von Don Ich-krieg-sie-alle und streichelt mit der anderen für den Hauch einer Sekunde über die kleine freie Stelle über meinem Hosenbund.
„Lauri, das ist mein Bruder Miro, Miro, das ist Lauri. Ich bin in den Tourbus seiner Band reingefahrn und hab dabei mein Auto zu Schrott verabeitet.“
„Dich kann man auch nirgends allein lassen . . . Geht’s dir denn gut?“
„Jaja, passt schon.“
„Ich fahr dann auch gleich zu Lassen, damit ihr eure Ruhe habt . . .“
Sie ignoriert die letzte Bemerkung geflissentlich, packt mich inklusive Kaffe zurück ins Wohnzimmer und macht das Licht aus. Panik. Sie will doch jetzt nicht etwa . . .
„Mein Bruder ist übrigens schwul.“
„Oh . . .“
Einen Moment lang sehen wir uns nur an, dann setzt sie sich langsam neben mich aufs Sofa und starrt auf ihre Fingernägel.
„Warst du eifersüchtig?“ Ganz leise, ganz beiläufig kommt diese Frage über ihre Lippen und hängt eine Weile im Raum, bis ich meinen zitternden Arm ausstrecke und sie an mich ziehe.
„Verdammt eifersüchtig sogar . . . Liisa, das ist alles so kompliziert. Ich will dir nahe sein, aber dann mach ich dauernd so bescheuerte Sachen und bilde mir auf alles etwas ein, was du tust. Ich hab dich wirklich vermisst . . .“
„Ich dich auch, Lauri . . . Also . . also wenn du willst, kannst du heute Nacht hier bleiben, aber da ist eben noch mein Bruder . . . nicht, dass ich . . . also na ja . . . ach, verdammte Scheiße.“
„Oder wir fahren zu mir, gucken irgend nen bescheuerten Film, stopfen uns mit Chips voll und reden über das, was in den letzten zehn Jahren passiert ist.“
„Okay, aber der Kaffee . . .“
„Den nehmen wir mit.“
„Ich hol schnell meine Zahnbürste.“ Grinsend löst sie sich aus meiner Umarmung, stockt dann aber kurz und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Diese Stelle werde ich nie, nie wieder waschen . . .

Chapter 56

„Hier wohnst also der Meister aller paarungswilligen Teenager . . .“
„Gleich schläfst du im Flur.“
„Macht nix, dann fällst du wenigstens morgen früh über mich drüber.“
„Naja, meiner Nase kann schon mal nix passiern . . .“
„Hey, jetzt sag nicht, du hast Komplexe wegen deiner Nase?“
„Mhmmz . . .“
„Jetzt komm schon, Millionen von Mädchen finden die total süüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüß.“ Grinsend kneife ich ihm in die Wange und werfe noch einen kleinen Blick auf das Meer, das man in der Ferne schillernd sieht.
„Was interessieren mich die denn . . . wie findest du sie eigentlich?“
Nee, oder? Er hat mich jetzt nicht gefragt, wie ich seine Nase finde, oder? . . . Anscheinend doch. Er starrt auf den Boden und beißt sich dann auf die Unterlippe, während er mir die Tür aufhält . . .
„Deine Nase gehört zu dir und deshalb mag ich sie.“
„Du findest sie also scheiße, viel zu klein und stupsig.“
Jetzt hab ich’s verschissen. Schmollend stampft er die Marmorimitatstufen hinauf und bleibt erst stehn, als ich ihn packe und gegen dass Geländer drücke. Jaja, da guckste, Kleiner, ich hatte schon immer Kraft . . .
„Tu ich überhaupt nicht. Ich mag sie. Punkt. Und jetzt hör bitte auf damit, ich jammer schließlich auch nicht rum, dass mein Busen zu klein ist.“
„Isser ja auch gar nich . . .“ Ein grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus und im nächsten Moment werde ich aufs Geländer gehoben. Noch ein kleiner Schups und ich sause mindestens zwei Stockwerke wieder nach unten.
„Lauri, du ARSCHLOCH!“
Von oben kommt Gekicher, dann höre ich, wie ein Schloss knackt.
„Du sperrst mich aber jetz nich aus, oder?“
„Gute Nacht, Liisaaaaa.“
„Lauri, nein . . . Lauriiiiiiiii!!!“
„Träum was Schönes . . . Auaaaaaaaaaaa!!“
Tja, ich bin eben ziemlich geübt in Rockstars nachlaufen . . . die meisten sin sowieso zu blöd um aus dem Busch zu winken . . . genüsslich piekse ich ihn immer wieder in die Seite, sodass er kichernd und strampelt im Türrahmen hängt und versucht mir zu entkommen. No Chance.
Erst als ein paar empörte Rufe über Ylönen und seine Groupies aus der Nachbarwohnung kommt, lasse ich mich in den dunklen Flur ziehen und lass den armen Kleinen in Ruhe.
Aber eins will ich doch noch gern wissen . . .
„Groupies? Sollte ich da was wissen, mhmm?“
„Liisa, die Alte labert nur Scheiße, ich nehm doch keine Groupies mit in meine Wohnung.“
„Dann darf ich mich ja geehrt fühlen.“ Irgendwie schön so im Dunkeln . . . ich stoße versehentlich mit ihm zusammen und spüre für ein paar Sekunde seinen warmen Körper. Dann kichern wir bescheuert und ich werde sanft ins Wohnzimmer dirigiert
„Ich lass das Licht aus, okay? Jari hat letztens hier gepennt und ich bin noch dazu gekommen den ganzen Kram wegzuräumen.“
„Heyyy, du hast ja sone tolle Couch wie sie früher im Probenraum stand.“ Kacke, falscher Satz. Probenraum+ Sofa = Lauris Entjungferung. Sensibles Thema . . . Wenigstens ist es nicht so eine auf der wir . . . . Mist.
„Jap. Ich hol mal schnell Chips und so Fresskram.“ Damit ist er verschwunden und ich versuche mich krampfhaft in den Arsch zu beißen, geht aber nicht. Ich sollte abnehmen . . .
Stattdessen wühle ich ein wenig in Lauris DVD Sammlung und komme schließlich zu dem Schluss, dass ich jetzt bestimmt keinen Horrorfilm sehn will.
Plötzlich tippt mich ein eiskaltes Fingerchen an und ich kreische so erschrocken auf, dass sich gleich die ganze Hand vor meinen Mund schiebt und mich zum Schweigen bringt.
„Seit wann denn so schreckhaft?“ Das war eindeutig ein schadenfrohes Kichern.
„Lasch misch.“
„Naaaa, sind wir heute maln braves Mädchen?“
„Nain.“
„Mhmmz, was machen wir denn da mit dir . . .“
„Misch loslaschen!“
„Neee, das find ich blöd.“
„Ich beisch dir gleich deine Fingerschen ab.“
„Du Bestie . . . na gut, aber sei friedlich.“
Grinsend lässt er mich los und krabbelt samt Fernbedienung und Chipstüte aufs Sofa.
Ich unterdrücke meine Rachepläne und mache es ihm brav nach, sogar die Chipstüte klau ich ihm. Das Teil hier ist so groß und wir liegen trotzdem, als hätten wir irgendwo Magnete . . . Erst nur mit den Köpfen zusammen und die Beine auf den Armstützen, nach zwei Stunden Talk Talk Talk Spezial direkt vor ihm, das Knabberzeugs an meinem Bauch und seine gleichmäßigen Atemzüge am Rücken spürend.
„Wohnt dein Bruder eigentlich bei dir?“
„Nur in seinen Ferien, er ist Referendar an soner schwedischen Schule . . . Musik natürlich.“
„Das kann er bestimmt toll, ich mein, er hat dir schließlich Bass spielen beigebracht.“
“Schleimer.“
„Sowas nennt man verstecktes Kompliment. Wo ist eigentlich dein Schnuckiputzibass?“
„Oh, der hängt bei mir im Schlafzimmer.“
„Darf ich mal sehn? Also, wenn du mich noch mal in deine Wohnung lässt .. . “
„Mein Schlafzimmer? Klar darfst du das sehn.“
„Kleines, gemeines . . .“ Quietschend versuche ich seinen Händen zu entgehen, die mich erbarmungslos durchkitzeln, aber es scheint ihn nicht mal zu stören, dass ich wie wild um mich trete.
„Bitte . . . Lauriiii . . . naaaaaain, ich bin doch auch brav . . .aufhörn!!“
„Bist dun braves Mädchen?“
„Nein, aber . . . . ahhhhhhhhhhh, ja ich bin brav!“
Grinsend lässt er von mir ab und ich sinke erschöpft zurück in die weichen Polster, gleichzeitig ein wenig mehr gegen ihn . . . Irgendwie werde ich plötzlich müde, die Wärme, in die er mich einhüllt und mein vollgefressener Bauch machen mich einfach schläfrig . . .

Chapter 57

Ich werde von einem unangenehmen Gefühl geweckt, irgendwo zwischen meinen Beinen . . . Was ist das bloß? Fast automatisch dirigiert sich mein Arm an die richtige Stelle und nimmt seine Arbeit auf. Mhmm, schon schön was in der Hand zu haben . . .
Plötzlich ertasten meine Finger etwas Hartes, dass sich schmerzhaft in entsprechende Stellen drückt. Kurz darauf schüttle ich die ganzen Chipskrümel, die über Nacht in meine Boxer gekrabbelt sind, heraus und drehe mich seufzend wieder auf den Bauch.
Minutenlang liege ich einfach nur so da, dann fällt mir auf, dass hier irgendetwas fehlt. Ich bin nur zu faul, die Augen auf zu machen, also muss ich nachdenken . . . Jari, dieser Bastard hat mir garantiert die Tüte Chilicracker in die Hose gestopft, während ich friedlich gepennt hab. Aber nein, Jari war ja gestern . . .
Fuck. Mit einem Ruck setze ich mich auf und gucke mich panisch nach einer kleiner, inzwischen dunkelhaarigen Hexe um, die sich kichernd auf dem Boden wälzt und an den Anblick denkt, wie meine Hand . . . oh SCHEIßE.
Nach ein paar panischen Sekunden stelle ich fest, dass es in diesem Raum kein weibliches Wesen gibt, es sei denn, man zählt diverse Zeitschriften hinter dem Kamin mit . . .
„Liisa?“ Leise und irgendwie schüchtern kommt ihr Name über meine Lippen und bleibt in der Luft hängen. Keine Antwort.
Dann fällt mein Blick auf den Fußboden, auf dem gestern Abend noch ihr ganzes Zeug verstreut lag. Ich hab darauf bestanden, ihre CD-Sammlung zu kritisieren und jetzt liegt keine einzige Platte mehr auf dem Teppich. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, warum sollte so ein kleiner, dummer Unfall auch etwas an unserer Beziehung zueinander ändern? Gut, es sah ziemlich heftig aus, aber außer ein paar Kratzern ist niemandem etwas passiert, aber deshalb ist es noch lange kein Wunder, das plötzlich alles gut werden lässt. Trotzdem hasse ich sie dafür, dass sie es schon wieder getan hat. Mich sitzen gelassen. Wahrscheinlich als Revanche für vor fünf Jahren. Ich kann einfach nicht fassen, dass der gestrige Abend nur eine Illusion von dem war, wie schön es doch sein könnte. Warum nicht? Warum musste sie wieder einfach so verschwinden, ohne ein Wort ohne irgendein Zeichen, dass sie mich wiedersehen will? Was hab ich nur getan, dass es ihr so Spaß macht, mich immer wieder Blut lecken zu lassen und dann brutal zurückschubst, bis ich das nächste Mal angekrochen komme. Ich könnte schreien vor Wut, gegen diesen verdammten Tisch treten, den sie gestern mit dem Bein gestreift hat . . . .
„Na, du Sackkratzkeks, ausgeschlafen?“ Zwei Arme schlingen sich um meinen Hals und pressen mich zurück an die Sofalehne, sodass ich anfange zu strampeln und zu quieken, weil ich keine Luft mehr bekomme.
„Willst du mich umbringen!?“ Die Sache mit dem Sackkratzkeks schön untergehen lassen . . . dieses kleine Miststück . . .
„Neeeeeeeee, da würd ich ja meinen Job verliern.“
„Pf, danke auch. Was fällt dir eigentlich ein mich so zu erschrecken?“
„Erschrecken? Ich hab doch nur . . .“ Sie wedelt mit den Armen und guckt mich leicht verwirrt an, mein aggressiver Tonfall ist ihr nicht entgangen. Hehe, jetz spiel ich ma böse.
„Jaja, und wenn ich nicht aufgewacht wer, hättest du dich einfach rausgeschlichen und nie wieder blicken lassen.“
„Das stimmt doch gar nicht, wie kommst du auf den Scheiß?“
„Erzähl mir doch nix, du willst doch nur mein Geld, genau wie die ganzen anderen.“
„Sag mal, tickst du noch ganz richtig!? Ich . . .“
Grinsend drehe ich mich um und schenke ihr ein Teenieherschmerzlächeln.
„Du kleiner, mieser, verdammter . . .“ Mit einem Satz ist sie über die Lehne gesprungen und boxt mich in den Bauch. Scheiße, ich darf mir nicht anmerken lassen wie sauweh das doch tut. Ich meine, ich werde hier gerade von einem Mädchen verprügelt . . .
„Liisaaaaaaaa, du machst grad meine Rippen kaputt.“
„Sei froh dass es nur die sind.“ Knurrt sie zurück und gibt mir noch einen Puff gegen die Schulter.
„War doch nur Spaß.“
„Ich fands aber nicht lustig.“ Angestrengt versucht sie ein beleidigtes Gesicht zu machen, aber ich sehe genau, wie ihre Mundwinkel zucken und krabble ein wenig an ihrer Seite herum, um sie zum Lachen zu bringen.
„Tut mir Leid.“
„Mhmmz.“
„Entschuldigung angenommen?“ Zappelnd weicht sie meinen Fingern aus und grinst schon ein bisschen.
„Ich hätt ja auch sagen können, dass ich zur Arbeit muss . . .“
„Mhmmz.“
„Mhmmz is scheiße.“
„Gar nich.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Neeeeeeeeein.“
„Dooooooch.“
„Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeein.“ Im nächsten Moment habe ich eine Handvoll Chips im Mund und ein kicherndes Weib auf dem Bauch liegen. An letzteres könnte ich mich direkt gewöhnen . . . Nach ein paar Sekunden merkt sie plötzlich, dass sie der Länge nach auf mir liegt und rappelt sich leicht rot wieder auf um mit gesenktem Blick ihre Sachen zu packen.
„Ich muss jetzt los.“
„Darf ich dich anrufen?“
„Du machsts doch auch, wenn ich Nein sage.“
„Ich will aber, dass du willst, dass ich dich anrufe.“
„Und ich will, dass du in die Küche gehst und den Zettel mit meiner Nummer findest.“
„Okay, dein Wunsch sei mir Befehl.“
„Ciao, Lauri.“ Während ich mich noch über das Küsschen auf die Wange freue, dass ich kurz darauf bekomme, ist sie schon an der Tür und eine Sekunde später für die nächsten Stunden aus meinem Leben verschwunden. Bitte, bitte nicht wieder fünf Jahre . . .

Chapter 58

[ein paar Tage später]

„Ich will zuerst!“
„Nein, ich!“
„Ich habs aber zuerst gesehn!“
„Na und? Ich will trotzdem zuerst.“
„Liisa, sag ihm, dass ich zuerst darf!“
Es gibt doch nichts schöneres, als mit zwei halbtrunkenen Rasnüssen und ihrem dazugehörigen Babysitter auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Überall bunte Lichter, Glühwein und Lebkuchen, ein Paradies, wenn da nicht diese verdammten Kinderkarussells wären . . .
„Guck mal Aki, willst du den Lauri nich zuerst in das Feuerwehrauto lassen? Ich kauf dir nachher auch noch ne Zuckerwatte.“
„Pföööh, wenn, dann will ich nen Glühwein.“
„Du weißt doch eh nich mehr, wo hinten und vorne is.“
„Oh, bei dir schon . . .“
Kichernd rennt der kleine Drummer auf das Karussell zu, das gerade angehalten hat und schwingt sich so elegant, wie das mit fünf Bechern Glühwein nun mal möglich ist, auf den drei Nummern zu kleinen Sitz. Später wird er darauf bestehen, irgendwo seinen Namen in den Schnee zu Pinkeln . . .
Lauri glotzt ihm ein paar Minuten regungslos hinterher, dann beginnt er langsam zu kapieren, dass sein bester Kumpel soeben eine sexuelle Anspielung auf meinen Körper gemacht hat und walzt ihm wütend hinterher.
Zu guter Letzt quetschen sie sich zu zweit in das kleine Auto und nachdem Aki noch eine Zigarette zückt, die er auf der Straße gefunden hat, und sie Lauri ins Pfötchen drückt sind sie wieder ein Herz und eine Seele und mischen mit ihrem Löschfahrzeug den Rummel auf.
Pauli bricht neben mir seufzend auf einer Bank zusammen und fummelt mühsam seine Kippenschachtel aus der Jackentasche.
„Hier, ich hab ihnen gleich zehn Chips gekauft, dass heißt fünf Minuten kostbare Zeit ohne Gequengle.“
Grinsend lasse ich mich neben den erschöpften Papa fallen und klaue ihm eine Kippe inklusive Feuerzeug.
„Gehen die auf Zimt und Nelken immer so ab?“
„Die gehen eigentlich auf alles ab, was man gegen Personalausweis bekommt . . . und JA, auch DAS.“
Pauli weiß eben immer, wie er mein versautes Lächeln einzustufen hat.
„ . . . außerdem scheint sie deine Anwesenheit ganz kirre zu machen.“ Kichernd schnippt er mir einen kleinen Tannenzweig ins Gesicht, worauf ich blitzschnell meine Hand zur Seite schnellen lasse und ihm eine Ladung Schnee in den Kragen stopfe.
„Boaaaa, duuuuuuuuu . . .“
Im nächsten Moment befinde ich mich auf der Flucht vor einem rachsüchtigen Gitarristen, der drohend sein Lebkuchenherz schwingt. Da hab ich mit meiner Plastikrose wenig Chancen . . . aber das ist egal, Lauri hat sie mir schließlich unter Einsatz seines Lebens geschossen . . .
Wusch. Mit einem Schlag wird mir schwarz vor Augen und meine Nase beginnt sich in eine Eispraline zu verwandeln. Über mir kniet ein sadistisch lachender Pauli, der meinen Kopf genüsslich in den Schnee drückt und von Zeit zu Zeit verhindert, dass ich ersticke.
„Pauüüüü . . .lath mis!“
„Du hast an Lauri gedacht und deswegen hab ich dich erwiiiiiischt!“
„Ga nith wa!“
„Oh doooooch!“
Ein entsetztes Quieken unterbricht meine genuschelte Antwort und im nächsten Moment werde ich von zwei kalten Händchen wieder in die Senkrechte gezogen.
„Aliisa ist ein Schneeeeeeeeemann!!“ Aki klatscht begeistert in die Hände und läuft kleine Kreise in den Schnee, während mir der Anhang zu den Eispfoten mir sorgfältig das nasse Zeug aus dem Gesicht wischt.
„Das kriegst du zurück, Rantasalmi.“ Knurre ich und halte still, während die letzten Eisklümpchen aus meinen Haaren gezupft werden.
„Lass den Spielverderber.“ Zwei schon leicht milchige Augen strahlen mich beschwichtigend an, dann werde ich an der Hand gepackt und quer über den Markt geschleift, während Aki und Pauli hinter uns herlatschen und sich kichernd das Maul zerreißen.
Doch als wir am Esskastanienstand vorbeigehen werde ich plötzlich nach rechts gerissen und finde mich auf der anderen Seite der Bude wieder, wo Süßigkeiten und allerlei Krimskrams verkauft wird.
L a u r i w i l l m i t m i r a l l e i n e s e i n
Ich hasse diese Momente in meinem Leben, in denen ich nicht weiß, was ich sagen soll. Schweigend gehen wir nebeneinander her, ich versinke in den tausend Lichtern um uns herum und werde seltsam ruhig, trotz der vielen hundert Menschen die sich durch die Budengassen quetschen.
Vorsichtig werfe ich einen Blick nach rechts, Lauris Gesicht ist immer noch leicht rot, obwohl er mittlerweile wieder richtig geradeaus laufen kann. Bei dieser verdammten Kälte hat sich Alkohol schneller verflüchtigt als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Gott sei Dank, es macht nämlich keinen Spaß, mit einem zum Kleinkind mutierten Mann Händchen zu halten. Aber das hier ist irgendwie toll . . .
„Magst du was trinken? Du siehst aus, als ob dir kalt wäre.“
Ja, in gewisser Weise stimmt das. Nur mein Gesicht brennt immer noch wie Feuer von dem verdammten Schnee.
Ich nicke lächelnd, ziehe ihn aber gleich wieder zurück, als er sich Richtung Glühweinstand in Bewegung setzt.
„Weißt du, ich hätte jetzt lieber nen warmen Kakao . . .“
Er stutzt kurz, dann fummelt er an seinem Handschuh herum und legt schließlich seine angenehm warme Hand auf meine feuchte Stirn. Da fällt mir ein, ich hab noch n Hühnchen mit Master Pauli zu rupfen . . .
„Bist du krank oder so?
„Nein, ich mag nur grad keinen Alkohol.“ Wiedereinmal bin ich überrascht, was für ein niedliches Lächelnd ich doch zustande bringen kann. Ich sehe ihn förmlich dahinschmelzen . . .
„Na gut, Prinzessin. Irgendwie hast du ja Recht.“ Gehorsam wühlt er sich in die entgegengesetzte Richtung durch die vielen Menschen und lässt mir ein paar Minuten Zeit, um meine Gedanken zu sortieren.
„Gefundääääään!! Pauli, ich hab sie!“ Kaum habe ich mein Gehirn in Gang gesetzt, taucht ein triumphierender Drummerschlumpf vor mir auf und verschränkt die kurzen, aber kräftigen Ärmchen vor der Brust.
„Wolltet wir wieder unanständige Sachen machen, was?“
„Aki, halt die Klappe.“
„Danke, Pauli.“
„Pf, ihr seid doch beide blöd. Wo isn mein kleiner Freund?“
„Woher soll ich wissen, wo du den wieder stecken lassen hast.“
Hysterisches Gelächter von Master Rantasalmi während Herr Hakala es vorzieht, beleidigt vor sich hin zu schmollen, bis Lauri mit meinem Kakao wieder auftaucht.
„Was ist denn das? Seit wann verschmähst du denn Alkohol, Miss Giftzahn?“
„Darf ich dich zitieren, Pauli?“
„Aber gerne doch.“
„Aki, halt die Klappe.“
Dankbar nehme ich den dampfenden Becher entgegen und wärme meine Finger daran, die sich mittlerweile schon eher wie Eiszapfen anfühlen.
„Ich hab dir sogar nen Keks mitgebracht.“
„Wie lieb von dir.“ Bereitwillig lasse ich mich füttern und bekomme dafür ein strahlendes Lächeln von Lauri und ein Kichern aus dem Hintergrund von Aki, der anscheinend seinen Glühweintank wieder aufgefüllt hat . . . irgendwie . . .
„Sind sie nicht süüüüüüüß?“ Seufzend lehnt er sich an Paulis Schulter, der verdreht allerdings nur die Augen und macht einen Schritt zur Seite, worauf Klein Aki das Gleichgewicht verliert und in einem hübschen Schneehaufen landet, wo er dann auch liegen bleibt und irgendwas von niedlichen Käsesternchen brabbelt.
„Können wir ihn da fünf Minuten liegen lassen, ich halt das nicht mehr aus.“ Jammert Pauli und wir einigen uns darauf, dass wir ihn nach Hause bringen, wenn er blau anzulaufen beginnt.
Dann stehen wir einfach nur da, sehen den Leuten zu und hören auf die viele Musik, die sich hier vermischt. Irgendwie ist es schon komisch, hier plötzlich wieder mit meinen besten Freunden zu sein . . . vor allem hier und nicht in irgendeiner Bar.
Schließlich versinke ich doch in meinen Gedanken und merke gar nicht, wie schläfrig mich das alles macht, bis ich leicht zur Seite kippe und prompt in Lauris Arm lande. Scheiße, das sah jetzt so aus, als ob es Absicht gewesen wäre, wie peinlich.
„Lasst uns nach Hause gehen, bevor Aki erfriert und Liisa im Stehen einschläft.“ Lauri grinst, Pauli grinst, sie werfen sich einen eindeutigen Blick zu und ich will zehn Lebkuchenherzen gleichzeitig fressen, wenn das nicht irgendetwas mit mir zu tun hatte.
Pauli opfert sich auch schlussendlich und klemmt sich Aki unter den Arm, während Lauri es sich zu Aufgabe gemacht hat, sämtlichen männlichen Wesen im Umkreis von zweihundert Metern zu zeigen, dass ich sein Eigentum und somit sogar für Blicke tabu bin. So an ihn gequetscht sieht mich zwar eh niemand, aber das ist mir im Moment egal, ich bin müde und mir ist kalt. Er ist warm und sorgt dafür, dass ich nicht umfalle, also was solls. Dafür, dass es erst kurz vor zwölf ist, endet dieser Abend viel zu früh . . .
„Wolltest du nicht mal mein Schlafzimmer sehn?“ nuschle ich in den schwarzen Stoff, hinter dem irgendwo ein kleiner Frontman steckt.
„Soll das n Angebot sein?“ kichernd zieht er mich über den Zebrastreifen und ignoriert mein Verlangen, allein laufen zu wollen.
„Dann eben nich . . .“ So, jetz bin ich auch mal beleidigt.
„Och Lizzüüüü.“
„Mhmmz.“
„Dürfte ich denn? Also dein Schlafzimmer sehn?“
„Wenn du mir mal nen Kuchen bäckst schon.“
„Okay, dann müssen wir aber vorher noch mal kurz zu mir und meine Zahnbürste holn. Wie wärs mit Schwarzwälder Kirsch . . .“

Chapter 59

„Lizaaaaaa??“
„Mhmmz?“ Müde wühle ich meinen Kopf unter dem Haufen von Kissen und Decken frei und lausche auf die allmächtige Stimme des Chefkochs aus der Küche.
„Wo hast du Streusel?“
„Was für Zeug?“
„Na so bunte Zuckerstreuselchen.“
„Sowas besitz ich nich.“ Für mich ist die Sache erledigt und so buddle ich mich wieder ein und beobachte durch einen schmalen Spalt, was sich auf der Flimmerkiste in der Ecke tut.
Ich liebe mein Bett, und jetzt, wo ich das Gefühl habe, dass mit jemand was in den Kakao getan hat, liebe ich es noch tausendmal mehr. Es ist warm, weich, kuschelig und eignet sich hervorragend, um darin einen leckeren, frischen Schokoladenkuchen zu vernichten.
Aber die plüschige Friedlichkeit hält nicht lange an, fünf Sekunden später kracht es nämlich neben mir und zwei grüne Augen glupschen mich verständnislos an.
„Sag das noch mal.“
„Was?“
„Dass du keine Streusel hast.“
„Okay . . . Ich habe keine niedlichen, bunten Zuckerstreusel.“
„Aber jede Frau hat Streusel zu Hause, sogar ich hab welche!“
„Na das wundert mich nich . . . ahhhh, lass das!! LAURIIIIIIIII!!“
Scheiße, dass ich so kitzelig bin, ich spüre das sogar durch die dicke Schicht an Kuschelkram um mich herum.
„Ich weiß, wie ich heiße, Prinzessin.“ Mein Quieken scheint ihn nur noch mehr anzustacheln und er nähert sich gefährlich der kleinen Stelle zwischen Hüften und Taille an der ich so EXTREM empfindlich bin . . .
„Nicht da . . . Lauri . . . NEIN!!“
Er gluckst nur und drückt mich mit dem Knie auf die Matratze, sodass ich festgenagelt daliege und nicht aufstehn oder unter ihm wegrollen kann. Meine Beine kann ich allerdings noch bewegen . . .
Mit einem unschönen Geräusch versteift er sich plötzlich, presst die Arme auf den Bauch und kippt zu Seite. Winselnd bleibt er neben mir liegen und krümmt sich . . . ein bisschen übertrieben . . . so fest hab ich doch gar nicht zugetreten . . . oder doch?
„Geht’s?“
Nur ein Wimmern.
„Lauri, alles okay?“
Er zieht die Beine noch ein bisschen stärker an und sieht mittlerweile aus wie eine Kugel, die sich stöhnend auf meinem Bett rollt.
„Mach kein Scheiß, man.“ Jetzt werde ich doch leicht panisch, wär ja nicht das erste Mal, dass ich meine Kraft unterschätzt hab, aber in die Not- OP musste deshalb noch niemand.
Hektisch wühle ich mich ein zweites Mal aus dem Haufen von Kissen und beuge mich über ihn. Vorsichtig umfasse ich seinen Oberarm und erwarte, gleich ein vor Schmerzen verzerrtes Gesicht zu sehen, aber bevor ich vor Mitleid zerfließen kann, werde ich mit Schwung erneut aufs Bett genagelt. Soviel zum Thema flinke Finnen . . . auf mich trifft das leider selten zu.
Als ich halb am ohnmächtig werden vor lauter Quietschen, Kreischen und Strampeln bin, klingelt drüben der Küchenwecker. Freudig erregt lässt der Kleine von mir ab und spurtet zu seinem Kuchen. Toll, ich bin in der Rangordnung hinter Gebäck . . . .

„Come as you are, as you were, as I waaaaaaaaant you to be . . .”
Fasziniert beobachte ich die Herrscherin dieses Bettes beim Luftgitarrespielen und frage mich ob sie hier auch sonst so explosiv ist . . .
Vielleicht hätte ich auch einfach verhindern sollen, dass sie die Flasche Rotwein fast alleine leert, aber wie? Und außerdem: . . . .keinen Alkohol mehr heute Abend . . . Kakao . . . wers glaubt.
Arghs, wenn ich noch mal Kuchen ins Gesicht bekomme, werde ich ernsthaft böse. Ich muss langsam aussehen, als wäre ich mit dem Kopf voran in Hundescheiße gefallen.
„Ich könnte jetzt auch eingeschnappt sein weil du hier mit MEINEM Kuchen um dich wirfst den ich mit Liebe und Sorgfalt nur für dich gebacken hab.“
„Wenn du mir was auf der Gitarre vorspielst vergess ich den Dr. Oetker Karton im Mülleimer . . .“
„Pf . . . du hast doch gar keine Akkustikklimper.“
„Oh doch hat mir Pauli mal zum Geburtstag geschenkt.“
„Zeigeeeeeeen.“
„Gleich . . . darf ich dich vorher noch was fragen?“
„Klar ob ich dir auch ne Antwort geb is ne andere Sache.“
„Witzig, Loowrie.“
„Nenn mich nicht so.“
„Sagen die im Fernsehn aber immer.“
„Du guckst dir Sachen über mich im Fernsehn an?“ Ha, seh ich da etwa einen Hauch von Rot in ihrem Gesicht?
„Purer Zufall.“
„Jaja, gibs doch zuuuuuu.“
Ihre Gesichtszüge verhärten sich und plötzlich kniet sie direkt vor mir auf dem Bett. So nah, dass ich ihren Atem im Nacken spüren kann. Verschämt beiße ich mir auf die Unterlippe die Situation eben war so vertraut dass ich für einen Moment vergessen habe wie zerbrechlich das zwischen uns doch noch alles ist.
„Eingebildet bist du ja gar nicht. Ich bin keins von deinen Groupies, Lauri.“
„Ich hab doch gar keine . . .“ murmle ich geknickt und trete mir in Gedanken so heftig in den Hintern, dass ich drei Meter durch die Luft fliege.
„Ach nein?“
„Es tut mir Leid, Liisa. Ich hab nur gehofft, dass du mich vielleicht sehen wolltest. Ich konnte ja schlecht MTV anschalten und drauf warten, dass du über den Bildschirm hüpfst . . .“
„Hättest dus denn gemacht?“
„Mhmmz, na ja . . . schon . . .“
„Du guckst wien Hamster, dem sie das Laufrad weggenommen haben.“ Grinsend schnippt sie gegen mein Kinn, sodass ich ihr frontal in die Augen sehen muss. Ich will irgendetwas erwidern, aber meine Lippen zittern zu sehr, als dass ich damit ein vernünftiges Wort bilden könnte.
Stattdessen brummle ich nur etwas und gucke so schnell wie möglich wieder zur Seite. Aber sie hatte Recht, nach dem letzten Glas Wein vor einer Stunde bekommen ihre Augen wieder einen braunen Touch. Sieht toll aus, so gesprenkelt . . .
„Hab ich was Falsches gesagt? Willst du lieber ne Wüstenrennmaus sein oder so?“
„Lass mal, ich bin gern Hamster . . .“
Plötzlich fühle ich mich, als hätte ich Magneten in den Lippen und als ich einen Augenblick später mit dem leeren Kuchenteller zur Tür hinaus gehe habe ich es tatsächlich getan. Ich hab Aliisa geküsst . . . zwar nur auf die Wange, aber es war ziemlich nahe am Mund und außerdem weiß endlich sie mal nicht, was sie tun soll. Strike . . .

Chapter 60

„Autsch.“
Stille.
„Wasn?“
„Würdest du bitte deine Hand aus meinem hübschen Gesicht nehmen, Prinzessin?“
„Mhmmz?“
„Liisaaa, jetzt tu nicht so, als ob du schlafen würdest.“
„Hab ich aber bis eben.“ Knurrend zog sich die junge Frau die Decke über den Kopf.
„Da ist aber was auf meiner Nase.“ Quengelte Lauri ängstlich und zerrte ihr ungeduldig das Kissen unter dem Gesicht weg.
„Vielleicht ist deine Nase ja doch noch gewachsen, nach 24 Jahren . . .“ nuschelte Aliisa zurück und trat unwillig mit dem Fuß nach ihm.
„Jetzt guck doch mal naaach.“
„Poahh neee, Licht an!“
Gehorsam grapschte Lauri nach rechts an die Wand und fand nach ein paar Sekunden endlich den Schalter.
„Bei Aki geht das aber schneller, Dicker.“
„Aki ist auch Drummer, die haben flinkere Finger.“
„Dann solltest du ein bisschen üben.“
Peinliches Schweigen, während Aliisas Hirn langsam in den Wachzustand geriet und registrierte dass sie schon wieder eine zweideutige Bemerkung in die Luft geschossen hatte.
Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe und überlegte, warum sie ständig irgendwelche anzüglichen Dinge von sich gab, wenn sie mit Lauri alleine war. Doch plötzlich fiel ihr Blick auf seine Nase.
„Du, ähm, Lauri?“
„Mhm?“
„Du hast da was.“
„Wo?“
„In der Hose, will ich mal hoffen.“
S C H E I ß E
„OH MEIN GOTT!!“
Der kleine Frontman hatte soeben sein Ebenbild in dem kleinen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand erblickt und rannte nun schreiend, kreischend und panisch wimmernd Richtung Bad.
„Hast du deine Tage bekommen?“
Neugierig und leicht besorgt krabbelte Aliisa aus dem Bett und lugte vorsichtig durch den Türspalt.
„Alles okay?“
„EINE SPINNE!! NIMM SIE WEEEEEEEEG!“
„Na und?“ Langsam stieß sie die Tür auf und stellte sich neben Lauri, der in der Ecke an die Wand gedrückt stand und mit weit aufgerissenen Augen auf den weißen Fliesenboden starrte.
„Aber das is doch nur son kleines Vieh.“
„Aber sie ist haarig und krabbelig und wääääääh!!“
„Sie ist schwarz, Kleiner.“
„Bitte, bring sie doch um.“
„Nen Scheiß werd ich tun, ich töte keine armen, unschuldigen Insekten und außerdem hast du vergessen mir was vorzuspielen.“
„Ich geb dir n Unplugged-Konzi, aber nimm das Vieh da weg!“
Verzweifelt quetschte er sich hinter ihren Rücken und lugte ängstlich über die Schulter auf das schwarze Ungetüm auf dem Boden.
„Mhmmz, aber wenn du haarig sagst . . . wann hast du dir eigentlich das letzte Mal die Beine rasiert, häää?“
„Liisaaaa!!“
„Nagut, ich setz sie raus zu den Kreischies, da fühlt sie sich wohl. Aber nur unter einer Bedingung.“
„Ich tu alles.“
„Das könnte ich jetzt theoretisch ausnutzen.“


Diesmal kam nur ein wimmernd und ein ängstlicher Klammergriff von hinten, sodass sie beschloss, das kleine Vieh einfach aus dem Fenster zu werfen und wieder in Lauris warmes, weiches Bet zu kriechen.
Plötzlich fragte sich Aliisa, wie sie überhaupt dort hinein gekommen war. Sie hatten doch nur Schokoladenkuchen gefressen und über alte Zeiten geredet.
Ein Schubsen erinnerte sie an ihre heldenvolle Aufgabe und so bugsierte sie die kleine Spinne auf ihre Handfläche, setzte sie nach draußen und schloss das Fenster.
„D-d-d-du hast sie angefasst!“
„Wenn du wüsstest, was ich schon alles in den Fingern hatte . . .“
Gähnend klopfte sie ihm auf die Schulter und kroch dann nebenan wieder in die Kissen.
Ein paar Minuten später schlich Lauri ihr hinterher, hockte sich mit geröteten Wangen neben sie aufs Bett und begann im Dunkeln mit seinen Fingern zu spielen.
„Du, Liisa?“
„Mhmm?“
„Sagst du das wem?“
„Nö.“
„Dann darf ich dich morgen zum Essen einladen, okay?“
„Mhmm.“
„Also du musst nich . . .“
„Mhmm.“
„Nu sag doch mal was.“
„Mhmm.“
„Du bist ne strunzdumme, blonde Tussi.“
„Waaaaaas?“
„Scherz, ich wollte nur, dass du mir zuhörst.“
„Klar geh ich mit dir essen, und jetzt schlaf, Lauri.“
Nur noch halb wach drehte sie sich um und lugte mit einem Auge zu ihm auf.
„Okay.“ Strahlend wie ein kleines Kind, das soeben einen Lolli geschenkt bekommen hatte, legte er sich neben sie und überlegte, wie er Aki davon abhalten konnte, diverse Anspielungen auf diese Nacht zu machen. Warum mussten Drummer auch immer wissen, was ihre besten Freunde miteinander trieben . . . oder auch nicht.

Chapter 61

„Aber wir wollten heute Abend doch . . . na du weißt schon.“ Knurrend warf Lauri Aki einen giftigen Blick zu und versuchte ihm per Gedankenübertragung klar zu machen, dass er endlich seine Klappe halten und sich verziehen sollte. Leider war Aliisa neben ihm ebenfalls ganz begeistert.
„Morgen hab ich auch Hunger, aber das is einmalig!“
„Jaaa, genau!! Happy Evening UND Ladie’s Night im Lost and Found, komm schon Alter. Wir rufen Siiri an und . . .”
„Hab ich schon.“
„Du kennst Siiri, Liz?“
„Natürlich, ziemlich gut sogar.“ Aliisa lachte und boxte Lauri in die Seite, der immer noch vor sich hinschmollte.
„Wie geil, dann habt ihr doch bestimmt n paar schnuckelige Freundinnen, die uns umsonst Bier besorgen und so . . .“
„Und so, jaja. Mal überlegen, wen ich am wenigsten leiden kann, damit du „und so“ mit ihr machen kannst, Akischatz.“
„Pfööö . . . da gibs bestimmt wieder n Wettsaufen und so . . . ahhhh, heute ist der beste Tag meines Lebens.“ Quiekend rannte Aki quer durch Liisas Wohnzimmer, turnte auf dem Sofa herum und rannte dann nach draußen, um kreischend den Gang auf und ab zu flitzen.
„Hast du dem irgendwas in Kaffee?“
„Mhmm.“
„Man Lauri, jetz zick nich so rum.“
„Mach ich doch gar nich.“
„Nö, du guckst nur, als würdest du am liebsten meine Wohnung zu nem Puzzle verarbeiten.“
„Mach ich nich.“
„Wasn los, Igelchen? Soll ich dir nen Teddy holen, damit dus dem erzählen kannst?“
„Weißt du eigentlich, wie scheiß hartnäckig du manchmal sein kannst?“
„Jaaa, das brauch ich auch in meinem Job. Ihr Rockstars könnt ja soooooo lahmarschig sein.“
„Ich dachte, wir gehen essen.“
„Tun wir doch auch.“
„Aber nicht heute.“
„Morgen.“
„Morgen sucks.“
„Wasn an Morgen nich in Ordnung?“
„Dass es nich heute is.“
„Ein schlagkräftiges Argument.“
„Mhmm.“
„Ich heb dir gleich mhmm.“
„Mach doch.“
„Mhmm.“
„Mhmm.“
„Ahhhhhhhhhhhhhhh . . . also, kommst du mit, Dicker?“ atemlos rutsche Aki durch die Tür und strahlte zu den beiden hinüber.
„Na klar . . . oder, Lauri?“ Mit großen Augen rückte sie ein wenig näher und legte den Kopf leicht schief.
„Hör auf, mich so anzugucken.“
„Büddeee . . . Ach, da fällt mir grad was ein, meine Bedingung . . .“
„Welche Bedingung?“
„Die von letzter Nacht.“
„Oh . . . ähm . . . aber.“
„Soll ich’s Aki erzählen? Der erzählts dann Jari, Jari erzählts dann Aleksi, Aleksi . . .“
„Okay, okay, ich komm ja mit . . . aber nur wegen dir.“ Fügte er leise hinzu und starrte auf seine Füße.
„Und morgen erzählst du mir von diesem hypergeilen Gig, ja?“
„Jup . . .“ aufmunternd piekste sie ihn die Seite und war in der nächsten Sekunde in einen Kampf verwickelt. Aki überlegte einen Moment, dann zuckte er mit den Schultern und warf sich mit einem Schrei auf die beiden, sodass sich alle drei auf dem Boden rollten und versuchten, sich gegenseitig fertig zu machen.
Am Ende hatte Aliisa ihr Knie in Lauris Magen und hielt Aki mit dem Besenstiel in Schach.
„Ha, und ihr wollt Männer sein? Weicheieeeeeeeeeeeeeer!!“
„Das haben wir absichtlich gemacht, ich mein, du bist doch ne schwächliche, wehrlose Frau, stimmts, Hattu?“
„Jaaa, genau, wir wollten dir doch nicht wehtun.“
„Überleg dir mal, ob du deine Bauchdecke noch brauchst, Blacky.“
„Blacky? Lauri isn Hengst . . . hüüüühüüü.“ Kichernd krampfte sich Aki unter dem Besenstil und Lauris Fußtritten, während Aliisa plötzlich durch die Luft segelte und ihm nächsten Moment sah, wie Lauri sich auf sein Bandmate stürzte und sich mit ihm weiter über den Teppich kabbelte. Grinsend und kopfschüttelt ließ sich die beiden eine Weile kleine Jungs spielen, zielte dann wieder mit dem Besenstil und erwischte Aki unglücklicherweise direkt am Hintern, sodass er jaulend aufsprang und ihr einen empörten Blick zuwarf.
„Man ey, den brauch ich heute Abend noch.“
„Hach, da fällt mir was ein, Jungs.“
„Was denn, Prinzessin?“ Lauris Stimmung hatte sich anscheinend soeben um 180 Grad gewendet, er ließ sich über beide Ohren grinsend aufs Sofa fallen und zog sie an den Hüften mit sich, sodass sie an ihn gequetscht sitzen blieb.
„Ich hab keine Lust, den Abend im der VIP-Lounge zu verbringen.“
„Aber wieso, is doch cool da.“
„Ich will aber feiern, mit den anderen zusammen. Tobi, Teijo, Jenna, Siiri, Maja und die ganzen andern sind auch nie in dem Promivieh.“
„Mit denen allen hast du noch Kontakt?“
„Ja, klar. Wenn ich mal nich irgendwelchen Sternchen hinterher watscheln muss, machen wir was zusammen.“
„Oh man . . . wir hoben schon sauviel verpasst irgendwie.“ Seufzte Aki und stierte gedankenversunken auf die Wand, während Lauri sich damit begnügte, seinen Kopf auf Liisas Schulter zu legen und für ein paar Sekunden die Augen zu schließen.
„Jetzt versinkt mal nicht ins Selbstmitleid, heute Abend seht ihr doch auch alle und dann lassen wir die Sau raus.“
„Hast ja recht, Prinzessin.“
„Eins hätt ich noch.“
„Wir lauschen Euren Worten, Hoheit.“ Nuschelte Lauri und dachte nicht daran, sich auch nur einen Zentimeter aufzurichten.
„Keine Checkersonnenbrillen.“
„Warumn das? Find ich blöd, will meine Sonnenbrille.“
„Als wir vorn paar Tagen da waren, gabs in nem Umkreis von 100 Metern nur Kerle, die Lauri angegraben ham oder irgendwelche Tussen, die unbedingt Autogramme wollten, um halb drei, mitten aufa Straße.“
„Eifersüchtig, Kleines?“
„Ja.“
„Wie süüüüüüüß.“ Quiekend warf Aki ein Kissen, traf dabei aber nur Lauri, der einen seiner Giftblicke zurückschoss.
„Pföö . . .“
„Nagut, weil’s dus bist.“
„Hach, ihr seid toll Jungs.“
„Ich bin toll, Lauri macht das nur, weil er dich . . .“ Ein knurren, ein Schrei und schon rasten die beiden wieder durch die Wohnung. Aliisa grinste nur, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Irgendwie war es fast wie in alten Zeiten.

„Siehste, das liegt gar nich an unseren hypergeilen Sonnenbrillen. Wir haben einfach ne erotische Ausstrahlung.“ Kichernd stößt Aki mich an und zeigt hinüber zur Bar. Dort steht Lauri, in jeder Hand drei Flaschen Bier, die Hosentaschen ebenfalls zum Überquellen voller kleiner alkoholischer Überraschungen. Mal kurz ins Körbchen gegriffen, egal, welchen Schrott man nachher hat, is bequemer als raussuchen, was gut ist. Rasnusslogik . . .
Neben ihm steht ein großer, schlacksiger Kerl in Raveroptik. Also schwarzes Netzhemdchen, wasserstoffblonde Haare und das so ziemlich schwulste Lachen, was ich je in meinem Leben gehört habe. Und wenn ich den ängstlichen Ausdruck in Lauris Augen außer Acht lassen würde, könnte man direkt meinen, die beiden würden miteinander flirten.
Ich taufe den Techno kurzerhand Daniel und beobachte mit Argusaugen, wie der mit seinem Prossecco um sich wedelt und plötzlich anfängt, Lauris Brust abzutasten. Wenn der Kerl sich jetzt auch noch als Urologe ausgibt, geh ich aber rüber . . .
„Lizüüüüüü, nu guck doch nich so, Lauri hat heute schon mal Hand angelegt, der geht nich mit der Blondine nach Hause.“ Aki quiekt und heult vor Lachen, liegt schließlich auf dem Tisch, Siiri auf ihm drauf. Tobi neben mit tätschelt beruhigend meine Schulter und glotzt dann wieder zu dem schwarzhaarigen Latino hinüber, den er schon den ganzen Abend mit seinen Blicken auszieht. Langsam hab ich das Gefühl, alle meine Freunde werden schwul . . .
Brummend starre ich in mein Glas und sehe meine gute Laune schon langsam den Bach runter gehen. Ich bräuchte jetzt dringend ne Kippe, aber die hat ja Schwuchtel-Loorie in seinem Höschen, äh in seiner Baggy . . .
Hach, da ist sie ja auch schon, schiebt sich leicht wackelig neben mich auf die Bank und jagt einen kleinen Stromschlag durch meinen Körper. Nikotin, mein Freund und Helfer. Nach drei Bier und zwei Kurzen befinde ich es nicht mehr als nötig, Master Ylönen um Erlaubnis zu fragen, bevor ich anfange, an seiner Hose rumzufummeln. Scheint außerdem doch eh jeder zu dürfen.
„Prinzessin, was machst du da?“
„Kippen.“
„Echt? Krieg ich auch welche?“
„Nu rück schon raus.“
„Och nö, such ruhig weiter.“
„Ach, dann steck dir doch ne Kerze irgendwo hin.“
„Sie is sauer, weil du mit dem Blondi dadrüben geflirtet hast.“ Warum muss Aki sich eigentlich IMMER ÜBERALL einmischen!?
„Hab ich doch gar nich, der kam einfach her und hat mich angebaggert.“
Is das eine Antwort wert? Ähhhhhhm . . . nein. Dafür finde ich endlich meine geliebten Glimmstängel und beobachte gierig, wie das Papier über der Flamme Feuer fängt und kleine, milichige Rauchschwaden aufsteigen lässt.
„Prinzessin . . .“
„Ich bin nich sauer, aber langsam werden alle meine Freunde schwul . . .“
„Wer denn noch?“ fragt Tobi höchst interessiert und auch der Rest der Mannschaft sieht mich abwartend an. Scheiße, ich hab ja ganz vergessen, dass ich die einzige bin, die von Janne weiß . . . wuhu, nochma rechtzeitig gemerkt.
„Ach, nix. Gibst du mir was zu trinken, Nalle?“
„Klar doch . . . ich hab wirklich nich . . .“
„Schon gut, ich glaubs dir ja.“
Strahlend reicht er mir eins von den kleinen Fläschchen und ich nehme es ihm ab, wobei unsere Hände sich kurz berühren. Wenn das keine Absicht war, will ich Britney Spears heißen. Ich setze an und im nächsten Moment packt mich der Würgereiz. Salmiakki . . . ich hasse Salmiakki, das ist so ziemlich das schlimmste, was auf dieser Welt existiert. Aber Lauri liebt Salmiakki und er lächelt mich gerade so unschuldig mit seinen roten Bäckchen an, dass ich meine Mundwinkel zu einem Grinsen hochziehe und das widerliche Zeug mit Tränen in den Augen hinunterkippe. Sofort durchflutet mich eine angenehme Wärme und mein Kopf wird schwer . . . Es ist genauso eklig wie hochprozentig, die Lakritzmatsche.
Bald hat sich der Alkohol aus Lauris Taschen verflüchtigt, die Jungs erzählen uns kleine Stories von ihrem Tourleben, schaukeln sich gegenseitig mit Peinlichkeiten über den anderen hoch und werden von Minute zu Minute dichter. Wir, die wir unsere Zeit Tag für Tag hier totschlagen plappern ein bisschen über die neusten Locations und was sich in der Stadt sonst so verändert hat.
Irgendwann bin ich so blau, dass ich Backstagegeschichten über diverse Rocker erzähle, für die ich auf der Stelle gefeuert werden könnte, aber ich glaube, morgen kann sich eh niemand mehr daran erinnern.
Dann kommt der kleine finnische Zwerg, der mir gegenübersitzt, plötzlich auf die Idee, dass es unglaublich toll wäre, wenn wir jetzt Flaschendrehen spielen würden .Im gleichen Augenblick, als ich mich unwillkürlich versteife, spüre ich, dass Lauris Arm, der locker auf meiner Hüfte liegt, sich ebenfalls anspannt und fast ein bisschen herumzappelt. Irgendwie muss ich grinsen, wenn ich daran denke, wie nervös er sein muss . . . Wir wissen schließlich beide genau, was passieren wird, wenn der Flaschenhals auf einen von uns zeigt und plötzlich fällt mir wieder ein, was Lauri in der Nacht des Unfall zu mir gesagt hat.
Vorsichtig hebe ich meinen Blick und sehe direkt in seine leicht wässrigen Augen, die mir genau dasselbe zu sagen versuchen: Denken.
Aber es ist unmöglich, in dieser Situation zu denken und sich über seine Gefühle im Klaren zu werden. Andererseits können wir aber auch nicht zu den anderen sagen, dass wir uns leider nicht küssen oder sonst was miteinander anstellen können, ohne das wir vorher in Ruhe darüber nachgedacht haben . . . weil wir ja nichts überstürzen wollen.
Ich schlucke. Sobald Aki an der Reihe ist, werde ich ganz sicherlich das blaue Vögelchen neben mir küssen müssen und ich weiß wirklich nicht, was für eine Auswirkung das auf unsere Beziehung zueinander haben wird, morgen, übermorgen . . .
Aber Jammern hilft jetzt auch nichts, es ist schließlich nur ein dummes Kinderspiel. Gerade in dem Moment, als ich beherzt zur Flasche greifen will, kräht Aki los und zerrt mich inklusive Lauri auf die Tanzfläche.
„Na sieh mal einer an, zwei starke Typen und eine Lady, wir haben unser erstes Team!“
Ein Wettbewerb . . . ich hasse Drummer.

Ein paar Minuten später stehen wir mit sechs anderen Verrückten auf der Tanzfläche. Aki findet das alles wahnsinnig witzig und aufregend, von unserem Tisch drüben schallen Kampfrufe an mein Ohr. Nur Lauri sieht ebenfalls etwas gequält aus . . .
„Hey, du musst dich doch ganz wie zu Hause fühlen, Dickerchen. Rauch, massenhaft Bier und kreischende Menschen, ganz wie sonst.“
„Haha, sehr witzig.“
„Hast du deinen Humor beim Pinkeln im Klo runtergespült?“
„Du warst noch nich so oft hier, oder?“
„Ähm, nein?“
„Naja, vielleicht bist du nachher wenigstens besoffen genug, um das alles hier zu vergessen.“
Seufzend beobachtet er Aki, wie er mit dem Kampfrichter spricht und wenig später strahlend zu uns zurückwatschelt.
„Sooo, Team Hamster . . .“
„WAS!?“ Ich weiß, dass es unhöflich ist, Leute zu unterbrechen . . .
„Konntest du dir nich nen noch bescheuerten Namen ausdenken?“
„Nööööö.“
„Toll, Aki. Warum bin ich eigentlich mit dir befreundet?“
„Weil ich der schnuckeligste Drummer in ganz Finnland bin.“ Ganz von seinen Worten überzeugt strahlt er mich an und packt mich schließlich inklusive Lauri, um uns an den Rand der Tanzfläche zu ziehen.
Der neckische Typ mit seinem Bierhelm auf dem Kopf räuspert sich und bekommt tatsächlich gerade genug Zeit zugewandt, dass er das Spiel erklären kann. Eigentlich ganz simpel, aber mit dem schon vorhandenen Alkoholspiegel nicht wirklich einfach.
Der kleinste aus jeder Gruppe wird von den anderen beiden hochgenommen, im Liegen, einer das Vorder- der andere das Hinterteil. Dann gibt es für jedes Team ein niedliches, viel zu großes Bierfass, in dem drei kleine Schläuche stecken. Die Mannschaft, deren Fass als erstes leer ist, gewinnt.
Die anderen beiden Gruppen haben schnell entschieden, wer an der Seite baumeln darf, nur wir diskutieren noch. Ich seh nämlich nicht ein, wo ich bitte kleiner sein soll als Master Vogel-Fick-mich-tot.
„Wie ich sehe, hat unsere Hamstergruppe noch Probleme mit der Aufteilung. Mehr als verständlich, wenn ihr mich fragt.“ Der halbe Club bricht in schallendes Gelächter aus und plötzlich meldet sich mein Kampfgeist. Wenn ich nämlich eines wie die Pest hasse, dann ist es ausgelacht werden.
Gerade als Lauri drauf und dran ist kleinbeizugeben, fauche ich meine beiden Rasnüsse an, dass es Tote gibt, wenn sie mich fallen lassen, egal, wie dicht sie sind. Dann haben wir nämlich verloren und das darf nieeeemals passieren.
„Meister?“ Eine klitzekleine Frage hätte ich da nämlich noch . . . an den ehrenwerten Gamemaster.
„Ja, Baby?“
„Was springt denn für den Gewinner raus, hää?“
„Weil du son nettes Outfit hast, darfst du dir was wünschen, wenn ihr gewinnt.“ Schallendes Gelächter von allen Seiten. Na wartet . . .
„Wie nett von dir . . .“ mir ist durchaus bewusst, dass der halbe Club auf mein Dekolleté starrt
„ . . . und noch was.“
„Nur raus damit, Püppchen.“
„Schnall mal deinen Helm n bisschen lockerer, scheint die Blutzufuhr zum Hirn abzuquetschen.“
Hahaaaaaaaaaaaaaaaaa!!
Kommentarlos gibt er das Startsignal und ich fange an zu trinken, als würde es das letzte Mal in meinem Leben sein, dass ich eisgekühltes Karhu bekomme. Die beiden Hamsterbacken geben sich auch ziemlich Mühe, aber sie müssen ja auch noch mich halten . . . Lauris Gesicht ist irgendwie so merkwürdig rot . . .
Die beiden anderen Teams haben fast gleichzeitig mit uns die Hälfte des Fasses geleert, die drei auf der anderen Seite wanken schon bedächtig und das Weib, das sie tragen, sieht aus, als würde es gleich kotzen. Tzio, sie hat ja auch den Arm von dem einen im Magen, das ist seeeeehr unklug . . . Lauri macht das viel besser, mangelnde Blutzufuhr dort is viel effektiver als ein Ausflug nach Silikon Valley. Sollte ich mir merken, einfach umwickeln und dann abschnüren . . .
Ich lasse meine Gedanken gleiten und trinke nebenbei einfach weiter, dann muss ich nicht daran denken, wie saumäßig dreckig es mir nachher gehen wird, wenn ich den ganzen Scheiß wieder loswerden muss. Doch plötzlich kracht es drüben und die Blondine purzelt mitsamt ihren Trägern von der Tanzfläche. Ha, jetzt haben wir nur noch die drei neben und noch ein Viertel des Fasses vor uns.
Langsam fühl ich mich wie Pam Anderson und Aki da hinten scheint irgendwie nachzulassen, er wankt plötzlich auch so komisch. Ein gezielter Tritt mit meinen tollen, neuen Schuhen erinnert ihn an seine Aufgabe und wir gehen in den Endspurt über, das wird ein Kopf an Kopf Rennen, yehaaaaaa!
Ein Blick zu Lauri, sein Arm zittert wien Wackeldackeln und Master Hut taumelt auch schon wieder. Warum sind meine Freunde nur solche Memmen? Ich muss auch gleich kotzen, aber gewinnen will ich trotzdem. Pf, von wegen Männer . . . Es geht hier um die Ehre der kleinen Menschen und so raffe ich mich auf und ziehe noch eine Spur kräftiger an, werfe der Schnalle drüben einen feindseligen Blick zu und versuche mich so leicht wie möglich zu machen.
Noch fünf kleine Striche auf der Maßskala . . . vier . . . drei . . . zwei . . . Plötzlich quiekt Tussi drüben und verpasst ihrem Hintermann mit der ganzen Zappelei einen Tritt in die Weichteile, er wankt, kippt gefährlich uuuuuuun . . . FÄLLT !! STRIKE!! Im selben Moment spüre ich, dass aus meinem Röhrchen nur noch Luft kommt und dann der stechende Schmerz, als mein Astralarsch Bekanntschaft mit dem Boden macht und zwei Zentner lebendes Rasmus sich rücksichtslos auf mich fallen lassen. Toll, Jungs, die Anordnung fürn Sandwich stimmt aber nich so ganz . . .
Irgendwann zieht jemand die beiden von mir runter und hilft mir schließlich auf. Im Stehen kralle ich mich ersteinmal erschrocken an dem nächstbesten fest, was in Reichweite steht und stelle verwundert fest, dass um mich herum alles dreht . . . Als der beleidigte Helmmensch uns ein paar Tickets für freien Eintritt und ne dicke fette, Fünf-Liter-Pulle Sekt in die Hand drückt, merke ich, dass es Lauri ist, der mich trotz seines glasigen und verdrehten Blickes heldenhaft festhält und beschließe spontan, ihm dafür zu danken.
Naja, eigentlich beschließen es meine Lippen die irgendwie noch nüchtern sind und sich ihren Weg bahnen. Seine Zunge scheint auch noch recht flink zu sein, als sie zärtlich und stürmisch zu gleich gegen meine stürzt und mich in meinem Suff noch mal in einen tiefen Nebel stürzt, in dem nur der Gedanke an seine Anwesenheit existiert. Ich weiß nicht, wie lange wir hier stehen, uns am anderen festklammern und alles um uns herum ignorieren, spüre nur noch die Hitze, die von seinen Lippen ausgeht, als ich ihnen einen letzten, fast scheuen Kuss aufdrücke.
Dann die Ernüchterung, als ich plötzlich nichts mehr in den Armen habe und ihn da unten liegen sehe, neben Aki und sie beide den Sekt umklammern. Egal, ich muss jetzt erst mal die Büsche draußen düngen.

Chapter 62

Ein verschwommenes Regal . . . CDs . . . keine Bücher. Wo verdammt sind meine Bücher? Und warum in aller Welt steht meine Anlage plötzlich rechts vom Bett? . . . Ich habs! Ich liege schlicht und ergreifend verkehrt rum. . . Obwohl, eigentlich ergibt das auch keinen rechten Sinn.
Vielleicht liegt es auch nur am meinem dröhnenden Kopf und dem beschissenen Licht, dass hier gleißend und weiß wie Schnee hereinfällt. Warum hab ich gestern nicht die Vorhänge zugezogen? Ich zieh dich Vorhänge doch immer zu, und wenn ich unterm Fenster wegpenne, ich lebe in der Großtadt und lege keinen besonderen Wert drauf, dass der Kollege von nebenan mir beim Pennen zusieht. Aki hat nämlich mal bemerkt, dass ich mich nachts räkle und wild um mich stöhne, seit dem gehe ich lieber nicht das Risiko ein, auf irgendeiner Pornoseite im Netz als Aperitif serviert zu werden.
Aki, das is es doch, juhu. Ich bin in Akis Wohnung und deshalb ist hier alles anders und mir tut der Kopf und noch was anderes wahnsinnig weh. Ich fühl mich, als wär ich im achten Monat schwanger . . .
Aber Momentchen . . . ich darf doch nie mit einem Alkoholspiegel über ein Promille in Akis Bett schlafen, hat Angst vor Flecken auf dem edlen, weißen Stück, der Gute. Angeblich erbreche ich ja immer ohne Sinn und Verstand, von wegen. Wenn ich in Topfpflanze kotzen will, dann treff ich die auch, ha.
Aber vielleicht hat er ja mal ne Ausnahme gemacht, wegen dem tollen Sieg gestern . . . jaa, ich kann mich noch erinnern, bin selbst überrascht. Die einfachste Lösung für mein kleines Orientierungsproblem, wäre wahrscheinlich, die Augen auf zu machen und mich auf die andere Seite zu rollen . . . oder wenigstens einen Blick rüberzuwerfen. Wenn dann dort ein kleines, schwarzes, verwuscheltes Etwas mit verbogener Nickelbrille und Bierfahne liegt, dann weiß ich, dass gestern ein ganz stinknormaler Samstag war. Ich würde Kaffee kochen und Akis neuer Freundin versichern, dass ich stocklesbisch bin und ihren Kleinen nicht im Geringsten angepackt hab. Eigentlich könnte ich mir das sparen, auf der nächsten Tour erblickt er durch seine Ckeckergläser ein fesches Groupie und das wars dann mit der Treue. Wieso soll ich immer lügen? Pf . . .
„Agü . . .?“
Scheiße, scheiße, wie hört sich das denn bitte an? Wie in so einem billigen Kitschfilm . . . aber dann dürfte da neben mir nicht mein bester Kumpel sondern ein knackiger Latino liegen, der meine nicht vorhandene Beziehung zerstört und mich zu einem nervenkranken, magersüchtigen Aschenputtel machen, dass von ihrer großen Liebe träumt. So sechzigermäßig, muss ich mir immer mit Tobi und Jenna angucken, wenn sie mal wieder in den gleichen Typen verknallt waren, der aber weder schwul, noch an meiner besten Freundin interessiert war.
Soviel zu Schnulzfilmen . . . schon komisch, wie meine Gedanken rasen. Vom Regal zu Fernsehn aus den Sechzigern . . . ich glaube, ich bin noch nicht so ganz nüchtern . . .
Aber jetzt muss ich es tun, mich endlich umdrehn und gucken, wer da liegt, oder auch nicht. Vielleicht hat jemand jemanden beauftragt, mich nach Hause zu bringen, aber derjenige hat mich einfach in der falschen Wohnung abgeliefert. Nichts ist unmöglich . . . Sauftour mit Akiiiii . . .
Okay, und jetzt drehe ich mich um . . . eins . . . zwei . . .
Toll, das is nix. Nur ein riesiges, widerlich helles Fenster, das meine armen Augen ganz krank macht. Mhmm. Außerdem ein hübscher Schrank, leider geschlossen und eindeutig männliche Kleidungsstücke auf dem Boden . . . OMG, diese Shorts da sind nicht von Aki . . . der trägt immer nur diese Teile mit den eingebildeten 20 Zentimetern . . . auch nicht von Tobi . . . und alle anderen männlichen Menschen, bei denen ich mit guten Gewissen aufwachen möchte, lassen mich nicht in ihr Bett. Fuck, wo bin ich!?

Nachdenklich beiße ich in mein Käsebrötchen und nehme den kleinen Zettel auf dem Tisch zum mindestens fünften Mal in die Hand. Mittlerweile weiß ich, dass ich letzte Nacht das getan habe, für das mich Millionen Mädchen auf diesem Planeten sofort qualvoll töten würden, wenn sie es denn wüssten . . . nein, ich habe nicht den Meister aller Sonnebrillen in Kindergröße entjungfert, ich habe nur in seinem Bett geschlafen . . . jedenfalls hoffe ich das. Und ich hab ne Sonnenblume bekommen, toll.
Andererseits, was habe ich getan, dass er sich mitten in der Nacht aus dem kuscheligen Bettchen rollt und mir seinen Küchentisch voller Fressalien packt? Mitleid, vorläufige Unterhaltszahlung? Braucht er Geld und will mich als Bauchtänzerin in die Türkei verkaufen?
Wenn ich es wüsste, könnte ich endlich dieses wundervolle Frühstück genießen, das erste, das nicht aus Filterkaffe und einem trockenen Brötchen aus der Tiefkühltruhe besteht. Aber stattdessen grüble ich seit einer halben Stunde darüber nach, wieso ich hier eigentlich sitze, gefräßig, allein und mit Maulbeermarmelade im Ausschnitt . . . verdammt, das Zeug verfolgt mich.
Hat er Angst, dass ich ihm nicht glauben und auf Alimente verklagen würde? Oder haben wir wirklich . . . neineineineineineineineineineinein. Daran würde ich mich erinnern, ich erinnere mich schließlich auch an das letzte Mal, und da befand ich mich halb im Delirium. Damn, warum muss ich gerade jetzt an Sex mit Lauri denken? Entweder haben diese blöden Beeren
aphrodisierende Einwirkungen auf mich oder ich kann das alles doch nicht einfach auf mich zukommen lassen, es einfach leben . . . verdammt, das tue ich doch sonst auch immer.
Scheiß, scheiße, scheiße, ich dreh hier noch durch. Am liebsten würde ich mein Brötchen an die Wand donnern, diesen bekifften Zettel nehmen, Lauri anrufen und ihn anbrüllen, was für neckische Spielchen er schon wieder mit mir treibt. Aber ich dann würde ich mächtig Ärger mit seiner Putzfrau bekommen, sofern er den eine hat . . . ich muss unbedingt abchecken, ob sie gut aussieht . . .
Nach einem Gläschen Orangensaft (der Mann hat Geld wie Dreck und kauft trotzdem den billigen von der Tanke) sammle ich meine Gedanken und komme schließlich zu dem Schluss, dass mich im Grunde genommen eine große Frage belastet:
WARUM ZUM TEUFEL IST ER NICHT HIER?
Diese Frage enthält sowohl - WO IST ER?- als auch -WAS TREIBT ER DA?-
Nach ein paar weiteren Minuten nutzlosen Grübelns beschließe ich, den Tisch hier leerzufressen und damit die Glückshormone freizusetzen, die ich jetzt dringend gebrauchen kann. Danach werde ich mir ein Glas saure Gurken schnappen und damit auf Jagd nach kleinen, weißen Aspirintabletten begeben, die der kleine Lord höchstwahrscheinlich kistenweise hier irgendwo bunkert.
Wenn mein Kopf sich dann anfühlt wie ein nasser Schwamm, werde ich die Beine einziehen und die Treppen runter ins Erdgeschoss rollen. Sobald ich dann wieder heil in meinen eigenen vier Wänden angekommen bin, muss ich
a.) ein Bad nehmen
b.) Aki anrufen
c.) Meinen Bruder anrufen
d.) Tobi anrufen
e.) Jenna anrufen
f.) Siiri anrufen
g.) Noch ein bisschen auf den Zettel starren und hysterisch kreischen, wenn ein paar Spritzer Badewasser draufkommen
h.) Aus der Wanne steigen und mich ärgern, dass ich aussehe wien verschrumpelter Pfirsich
i.) Mich gegen meinen Willen stylen . . . fuck, ich hasse mich
j.) Zum Einkaufscenter watscheln und dort mit einem tiefen Brechreiz im Magen und wackeligen Beinen auf Lauri warten

Tzio, das ist doch maln toller Plan. Ich würde mich zwar am liebsten sofort in mein Bett verkriechen und mich mit Schokolade zustopfen, bis ich vor Überfressung und Sauerstoffmangel einschlafe, aber da muss ich jetzt wohl oder übel durch.
Und das Allerschlimmste an der ganzen Sache ist, dass ich mich sogar drauf freue, ihn zu sehn.
Drei Minuten zu spät. Hat der Kerl schonmal was von Pünktlichkeit gehört? Ich bekomm den Arsch versohlt, wenn ich mir noch nen kleinen Kaffee gönnen würde, bevor ich die nächste Band aus der Kabine schleife. Aber ich hab ja meine Sonnenblume, mit der kann man sich herrlich beschäftigen . . . ich meine, man kann sie anschauen . . . bewundern . . . anstarren . . . lauter aufregende Sachen eben. Seit meine Füße eingefroren sind, frage ich mich, warum ich das Ding überhaupt mitgenommen hab. Mich wunderts, dass sie nich schon längst der Kälte zum Opfer gefallen ist, ich spüre meine Nase nicht mehr.
Es ist Ende November, an anderen Orten dieser Welt ist es jetzt kuschelig warm, in Tunesien zum Beispiel . . . oder in meinem Bett. Aber nein, ich muss ja in Finnland, diesem gottverdammten Schneeloch hausen und jetzt hier, bei wolkenverhangenem Himmel und beginnendem Schneefall vor dem Einkaufszentrum auf ein kleines, schwarzes was auch immer warten. Theoretisch könnte ich ja rein gehen, aber auf dem Zettel stand DAVOR, also bleib ich hier und streif nachher das Mitleid an. Dann stehen wir wenigstens nich dumm rum und glotzen unsere Füße an . . . damn, ich hab Angst, ich will hier weg, ich will ihn nicht sehn. Ich kann immer noch weglaufen, und wenn meine Beine nicht zerbrechen und als Tiefkühlfutter im städtischen Tierheim landen, bin ich bald daheim und kann mich verkriechen. Andererseits . . . er weiß, wo ich wohne . . . obwohl, wenn er nicht dumm ist, wird er das als eindeutigen Korb betrachten.
Verdammt, ich will wieder fünfzehn sein und weglaufen dürfen. Verantwortungsvoll handeln und Gefühle anderer respektieren ist scheiße. Ich bin Egoist, ich will das tun, was für mich gut ist . . . blöd nur, dass das grad angewackelt kommt und mir einen scheuen Blick durch ein paar angefrorene Haarsträhnen schenkt. Meine Nase taut wieder auf . . . könnte mit meinen glühenden Wangen zusammenhängen.
„Hey . . .“
„Hey . . .“
Wohoooo, was für ne geile Unterhaltung. Wo ist der Junge, dessen Shorts ich geklaut und am See an den Baum gehängt hab. Der muss doch da noch irgendwo drin sein . . . Haslooo?
Man, ich bin so gemein.
„Gehen wir rein?“
„Och nöö, meine Beine sin noch nich ganz gefrorn. Wär nich gut, die jetz aufzutaun.“
„Wenn du die Beine einziehst, kann ich dich nachher in die Mirkowelle packen.“
„Das geht nich, ich hab gestern n Centstück verschluckt, das würde Funken schlagen.“ Mit gewichtiger Miene stemme ich mich gegen die Drehtür.
„Ich wollte schon immer mal son Ding explodieren lassen.“
Das blöde Ding hängt. Na warte . . . Anlauf, Schwung uuuuuund yeaaahhh, die Drehtür bewegt sich, sehr schnell sogar, bis neben mir plötzlich ein dummer Aufschrei zu hören ist. Verwirrt sehe ich zu dem Mann drüben, der sich die Nase reibt und sichtlich wütend auf mich ist und anscheinend gerne rüberkommen würde . . .
„Wo du bist, baust du Scheiße.“ Das kleine, schwarze Wesen neben mir packt mich an der Hand und schleift mich in Windeseile quer durch halbe Einkaufscenter. Am letzten PizzaHut in der zweiten Etage bleibt er endlich stehen und schiebt sein Mützchen wieder zu Recht.
Man, ich hab ne Straftat begangen . . . Körperverletzung durch Missbrauch einer Drehtür . . . böse Sache.
„Meinst du das ernst?“ Verlegen zupfe ich an meiner Sonnenblume herum, die durch die Aktion grade schon ziemlich den Kopf hängen lässt.
„Jup, es gibt nichts, was du nich schon kaputt gemacht hättest.“
Grinsend boxt er mich in die Schulter und ich hole gerade mit meiner Blume aus, um sie ihn über den Kopf zu braten, als seine Finger plötzlich mein Handgelenk umschließen und mit sanfter Gewalt nach unten drücken.
„Nich die au noch.“
„Sorry . . .“
Kann er bitte seine Hand da wegnehmen, das macht mich völlig unfähig zu denken.
„Macht nix, sie lebt ja noch. Willst dun Kaffee?“
„Klar, aber woher . . .“
„Du bist so nervös.“ Grinsend dreht er sich um und steuert den nächsten Coffeeshop an. Aber da wird er nie ankommen, dafür sorge ich.
„Na warte . . .“ In Rasnüsse-in-den-Hintern-treten hab ich Übung und solche knackigen Ziele sind doppelt toll . . .
Aber irgendwie scheint der gelb-pinke Lauri doch noch zu existieren, der kennt mich nämlich und so springt mein Opfer in letzter Sekunde zur Seite und lacht sich den Arsch ab.
„Du kleine Ratte, ich krieg dich schon noch.“
„Träum weiter, ich weiß genau, was du tust.“ Nicht in die Seite pieken, da bin ich kitzlig verdammt . . . und auch das weiß er ganz genau. Fuck, ich glaub, er hat Recht.
„Und wenn ich’s doch schaffe?“ Ich werds doch wohl hinbekommen, was zu tun, was er nicht erwartet.
„Dann tu ich, was du willst.“
„Wie lange?“
„Einmal, ich mach mich einmal für dich zum Affen, wenn dus schaffst.“
„Okay, abgemacht.“
Schon wieder diese Hand . . . Musikerhände sind so unglaublich weich und schmal. Uhhh, ich will nicht.
„Das wird eh nix, Prinzessin.“
„Maybe . . .“
Jetzt . . . tu es . . . . TU ES!
Mit einer blitzschnellen Bewegung umfasse ich seinen Nacken und ziehe ihn zu mir hinunter. Ein kleines Stück größer ist er ja schon . . .
Ich zögere nur eine Millisekunde, dann spüre ich seine Lippen, die unbeweglich auf meinen ruhen. Eigentlich hätte ich jetzt schon gewonnen, setze quasi meinen Gewinn aus Spiel, je länger ich diesen Kuss, wenn man es überhaupt so nennen darf, hinauszögere. Aber ich will dieses angenehme Kribbeln, das gerade meine Fingerspitzen durchfließt, nicht unterbrechen.
Erst als er aus seiner Erstarrung zu erwachen scheint, löse ich mich von ihm und muss unwillkürlich schlucken, als ich seinen Blick auffange.
„Geh darein und kauf Unterwäsche für deine Oma.“ Mit einem Schupser befördere ich ihn in den nächsten Wäscheladen und lehne mich ans Geländer der Galerie. Ich muss mir ersteinemal klar machen, was ich da eben getan habe, bevor ich meinen Triumph und seinen kläglichen Anblick zwischen Baumwollhöschen und ganzen Zelten genießen kann.

Damn, warum tut sie mir das an? Wenn es wenigstens n H&M oder sowas gewesen wär, dann hätte ich mir den nächstbesten Snoopystring geschnappt, die Mütze ins Geicht gezogen, das Ding bezahlt und so schnell wie möglich wieder abgehaun. Aber nein, Madame muss sich ja den exquisitesten Wäscheladen für reife Frauen ab 40 aussuchen, den es in dieser verdammten Stadt gibt. Naja, eigentlich bin ich selbst Schuld . . . ich hätte wissen müssen, dass sie alles tut um nicht verlieren zu müssen. Andererseits hätte ich nie gedacht, dass sie sich mir nocheinmal in irgendeiner Form freiwillig nähert, angesichts des gestrigen Abends. Eigentlich wäre es eher typisch für sie gewesen, mir mit aller Deutlichkeit klar zu machen, dass ich der letzte Dreck bin und sie mich nicht im Geringsten nötig hat. Ich weiß schon, warum ich heute Morgen die Flucht ergriffen habe, nichts wäre peinlicher gewesen, als neben ihr aufzuwachen, ihr hübsches Gesicht zu sehn und im nächsten Moment dieses Bild vor Augen zu haben . . . wie sie die Augen schließt, mir diesen unglaublichen Kuss schenkt . . . und im nächsten Moment halb kotzend aus dem Club rast. Wenn das mal nicht für sich spricht.
Ich bin überrascht, dass sie überhaupt gekommen ist . . . und dass sie mich schon wieder ohne eine Reaktion meinerseits geküsst hat. Ich wette, sie steht jetzt da draußen und grübelt darüber nach, was ich wohl davon halte, dass sie sich so scheinbar hartnäckig an misch heran schmeißt. Irgendwie muss ich ihr sagen, dass ich das keineswegs denke, aber ich weiß nicht wie. Verdammt, wir haben uns zehn Jahre lang richtiggehend gehasst und ich will sie nicht schon wieder verlieren, nur weil ich zu feige bin, irgendetwas zu tun. Ich hab saumäßig Schiss, dass sie ihren angekratzten Stolz wieder aufpolieren will und mich nachher so richtig auflaufen lässt. Mir vor dem ganzen Laden hier ins Gesicht sagt, was für ein unbegehrenswerter, egoistischer, eingebildeter, zurückgebliebener, kleinwüchsiger, verdammter, beschissener . . .
„Kann ich Ihnen helfen?“
Hilfe, was ist das!? Ein Klon aus Queen Mum und Christina Aguilera?
„Ähm . . .“ Scheiße, dieses cremefarbende Monsterzelt dort drüben macht mir Angst . . . Ich will hier raus!
„Jaaa? Suchen sie was für Ihre Verlobte, junger Mann?“
Ahhhh, nicht anfassen! Nimm deine Hände da weg, du alte Kröte . . .
„Nein . . . für meine Großmutter.“ Ich werfe einen vorsichtigen Blick nach draußen, schon um dieses rattige alte Weib auf Ecstasy nicht mehr anschaun zu müssen. Und was sehe ich da? Meine kleine Prinzessin klebt an der Scheibe und lacht sich den Arsch ab. Ich werfe ihr einen giftigen Blick zu und knurre dabei gewohnheitsmäßig leise. Leider jedoch nicht leise genug, den plötzlich steht die Oma wieder vor mir und leckt sich anzüglich über die Lippen. Panik!!
Aliisa ist draußen zu Boden gegangen und kringelt sich, während ihr ein gutaussehender Typ ihr besorgt die Hand reicht. Grinsend lässt sie sich von ihm hochhelfen und streicht ihm dankbar über die Schulter. Haslooooooo?? So darf nur ich von ihr berührt werden, das ist unfair! Von wegen kleines, hilfloses Mädchen, pf . . . alles Masche. Und ich bin hier drin mit dieser geilen alten Schachtel. Mein Leben ist scheiße.
„Ohhh, kommen Sie dann bitte mit nach hinten?“
„Ähm . . . nein.“
„Sie brauchen keine Angst zu haben, ich tue Ihnen schon nichts.“ Sie lacht albern und will mich am Arm packen aber ich bin schneller.
„Hehe, natürlich . . .“
„Nun gut, welche Größe hat denn ihre werte Großmutter?“
Ein verzweifelter Blick zu Liz . . . wenn sie so weiter macht, hyperventiliert sie noch oder so. Schließlich fuchtelt sie wild herum und macht irgendwelche Zeichen, die wie kleine Eier aussehen . . . oh Man.
„DD?“ Hoffentlich hab ich jetzt nix Falsches gesagt.
„Oha, na vielleicht hat sie das ja indirekt an ihren Enkel vererbt?“ Wieder dieses grottige Kichern, ich hab was Falsches gesagt. Ihr Blick wandert an mir herunter, bleibt schließlich stehen und langsam beginne ich zu kapieren, auf was die Alte anspielt. OMG . . .
Schließlich zerrt sie genau das beige Monsterzelt von der Wand, das mich schon die ganze Zeit bedroht und zieht gleich noch den dazu passenden String in , schätzungsweise, Größe 48/50 vom Haken. Ich schlucke nur kurz und weiche leicht zurück, als sie mir das Zeug unter die Nase hält.
„Das ist doch eine sehr sexy Kombination, finden Sie nicht auch, junger Mann?“
„Ähm, jaja. Das nehm ich dann.“
„Soll ich’s gleich einpacken oder wünschen Sie erst eine kleine Vorführung?“ Ach du meine Scheiße, wieder dieser Blick, das faltige Weib baggert mich doch tatsächlich an. Die will mich in die Kiste zerren!
„N-n-nein, danke, ich muss weiter . . .“
„Das gehört zum Kundenservice . . .“ Verdammt, Liisa, warum tut sie nichts!?
„Ich hab wirklich keine Zeit.“
„Selbstverständlich.“ Huch, jetzt ist sie zwar sauer, aber wenigstens packt sie das Zelt und die überdimensionale Steinschleuder in eine rosa Tüte, knöpft mir fast 70 Mäuse dafür ab und schubst das Ding beleidigt über den Ladentisch. Bevor sie es sich anderes überlegt, stürme ich aus dem Laden, packe Liisa, die sich vor Lachen fast bepinkelt, am Arm und zerre sie zum zweiten Mal an diesem Tag durch halbe Center bis ich mich wieder einigermaßen sicher fühle.
„Dafür hasse ich dich, Kleine.“
„Tust du nicht!“ Die Tränen laufen ihr über die Wangen und sie klammert sich an eine dieser dämlichen Plastikpalmen, die hier überall rumstehen, um nicht umzukippen.
„Die Alte wollte mich aufreißen!“
„Du bist eben einfach unwiderstehlich.“ Vorbei ist es mit dem letzten Fünkchen Haltung, sie bricht in schallendes Gelächter aus und alle Menschen im Umkreis von ungefähr 100 Metern glotzen uns mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich weiß, Aliisa passt irgendwie nicht so ganz in das Klischee des schüchternen Finnen . . . meistens jedenfalls. Andererseits nimmt sie mit ihrem Lachkrampf die Peinlichkeit aus der Situation . . . wegen dem Kuss vorhin.
„Jaja, lach nur. Du musst ja auch keine Campingzelte mit dir rumschleppen.“
„Zeig mal.“ Bevor ich überhaupt reagieren kann, steckt sie schon ihr neugieriges Näschen in die Tüte. Ein paar Augenblicke starrt sie regungslos auf den Inhalt, dann wandert ihr Blick langsam an mir hoch und fixiert mich kurz, bis ihre Mundwinkel wieder verräterisch anfangen zu zucken und sie erneut in schallendes Gelächter ausbricht.
„Man Liz, das is fies. Ich begeb mich in Lebensgefahr, werd fast von der verschrumpelten Schnecke dadrin vernascht und du lachst mich aus . . . und flirtest mit großen, gutaussehenden Typen.“
„Eifersüchtig?“
„Schon möglich. Wenn ich mit dem Tod spiele, will ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit.“ Geil, gut aus der Affäre gezogen . . . damn, ich bin soooo cool.
„Nagut, wie wärs mit nem Deal? . . . Keine Angst, nix Schlimmes.“ Sie grinst und nimmt mir die Tüte aus der Hand, wobei sich unsere Finger leicht berühren.
„Okay . . .“ Sie hat schöne, weiche Hände, ein bisschen kalt, trotz des geschlossenen Gebäudes und ihres warmen Mantels . . . wie gern würde ich sie ein bisschen wärmen . . .
„Weil ich mich fast ne viertel Stunde am Arsch gelacht ab, während du bei der Hexe Omaunterwäsche gekauft hast, werd ich das Zeug wieder zurückbringen . . . außer natürlich, du willst es zum einkaufen nehmen.“
„An deiner Stelle wär ich nich so frech, ich hab die besseren Waffen . . . damit kann man kleine, vorlaute Ratten wie dich seeeehr schön knebeln.“ Grinsend hallte ich ihr den Monsterstring hin, aber nur kurz . . . zu viele Leute hier.
„Heyyyy, du wirst doch nem armen, unschuldigen Mädchen nix tun.“
„Wenn du unschuldig bist, fahr ich voll auf blutiges Steak mit Speckkruste ab.“ Mir wird schon schlecht, wenn ich nur dran denke.
„Ähhh, na lecker. Setz lieber mal deinen Checkerhintern in Bewegung, ich willn Eis.“
„Dass is aber nich gut für die Zähne . . .und für deine Figur.“ Scheeeeeiße, bei vier von fünf Frauen hätte ich es spätestens jetzt verschissen.
„Dann können wir zusammen zu WeightWatchers gehen.“ Kichernd kneift sie mir in den Bauch, die Omawäsche in der anderen Hand.
„Hey, ich bin nich fett.“
„Ich auch nich.“
„Ich weiß doch, Prinzessin.“
„Spinner . . .“
Ich grinse nur und nehme ihr die Tüte wieder ab, ein klitzekleiner Gentleman steckt doch irgendwo in mir, bei so einer wunderschönen Frau erst recht und wenn ich jetzt nicht bald meinen Arsch hochkriege, werde ich irgendwann verheiratet auf dem Klo rumhocken und von meiner besten Freundin träumen . . . Fuck, tu was, Alter. Du bist der Checker, komm schon!
„Gehen wir?“
Sie nickt und sieht mich im nächsten Moment erstaunt aus den Augenwinkeln an, sagt und tut aber nichts. Ich weiß, es ist kindisch, aber Händchenhalten ist doch schon mal n Anfang, oder?

„Loorieeee??“
„Jups, was gibt’s, mei Schnugglschen?“
„Ey, ich bin nich dein Schn- . . . schnugg . . . wat au immer.“
„Isch kann mir aba etz nix anners überlegen.“
„Wieso?“
„Weil das der Finnilandida nisch will.“
„Aso, okeh . . . das was anderes.“
„Wo drücktsn nu, Prinsessin, mhmm?“
„Warum dun wir das?“
„Wasch?“
„Uns su sweit hier hersetzen und uns be-be-besaufn.“
„Also isch musste mir die Oma wegsaufn, dud mir Leid, Sweetü.“
„Die war soooooo rattisch auf disch.“ Aliisa kicherte und räumte mit einer Handbewegung die leeren Flaschen von der Parkbank, auf der die beiden schon seit mindestens drei Stunden saßen.
„Ey, da is Fand draaauf.“
„Wuhu, ich hab ne Ideee. Ich schmeiß jetz die Fläschchen und du rennst hintaher und fängst sie.“
„Sollsch dann au bellen du an Bäume pinkln und sooo?“
„Au jaaaaaa, aber isch glaub, dann komm bestümm die Bolizei und dann werden wia in die Ausnüchterungszelle gesperrt, jappjapp.“
„Gucken die da rein?“
„Höö?“
„Na in diese Selle da.“
„Öhhhm, isch glaub schon, wüsoo?
„Naja, isch mein, dann könnten wa dat ja ausnützen . . .“ Mit glasigen Augen schob er sich näher an sie heran und legte äußerst vorsichtig seinen Kopf auf ihre Schulter.
„Machsu misch an oder wie?“
„Mhmmz, glaub schon.“
„Cool.“
„Wolln wir knutschen?“
„Jetz?“
„Du magst also nisch . . .“ Traurig setzte er sich wieder aufrecht auf das angewärmte Fleckchen Holz und griff nach der nächstbesten Flasche, die am Boden stand.
„Hey, das habsch nich gesagt.“
„Aber?“
„Naja, wennsch jetz ja sag, dann . . . dann knutschen wia wohl einfach so?“
„Jaaaa.“
„Hatten wir nisch irgendwann mal über denken oda so geredet?“
„Das is aba so schwer . . .“
„Warum ham wir nich schon geknutscht?“
„Weil du da nisch gewollt hättest.“
„Dooch, ich will imma mit dia knutschen, aber du, du, du machst dann imma nischts und ich will nisch wie eins von deinen Groupies werden.“
„Isch hab Angst vor dir, wennsch nüchtern bin.“
„Aber wieso denn dasch?“
„Ich weiß nisch . . . ich hab Angst, dassu mich nisch magst, und scheiße findest, was ich sag und dassu MICH scheißö findescht.“
„Bist du wirklich so betrunken?“
„Nein.“
„Okay, ich auch nich . . . vielleicht hab ich ja auch Angst vor dir.“ Aliisa lachte leise, starrte dabei angestrengt auf die noch glühende Zigarettenkippe auf dem Gehweg. Die Parkbank unter ihnen knarrte leicht, als sie die Beine anzog und über Kreuz unter ihren Körper zog. Einige Glasflaschen klirrten, fast alle leer und doch waren sie beide höchstens ein bisschen angetrunken. Beide hatten dieselbe Idee gehabt und das meiste davon im Dunkel des Stadtparks verschüttet, um zwar die Tarnung des Alkohols aber ebenso die Kontrolle über sich selbst zu behalten.
„Nein, hast du nicht, du hast vor nichts und niemandem Angst. Manchmal denk ich, dass ich dir einfach nicht gewachsen mit und dich deshalb so aus der Ferne anhimmle.“
Lauri drehte die Kornflasche in seinen Händen und nahm schließlich doch einen großen Schluck daraus, um sofort danach an seiner Kippe zu ziehen. Die Situation geriet aus den Fugen, er konnte sie nicht mehr steuern und sein schöner Plan war einfach den Bach runtergegangen. Er hatte sich erhofft, endlich von ihr zu erfahren, was sie für ihn empfand, aber stattdessen hatte sie das Spiel einfach beendet und ihm so jede Möglichkeit genommen, endlich mehr zu wissen. Sie wollte einfach nicht, das spürte er. Sie wollte ihm einfach keine Chance geben.
„Aber warum denn aus der Ferne?“
„Du lässt mich doch nicht an dich ran . . .“
„Ich hab Angst, und zwar davor, was hier die ganze Zeit schon passiert. Ständig diese Peinlickeit wenn ich dir irgendwie zeigen will, dass du mir wichtig bist, ich halt das nicht mehr aus. Wir haben gesagt, dass wir darüber reden . . . und denken . . . um vorzubeugen, dass wirs eine Nacht lang wie wild treiben und dann wieder fünf Jahre nicht miteinander reden. Aber der Schuss ging nach hinten los, wir stellen uns an wie zwei Vierzehnjährige in der Klosterschule und ich will jetzt endlich knutschen.“
Mit einem Keuchen lies sie die Arme sinken und registrierte, dass sie aufgesprungen und sich vor Lauri aufgebaut hatte, der sie jetzt mit großen Augen anstarrte, sodass man sein Hirn förmlich rattern sah.
„Okay . . .“
Der entsetzte Ausdruck in seinen Augen machte einem dreckigen Grinsen platz, und bevor Aliisa wieder knallrot anlaufen konnte, hatte er sie auf seinen Schoß gezogen und seine Hände links und rechts auf ihrer Hüfte platziert.
„ . . . also wirklich?“
„Halt die Klappe, Dicker.“
Mit einem Ruck griff sie nach seinem Nacken, zog ihn dicht zu sich heran und presste vorsichtig ihre Lippen auf seinem Mund, bevor sie ihren Griff wieder lockerte und anfing, ihn sanft zu kraulen.

Immer wieder streicht ihre Zunge über meine Lippen und hinterlässt einen süßlichen Geschmack nach Wodka und Kirschen. Uhhh, sie hat also doch was getrunken, wenigstens ein bisschen . . . heißt ein bisschen weniger Angst für mich . . .
Damn, ich hab doch nicht im Ernst Angst vor ner Frau?! Oder etwa doch? Wo is da bitte die Logik? Ich war mit ihr im Bett, zweimal . . . ich hab sie fertiggemacht, zum Heulen gebracht, klar gemacht eben. Und jetzt hab ich Angst? Hasloo, ich bin hier der Cecker!
Völlig von mit überzeugt lasse ich meine Hände eine Etage tiefer gleiten und packe fest zu, um sie ganz an mich heran zu ziehen. Pf, ich und Angst . . . die Kleine ist mir doch hilflos verfallen, wie alle anderen weiblichen Wesen auf diesem Planeten.
Ihre Lippen wandern weiter über meinen Hals, ich lege den Kopf in den Nacken und genieße das sanfte Knabbern an meinem Ohrläppchen, bis ich plötzlich nur noch ihren Atem an meiner Wange spüre. Verwirrt öffne ich die Augen und werfe ihr einen fragenden Blick zu, der ängstlicher als geplant ausfällt.
„Ich weiß genau, was du denkst . . .“ Sie drängt sich mir entgegen, aber nicht auf die Weise, auf die ich es genießen würde. Stattdessen presse ich meinen Rücken gegen die kalte Holzlehne und kann ihrem fixierenden Blick einfach nicht entkommen. Immer weiter drängt sie meinen Kopf weiter nach hinten, bis ich schließlich erneut die Lehne im Nacken spüre und unsere Nasenspitzen nur noch einen Millimeter voneinander getrennt sind.
„ . . .ich hab dazu gelernt und wenn du mir wehtun willst, werde ich schneller sein.“
Ihre Augen haben ein stechendes Grün angenommen, das mich einfach fesselt und reaktionsunfähig macht. Ich kann nur leicht meine Unterarme zittern spüren, und mein Herz, das hart und gleichmäßig gegen meine Brust hämmert.
Warum nur? Sie tut es schon wieder, mich ganz klein machen, zwar auf eine andere Weise als früher, aber sie tut es. Ich fühle mich in meinen Gedankengängen erwischt und doch irgendwie trotzig wie ein kleines Kind. Sie darf mich genauso wenig so behandeln, wie ich sie.
Meine Hände rutschen zur Seite, streichen vorsichtig an ihrer Taille empor und schieben sie sanft ein paar Zentimeter weg von mir.
„Ich suche nur nach einem Weg, dir klarzumachen, dass ich nicht so behandelt werden will.“
Ich glaub, das ist das Erwachsenste, was ich je in meinem Leben gesagt habe.
„Wie denn?“
„Hast du schonmal was von Druck und Gegendruck gehört? Wenn du dir einbildest, du könntest mich irgendwie beherrschen, dann bist du für mich eben auch nur ein Mädchen wie alle anderen auch. Verstehst du, es gibt keinen Grund, dich zu respektieren, wenn du so mit mir umgehst.“
„Was hab ich denn gemacht?“ Ihr Blick verliert an Härte, dafür spüre ich das zunehmende Gewicht auf meinem Schoß, als die Spannung aus ihrem Körper weicht.
„Du hast mich in die Enge getrieben, obwohl du weißt, wie sehr ich das hasse.“
„Tut mir Leid, ich will doch nur . . . knutschen.“
„Du bist so stürmisch, Prinzessin.“

Chapter 63

Da ist sie . . . meine tolle, übermäßig geile Haustür . . . ich will da nicht rein . . . nicht bevor ich geknutscht hab. Da will man dem kleinen Vogel mal beweisen, was son Aliisa-Sturm alles drauf hat und bums kommen zwei Buletten mit ihren scharfen Kötern an und jagen einem von einem warmen, weichen und leicht hügeligen Schoß. Dabei wollte ich mich doch grad n bisschen dominieren lassen . . . zur Abwechslung mal . . . Rollenspielchen eben.
Mir entweicht ein albernes Kichern an den Gedanken daran, wie ich mit Strumpfhosen und Federhut an einem großen Turm emporkraxle, während Lauri sein goldenes Haar herunterlässt und wimmernd vor der bösen Eero-Schwiegermutter zurückweicht.
Andererseits . . . das kleine Jägitrüffelschwein würde doch sicher nix gegen die zig Jungfrauen haben, die ihn dann jeden Tag baden und die Nägelchen maniküren . . .
„Lauri, was hältst du von Jungfrauen?“
„Ähm . . . also . . . man sollte sich schon Zeit lassen, denk ich mal, weil . . .“
„Ach laber doch net, du Bimbo. Ich mein so Hüppdolen, die immer um Prinzessinnen rumspringen und sie mit Pferdemilch und so was alles betüddeln . . .“
Wie weit kann der Kerl seine Augenbraue eigentlich hochziehn? Manchmal könnte man denken, er missbraucht sie als Pony. . .
„ . . . na . . . ahhhhh, du weißt schon. Männer in Strumpfhosen, die Türme an Rosensträuchern hochklettern und sich auf weißen Pferden die Ei . . .“
„Prinzessin?“
„Hö, ich dachte, das wärst du?“ Stimmt doch, oder? Ich kann viel besser reiten als Lauri, püh. Reiten . . . wieder kichere ich hysterisch und klopfe ihm auf die Schulter, die sich plötzlich so kalt und metallen anfühlt. Er wird doch wohl keine Prothese haben?
„Hör auf mit dem Zigarettenautomaten zu reden und komm mit.“
Zigarettenautomat? Das wusste ich natürlich, hehe . . .
Mit einem weggetretenen Grinsen tatsche ich nach seiner Hand und lasse mich zwischen ihn und die Hauswand schieben. Als ob ich auf die Straße laufen würde . . . Achtung, Briefkasten . . . . autsch, das tat weh.
„Rape meeeeeeee . . .“
„Ich geh mit dir nie wieder zu dieser Tanke . . . die haben auf Video, wie du auf der Theke getanzt hast.“
„Willst du damit sagen, dass du besser könntest, häää?“
„Ne, ne, lass gut sein. Aber das nächste HÄLTST du die Flasche wirklich nur und trinkst sie nicht aus und tust dann so, als obs der Hund draußen vor der Tür gewesen wär.“
„Der konnte mich nich leiden . . .“
Außerdem musste ich ja irgendwie meine Rattichkeit wegsaufen . . . und da sind ne Flasche Rotwein und zwei gaaanz kleine Loorie-Feiglinge nich wirklich viel . . .
„Ist dein Bruder bei dir?“
„Nöö, der is bei seiner Flamme. Bei Rrrrrrrrrreneeeee.“ Gott, langsam kann ich mich nicht mehr lachen hörn.
„Dann muss ich heute Nacht wohl oder übel bei dir bleiben.“ Warum tut sich mir bei diesem eindeutig verdorbenen Gesichtsausdruck unweigerlich eine Hügellandschaft vor meinem inneren Auge auf?
„Du weißt aber schon, dass Verführung von hochgradig überpromillisierten Personen ganz und gar nich nett is?“
„Hab ich jemals behauptet, nett zu sein?“
Naja, wenn mans mal von der guten Seite sieht . . . ich muss wenigstens keine Angst haben durch Freund Alkohol in eine peinliche Situation bezüglich menschlicher Fortpflanzung zu geraten.
Aber trotzdem . . . irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor . . .
„Guck nicht so, ich tu dir schon nix, außer natürlich, du bittest mich darum.“
Groupies aller Welt, vereinigt euch und helft mir, diesem rattigen Grinsen kann ich nicht mehr lange Stand halten. Ich denke, ich hätte die anderen zwei Jägis, die ich ihm aus Solidarität übrig gelassen habe, doch noch selber trinken sollen. Dann wär ich jetz völlig hacke und klein Lauri würde nicht mit meinen Hormonen kleine gemeine Spielchen treiben.
„Lauri, ich fühl mich dominiert.“
„Das schadet dir überhaupt nix.“
O-kay . . .
„Wieviel schaffste denn noch? Ich hab noch fünfzig Piepen, dafür kriegste ne Vierzigjährige für ne Viertel Stunde, wennste Glück hast.“
„Ach Prinzessin . . .“
Nein . . . neineineinein, nicht am Hals küssen, da werd ich immer so . . . zahm.
„Gibst du mir den Schlüssel?“
Ich kann nur nicken, schmachten, mich dafür hassen und danach in meiner Manteltasche suchen.
„Meine Nachbarin guckt schon . . .“
Die alte Schrulle hat mal wieder nix besseres zu tun, als sich hinter ihrem vergilbten Vorhang zu verstecken und ordentlich zu spannen. Keine Kohle für gescheite Pornos, die Gute.
„Dann sollten wir ihr vielleicht mal was zu gucken geben . . .“
Es ist jedes Mal dasselbe, sobald ich betrunken bin, wird die schwarze Gestalt mutig und bringt mich schon mit einem gezielten Blick zum sabbern. Mehr als willig lasse ich mich gegen die Hauswand drücken und vergrabe fleißig meine kalten Fingerchen unter seiner hochgeschlossenen Nonnentracht. Ich wollte schon immer mal wissen, was da jetzt drunter is. Seit ich in den Sommerferien der neunten Klasse mal ne Benjamin-Blümchen-Shorts in seinem Schrank gefunden, ne Fahne draus gebastelt und die bei uns im Garten gehisst hab, bewacht er diverse Teile mit äußerster Sorgfalt.
Fühlt sich an wien Tanktop . . . Feinripp zwar, aber sogar das kann in meinem Zustand sehr sexy sein. Vorsichtig ertaste ich den Saum und grabble flink unter den Stoff, worauf ich sofort seine warme Haut spüre und er unter meinen kalten Finger herumzappelt und doch keinen Zentimeter zurückweichen will. Was macht er da mit seiner Zunge? Na egal . . . bitte lieber Gott, lass dies nicht in einem Quickie an ner kalten Hauswand enden. Das ist ersten nicht gut für meinen Rücken und außerdem sehr schlecht für Kreislauf meiner Nachbarin. Ich werd auch wieder in die Kirche gehen . . . einmal . . . irgendwann . . . spätestens wenn ich tot bin, hehe.
Verdammt, wie kann ein Mann nur so weiche Lippen haben? Ich wette, er hat immer nen Labello in seiner Tasche . . . theoretisch könnte ich ja nachgucken, aber meine Hände beschäftigen sich gerade mit dem Gummibund, der sich anscheinend ein Stücken über seine Baggies schiebt und dabei will ich sie auf keinen Fall stören.
Viel lieber konzentriere ich mich auf Lauris Daumen, der vorsichtig über meine vor Kälte brennenden Wangen streift und eine Spur aus Feuer hinterlässt.
„Meinst du, das reicht ihr?“ Seine Stirn ist gegen meine gelehnt . . . sein Atem hat immer noch diese feine Rotweinnote . . . Alkohol, überall, ich ertrinke.
„Gehen wir hoch?“
„Keine Gegenfragen.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nagut . . .“
„Lang hast du aber nich dominiert.“ Hach, das hat jetz aber gut getan.
„Halt die Klappe.“
„Nur, wenn du für mich mitdenkst . . .“
„Ich schlaf auf dem Bettvorleger, okay?“
„Okay . . .“
„Schlüssel?“
„Lauri, ich muss dir was sagen . . .“
„Was denn? Schlüssel vergessen?“ Er bepisst sich anscheinend fast über diese absurde Vorstellung . . . ich meine, es ist drei Uhr morgens, arschkalt, da hat man eben seinen Wohnungsschlüssel dabei . . . ich bin aber nicht man.
„Jap . . .“
„Wie jetz?“
„Hab ihn wohl in der Aufregung oben liegen lassen.“
„Du . . . du hast ihn oben liegen lassen?!“
„Mhmzz . . .“
„Und ein Bruder ist nicht da?“
„Niente.“
„Und wir müssen jetzt durch die halbe Stadt zu mir nach Hause dackeln?“
„Naja, um die Ecke isn Stundenhotel . . .“
„Aliisa!“
„Was? Da gibs bestimmt auch Bettvorleger.“
Ich kanns nicht haben, wenn er „Aliisa!“ sagt . . . das hat meine Ma immer gemacht, wenn ich mal wieder irgendwas kaputt gemacht, vergessen oder ausgeplappert hab . . . und sie tut es heute noch.
„Du bist echt n hoffnungsloser Fall.“
„Danke gleichfalls.“
„Zu mir?“
„Na zu mir is ja schon flachgeflogen, das Hotel willst du anscheinend nicht und hier vor der Tür isses leicht kalt zum Schlafen. Wir können natürlich auch bei meiner schlaflosen Nachbarin klingeln und um ein Plätzchen in ihrem Bett bitten.“
„Ähhhhhhh, ich hab genug von alten rattichen Weibern, lass uns verschwinden.“
Mit diesen Worten werde ich zurück in die kalte, von alkoholisierten Menschen wimmelnde Stadt gezerrt und frage mich ernsthaft, ob ich wirklich schon wieder eine Nacht in Lauris Bett verbringen will. Die Sonnenblume hab ich immer noch, sieht zwar inzwischen eher aus wien verschrumpelter Sellerie, aber ich hab sie noch. In meinem eigenen Bett hab wenigstens ich das Kommando, da hätte ich mich wenigstens ein bisschen sicherer gefühlt, aber dank meiner Vergesslichkeit darf ich mich jetzt ganz auf meine Gabe, alles kaputt zu machen verlassen.
Seufzend lasse ich mich gegen meine wandelnde Gehhilfe sinken, die das prompt als Aufforderung sieht, mich freudig an sich zu pressen, sodass sich sofort ein gewisses Schraubstockfeeling bekomme. Dass der Mann kein Krafttraining macht, kann er der Tussi im Wäscheladen erzählen, aber nich meinem Oberarm inklusive Rippen. Okay, so schlimm ist es auch wieder nicht . . .

Chapter 64

„Aufstehn, Dicker. Die Arbeit ruft!“
Fröhlich schmiss Aki seinen Schlüsselbund in die Ecke und schmiss die Wohnungstür hinter sich zu. Paul hatte ihn gestern Abend angerufen und ersteinmal fünf Minuten wirres Zeug gelabert, bevor sein Gegenüber endlich verstanden hatte, dass er nachts eine phänomenale Idee für einen Song gehabt hatte und am liebsten sofort alle Rasnüsse eingesammelt und sie zum Jammen in den Probenraum gekarrt hätte. Aki hatte sich aber an besagtem Abend schon mit Arbeit in Form einer gutaussehenden Blondine eingedeckt und hatte sein Bandmate solange zugequasselt, bis dieses mit einem Knurren zugestimmt hatte, die Session auf den nächsten Morgen zu verlegen.
Gut gelaunt und stolz über seine nächtliche Glanzleistung hüpfte Aki durch Lauris Küche, schmiss eine neue Filtertüte in die Kaffeemaschine und schaltete das Radio an, bevor er den Kühlschrank aufriss, um sich gierig ein paar Scheiben Käse in den Mund zu schieben. Danach räumte er mit einer Handbewegung das dreckige Geschirr, das merkwürdigerweise jetzt schon auf der Anrichte stand, in die Spüle und streckte den Kopf zur Tür hinaus.
„Mach weiter, Alter. Tonni macht dich nen Kopf kürzer und dann musst du wieder neue Schuhe kaufen.“
Über seinen eigenen Witz lachend spülte er den Käse mit einem halben Liter Cola hinunter und beschloss schließlich, seinen Kumpel lieber persönlich aus dem Bett zu zerren, bevor es später noch einen Bandbattle gab. Für den langen Weg in Schlafzimmer griff er sich vorher noch das Nutellaglas als Proviant und einen riesigen Salatlöffel dazu.
„Jetzt steh endlich auf, du Sack.“
Mit Schwung riss er die Tür auf, lehnte sich grinsend in den Türrahmen und beobachtete den schwarzen Wuschelkopf, der sich knurrend unter dem Kopfkissen versteckte.
Genüsslich legte sich Aki die letzten Schokoreste von den Lippen, stelle das Glas auf dem Schrank ab und ging schließlich um das Bett herum, um sich seitlich daneben zu knien.
„Soll ich erst wieder das Wasser holn?“
Als Antwort kam nur ein mürrisches Brummen und ein schlecht koordinierter Tritt zur Seite zurück.
„Na gut . . .“ Bis über meine Ohren grinsend richtete er sich wieder auf und packte die Bettdecke am hinteren Ende.
„1 . . .“
„ . . . 2 . . .“
„ . . . 3!“
Mit einem Ruck zog er an und warf das Teil triumphierend in die Ecke, bis sein Blick auf das Bett fiel. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er stieß einen spitzen Schrei aus, bevor er die Bettdecke wieder packte und sie zurück auf die Matratze warf.
„WAS ZUM TEUFEL MACHST DU HIER???“
„Wie wärs mit schlafen?“
„NACKT!?“
„Ich hab vorhin geduscht.“
Brummend zog Aliisa die Decke an sich und blinzelte Aki über den Rand hinweg an.
„Aber, aber, aber . . . wo isn Lauri?“
Vorsichtig und völlig perplex pflanzte er sich ans Bettende und starrte sich fassungslos an.
„Keine Ahnung, frag die Nelken.“
Mit einer Kopfbewegung zeigte sie zu dem riesigen Strauß roter Nelken der auf den Nachttisch lag und angelte sich schließlich das Handtuch, mit dem sie sich vorhin noch ein bisschen ins Bett gelegt hatte und dann wieder eingeschlafen war.
Mit hochrotem Kopf starrte Aki in die Ecke und wartete, bis sie aus dem Bett gekrochen und sich das Handtuch umgewickelt hatte, bevor er sich vorsichtig wieder umdrehte.
„Was . . . was ist denn jetzt mit euch?“
„Frag mich doch nich solche Sachen, Aki.“
„Aber, ich mein . . . habt ihr denn . . .“
„NEIN!“
„Hätt ja sein könn . . .“
„Hätte.“
„Und gestern . . .?“
„Ne-hein!“
„Und jetzt weißt du nicht, ob . . .“
„Jap.“
„Hat er denn . . .“
„Nein.“
„Willst du . . .“
„Aki, ich weiß doch nicht. Es ist immer dasselbe, ich betrink mich, dann knutschen wir rum und am nächsten morgen wache ich in diesem Bett hier mit n paar Blumen und nem Frühstück auf.“
„Oh . . .“
„Man, du bist echt ne große Hilfe.“
„Es kommt nun mal nich sooft vor, dass mein bester Freund was mit meiner besten Freundin hat und die beiden nichmal wissen, ob überhaupt und wie und warum und was weiß ich noch alles. Seh ich aus wie Doktor Sommer?“
„Ach Hattu . . . Alles scheiße.“ Seufzend ließ sie sich neben ihm nieder und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
„Ich weiß doch, Kleines.“ Vorsichtig legte er seinen Arm um ihre Schultern, aber dann fielen ihm plötzlich wieder Nörgel-Pauli und seine grausamen Strafen ein.
„Wenn du willst, kannst du mit zum Jammen kommen . . . oder . . . willst du ihn nicht sehn?“
„Ihr jammt heute Abend.“
„Höö?“
„Mit den Blumen bekomm ich immer ne Nachricht wo ich als nächstes antanzen soll, das wird dann wieder n Beste-Freunde-Treff, das nach und nach zum feuchtfröhlichen Date wird. Und ich dumme Kuh komm natürlich jedes Mal brav angetanzt.“
„Das heißt also, ich muss Pauli jetz verklickern, dass er seine glorreiche Idee nochn bisschen für sich behalten muss?“
„Nimms nich so schwer, ich zieh mir was an und fahr euch zu McDonalds, das wird ihn besänftigen.“
„Okay, aber . . .“
„Ja?“
„Du musst dir nich unbedingt was anziehn . . .“

„McDrive!“
„Nein, wir gehen rein!“
„McDrive, ich fahr schließlich.“
„Dann lass mich.“
„Ruhe jetzt, wir gehen NICHT rein.“
„Biiiiiiiiitteeeeeeeeee!!“
„Lauri gibt dir auch n Küsschen.“
„So, das wars. Hinsetzten, wir fahrn nach Hause.“
„Aber Aliisa, Schnuckibaby, das kannst du doch nicht machen.“
Zwei Drummerarme schlingen sich von hinten um meinen Hals und grabbeln versöhnend über meine Schultern . . . tiefer . . . und noch tiefer.
„Dann pass mal auf, Akischnuckibaby.“
Knurrend will ich mich aus dem Klammergriff winden und nach der Handbremse lösen, aber da zeigt sich plötzlich mal wieder, was für eine Gedankenübetragung in dieser Band doch herrscht. Ich habe den Griff noch nichteinmal richtig in der Hand, als ich plötzlich von hinten gegen den Sitz gezerrt werde und Pauli sich todesmutig der Aufgabe widmet, meine Arme ruhig und möglichst weeeeeit weg von der Bremse zu halten. So wie die beiden das machen, müssen sich ganz eng hintereinander auf dem Rücksitz knien . . . oh mein Gott . . .
„Du wirst doch deine besten Freunde nicht zwingen, im Auto zu essen, oder? Wo sind denn deine Maniern?“
„Hab ich verlorn als ihr mich vorhin in diesen Sexshop gezerrt habt. Ich bin immer noch erschüttert auf was für Zeugs ihr beide doch steht . . .“
„Och, da gewöhnst du dich schon dran, Lauri mag den Laden nämlich auch . . .“
Hysterisches Gekicher von der Rückbank, jetzt reichts. Mit einer blitzschnellen Bewegung nutze ich ihre Unaufmerksamkeit aus und greife zum Türgriff, ich kann mich sogar fast losreißen, aber im letzten Augenblick setzt der Rasnussinstinkt wieder ein und ich werde brutal zurück auf den Sitz gezerrt. Ich quieke protestierend und gebe es auf, mit den beiden durchgeknallten Fastfoodjunkies zu diskutieren, stattdessen strample ich wild um mich und versuche nach hinten zu kommen, ums den beiden Kleinen mal ordentlich im Schritt knallen zu lassen.
Gerade habe ich mich so schön in Akis Arm festgebisen, als die hintere Tür aufgerissen wird und ein paar gutaussehende, große, stramme, braungebrannte, dunkelhaarige, braunäugige, muskolöse . . .
„Liisa!! Sag denen sie solln uns loslassen!“
. . . Typen Pauli und Aki aus dem Auto zerren und stolz wie ein Angler seinen Monsterfisch in die Höhe halten.
„Gaben die beiden Sie belästigt, Lady?“
Der größere von den beiden schenkt mir ein besorgtes Zahnpastalächeln und ich fühle, wie mein Hirn langsam auf Sparflamme zurückfährt und Blut in andere Gegenden schickt.
„Ja, das tun sie öfter . . . eigentlich ständig.“
Gott, wenn ich nicht aufpasse, fang ich noch an zu sabbern.
„Aber Aliisa!!“
Aki kreischt und wedelt entsetzt mit den Armen, trifft dabei Pauli im Gesicht und wird schließlich von Mrs Universum Nummero zwei in den Schwitzkasten genommen. Ohhhhhhh, die dürfen ruhig nochn bisschen leiden, ich hab grad andere Sachen zu tun.
„Sie verfolgen Sie!?“
„Ja, kann man so sagen. Die folgen mir überall hin, zwingen mich, mit ihnen in unanständige Geschäfte zu gehen und verlangen schreckliche Sachen von mir.“
Schluchz . . . komm schon, ein Tränchen wirst du dir ja wohl noch abquetschen können . . . jaaa, JETZT hat er wirklich Mitleid mit mir armen, schwächlichen Frau.
„Oh Gott, das ist ja schrecklich. Ich verständige sofort die Polizei.“ Mr Fick-mich-tot-auch-ohne-Sonnenbrille zückt noch eine Spur besorgter sein Handy, aber ich nehme schnell und sanft seine Hand und schiebe sie zurück in die Tasche. Uhhhhh, der Kerl lässt sich mainküren . . .
„Schon okay, irgendwie sind sie mir ja ans Herz gewachsen. Ihr könnt sie loslassen.“
Die beiden werfen sich verwirrte Blicke zu, aber schließlich lassen sie die beiden Quälgeister wieder auf den Boden und entfernen sich auf mein strahlendes Lächeln hin dezent.
„Musste das jetzt sein?“ Knurrend tastet Aki seinen Hals auf eventuelle Quetschungen ab während Pauli nur wie ein bedröppeltes Hühnchen dasteht und den beiden hinterstarrt, als wäre er gerade von Außerirdischen zur überirdischen Fortpflanzung gezwungen worden.
„Gehen wir jetz rein oder wollt ihr lieber nochn bisschen motzig sein und rumbocken?“
Drummerschlumpfie brummt nur wieder in sein Miniaturbärtchen und stampft beleidigt voran, während der Mr Rantasalmi ganz einen auf Gentleman macht und es auf die Schleimtour versucht. Mir wird die Tür aufgehalten, ich werde um Pfützen und andere Gefahren wie herumliegende Papierfetzen herumgeschifft. Wenn Aki jetzt noch sein doppeltes McFlurry mit Smarties bekommt, kann ich mich wieder auf mein eigentliches, kleines, schwarzes Problem konzentrieren . . . ich denke, es hat sich eine Bonuskarte in der Gärtnerei angeschafft.

[same morning, otherwhere in Helsinki . . . ]

Was zum Teufel bringt mich dazu, jeden Tag um sieben Uhr morgens aus einem schönen warmen Bett zu kriechen und durch halb Helsinki zu latschen nur um ein paar nette Blümchen zu kaufen? Nein, es dürfen keine von der Tanke sein, es müssen die tollsten und schönsten und besten aus der ganzen Stadt sein, sonst dreh ich spätestens nach fünf Minuten reumütig um, werf das Billiggemüse in den Straßengraben und hetze zum nächsten Florsiten.
Wäre es nicht viel einfacher, einfach von selber aufzuwachen und die Situation dann wie ein erwachsener Mensch zu meistern? . . . neineineineinein, dann müsste ich ja irgendwas sagen . . . neben halbnackten Frauen aufzuwachen ist ja so schon nicht ohne, aber dann auch noch ihren Namen zu wissen ist gleich doppelt schlimm. Was sagt man denn da bitte?
-Morgen, Lizy, cool, dass du noch da bist, aber na ja, mein Zimmer ist ja auch kein Probenraum, muahahahah.-
Ich bin son verdammter Feigling . . . Aki würde das alles ganz anders machen . . . der würde seine Schnecke gleich ma knallen um den neuen Tag zu begrüßen oder so. Und ich flirte mit nem Strauß Nelken . . . wie erbärmlich.
Seufzend spiele ich mit dem Plastik, in das die Blumen eingepackt sind und sehe hinüber zu dem kleinen Spielplatz, wo die Jungs und ich immer rumhingen. Schön weit weg von unseren Eltern, am anderen Ende der Stadt, damit uns niemand beim Kiffen erwischt. Liisa und ich waren auch oft alleine hier, nur reden, ohne Jannes, die sich mit ihren Haaren im Karussell verheddert hatten, ohne Akis, die nahe dran warn, das Spielhäuschen abzufackeln und ohne Paulis, die völlig bekifft in den Sandkasten gepinkelt haben . . . Eero hätte uns nicht wirklich gestört, aber mit ihm konnte ich eher über die Dinge reden über die ich mit Liisa nie reden konnte . . . über Liisa zum Beispiel.
Ich denke, er hat es immer gewusst. Schließlich hat er es jedes Mal fast gleichgültig hingenommen, wenn wir mal wieder Krieg gegeneinander geführt und uns gegenseitig fertiggemacht haben. Er war der Einzige, der kein bisschen erstaunt war, als ich sie in dieser Nacht einfach geküsst hab . . . irgendwie kommt plötzlich alles wieder hoch. Dieser Blick, der mich durch ihre regennassen Haare trifft. So furchtbar offen und verletzlich . . . alles, was ich ihr in den vergangenen Jahren angetan hab, hatte sich daran wiedergespiegelt. Ich denke, ich weiß wieder, warum ich mitten in der Nacht mit dem Gemüse hier durch die Stadt latsche. Es wäre zu schnell, wir brauchen beide unsere Freiheit . . . die Freiheit einfach gehen zu können. Ich will einfach nicht am Morgen die Augen öffnen, sie ansehn und irgendetwas sagen müssen, nur damit irgendwer irgendetwas sagt. Vielleicht würde sie so wie früher reagieren, einfach die Notbremse ziehen, die Tür hinter sich zuknallen und abhaun.
Seufzend latsche ich rüber auf die andere Straßenseite und lehne mich an einen der bäume, die den Spielplatz einzäunen. Damn, gleich werd ich sentimental . . .
Hinter der Wippe tauchen plötzlich ein paar Kinder auf, komischerweise nur ein kleines Mädchen und sonst nur Jungs. Die Kleine hat einen riesigen, buschigen Zweig in der Hand und kloppt damit fleißig auf die Jungs ein. Ich muss grinsen, irgendwie erinnert sie mich an Liisa. Mit einer hellen, motzigen Stimme brüllt sie die anderen an und verpasst jedem, der ihr zu nahe kommt einen Hieb mit ihrem Stöckchen. Irgendwie kann ich mich nicht von der Situation losreißen und sehe zu, wie sie jetzt wieder zu laufen beginnt, über eine der Wippen springt und sic irgendwie ängstlich nach hinten umsieht. Dabei stolpert sich über den Rand des Sandkastens und fliegt mit dem Kopf voran hinein. Die anderen beginnen zu lachen, mit ein paar Schritten sind sie bei ihr, ziehen sie hoch und schubsen sie einem großen, kräftigen Jungen in die Arme, der ihr sofort die Hände auf den Rücken drückt. Irgendwie kommt mir dieses Spiel ziemlich komisch vor . . .
Der kleinste Bande und anscheinend der Anführer ( hach, das kenn ich doch) quäkt den anderen etwas zu, worauf diese in schallendes Gelächter ausbrechen und anfangen, in den Taschen der Kleinen rumzuwühlen und alles rauszuräumen, was irgendwie interessant aussieht. Jetzt erinnert sie mich umso mehr an Liz, sie strampelt und schreit, beißt dem großen in die Hand, als er ihr den Mund zuhalten will. Okay, Anti-Hero hin oder her . . .
Okay, und was schreit man jetz in soner Situation? Einfach nur Hey . . . oder Lasst das Mädchen in Ruhe? Fuck, das hört sich alles scheiße an, was mach ich denn jetzt?
Glücklicherweise löst sich mein Problem einen Augenblick später, denn ich wurde anscheinend bemerkt und entweder als der schwarze Mann persönlich oder als mutierter Maulwurf erkannt. Jedenfalls quäkt der Winzling hektisch irgendwas in die Runde und im nächsten Moment sind sie schon durch die Hecke zurück auf die Straße verschwunden.


Die Kleine schreit ihnen Dinge hinterher, für die mich meine Ma einmal Schleuderdurchgang in die Waschmaschine gepackt hätte, fuchtelt wild um sich und dreht sich schließlich zu mir um. Ihre Augen funkeln mich wütend an und sie stemmt die schmalen Ärmchen in die Seite, als wollte sie mir gleich nen KO-Schlag gegens Kinn verpassen.
„Was bildest du dir eigentlich ein, dich hier einzumischen!? Ich wär auch alleine mit den Deppen fertiggeworden. Und überhaupt, wer bist du eigentlich? N arbeitsloser Schornsteinfeger?“
Hat die das jetzt wirklich zu mir gesagt? Ihr Blick fällt auf den Blumen, die ich immer noch in de Hand halte und wird noch ein bisschen abfälliger.
„Na ich seh schon, typisches Weichei. Für wen sind die, für deine Mama? Du wohnst doch noch bei deiner Mama, oder?“
„Nein, die sind für jemanden, an den du mich grade ziemlich erinnerst.“
„Hey, ich bin sechs.“
„Und?“
„Wenn du ne sechsjährige Flamme hast, dann tust mir wirklich leid.“
„Sie ist nicht meine Flamme!“
„Achso, du bist also tierisch in sie verknallt, aber sie will nix von dir.“
„Sag mal . . .“
„Blabla, wie auch immer. Ich weiß schon, was du sagen willst. Spars dir und bring mich lieber nach Hause.“
„Nach Hause?“
„Na klar. Wenn du schon unbedingt so tun willst, als ob du mich gerettet hast dann musst du mich auch nach Hause bringen und dich bei meiner Ma einschleimen.“
„Wie wärs, wenn du einfach mal die Klappe hältst?“
„Warum sollte ich?“
„Weil ich dir sonst meine Mütze über den Kopf zieh und dich ins Meer werfe.“
„Na schön, du hast gewonnen. Ie eklige Mütze will ich nicht aufsetzen, du hast bestimmt Schuppen oder so.“
„Hab ich gar nicht und jetz komm, die Blumen sind wahrscheinlich eh schon halb erfrorn.“
Seufzend nehme ich die kleine Hand, die sie mir entgegenstreckt und so laufen wir eine Weile schweigend nebeneinanderher. Erst muss ich die Blumen nach Hause bringen, sonst wacht Liisa noch vorher auf und das wäre sooo peinlich . . .
„Ist sie hübsch?“
„Wer?“
„Na deine Tussi, du Nixchecker.“
„Sie ist keine Tussi! Aber wenn du schon fragst: ja, sie ist sogar sehr hübsch.“
„Und warum geht sie dann mit jemandem wie dir aus?“
Kichernd hüpft sie neben mir her, während ich in meinen Kragen brumme und es schon bereue, mal was Gutes getan zu haben.
„Wir waren früher beste Freunde und jetzt . . .“
„Jetzt hast du dich in sie verschossen und du weißt nicht, ob sie auch in die verknallt ist.“
„Ich glaub, du guckst zu viele Talkshows . . .“
„Frag sie doch, ob sie Weihnachten mit dir verbringen will.“
„Wie meinst du das?“
„Wenn sie ja sagt, dann mag sie dich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen auch.“
„Meinst du wirklich?“
Wie tief muss man sinken um sich von sechsjährigen Beziehungstipps geben zu lassen?
„Klar . . .“
Wir biegen in meine Straße ein und ich trichtere der Kleinen ein, sich nicht von der Stelle zu bewegen, bis ich wieder zurückbin.
Schnell rase ich die Treppen hoch, mache erst vor meiner Wohnung halt und schlüpfe so leise wie möglich in den kurzen Flur.
Bitte schlaf noch . . .
Ganz langsam drücke ich die Klinke der Schlafzimmertür nach unten und strecke vorsichtig den Kopf durch den schmalen Spalt. Sie schläft tatsächlich noch, ihre dunklen Haare hängen ihr völlig verwuschelt ins Gesicht und kitzeln beim Atmen manchmal ihre Nasenspitze, so dass sie sie ab uns zu leicht kräuselt. Lächelnd knie ich mich neben das Bett und strecke die Hand aus, um ihr die Strähnen sanft aus dem Gesicht zu streichen. Gott, sie riecht so gut, was würde ich dafür geben, sie jetzt einfach küssen zu können. Nicht darüber nachdenken zu müssen, was wohl passiert, wenn sie aufwacht. Mich einfach an sie kuscheln und meinen Kopf in ihre Halsbeuge zu legen . . .
Stattdessen streife ich nur sachte mit dem Daumen über ihre warmen Lippen und lege die Blumen neben sie auf den Nachttisch, bevor ich wieder hinausschleiche und die Treppe hinunterrase. Die kleine sitzt immer noch draußen und grinst mich breit an.
„Gott, du bist ja so verknallt, dass es schon wehtun muss.“
„Du weißt ja gar nicht, wie Recht du hast.“
Komischerweise kommt diesmal kein spitzer Kommentar zurück, sie lässt sich brav an der Hand nehmen und erklärt mir sogar, wo sie wohnt.
Wenn Pauli mir nachher nicht den Kopf abreißt, werd ich vielleicht sogar tun, was sie mir gesagt hat . . .


Chapter 65

„HEY!“
„Hö?“
„Hast du nicht was vergessen, mein Bärchen?“
Abwartend stemme ich die Arme in die Seiten und zeige mit ausgestrecktem Arm auf mein armes, kleines Auto, das immer noch die Spuren der Verwüstung durch zwei kleine Rockerkekse enthält.
Pauli dreht sich verwirrt um, glupscht mich an und umklammert seine Gitarre vorsichtshalber . . . die nehme ich ihm nämlich regelmäßig weg, wenn er Müll in meinem Territorium hinterlässt.
„Willst du n Bussi?“
„Nein, ich will, dass deinen angefressenen BigMac von meinem Rücksitz nimmst.“
„Kann Aki das nicht machen?“
„ICH fasse diesen Matsch von toten Kühen nicht an!“
„Deine dusslige SalatsPlusTüte im Kofferraum zu verstecken war übrigens ne schlaue Idee, Aki. Aber leider hast du vergessen, dass ich dich zuuuuuuuu gut kenne, um das nicht zu checken.“
„Och manno. . . „
„Guck, Hattu versteckt seinen Müll sogar, er belügt und betrügt dich. Kann er nicht zur Strafe das ganze Zeug aufräumen?“
Sorgfältig schiebt er seine Gitarre auf eine Mauer, die zu hoch ist, als dass ich dran kommen könnte und kommt mit lieb blinzelnden Äugelchen auf mich zugewatschelt.
„Das is unfair! Ich hatte nur nen kleinen Salat und jetzt soll ich seine abgenagten Knochen wegräumen!?“
„Aki, bei McDonalds gibt’s keine Knochen. Das ist alles der selbe Dreck, die machen nurn bisschen Farbe dran und fertig. Was glaubst du, was die Croutons in deinem Salat waren?“
„Liisa, hör auf . . .“
„Mit den Teilen is son armes kleines Schwein vielleicht mal über saftige Wiesen gehoppelt.“
„ALIISA!“
„Nimm deinen Kram aus meinem Auto und ich bin friedlich.“
„Nimmst du meins auch mit? Bistn Schatz, Haki- Maus!“ Pauli hat sich in Zwischenzeit mit seiner Gitarre aus dem Staub gemacht und winkt uns vom Eingang des Probenraums strahlend zu. Schlau isser ja schon . . .
„Wieso muss ich immer alles alleine machen, das is sooooooooooo unfair!!“
„Na weißt du, die andern drei machen eben die Ideen und du . . .“
„Ich darf halbe Rindviecher aufräumen, ganz toll.“
„Na komm schon, ich helf dir auch . . . Haki- Maus.“ Ich will nicht wissen, was die nachts im Tourbus treiben . . .
„Wenn du keine nächtlichen Orgien mit unserem werten Checkerpilz veranstalten würdest, hätten wir das Problem jetzt nicht.“
„Man, jetzt piss dich doch nich so auf, es sind nur drei lumpige Tüten . . . . außerdem war das keine Orgie!“
„Ich musstet ja dann unbedingt noch was mitnehmen . . . wir hätten ja unterwegs verhungern können . . . Ne, ich dachte halt nur . . . is ja ganz normal, dass man nackt in fremden Betten rumliegt.“
„DU wolltest auch unbedingt deinen blöden Milkshake! Und ich hatte grade geduscht!“
„Das brauch ich für meinen Teint! Duschen nennt man das heutzutage also . . .“
„Aki, ich hab nicht mit Lauri . . .“
Die Leute, die auf dem Gehsteig vorbeilaufen starren mich an, als wollten sie auch gerne wissen, was ich denn nicht mit Lauri gemacht hätte. Ich sollte auf meine Stimme achten . . .
Aki kichert sich derweil eins und befördert endlich den Müll in die Tonne, sodass ich mein Auto abschließen und in den Schatten des Hauses flüchten kann.
„Is ja gut, ich weiß es . . . und der Rest von Helsinki auch.“
„Ja ähm, gut . . . mir fällt da grad ein, ich müsste noch was besorgen . . .“
„Es ist Sonntag.
„ . . .in der Apotheke.“
„Bist du schwanger?“
„A-KI!“
„Jaja, sorry.“
„Also ich bin dann ma wech.“
„Ne, du kommst jetzt mit rein. Lauri frisst dich schon nicht.“
„Bitte, ich kann das nicht . . .“
Mit dem mitleiderregensten Blick, den ich zu bieten habe, gehe ich langsam rückwärts, entferne mich mehr und mehr von der gefährlichen Tür und nähere mich gleichzeitig meinem sicheren Auto.
„Wenn du jetzt gehst, ist unsere Freundschaft Geschichte.“
„Ich stör da doch eh nur.“
„Mich störst du nicht, für nen Keks is Pauli alles egal, für Eero gilt ins Bezug auf Tee dasselbe und Nalle hat dich schließlich eingeladen. ALSO?“
„Was soll ich denn sagen?“
„Sag doch einfach sowas wie das, was du gesagt hast, als ihr in den letzten Tagen zusammen wart.“
„Das is doch was ganz anderes. . . . meistens war es dunkel und ich war betrunken!“
„Maaan, dann dimmen wir das Licht n bisschen und ich geb dirn Bier.“
„Aki, ich . . .“
„KOMM JETZT!“
Fuck: Aki= Drummer = Muskeln. Aua, mein Handgelenk. Erbarmungslos werde ich durch ein paar düstere Gänge geschleift und schließlich in eine Ecke gepackt, von wo aus man durch eine Glasscheibe drei Rasnüsschen bei der Arbeit beobachten kann. Sie sitzen im Kreis auf dem Boden, jeder seine Gitarre in der Hand und kritzeln von Zeit zu Zeit etwas auf einen zerfledderten Block. Süß, wie im Bibelkreis . . .
Plötzlich bemerkt Pauli mich und zwinkert grinsend in meine Ecke, sodass ich mich noch ein bisschen tiefer vergrabe, um ja nicht von einer gewissen Person gesehen zu werden. Wenn der BigMac- Junkie gelabert hat, bring ich ihn um . . . Offiziell bin ich nämlich gar nicht da.
Das bläue ich auch Aki hektisch und wild gestikulierend ein, ich flüstere sogar, obwohl man durch das Glas eh nicht hören kann, was im anderen Raum passiert. Der Mann mit den Armen aus Stahl nickt und grinst nur, dann packt er irgendwelche pervers aussehende Teile und legt einen kleinen Schalter um, bevor er rüber zu den anderen geht. Geil, jetzt kann ich mithörn . . .
Die Zeiten, in denen ich dachte, Proben sei anstrengende Arbeit, sind entgültig vorbei. Meine Uhr sagt mir, dass es bereits nach zwei Uhr morgens ist und mein Nacken fügt hinzu, dass es in dieser Ecke allmählich scheiß unbequem wird. An der Decke hab ich vor ein paar Stunden diesen Spiegel entdeckt, sodass ich zu den vier Jungs rübergucken kann, die aber nicht zu mir. Nur blöd, dass das Teil so weit oben hängt und ich hier unten hocke . . .
In regelmäßigen Abständen kommen Aki, Pauli oder Eero an mir vorbeigewatschelt, holen sich Bier oder Ingwertee und flitzen dann mit verkniffenen Gesichtern Richtung Befreiungshalle. Ich werde immer nur blöd angegrinst, oder mir werden im Vorbeigehen gemeine Bemerkungen zugezischt. Einzig und allein der Master der Nagetiere sitzt seit geschlagenen sechst Stunden hinter der Glaswand und weigert sich anscheinend strickt, seine Gitarre aus der Hand zu legen. Dabei machen die da drin höchsten alle halbe Stunde was Vernünftiges. Die meiste Zeit erzählen sie sich lustige Geschichten von Frauen, Alkohol und anderen wichtigen Dingen des Lebens. Ich bemühe mich, nicht so genau hinzuhören.
Irgendwann ziehe ich mir eine flauschig aussehende Decke aus einem der unteren Regale und grabe mich darin ein, bis nur mein Kopf rausguckt und mein rücken aufhört, so schrecklich weh zu tun. Warum gehe ich nicht einfach? Darein oder nach Hause? Weil ich im Grunde feige wie ein rosa Plüschhase bin, große Klappe und nix dahinter . . .
Ich will mir gerade das letzte bisschen Selbstbewusstsein ausreden, als Lauri etwas Merkwürdiges tut. Er guckt auf die Uhr, dann aus dem Fenster und anschließend eine gute Minute lang traurig und nachdenklich auf den Boden. Wegen mir vielleicht? Nein, wahrscheinlich ist ihm nur gerade etwas saumäßig Tolles eingefallen und er hats vergessen, weil Aki so geräuschvoll in sein Salamibrötchen gebissen hat. Das wird’s sein, ganz genau.
Halb drei, langsam werde ich echt verdammt müde. . . Die harten Rocker überfällt ebenfalls die Melancholie, sie spielen nur ein paar einfache Akkorde, Lauri summt leise dazu und es hört sich so wunderschön an, dass ich wahrscheinlich losheulen würde, wenn ich nicht so unendlich müde wäre.
Drei Uhr morgens, Zeit die Beherrschung zu verlieren, Schlafen ist schön.

„Du hättest ja wenigstens Mal Hallo sagen können.“
Blinzelnd öffne ich die Augen und starre in den milchigen Dampf, er sich kräuselnd im Raum verflüchtigt.
„Hallo.“ Sage ich zu der bunten Kaffeetasse, die vor meinen Augen schwebt und greife wie im Delirium danach. Vorsichtig nippe ich daran und verbrenne mir die Zunge, wie jedes Mal, wenn ich versuche, etwas einigermaßen Warmes zu mir zu nehmen. Aki sagt immer, ich wäre einfach zu gierig . . . das sagt grade der Richtige.
„Aua, heiß.“
„Japp, normalerweise pustet man erst mal, bevor man sich das Zeug hinter die Kante kippt.“
Boa, is das ne fiese Tasse.
„Guck, so.“ Mir wird mein schöner Kaffee weggenommen und gemeinerweise der Dampf ins Gesicht geblasen, worauf ein gehässiges Kichern folgt.
„Spät?“
„Japp.“
„Genauer?“
„Sehr spät.“
„Arschkeks.“
„Zicke.“
„Kaffee her.“
„Geht’s auch netter?“
„Ähm . . . nö?“
„Nagut, böse Mädchen kriegen keinen Kaffee.“
„Du bist gemein.“
„Du auch.“
„Wieso?“
„Ich hab die ganze Zeit wertvolle Gehirnzellen damit verschwendet, mir Gedanken darüber zu machen, warum du mich nicht mehr sehn willst.“
„Sollen wir n Kreuzworträtsel machen? Vielleicht bekommst du neue.“
„Weich mir gefälligst nicht aus.“
„Wie sollte ich denn? Ich sitz hier in der Ecke und du und der Kaffee, ihr versperrt mir den Weg.“
„Du kannst ja gehen, wenn du willst.“
„So war das nicht gemeint . . .“
„Wie denn dann?“
„Ich hab mich nicht getraut.“
„Hallo zu sagen?“
„Mhmm . . . ich kann nicht mit dir reden, wenn ich nicht betrunken, müde oder im Dunkeln stehe.“
„Vielleicht wärs maln Anfang, wenn du mich angucken würdest.“
Langsam hebe ich den Blick von der dampfenden Tasse und erschrecke über die zwei müden Augen, die mich aufmerksam mustern. Noch nie in meinem ganzen Leben hat es so einen intensiven Blick zwischen uns gegeben . . . und das ausgerechnet jetzt, nachdem ich mich den halben Tag vor ihm versteckt hab.
„Hey, Lauri . . .“
„Morgen, Prinzessin. Magst du frühstücken?“
„Klar.“ Ich nehme dankbar seine Hand und lasse mich mehr hochziehen, als dass ich aufstehe, mein Rücken hasst mich. Wir stehn uns gegenüber und ich versuche dummerweise, nocheinmal so in seine Augen zu sehen, aber er weicht mir aus. Ich durfte das sehen, was ich sehen sollte, nicht mehr und nicht weniger. Eigentlich sollte ich es wissen, wie sehr er es hasst, zu Blickkontakt gezwungen zu werden, aber es ist, wie wenn man seine erste Zigarette raucht. Man will mehr, weil es so aufregend ist und ist dann maßlos enttäuscht, wenn es nicht so wird, wie man es sich ausgemalt hat.
„Du bist wie ne Zigarette . . .“
„Was?“
„Ich hab nur laut gedacht.“
„Aki hat wieder Rum in den Kaffee.“ Erwidert er seufzend und umfasst vorsichtig meine Schultern um mich in die richtige Richtung zu manövrieren. Zwei Räume weiter erwarten uns drei müde, aber grinsende Rasnüsse, die sich aber zu ihrem Glück dumme Kommentare sparen und sich lieber um den Haufen Donuts kümmern, der anscheinend unbedingt vernichtet werden muss.
„Es ist übrigens halb sechs.“
Erstaunt sehe ich ihn an, aber er scheint mich völlig zu ignorieren, bis ich sein Knie unter dem Tisch spüre, das sich sanft an meinen Oberschenkel schmiegt.
„Danke . . .“

Vier fettige Schokodonuts und drei Tassen Kaffee später sinke ich vollgefressen in mich zusammen und studiere müde Rasnüsse. Eero hat seinen Tee mit einem Filter abgedeckt, damit der nicht nach unserem „widerlichen und ungesunden“ Kaffee stinkt, nebenbei liest er Zeitung, meditiert und knabbert Ingwerkekse. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, er sei ein Guru von irgendeiner Sekte und hätte sich gerade erst aus seinem Hanfbettchen erhoben.
Bei Pauli sieht die Sache schon sehr viel menschlicher aus. Er liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Tisch und betrachtet die kleinen Krümelchen, die noch auf seinem Teller herumliegen. Manchmal überkommt es ihn und er tötet einen von ihnen, indem er sie mit einem zufriedenen Schmatzen hinunterschlingt. Ab und zu nuckelt er auch an seinem kohlrabenschwarzen, pappsüßen Kaffee, der mittlerweile die Konsistenz einer Pfütze im Park angenommen hat.
Aki hingegen hat sich schon von der Welt verabschiedet und sabbert, friedlich an meiner Schulter schlummernd, meinen Pulli voll.
Nur Lauri ist noch hellwach und erzählt mir seit gut einer Stunde, was sie die ganze letzte Nacht gemacht hatten . . . . also musikalisch . . . ich nicke von Zeit zu Zeit brav und interessiert, insgeheim bedaure ich die anderen Jungs, die darauf warten, von mir nach Hause gefahren zu werden. Wenn Aki nicht Aki wäre, würde ich ihm die Schlüssel geben, aber Aki ist nun mal Aki und deshalb werde ich mich hüten ihm mein Baby anzuvertraun. Das muss nächsten Sommer noch über viele Festivalgelände fahrn und betrunkene Menschen von den Wegen schieben. Ich sollte mir mal sonen Schneepflugaufsatz anschaffen . . .
„Hörst du mir überhaupt zu?“
„Was? Achso, ja klar, Aki sabbert mich nur grad so schön voll, hehe . . .“ Der Drummer, mein liebstes Alibi.
„Warte mal, da hab ich ne Idee . . .“ Pling, warum kommt kein Lämpchen zwischen dem ganzen Haarspray hervorgeschossen? Er freut sich doch so, als hätte er nen Bonbon auf der Straße gefunden.
„Ich will dich ja nicht drängen, Kleiner, aber deine Kollegen hören glaub ich ihre Bettchen schon ganz laut nach ihnen rufen.“
„Ja, sofort, Momentchen noch . . . außerdem läuft auf dem Pornokanal eh nix mehr, was solln die also daheim?“
„Ah ja . . .“ Neuer Eintrag in mein kleines Fremdsprachenwörterbuch Finnisch-Mann , Mann- Finnisch : Schlafen = Freundschaft zwischen Küchenrolle und Fernbedienung schließen. Die hat klebrige Batterien nämlich nicht so gern.
„Es gibt auch Menschen, die so etwas nicht nötig haben.“ Murmelt Eero mit geschlossenen Augen. Hat der Kerl überhaupt die Lippen bewegt oder hat da eben sein Chi zu uns gesprochen?
„Wenns den ersten Tantra-Channel Finnlands gibt, sag ich dir bescheid, Alter.“
Der Meister nickt nur und versinkt wieder in seiner spirituellen Welt, während drüben bei den Regalen nur noch Lauris kleiner, knackiger Hintern aus einem der Schränke herauslugt und verführerisch hin und her wackelt. Von drinnen kommt von Zeit zu Zeit ein Keuchen oder auch Stöhnen und schließlich stopfe ich mir noch einen Donut in den Mund, um das alles ohne schmutzige Gedanken ertragen zu können . . . verdammt, geht nicht.
„Was suchst du eigentlich?“
Der Arsch verschwindet, stattdessen taucht ein leicht staubiges Gesicht auf und ich muss sagen, dass die Ähnlichkeit doch sehr verblüffend ist.
„Hat Aki dir erzählt, was wir an seinem Namenstag vor drei Jahren gemacht haben?“
„Ihr feiert eure Namenstage!?“
„Uns war langweilig.“
„Ne, hat er nicht . . . . was war denn?“
„Naja . . .“
Ein Giggeln aus dem Schrank und der Master of Bunnycheckig kriecht in voller Zwergengröße heraus. Er hält etwas kleines, goldenes in der Hand, das sich bei näherem Hinsehen als Glöckchen entpuppt.
„Wir wollten unbedingt draußen zelten und haben unser Zelt neben dem Tourbus auf ner Wiese aufgeschlagen . . .“
„Lass mich raten: Aki hat die Stäbe verbogen, du bist über den Stoff gestolpert und hast n Loch reingerissen, Pauli hat sich den Arsch abgelacht und Eero hat das Ding dann endlich mit einem netten Crewmitglied aufgebaut, stimmts?“
„Neeee . . . ich hab die Stäbe kaputt gemacht.“ Er grinst leicht verstrahlt und geht vorsichtig neben mir und Aki in die Hocke. Dabei umfasst seine Hand eine der Streben von meinem Stuhl und ich kann sie ganz deutlich an meinem Rücken spüren . . . ziemlich weit unten . . .. viel zu weit . . . mir wird heiß und mein Gesicht garantiert quietscherot. Denk an was nicht-geiles . . . ja, Eeros angesabberten Keks, wooho!
„Wir haben ihn abgefüllt und ihm Geschichten erzählt, dass die Eltern ihren Söhnen früher kleine Glöckchen umgebunden haben, damit sie nachts . . . na ja, damit sie nicht blind werden und so . . . also du weißt schon . . .“
„Ich kanns mir vorstelln.“ Aki und ein Glöckchen um seine ten Inch, das erinnert mich ganz spontan an einen Kirchturm.
„Und um drei Uhr morgens haben wir dann noch eins drauf gesetzt: wenn alles nix genutzt hat, daaaaaaaaaan . . .“ Er kichert und klingelt leise mit der Glocke an Akis Ohr.
Es dauert ein paar Sekunden, doch dann springt der arme, kleine Drummer wie von einem Schwarm Groupies in den Wechseljahren verfolgt auf, sodass sein Stuhl nach hinten umkippt, presst seine flinken Fingerchen in den Schritt und rast kreischend durchs Zimmer.
„NEIN, NICHT ABSCHNEIDEN, OH BITTE BITTE BITTE!!!“
Neben mir kracht es, Lauri liegt zusammengerollt auf dem Boden und zuckt vor sich hin, Lachtränen laufen ihm über die roten, knuffigen Bäckchen und ich bekomme direkt Angst, dass er vor lauter Lachen das Atmen vergisst.
Ich beschränke mich lediglich darauf, meinen Sckokodonut in alle Himmelsrichtungen zu spucken und damit Pauli zu wecken, der die Lage schnell erfasst, kurz grinst und dann friedlich weiter auf seinem Tellerchen pennt.
Irgendwann, als Aki diverse andere Körperteile zum Tausch anbietet, breche ich schließlich zusammen, rutsche vom Stuhl und lande weich auf einem Bündel Sexappeal und Zwergenwuchs. Das quiekt begeistert und klingelt weiter mit seinem Glöckchen, bis Hattu plötzlich stehen bleibt und uns anstarrt, wie wir uns so übereinander auf dem Boden wälzen.
„Du kleines, verficktes . . . wenn Liz nicht auf dir liegen würde, würd ich dir nen Knoten reinmachen und an nem Fahnenmast aufhängen.“ Knurrt er und verpasst Lauri einen saftigen Arschtritt, bei dem ich von eben diesem herunterrolle und in seine Schulter beiße, um Pauli nicht wieder aufzuwecken.
„Ja, genau, beiß ihn!“
„Oh ja, bitte . . .“
Seh ich da etwa sowas wie Geilheit in seinen Augen!?
Okay, keine Panik. Einfach nur möglichst wenig peinlich aus dieser Situation rauskommen.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“ Strike.
„Weil es vielleicht peinlich ist!?“
„Aber du kannst doch mit mir über alles reden.“
„Jup, wenn du nicht grad über unsren Frontman rutschst schon.“ Das is nich fair, ich MUSSTE einfach lachen!
„Irgendwer musses doch machen, wenn du beleidigt bist.“
„Pf, ich will jetzt nach Hause, ihr seid blöd. Tonni, Hanfnase, auf jetzt. Aliisa, Autoschlüssel.“
„Aliisa?“
„Schlüssäääl!“
„Auf dem Tisch da, aber wie soll ich denn nach Hause kommen? Es is noch so dunkel und ich bin ne arme schwache Frau!“
„Checki hier bringt dich heim. Ich ruf dich an, wenn ich wieder mit dir rede.“ Sprachs und verschwindet mit den anderen Grinsegesichtern zur Tür hinaus . . . nach Hause . . . mit meinem Auto.
Lauri und ich bleiben noch eine Minute dumm auf dem Boden sitzen und starren die Tür an.
„Checki?“
„Jap, Aliisa?“
„Wir sollten tun, was er gesagt hat, oder?“
„Wenn uns was an Aki liegt, ja.“
„Liegt uns was an Aki?“
„Weiß nich, du?“
„Man, ich würde nich fragen, wenn ich’s wüsste.“
„Du schläfst doch dauernd in seinem Bett, also muss dir was an ihm liegen.“ Muffelt er eingeschnappt zurück und griffelt sich seine Kaffeetasse vom Tisch.
„Rate mal, in wessen Bett ich heute Morgen aufgewacht bin.“
„Weiß nich, lagen da Blumen?“
„Ja, und später war da noch son Drummer, der mir die Decke weggezogen hat.“
„Dann wars meins . . .“ Grins . . . warum macht mich diesen dumme Grinsen nur so verdammt scharf?
„ . . . aber wieso is das mit der Decke so schlimm?“
„Ich war . . . wie soll ich sagen . . . nackt!?“
Kurze Stille.
„Was machst du nackt in meinem Bett, wenn ich nicht da bin?“
„Ich hab mir erlaubt deine Dusche zu benutzen.“
„Mhmmm, dann hätte ich mir mit den Blumen n bisschen Zeit lassen solln . . .“
„Ich glaub, ich ruf mal deine Mami an, du hattest anscheinend schon lange keine mehr kleben.“
Knurre ich zurück. Er ist inzwischen aufgestanden und läuft plötzlich knallrot an, hibbelt von einem Fuß zum anderen und das tut er nur, wenn er wirklich verlegen ist . . .
„Entschuldige . . .“ Ein treues Patschhändchen streckt sich mir entgegen und ich beschließe, dass es einfach zu früh, bzw. zu spät ist, um wertvolles Gift zu verschwenden.
Brav lasse ich mich hochziehen uns strafe ihn noch mit einem direkten Augenkontakt, dem er sofort ausweicht. So ists fein.
„Passt schon.“
„Darf ich dich trotzdem nach Hause bringen?“
„Nein, aber du darfst mit mir zum Hafen gehen, da war ich schon lange nicht mehr.“
Meine Lippen machen sich selbständig und zaubern ein sanftes Lächeln auf mein Gesicht. Seine tun anscheinend dasselbe und so wundert es mich nicht, dass sie sich plötzlich fast magnetisch anziehen und ich einen Augenblick später seine warme Haut an meiner Wange spüren kann. Das war kein Kuss, eher ein Stromschlag, der mich mit einem Mal zurückzucken lässt. Verwirrt ergreife ich die Flucht und lehne mich draußen an die Wand, um mit zittrigen Fingern nach einer Kippe zu suchen. Vielleicht sagt der Rauch mir ja, was ich tun soll . . . Tabakblätter-Orakel, haha.

Chapter 66

Seit gut einer viertel Stunde latsche ich jetzt mit dem fusseligen, fedrigen Etwas quer durch die ganze Stadt, es hat seit langem keinen Pieps mehr von sich gegeben und ich frage mich, ob es wohl tot ist. Aber nein, es läuft ja noch, das Gesichtchen zwischen Mütze und Kragen versteckt und die Hände so tief in den Taschen vergraben, dass man denken könnte, es würde dadrin nach Gold suchen. Außerdem redet es nicht, jedenfalls nicht mehr, seit ich wie eine Kuh bei Sturmwarnung aus dem Probenraum gerast bin.
Irgendwie regt mich das auf. Es dauert noch ein Stückchen, bis die Straße in die breite Strandpromenade übergeht und so beschließe ich, kurz zu testen, ob das Etwas, oft auch Lauri, Nalle, Specki, Mopsi, Lintu oder „OHH MEIN GOTT!!“ genannt, nicht doch klinisch tot ist.
Unauffällig und schweigsam wie die letzen 700 Meter stiefle ich noch ein paar Schritte die Straße entlang und nähere mich dabei deren Rand. Es bzw. Er folgt mir.
Angestrengt unterdrücke ich ein hämisches Kichern und mache plötzlich einen Haken zur Seite, an einem großen, dicken Baum vorbei. Lauri bemerkt das Pflänzchen aber anscheinend durch sein eingeschränktes Blickfeld nicht und so gibt es plötzlich einen dumpfen Aufprall und ein paar böse Wörter durchschneiden die eisige Winterluft Helsinkis.
Die letzten verwelkten Blätter, die noch in der gewaltigen Krone des Ahorns hingen, rieseln fast geräuschlos auf dem am Boden hockenden Lauri und verwandeln ihn in einen kleinen Laubhaufen. Grunzend rappelt er sich auf, Mütze und Schal verrutschen, sein Gesicht ist ganz rot, sei es vor Kälte oder Scham. Umständlich klopft er die Blätter von seiner Jacke und vergräbt sich schnell wieder in seinem Kragen, ich könnte ihn ja ansehn oder so.
„Und?“
„Was und?“
„Warum bist du zu pissig zu mir?“
„Ich hab doch gar nix gesagt.“
„Das is es ja eben. Du latscht mir nach wien Schatten und rennst sogar gegen Bäume, wenn ich’s dir vormache.“
„Das war Absicht!?“
„Ja, verdammt! Ich dachte, du würdest dann vielleicht mal irgendwas sagen.“
„Was soll ich den bitte sagen, wenn du mich gegen nen Baum laufen lässt und dir dabei den Arsch ablachst?“
„Weiß ich doch nicht . . . irgendwas einfach.“
„Ja ganz toll.“
„Entschuldige . . .“
„Mhmmz.“
„Ich hab mal wieder alles falsch gemacht. Es war einfach dumm . . . dieser Kuss.“
Mein Herzschlag würde wohl grade sämtliche Pulsmesser dieser Erde sprengen.
„Wer sagt denn sowas?“
„Das ist doch offensichtlich . . .“
„Okay, du lässt mich gegen Bäume laufen, ich rede nicht mit dir . . . wir haben vielleicht ne ziemlich gestörte Kommunikation, aber deshalb muss doch nichts falsch daran sein.“
„Egal was ich mache, egal ob ich darüber nachdenke oder nicht, immer wird alles und komplizierter und schwieriger. Am nächsten Tag tun wir dann so, als wäre alles wie immer . . . ich weiß nie, was du über das denkst, was ich tue, was du über mich denkst, was du über uns denkst . . .“ Meine Stimme wird immer leise, die letzten Worte sind nur noch ein Flüstern, bei denen ich starr auf eine kleine, zugefrorene Pfütze am Straßenrand starre.
„Ich kann dich nicht einschätzen, Prinzessin. Du überrumpelst mich.“
Er lacht leise und mir wird bewusst, dass uns nur noch ein knapper halber Meter kalte Luft trennt.
„Vielleicht sollten wir einfach mal ganz langsam . . .“
„So zum Mitschreiben?“
„Ja, für die Akten.“
„Weißt du eigentlich, wo wir hier sind?“
„Ich weiß nur, dass ich schonmal hier war.“
„Denk mal nach . . . der Baum und so . . . Gummibärchen . . . unser alter Probenraum is ganz hier in der Nähe.“
„Oh . . . ich sollte wohl jetzt rot werden.“
„Das is nur die Kälte . . .“
„Es hatte geregnet, der Baum war noch klein . . . die Heizung ging nicht.“
„Die Plastikplane . . .“
„Und alles nur, weil ich mir eingebildet hab, ich muss dich . . . und diese Laura . . .“
„Es ist doch vollkommen egal, ob du oder ich oder wer auch immer . . . jetzt ist alles wieder okay . . . für mich jedenfalls.“
„Hast du dich mal gefragt, was passiert wäre, wenn ich nie meinen Bass vergessen hätte . . . oder wenn sie nicht im Park gewesen wäre . . . oder wenn es nie einen Probenraum gegeben hätte?“
„Oft sogar . . . aber es bringt nichts, die Vergangenheit lässt sich nicht ändern und das ist auch verdammt gut so.“
„Warum gut?“
„Wenn alles anders gekommen wäre, würden wir jetzt nicht hier stehn und ich hätte nicht so furchtbare Lust, dich zu küssen, weißt du.“
„Tu dir kein Zwang an . . . ich halt auch zur Abwechslung mal ganz still.“ Murmle ich, während sich meine Augen langsam schließen und ich meinen Herzschlag im Kopf pochen höre. Er füllt mich aus, dröhnt durch meinen ganzen Körper und lässt Sekunden zu Minuten, Stunden werden, bis ich endlich seine leicht rauen und heißen Lippen spüre, die vorsichtig nach meinen tasten. Gequält versuche ich mein Versprechen einzuhalten und es einfach nur zu genießen, aber ich kann nicht, ich will nicht stillhalten.
Lauris Lippen verziehen sich zu einem Grinsen und er greift nach meiner Hand, um sie auf seiner Schulter zu platzieren.
„Hast du nicht gesagt, du wirst brav sein?“
„Wenn du ein Stock küssen willst schon.“
„Mhm, zu Not nehm ich auch dich.“
„Das is aber sehr nett von dir.“
„Ich weiß doch.“
Lächelnd schließe ich meine Augen und genieße das Gefühl, als seine Zunge über meine Lippen streift. Meine Hände wollen nicht auf mich hören und schlängeln sich unter seine Jacke, wo sich damit beginnen, sanft über seinen warmen Körper zu gleiten.
Sekundenlang tun wir nichts anderes, ich zittere fast vor Aufregung und kann mich nur schwer zurückhalten, ihn nicht völlig zu überfallen und zu Boden zu knutschen. Das meint Aki wohl, wenn er sagt, ich sei furchtbar impulsiv . . .
Plötzlich wird das Bild vom grinsenden Drummer aus meinen Hirn gewischt, ich spüre Lauris Zunge, die vorsichtig meinen Gaumen kitzelt und sich schließlich um meine schlingt, als ich wieder fähig bin zu reagieren. Er macht sich über mich lustig, stupst mich an, um mir dann doch wieder auszuweichen. Verärgert packe ich ihn heftig an der Hüfte, ziehen zu mir heran und dränge ihn wieder zurück. Aber er krault nur zärtlich meinen Hals, besänftigt mich und bringt unsere Zungen wieder in ein friedliches Spiel miteinander.
Mir läuft ein Schauer über den Rücken, als er mir einen letzten federleichten Kuss aufdrückt und sein Gesicht in meinen Haaren vergräbt.
„Zusammenfassung: das war ein Kuss und wenn wir uns morgen sehen wars immer noch einer, okay?“
„Sehn wir uns denn morgen?“
„Klar, wir brauchen noch Weihnachtsgeschenke für die Jungs.“
„Okay . . . Montag, 6. Dezember, 7.05 Uhr- Lauri geküsst, nich vergessen.“
„So is brav. Sag mal . . . musst du heute nicht arbeiten?“
„Doch, aber erst um zehn.“
„Dann bring ich dich jetzt in dein Bettchen, ob du willst oder nicht.“
„Ich will sogar mal, weißt du.“
„Dann zwing ich dich eben n anderes Mal.“
Er grinst nur, während mir plötzlich bewusst wird, wie spät es doch ist und dass ein bisschen dösen im Probenraum kein Ersatz für ein paar Stunden allein in meinem warmen Bettchen sind. Und bis ich da bin, sind Lauris Arme auch gut genug.

Chapter 67

[24.Dezember 01.24 Uhr]

Jammernd renne ich durch den Flur, hinter mir raschelt es und als ich im Bad ankomme, folgt mir die bunte Schleppe aus Geschenkband, die ich widerwillig hinter mir herschleife. Blut tropft in mein schönes weißes Waschbecken und verschwindet fröhlich im Abfluss, während ich mit der unverletzten Hand hektisch in meinem kleinen Verbandskästchen wühle. Allmählich wird mir klar, dass sich sämtliche Pflaster, die sich darin befunden haben, schon an meiner Hand kleben und verhindern, dass ich nicht an Blutarmut sterbe.
Geschenkband ist scharf und gefährlich, sollte verboten werden, dieser Mist.
Da will man einmal im Jahr richtig sozial sein, kauft viele, schöne und teure Geschenke für seine Freunde und wirft das Zeug dann erleichtert in die Ecke. Doch dann ist plötzlich Weihnachten, ich sehe fern und mir fällt ein, dass Geschenke normalerweise noch eingepackt werden müssen . . . mit Liebe und so. Also fahre ich halb angezogen zur Tanke, kaufe Geschenkpapier und dieses beschissene Geschenkband. Ich wollte doch auch nur so schöne Schleifchen wie die Menschen im Fernsehn haben, doch alles, was ich bekomme, ist ein Gewirr aus Bändchen und verstümmelte Finger.
Notdürftig patsche ich ein paar Stückchen Klopapier auf meinen kaputten Zeigefinger und zerre meine Schleppe dann zurück ins Wohnzimmer, wo sich das Weihnachtschaos seit drei Stunden verbreitet. Überall liegen Papierfetzen, halbeingewickelte Geschenke und Akis neue Shorts, die darauf warten, geruchsneutral eingeschweißt zu werden.
Zuerst wollte ich einen ziemlich plüschigen Elefantenstring für den kleinen Drummer kaufen, aber dann hätte das Tierchen wohl ständig seinen Rüssel hängen lassen. Ten Inch wäre einfallslos gewesen, aber dann ist mir diese komische Marke eingefallen, mit der Lauri und Eero mich immer zutexten . . . Anti Hero . . . Also schnell zum Copy Shop geflitzt, die zwei Wörtchen möglichst groß auf das Höschen drucken lassen und fertig. Zum Trost hab ich noch zwei Flaschen deutsches Schwarzbier dazugekauft, mittlerweile ist aber eine draus geworden, weil ich Lauri dummerweise drei Minuten ohne Aufsicht in der Küche gelassen habe. Und dann auch noch rummeckern, wenn er eins mit der Gurke übergezogen bekommt . . . pf, Männer.
Unter dem Sofa liegt Eeros Teesortiment, das war einfach, ein bisschen mit den Wimpern klimpern und der pickelige Freak an der Kasse hat mir das ganze schön in knisterndes Papier eingewickelte und purpurne Schleifchen drumgewickelt.
Für Paulis bescheurten Baseballschläger musste ich dreimal quer durch Helsinki latschen, einen quengelnden Vogel an meiner Seite, der unbedingt noch mehr Glühwein wollte. Nach drei Bechern und schätzungsweise zwölf Kilometern Fußmarsch hab ich das Teil dann endlich bekommen und hätte es am liebsten gleich ausprobiert, aber da Vögel ja bekanntlich flinke Wesen sind, hat sich der Kleine in Sicherheit gebracht, bevor ich überhaupt ausholen konnte.
Die Rasnüsse waren wohl mit Abstand die schwierigsten Geschenkfälle, allen anderen hab ich so ziemlich das gleiche gekauft wie jedes Jahr. Sie nehmen es mir Gott sei Dank nicht übel, sonst würde ich bald kein einziges Geschenk mehr besorgen müssen.
Wie letztes Jahr . . . irgendwas ist anders als letztes Jahr . . .mhmmz.
Nachdenklich hole ich einen großen Müllsack und stopfe meine Schleppe zusammen mit dem restlichen Papier hinein, und wenn ich schon dabei bin, kann ich auch gleich die Pizzaschachtel entsorgen, die Tobi das letzte Mal unter meinem Sofa versteckt hat. Mit dem geschulterten Sack schlurfe ich durch die Wohnung und grüble darüber nach, was ich wohl vergessen hab. Jannes Geschenk hab ich schon vor eine Woche abgeschickt, die Briefträger in Thailand sind noch lahmer als mein neuer Azubi . . . für meinen Bro hab ich chinesisches Massageöl für anregende Stunden mit René . . . für Ma die neue Nirvana-Box . . .
LAURI!
Ich will gerade meinen Nervenzusammenbruch genießen und den Müllsack mit der Nagelschere aufschlitzen, als ich plötzlich so ein seltsames Klingeln im Ohr habe. Genervt hüpfe ich ein bisschen auf einem Bein, doch es klingelt beharrlich weiter, ziemlich laut und schrill . . . richtig penetrant. Nach ein paar weiteren Verrenkungen, um den Weihnachtstrinitus loszuwerden, fällt mir auf, dass es doch nicht in meinem kranken Kopf klingelt, sondern an der Tür.
Okay . . . es ist Heilig Abend, zwei Uhr morgen. Wer zum Teufel stört mich mitten in der Nacht beim Geschenkeeinpacken? Vielleicht ist es ja ein Notarzt, der meine Hände wieder zusammenflickt, der kann dann auch gleiche meine Brandwunden behandeln, die ich mir vom Plätzchenbacken geholt habe.
Genervt kicke ich den verstümmelten Müllsacke vor mir her und reiße ohne zu Überlegen die Tür auf. Es könnte ja ein Massenmörder da draußen stehen und dann wäre das ganz und gar nicht klug, obwohl . . . ich hätte ne Ausrede wegen Lauris Geschenk . . . man würde nicht merken, dass ich zu dumm bin, um Geschenke einzupacken, der Killer hat sich eben einfach nen Spaß draus gemacht, mir die Finger anzuritzen. Ich muss ihm nur noch sagen, dass er doch bitte die Pflaster abmachen soll, wenn ich mein letztes Röcheln von mir gebe.
Doch auf dem Abstreifer steht keine düstere Gestalt . . . na ja doch irgendwie.
„Du weißt schon, dass ich dir jetzt aua machen muss?“
„Mit der Minischere da? Oder willst du ich mit den bunten Bändchen erwürgen?“
„Völlig egal, aber zieh dir vorher was anderes an, es kommt nicht gut, wenn man in Shorts und Wintermantel in nem Sarg liegt.“
„Du kannst mich doch anziehn, wenn ich tot bin. Is wien überdimensionaler Ken.“
„Du meinst wohl Barbie.“
„Ahhrr, ach egal, ich hab n Problem und du musst mir helfen!“
„Die Schuhe zieht man mit den Klettverschlüssen nach vorne an.“
„Es is wichtig!“
„Is ja gut . . komm rein, aber beschwer dich nich, dass alles voller Blut und Geschenkpapier is.“
„Ich bin auf alles vorbereitet, wenn ich dich besuche.“
„Ja toll, nur Bier bringst du nie mit.“
„Man, ich hab doch schon tausendmal gesagt, dass es mir Leid tut . . . woher soll ich denn wissen, das Schlappenbier sowas tolles is.“
„Is schon okay, ich hab nur grad das Gefühl, dass mein Puls gleich explodiert . . . ich hasse Weihnachten.“
„Wem sagst du das . . . verdammt, meine Ma hat mich vorhin angerufen.“
„Mitten in der Nacht?“ Seufzend lässt Lauri sich auf mein frisch vollgeblutetes Sofa fallen und grapscht sich ein paar von meinen Plätzchen vom Tisch. Sein Mantel ist inzwischen aufgegangen und ich habe freien Blick auf seinen Oberkörper, der von der Kälte ein bisschen rot ist.
„Heute Abend . . . sie will, dass ich morgen mit ihnen feiere.“
„Ähm, das wusstest du doch schon länger?“
„Jaaaaaa, aber . . . also irgendwie hat sie das spitz gekriegt . . . du und ich eben . . . also nicht du . . . irgendwer halt und sie will, dass ich den irgendwer mitbringe.“
„Okay, Baby und jetzt noch mal so, dass es auch verstümmelte Weihnachtshasser verstehen.“
Ich rutsche neben ihn, würde gern seinen kalten Bauch streicheln, aber es geht nicht . . . immer noch nicht. Nichts hat sich geändert, wir haben es nicht geschafft, dieses „Wir wissen, was wir letzte Nacht getan haben“ – Spielchen länger als einen Tag durchzuhalten. Wir sind keine Freunde, viel mehr als das und doch auch irgendwie nicht . . .
„Irgendjemand muss uns gesehn haben, verstehst du? Sie weiß, dass ich . . . ach verdammt, sie denkt, dass ich ne Freundin hab und ich soll sie morgen mitbringen.“
„Guck mich nicht so an, du weißt ganz genau, dass deine Mum mich hasst. Die bekommt nen Anfall, wenn sie mich sieht . . . außerdem will ich keine Spielchen mehr spielen.“
„Du musst doch gar nichts spieln.“
„Du sagst, irgendwer hat uns gesehn . . . bei was denn? Der Typ muss schneller sein als Aki, wenn ne Blondine vorbeiwatschelt, wenn zwischen uns irgendwas passiert, ergreift irgendeiner eh sofort die flucht, so schnell kann keine Sau gucken.“
„Es sollte irgendwie ganz anders laufen, ich weiß.“
„Ich will einfach nicht deine Freundin spieln . . . das kann ich nicht.“
„Okay, dann . . .“ Er grapscht hastig nach der Keksschale, wägt dann kurz ab und entscheidet sich für ein Butterplätzchen.
„Aliisa . . . willst du mit mir gehen? Wenn ja, dann pass auf, dass er nicht so zerbröselt wie ich, wenn du nein sagst.“
„Lauri, du spinnst doch.“ Ich muss einfach über sein Gesicht lachen, es hat denselben Ausdruck wie früher, wenn er mal wieder irgendwas kaputt gemacht hatte und um Vergebung winseln musste.
„Komm schon, das ist mit Abstand der peinlichste Moment in meinem Leben. Mach, dass er schnell vorbeigeht.“
„Wenn ich ja sage . . . muss ich dann zu deiner Mom?“
„Du musst überhaupt nichts, Prinzessin.“
„Okay, ich komm mit, aber nur, wenn du am nächsten Tag mit zu uns kommst . . . Nea hat alle eingeladen, Miro bringt René mit, eigentlich alle Ahtisaaris und . . .“
„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“
„Oh man . . . kannst du mir nich n Zettelchen zum ankreuzen geben?“
„Liisa!!“
„Okay, okay . . . ja?“
Er legt den Kopf schief und streichelt vorsichtig meinen Handrücken.
„Ja, verdammt! Und jetzt komm gefälligst her, du Vollspacko.“
Mit knallroten Backen schlüpfe ich mit unter seinen Mantel und vergrabe meinen Kopf in seiner Halsbeuge . . . nur nicht ansehn.
„Cool . . .“ Ich spüre, wie er lacht, im nächsten Moment schließen sich seine Arme um meinen Rücken und irgendwie breitet sich in mir die Hoffnung aus, dass dieses Hin und Her jetzt endlich ein Ende hat.
„Und bevor du fragst, ja, ich kommt mit zu deinen Eltern und ich werde mich zusammenreißen und nett sein, egal wie sehr sie mich dafür verantwortlich macht, dass du so verdorben bist.“
„Ich bin verdorben?!“
„Und ob . . . ich mein, du rennst in Shorts und deinem Mäntelchen hier durch halb Helsinki, obwohl es mittlerweile sowas wien Telefon gibt.“
„Okay, dann bist doch du schuld.“
„Ich hasse dich.“
„Ich hab dich auch lieb, Prinzessin.“
„Magst du denn mit uns feiern . . .?“
„Klar, deine Ma hat mir früher immer Kippen geschenkt und wenn der Rest von euch genauso strange drauf seid, wie ihr beide wird das bestimmt der Himmel auf Erden im Gegensatz zu meinen Alten.“
Ich seufze zufrieden und will gerade dem Weihnachtswahnsinn davondösen, als mir noch etwas sehr Wichtiges einfällt.
„ICH bin übrigens der Himmel auf Erden . . . merks dir.“

[ Später . . .]

„Autsch . . . verdammt!“
„Hast du dir wehgetan?“
„Nein, Oma, alles okay!“
„Soll ich nicht doch hochkommen, Schätzchen?“
„Neeein, Oma, bleib unten, die Leiter ist viel zu gefährlich für dich.“
„Na also hör mal! Solang ich meine Harley noch fahren kann, kann ich auch diese dämliche Leiter hochsteigen.“
„Ja, ich weiß, aber Ma ist böse auf mich, wenn sie dich hier oben sieht.“
„Deine ist manchmal ne richtige Glucke, Schätzchen. Ich geh mal runter und sag ihr das.“
„Ja, mach das.“ Seufzend robbe ich von der Dachluke weg und lausche auf die Schritte, die sich langsam entfernen.
Vor gut einer Stunde hat man mich hier rauf verbannt, um Christbaumkugeln zu suchen, weil ich angeblich die Kleinste bin, haha. Mein geliebtes Bruderherz sitzt derweilen unten und genießt es mal wieder, der einzige Kerl in diesem Weiberklan zu sein. Naja, sowas ähnliches wien Kerl zumindest . . . Irgendwie schaffen wir es immer wieder, dass unsere Männer entweder frühzeitig sterben oder einfach in den Untergrund verschwinden, es sei denn, sie werden schwul. Ich frage mich, was wohl mit Lauri passieren würde . . . wird?
Das erinnert mich an meine eigentlich Mission, ein Geschenk für meinen gefiederten Freund zu suchen. Zwar hatten die Geschäfte heute Vormittag noch offen, aber ich konnte mich nicht so schnell entscheiden und irgendwann wurde ich aus dem Einkaufcenter geworfen, mit der Begründung, dass ich’s doch mal in er Bahnhofsmission versuchen solle, wenn ich denn keine Familie hätte.
Nea hat nur gelacht, als ich ihr die Geschichte erzählt habe, Miro und Oma waren ebenfalls keine große Hilfe und jetzt krieche ich auf dem Dachboden herum und suchen neben verstaubter Weihnachtsdeko auch noch irgendwas unglaublich seltenes und tolles, was ich Lauri schenken könnte. Zurzeit stehen ein alter Kinderwagen von Miro und ein Ölgemälde zur Verfügung, dass ich mit fünf im Kindergarten gemalt habe. Ganz toll, da wird er sich bestimmt sein kleinen Arsch abfreuen . . .
Ach, wenigstens hab ich das Lametta gefunden, da hinten, in der letzten Ecke. Sieht aus, wie Jannes Haarmähne, wenn sie zuviel Glanzspray abbekommen hat. Schmeißen wir das Zeug nie weg? Teile davon sehen aus, als hätte ich als Kind noch dran rumgenuckelt. Vielleicht sogar aus dem Jahr, als ich die Jungs . . . Ich verdränge den absurden Gedanken und grinse stattdessen, während ich mit einem heftigen Ruck an dem Lamettastrang ziehe und mich dagegen stemme, bis mir das ganze Zeug entgegenfliegt und ich mit meinem bejeansten Hintern den Dachstuhl erzittern lasse. Soviel zur neuen Brigitte-Diät.
Dann fällt mein plötzlich auf einen schlanken Hals, mit hübschen Saiten bespannt und genauso staubig wie der Rest hier oben. Wenn das nun mein alter Bass ist . . .
Hektisch reiße ich die ganzen Kisten von dem Stapel, bis das Ding frei auf dem alten Holzboden liegt. Vorsichtig puste ich den Dreck herunter und wische schließlich mit den Händen darauf herum, bis man erkennen kann, was es eigentlich genau ist. Mein Bass jedenfalls nicht, schade . . . sieht eher aus wie ne Gitarre, und zwar ne ziemlich alte Gitarre.
Vorsichtig wische ich noch ein bisschen daran und herum und plötzlich kommt mir ein genialer Einfall.
„MAAAAAAAAAAAAAA!!!“
„Was hast du diesmal kaputt gemacht?“ kommt es mit einem Seufzer zurück, aus dem ich sogar von hier oben aus die Verzweiflung heraushören kann. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel meine Familie doch von mir hält.
„Hab nur den Dachstuhl gesprengt, sonst alles okay. Kannst du mir mal bitte mein Handy bringen?“
„Wieso? Hast du bei der Explosion beide Beine verloren oder wie?“
„Neee, das linke hängt noch dran.“
„Na bitte, dann humpel gefälligst und hols dir selber.“
„Miroooooooooooo???“
„Klappe, ich telefonier grade.“
Klar, und dreimal darf ich raten, mit wem.
„Omaaaaaa???“
Man glaubt es kaum, aber diesmal zieht meine Masche und wenig später schiebt sich ein Mischmob, an dem mein kleines Telefon hängt, durch die Dachluke.
„Danke, Oma. Hast was gut bei mir.“
Hibbelig kraxle ich hinüber zu dem kleinen Dachbodenfenster, der einzige Ort, an dem man hier ein wenig Empfang hat.
Tuuuut. Ja, ich weiß. Geh ran. Tuuuuuuuut. Nie wieder geb ich dir was von meiner Nutella ab. Tuuuuuuuuuut. Nie wieder!!
„Frrrrrröhliche Weihnachten!!“
„Was?“
„Das Fest der Liebe . . . l’amourrrrrrr.“
„Pauli, bitte tut der Welt und mir einen Gefallen und lass in Zukunft die Finger von Eierpunsch, ja?“
„Jaja, hab vergessen, dass du Weihnachten hasst, püh“
„Ich hasse Weihnachten nicht!“
„Sagst du aber immer.“
„Das mein ich aber nicht so.“
„Dann geh zum Weihnachtsmann und entschuldige dich gefälligst!“
„Pauli, bitte!! Ich brauch deinen fachmännischen Rat.“

„Telefonierst du mit deinem kleinen Freund, Spätzchen!?“
„Ne, Oma.“
Schrilles Gekicher kommt von der Dachluke.
„Nun gibs schon zu, unser kleiner Engel ist verlieeeeeebt!“
„Oma, BITTE! Es ist nur Pauli.“
„Aber so hieß er doch, oder nicht? Ne, warte mal . . .“
„OMA!!“
„Jaja, schon gut . . .“

„Engelchen? Verliebt? . . . au . . i . . Das is wien Lückenrätsel . . . wer könnte das wohl sein?”
Schön wieder dieses Gekicher, ich werde hier noch Wahn-sinnig . . . ich hasse Weinachten. . doch irgendwie.
„Würdest du mir jetzt vielleicht gnädigerweise mal zuhören?“
„Oh, ja, klar. Mein fachmännischer Rat.“
Er räuspert sich kurz und ich verfalle in erwartungsvolle Spannung.
„Also anfangen würde ich mit ner kleinen Massage, aber pass auf seine Haare auf, weil . . .“
„PAULI!! Wenn ich könnte, würde ich dir jetzt Kopfnüsse geben, bis du nicht mehr weißt, was Weinachten überhaupt ist!“
„Ach Gottchen, entschuldige. Ich vergaß, ihr habts ja immer lieber n bisschen geheimnisvoll . . . und bevor du mir noch schrecklichere Sachen androhst: worum geht’s?“
„Stell dir vor, du würdest ne Gitarre finden . . . und da würde Gibson oder sowas draufstehn . . . und Sundurst oder . . . öhm . . . burst . . . keine Ahnung. Was würdest du machen?“
„Ich würd mich tierisch freun und damit angeben, weil die Dinger nicht mehr hergestellt werden und . . .“
„Danke, Schnubbelchen. Hab dich lieeeep . . . frohe Weihnachten.”
Ich hab ein Gescheeeeeeenk . . . ein Geschenk für Lauri. Und wenn Pauli jetzt noch soviel Kinderpunsch trinkt, dass er morgen nicht mehr weiß, was meine Oma eben gelabert hat, ist alles in bester Ordnung. Ich liebe Weihnachten!

Chapter 68

[25. Dezember , 14.00]


Es klingelt.
„Zu eng, zu kurz, zu tief ??“ Verunsichert reiße ich meinen Mantel auf.
„Ähm . . . mir gefällts.“
„Dann IST es zu kurz, zu eng UND zu tief.“
„Wie kann n Oberteil bitte tief sein?“
„Indem man von oben auf meine Füße gucken kann.“
„Soll ich mal, ausprobiern?“
„Behalt deine Nase bei dir und steck sie nicht in anderer Leute Ausschnitte.“ Murmle ich und beginne, mich wieder in meinen Mantel einzuwickeln.
„LAURIIIIIIIIII!!“
Oh nein, meine Mutter . . . er musste ja unbedingt drauf bestehn, mich abzuholen. Andersrum wärs viel einfacher gewesen, aber neeeeeein, das würde ja an Masters Ego zehren.
„Ich würd ja gern sagen, dass du groß geworden bist, aber . . .“
„Hi Nea . . .“ Auf Lauris Gesicht breitet sich ein breites grinsen aus und irgendwie gefällt mir überhaupt nicht, was hier grade passiert. Lauri und meine Mutter . . .
„Solang ich dir verraten, was du von ihr zu Weihnachten bekommst?“
Ich will grade mal eben meinen Standpunkt klarmachen, als mir der kleine Gnom von hinten packt und mir kichernd sein Patschhändchen auf dem Mund presst.
„Jaaaa . . . vielleicht nen Käfig, damit sie mir nicht mehr wehtut?“
„Vieeeeel besser : Lederhandschuhe. Ich mein, ihr seid ja jetzt erwachsen und so . . .“
Die Situation macht mir langsam Angst. Ich mein . . . Haslooo? Drüber zehn Jahre nicht gesehn und schon machen sie mich wieder fertig, als würde mich Lauri nur mal eben zum Jammen abholen. Verärgert zapple ich herum und versuche mich von Äffchens Klammergriff zu befreien. Doch der presst mich nur noch mehr an sich und schiebt mich mit dem Knie durch die offene Haustür dahin zurück, wo ich hergekommen bin. Ich mein, die Stelle, an der mich sein Bein immer wieder anstupst is ja nicht gerade die schlechteste, aber trotzdem, so.
„ . . . das sieht meine Ma allerdings anders.“ seufzt er jetzt und nimmt seine Hand von meinem Mund, um sie stattdessen auf meinen Bauch zu legen.
„Ahhhh, ihr beide!! Ich HASSE euch!! Könnt ihr euch nicht einmal wie normale Menschen benehmen und in Peinlichkeiten verfallen? Neeeein, ihr müsst gleich wieder zusammen aber der armen kleinen Aliisa rumhacken.“
„Entschuldige, ich wollte dich nur mental auf meine Familie vorbereiten.“
„Du machst mir Angst . . .“
„Wie wärs, wenn wir einfach hierbleiben, mhmm?“
„Nene, nix da. Ihr seid erst für morgen angemeldet. Heute is mein freier Tag. Gestern du, dein Bruder und meine Mutter und morgen die ganze Sippschaft. Ich brauch Ruhe.“
„Sippschaft?“
„Mein Familie, Lauri.“
„Sind die alle so wie ihr?“
„Japps . . . bis auf Großtante Maria, die ist Abstinenzlerin.“
„Cooooool . . . “
„Ja, ganz genau. Was ist den mit deiner Ma, Dickerchen?“
„Nunja, seid sie Liisa in meinem Bett erwischt hat, ist sie nicht besonders gut auf sie zu sprechen . . .“
„Sie hat mich immer schon gehasst.“
„Ach, die ist doch nur eifersüchtig. Weil ich dich lieber mag als sie.“
„Aber sie ist deine Mutter.“
„Na und? Sie mischt sich dauernd in mein Leben ein und wenn ich sie nicht lasse, wird sie biestig.“
„Jetzt zieht nicht solche Gesichter, ihr beiden. Morgen kommt ihr zu uns und du musst den ganzen Tag für die Kleinen Weihnachtslieder singen, Lauri, dann wünscht du dich ganz schnell wieder zurück.“
„Glaub ich nicht.“ Er lacht leise, sodass sein Bauch irgendwie seltsam vibriert. Oh man, er ist vielleicht gar kein Mensch . . .
„Und du mischt die alte Schachtel, entschuldige Lauri, mal ordentlich auf, ja, Kleines?“
„Ja, Mami. Köännen wir jetzt gehen, bevors peinlich wird?“
„Is es doch schon . . . oh gosh, ich rede mit euch. Ich kauf nix und jetzt weg von meiner Haustür.”
Krachend fällt die besagte ins Schloss und Lauri und ich starren sie einen Augenblick an, bevor er breit anfängt zu grinsen und mich vorsichtig an sich zieht.
„Können wir uns deine Ma nicht teilen? Ich will auch . . .“
„Ich will aber nicht deine Schwester sein.“ Brumme ich zupfe am Kragen seiner Jacke herum.
„Mhmmm, das wär nicht gut . . .“ murmelt er leise und drückt mir einen sanften Kuss auf die Lippen.
„Gehen wir?“
„Joa, was muss das muss.“
Ich lächle und greife nach seiner Hand, ohne ihn ansehen. Es ist irgendwie immer noch mehr als seltsam . . . vor meiner Ma eben war es sogar richtig peinlich. Verdammt, dieser Mann macht mich wieder zum Teenager!

„Stopp, warte.“ Wir sind am Haus seiner Eltern angekommen, aber Lauri hält mich an der Schulter fest und zieht mich zurück um die nächste Straßenecke.
„Was ist? Hast du vergessen, ein Bild für deine Mama zu malen?“
„Nein, ich will dir nur was einbleun.“
„Das klingt schmerzhaft.“
„Keine Angst, ich tu dir nich weh.“
Er grinst und friemelt ein wenig an den Bündchen meiner Handschuhe herum, bevor er mir plötzlich so direkt in die Augen sieht, dass ich gar nicht anders kann, als seinem Blick stand zu halten.
„Meine Mutter wird sticheln, bissige Kommentare von sich geben, dich beleidigen und dich dabei mit zuckersüßem Lächeln ansehen. Sie weiß nicht, dass dus bist, die ich mitbringe und seit sie dich in meinem Bett gefunden hat, ist sie wie gesagt nicht besonders gut auf dich zu sprechen.
Wenn dir das zuviel wird, dann . . . ich will nicht, dass du denkst, du musst bleiben, wenn du nicht mehr willst. Ich würde es dir nicht übel nehmen, vor ihr die Flucht zu ergreifen“
Ich mache entrüstet den Mund auf, aber er legt mir schnell den Finger auf die Lippen und bedeutet mir, noch kurz ruhig zu sein.
„Ich weiß, dass du dich lieber mit ihr prügeln würdest, als klein bei zugeben, und das ist genau das, was ich dir eigentlich sagen wollte. Leg dich nicht mit ihr an, du hast ja keine Ahnung, wie grausam sie sein kann. Bitte, Liisa! Ignorier sie oder geh, alles andere wäre Selbstmord.“
„Bist du sicher, dass du mich überhaupt dabei haben willst?“
„Liisa, jetzt . . .“
„Schon gut, warn Witz. Ich kann mich noch sehr gut an ihre giftigen Blicke erinnern, wenn sie mich irgendwo zufällig gesehn hat. Sie fand, dass Laura die perfekte Schweigertochter gewesen wäre, und ich hab eure Beziehung ja eiskalt zerstört, ich kleines Luder, ich.“
„Hey, du weißt es besser, ich weiß es besser und die Jungs wissen es auch. Also, wen kümmerts?“
„Deine Ma.“
„Ich will nur nicht, dass ihr euch bekriegt, alles klar? . . . Oh, jetzt guck nicht so.“
„Das ist so, als würde ich von dir verlangen, ein nettes Schwätzchen mit Charles zu halten.“
„Lizzy . . . ich will dich einfach dabeihaben und sie legts doch grad drauf an, dich zu provozieren.“
„Ich verspreche, ein nettes kleines Mädchen zu sein.“ Erwidere ich seufzend und kaue dabei frustriert auf meiner Unterlippe herum. Erst sagt er ständig, dass es schon nicht so schlimm werden wird und dann stellt er mich drauf ein, in ne blutige Schlacht geschickt zu werden, in der ich doch bitte mit der weißen Flagge vor dem Feind herumtanzen soll, ganz toll.
Erleichtert lächelt er mich an und packt dann ohne weitere Zeit mit Worten zu verschwenden meine Hand und zieht mich wieder auf den Weg zurück. Das hätte er mir . . . oh Gott, mir fallen so viele Zeitpunkte ein, zu denen er mir das alles schon hätte sagen können. Aber wenn Lauri nicht alles immer erst auf den letzten Drücker erledigen und unangenehme so lange es geht vor sich herschieben würde, wäre Lauri eben nicht Lauri. Jaaaaaa, Pauli zum Beispiel hätte mir schon gesagt, dass es gefährlich mit seiner Mutter werden würde, bevor wir uns überhaupt berührt hätten und Aki bringt sowieso keine Frauen mit nach Hause, die seine Mama nicht mag. Mami könnte ja klein Aki vom Weihnachtsessen ausschließen und für ihn gibt es nichts schlimmeres, als ohne Nahrung zu sein. Er wird schon ganz hibbelig, wenn er auch nur eine Mahlzeit verpasst, sei es Frühstück, Brunch, Mittagessen, Kaffee und Kuchen, 5-Uhr- Snack, Abendessen, Mitternachtsbuffet . . .
„Ist dir schon mal aufgefallen, dass Aki ständig isst?“
„Niemand kriegt das mehr zu spüren als ich . . . LAURIIIIII, ich HAB HUNGAA!!“ quiekt er in die festliche Stille der schneebedeckten Straße und hüpft unruhig von einem Bein zum anderen.
Kichernd kneife ich ihn in die Seite, worauf er mich packt und in einen großen Schneehaufen werfen will. Doch plötzlich hält er kurz inne und sieht mich mit hochgezogenen Brauen an.
„Warum denkst du überhaupt grad an Aki?“
„Na hör mal, ich werd an Weihnachten doch wohl mal an meinen Geliebten denken dürfen!“
„Guck mal Häschen, der Schnee will dich kennenlernen.“
„Deiner Mami wird es gar nicht gefallen, wenn ihren hübschen Teppichboden volltriefe.“
„Das ist mir doch egal.“
„Ich bin von deiner Angewohnheit, immer alles zu machen, wenn’s halb zu spät is über Pauli zu Aki gekommen, dann auf seine Mama und dann zu essen.“
„Diese wirren Gedankengänge passen zu dir . . . aber vielleicht tust du ja nur so, damit du uns beide haben kannst.“ knurrt er mit einem schrecklich fiesen Grinsen und lässt mich ein paar Zentimeter tiefer gen Schneehaufen absacken.
„Jaaaa, dann hätte ich immerhin einen ganzen Mann.“
„Du kleine Mistkröte, na warte . . .“ er will mich entgültig einseifen, aber ich strample mich im letzten Moment frei und laufe kichernd ein paar Meter davon.
„Was denn? Mehr hast du nicht drauf?“
„Ich an deine Stelle hätte jetzt Angst.“ Erwidert er mit düsterem Blick und macht sich zum Sprung bereit.
„Ich zittere.“ Mit einem quietschen entwische ich um haaresbreite seinen ausgestreckten Armen und laufe los. Plötzlich bekomme ich einen dumpfen Schlag auf den Hinterkopf und eisigkaltes Wasser rinnt mir den Rücken hinunter.
„STRIKE!“
„Du Bastart! Komm gefälligst her und hol dir deine Schläge ab!”
„Komm doch du her.“
Langsam bleibe ich stehen und drehe mich um. Mit sichtbarem Triumph in den Augen steht er da, mitten auf dem Gehsteig, um sich herum eine Armee aus Schneebällen, in den Händen patsch er sich genüsslich einen neuen zusammen.
„Frieden?“
„Ohhh, das hättest du wohl gerne. Neinein, jetzt bist du fällig, kleine Ratte.“ Kaum hat er zu Ende gesprochen, da hageln schon die ersten Schneeklumpen auf mich ein. Im ersten Moment will ich die Flucht ergreifen, aber es wäre unter meiner Würde, gegen einen kleinen, Tollpatschigen Vogel zu verlieren, also drehe ich und kämpfe entschlossen gegen den Hagel aus Schneebällen an und nachdem er seinen letzten verschossen hat, springe ich ihn keifend an, sodass wir beide in einer Wolke aus wirbelndem Pulverschnee in den Vorgarten von Lauris Eltern knallen.
„Biest.“
„Du hast angefangen.“
„Du hast von Aki geredet.“ Mault er beleidigt und schnippt mir eine kleine Schneeflocke von der Nase.
„Aki kann ja auch bessere Schneebälle machen als du.“ Erwidere ich kichernd und drücke ihm einen Kuss auf den Mund, bevor ich von ihm aufstehe und mir den Schnee vom Mantel klopfe.
„Gibs auch was, was ich besser kann als Aki?“ Knurrt er muffig zurück und springt ebenfalls auf.
„Mhmm, kochen . . . und Gitarre spieln, singen . . . mir zuhörn, Überraschungen machen, Lidstriche ziehn, mich dazu bringen, nett zu sein . . . und küssen, nehm ich mal an.“
„Ach ja?“ ein freches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus, während er mich vorsichtig aber bestimmt an sich zieht.
„Ich hatte auch noch nich die Chance zu vergleichen, weißt du, weil . . .“
„Ach halt doch einfach die Klappe, okay?“
„Okay . . .“
Ich spüre seine erhitzte Haut an meiner Wange und seinen Atem, der meine Haare sanft durcheinander wirbelt. Ein eigenes Gefühl macht sich in mir breit, so als ob mich jemand mit heißer Schokolade auffüllen würde. Genauso warm und süß irgendwie . . .
„KINDER!! Da seid ihr ja endlich!” schallt plötzlich eine vor Freude sprühende Stimme vom Haus zu uns herüber.
„Sie hat uns entdeckt.“ Murmelt Lauri leise und berührt mit den Lippen eine weitere Schneeflocke, die ihn meinen Haaren hängt und sofort zu Wasser zerschmilzt.
„Wie lange noch?“ er weiß schon, was ich meine . . .
„Ich schätze allerhöchstens eine Minute.“
„Meine Haare sind anders.“
„Dann werd ich’s ihr sagen . . . nie wieder Spielchen, ich habs so satt.“ Sein Tonfall klingt plötzlich verbittert und ich streiche ihm kurz über die Wange, bevor ich nach seiner Hand greife und mich vorsichtig von ihm löse.
„Wolln wir?“
„Mhmmz . . . ich hab dir doch gesagt, dass wir hier schlafen, oder?“
„Hast du.“
„Schade, sonst hätten wir ne Ausrede gehabt zu verschwinden.“
„No Chance, ich hab immer ne Zahnbürste dabei.“
„Soso . . .“
„Komm jetzt, bitte. Sonst überleg ich’s mir noch anders.“
„Okay, okay. Auf in den Kampf, Weihnachten mit der Familie, was gibt’s Schöneres.“ Nuschelt er und haucht mir noch schnell einen Kuss auf die Wange, bevor wir langsam zur Haustür schlendern, wo Lauris Mutter sich fast die Arme auskugelt, so heftig winkt sie. Oh, das wird ihr wohl bald vergehen . . .

Chapter 69

Lauri hat gelogen. Sie greift mich nicht an, sie beleidigt mich nicht, sie versucht nicht, mich zu verprügeln. Ganz im Gegenteil: sie ignoriert mich. Und zwar gänzlich. Nach einer überschwänglichen Begrüßung hat sie wohl bemerkt, dass sie mich irgendwo schon mal gesehen hat und nichts Gutes mit mir verbindet. Lauri hat auch nicht besonders viel getan, um seinen schuldbewussten Blick zu verbergen . . . pf, Weichei.
Seine Mami hat ihn dann erst mal beiseite genommen, man hat im Wohnzimmer gehört, wie sie sich draußen angegiftet haben. Ein paar Minuten später kam der meister der Finsternis dann zu uns gestampft und hat sich verschränkten Armen demonstrativ neben mich auf die Couch fallen lassen. Oh man, auf dieser Couch hab ich so oft rumgelegen . . . Chips gegessen und die Jungs geärgert, die zu meinen Füßen irgendwelche hirnverbrannten Ballerspiele gespielt haben. Hier hab ich oft geschlafen, gesoffen, geträumt oder mich trösten lassen . . . ich liebe diese Couch!
Madame Ylönen hat wohl meinen entzückten Blick bemerkt und glaubt jetzt anscheinend, ich möchte ich ihre kostbare Couch mitgehen lassen, um damit mein kleines Puff einzurichten. Ich bin ja sone richtige Schlampe, die ihrem kleinen Sohn das Geld aus der Tasche ziehen will . . . wo er doch n nettes Mädel verdient hat, die an seinem Arm hängt und ihm
jeden Wunsch von den Augen abließt.
Ich schrecke aus meinen Gedanken, als sich das Polster rechts von mir leicht senkt und Herr Ylönen mich beruhigend angrinst. Seine Frau ist in die Küche gewuselt . . . Gift in meinen Pudding rühren. . . oder ihn vernichten, ich kann ja für mein Essen anschaffen gehen.
„Nimms ihr nicht übel, sie wollte nur nie, dass ihr kleiner Bubu erwachsen wird, aber da hast du ihr nen Strich durch die Rechnung gemacht, wies scheint.“ Ein breites Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus und links neben mir ist ein aufgebrachtes Schnaufen zu hören.
„DAD!“
„Sei still, Junge. Geh lieber in die Küche, damit Mami ihren Bubu bei sich hat und sich nicht an Liisa vergreift. Ich darf doch du sagen?“
„Ja, klar.“ Ich muss aussehen wie ein hyperaktives Hörnchen auf Beutefang, aber ich bin so froh, dass mich nicht jeder in diesem Haus hasst.
„Dad, hör auf diesen Namen zu sagen!“
„Bubu? Bububububububububu . . .”
„DAD!“
“Sei dankbar, ohne mich hättet ihr damals nie euren Probenraum bekommen und du würdest in ner Imbissbude arbeiten.” Dieses Grinsen . . . weiß er etwa . . .? Ich werfe Lauri einen schnellen Blick zu, aber er schüttelt fast unmerklich den Kopf und nimmt dann ganz vorsichtig meine Hand, die neben mir auf dem Sofa liegt. Seine Haut ist ganz weich, sein Daumen streicht beruhigend über meinen Handrücken . . . niemand weiß es, und das ist gut . . . es ist unser kleines Geheimnis . . .
„Ich wäre Koch!“
„Jaaaa, du und kochen.“
„Ich kann kochen, sags ihm, Liz.“
„Ich lebe noch.“
„Na schönen Dank auch.“
„Besser als ich auf jeden Fall . . . scherz, SCHERZ! Ja, du kannst kochen.“
„BUBU!!! Kommst du mal bitte!?“
„Bubu, sagst du ihr, sie soll das Rattengift von meinem Teller nehmen?”
„Nein, ich sag ihr, sie soll noch mehr drauftun.“
„Du mich auch.“
Er erhebt sich mit einem Grinsen, unsere Finger gleiten auseinander und ich fühle mich plötzlich schrecklich allein, obwohl sein Dad und seine Schwester nett zu mir sind . . . er fehlt mir.

„So, Kinder, es wird langsam Zeit für unseren Weihnachtspaziergang!“ übertrieben fröhlich klatsch Lauris Mama in die Hände und strahlt in die Runde. Mich lässt sie natürlich aus, klar.
Lauri selbst jedoch rutscht plötzlich auf seinem Stuhl rum, als wäre der mit Nadel bespickt. Er zupft kleine Stückchen von seiner Serviette ab und spielt am Tischtuch herum. Dabei lässt er meine Hand los, die er die ganze Zeit über unter dem Tisch gehalten hat und ich werfe ihm einen beleidigten blick zu. Sofort fängt er heftig an, mit den Armen herumzufuchteln, und versucht mir anscheinend etwas zu sagen, ohne dass seine liebe Erzeugerin es versteht. Ich tus aber leider auch nicht, no chance.
„Du Maa? Ähm, also, weißt du, Liisa würde sich vielleicht gern kurz ausruhen und na ja . . .“ ich trete ihm heftig gegen das Schienbein und er verstummt mitten im Satz, aber sie scheint bereits Gefallen an seiner Idee gefunden zu haben.
„Natürlich, dann gehen wir zu fünft, ist doch auch schön.“ Ahja, anscheinend nimmt sie es lieber in Kauf, dass ich heimlich ihr Haus ausräume, als mich in ihrer Nähe zu haben.
Lauri nickt heftig und ignoriert meinen verletzten Gesichtsausdruck. Vielleicht ist ihm eben klargeworden, dass es besser wäre, sich nicht gegen seine Mama zu stellen? Oh man, mein Leben ist so scheiße . . .
Muffig stehe ich auf und helfe Hanna, das Geschirr abzuräumen, wie es sich für eine gute Hausfrau gehört. Ja, ich krieche dieser Frau tatsächlich in den Arsch . . . ich kanns nicht fassen. Schlechtgelaunt und in Gedanken versunken balanciere ich den hohen Tellerberg durch den Flur, als mich plötzlich zwei warme Hände an den Hüften packen und in eine kleine Nische ziehen.
„Hab nen Plan . . . vertrau mir.“ Murmelt er gehetzt und heftet seinen Blick an die Küchentür, hinter der seine Mutter herumwerkelt und sich auf einen Liisa-losen Spaziergang freut.
„Warte mal . . .“ halte ich ihn zurück, als er schon wieder die Flucht ergreifen will. Vorsichtig löse ich meine rechte Hand von dem Geschirrstapel und streife mit dem Daumen über seine rechte Wange.
„Was . . .?“
„Du hast da Schokolade.“ Erwidere ich kichernd und drücke ihm einen hastigen Kuss auf die Lippen, bevor ich in die Küche verschwinde und spüre, wie mir das Blut in den Kopf steigt. Ich bin garantiert knallrot im Gesicht . . . verdammt, ich hab ihn geküsst und nicht um nen Quickie gebeten. Warum ist das nur so . . . peinlich?
Eine viertel Stunde später steht die gesamte Familie Ylönen dick eingepackt an der Haustür und wartet darauf, dass der Oberdrachen, Verzeihung, Lauris verehrte Mama, das Startzeichen gibt. Pikku Lintu scheint ziemlich nervös zu sein, ständig fummelt er sich an seinem Hintern herum, der seltsamerweise in den letzten Minuten auf doppelte Größe angewachsen ist und versucht verzweifelt meinen Blick aufzufangen, aber ich bin damit beschäftigt, Frau Ylönen anzustarren, genau so, wie sie es schon seit zwei Stunden mit mir macht. Wer zuerst wegschaut verliert, und das werde ganz sicherlich nicht ich sein, ha!
Ich kann immer noch nicht fassen, warum er mich einfach so ausbootet, auf diesem beschissenen Spaziergang hätten wie vielleicht mal zwei Minuten für uns allein gehabt, aber nein, Bubu will ja unbedingt bei seiner Mama bleiben, ganz toll. Ich frage mich, was er ständig mit seinem blöden Plan hat. Vielleicht hat er mir nen Alleinunterhalter geschickt, damit ich mich nicht so allein fühle? Das wäre ja wirklich seeeehr nett von ihm.
Mhmmz, ich könnte ja jetzt ein paar Minuten warten, bis sich die ganze Sippe verzogen hat und dann zu Aki gehen, oder nach Hause . . .
„Soooooo, dann wollen wir mal.“ In eisig kalter Zug umschlingt meinen Körper und ich verwerfe den Gedanken ganz schnell wieder. In diese Kälte kriegen mich keine zehn Pferde und zu allem Überfluss hat es auch noch zu schneien begonnen. Gut, dann nutze ich die Zeit eben damit, ein bisschen in Lauris altem Zimmer herumzuschnüffeln, das hab ich früher schon wahnsinnig gerne gemacht. Bis ich seine Benjamin-Blümchen Shorts gefunden habe, seitdem hat er mich keine Sekunde mehr allein in seinem Reich gelassen, der Spielverderber.
Einer nach dem anderen folgen sie nun dem der wandelnden Oberbestie nach draußen, nur Lauri bleibt neben mir stehen und ist inzwischen kreidebleich geworden.
„Ohh, das wird verdammt wehtun . . .“ murmelt er in seinen Schal und wartet, bis seine Schwester mit ihrem Stecher die zwei Treppenstufen hinunter in den Vorgarten gestiegen ist.
„Kommst du, BUBU?“
„Ja, Mama!“
Er wirft mir einen letzten leidenden Blick zu und macht dann einen riesigen Schritt nach vorne, sodass er direkt auf der Kante der ersten Stufe auftritt. Plötzlich durchschneidet ein gellender Schrei das Rauschen des eisigen Windes, ich sehe nur bruchstückhaft, wie sein Fuß von der eisigen Kante abrutscht, dann gibt es einen dumpfen Aufprall und Lauri sitzt mit schmerzverzerrtem Gesicht unten auf dem gepflasterten Weg im Schnee.
„BUBU!! Ist dir was passiert, mein Kleiner?“
„Nein, Mama, geht schon.“ Er legt noch eine Portion mehr Pein und Schmerz in seinen Blick und versucht sich mit den Händen aufzustützen, sinkt dann aber mit einem verzweifelten Stöhnen zurück in den Schnee.
„Du wirst dir doch wohl nichts gebrochen haben, mein Kleiner?“ ganz aufgewühlt stürzt sie auf ihn zu, zerrt ihm die Mütze vom Kopf und wuschelt ihm hastig durch die Haare, was er mit einem unwilligen Knurren quittiert. Ich stehe immer noch oben im Türrahmen und verfolge gespannt das Geschehen, bis er plötzlich den Kopf dreht und mich vorwurfsvoll anfunkelt. „Alles nur wegen dir.“ Soll das anscheinend heißen . . . langsam beginnt es in meinem Kopf zu rattern und ich muss einmal mehr feststellen, dass Lauri eigentlich gar nicht so dumm ist. Ganz im Gegenteil . . . schlauer kleiner Vogel, ich bin gerührt.
Mit zwei Sätzen bin ich unten neben ihm und seiner Mama, die mich sofort böse anguckt, aber das ist mir egal. Das hier ist meine Chance.
„Geht’s dir gut, Schatz?“ Schatz? SCHATZ!?
Mit sorgenvollem blick greife ich ihm unter die Arme und habe ihn wieder auf die Beine gezogen bevor Mami Bubus Frisur vollkommen ruinieren kann.
„Danke Häschen, alles okay?“ Häschen? Oh Gott, ich werde ihn töten müssen.
„Vielleicht sollten wie den Spaziergang lieber verschieben, bis es dir wieder besser geht, mein Kleiner?“
„Neee, nich nötig, geht ihr nur, ich ähm . . . leg mich einfach n bisschen hin.“
„Aber . . .“ sie scheint gerade zu realisieren, dass wir beide dann alleine im Haus sind, harhararrr.
„Jetzt geht schon, du hast dich doch schon die ganze Zeit gefreut.“
„A . . .“
„Ohhh, mir is so kalt. Darling, hilfst du mir die Treppen hoch?“
„Natürlich, Schatzi.“
Mit diesen Worten schleift er eher mich als ich ihn hinauf zur Haustür, winkt seiner Mama mit leidendem Gesichtsausdruck und wirft dann die Tür hinter uns zu.
„Na, wie war ich?“ mit einem strahlenden Lächelnd zerrt er sich das dicke Daunenkissen aus der Hose und sieht mich erwartungsvoll an.
„Einfach fantastisch . . . aber nenn mich nie wieder Häschen, kapiert?“
„Klar, Häschen . . .“ kichernd weicht er meiner hand aus und macht ein paar Schritte den Flur entlang, doch dann bleibt er plötzlich stehen, als hätte er soeben einen genialen Einfall gehabt.
Ich sehe seine gefährlich blitzenden Augen und versuche mich in Sicherheit zu bringen, aber er ist schneller, packt mich an der Hüfte und schmeißt mich über seine Schulter, bevor ich mich überhaupt ein bisschen wehren kann.
„Ich hab ne Überraschung für dich.“
„Ach ja?“
„Japps, hoffentlich gefällts dir.“ Ich nehme an, dass er grinst, als er mich die gewendelte Holztreppe hochträgt. Durch die Fenster kann man den Schneesturm draußen schlimmer werden sehen, aber ich fühle nur die Wärme von Lauris Schulter und einen Hauch seines Atems an meinem Oberschenkel.
„Mhmm, ganz bestimmt . . . du hast da übrigens nen blauen Fleck.“
„Wo?“
„Na daaaaaaa.“ Kichernd ziehe ich den Bund seiner Shorts zur Seite und piekse vorsichtig gegen die kleine Stelle auf seinem Po.
„Wirst du wohl aufhörn in meiner Unterwäsche rumzugrabbeln?“
„Pf, sei froh, dass du mich nich andersrum trägst.“
„Mhmm, vielleicht würde mir das ja gefalln . . .“
„Kleines, notgeiles Vögelchen du . . .“
Statt einer Antwort zieht er mich von seiner Schulter und stellt mich wieder auf beide Füße.
„Ich hab dirn Bad eingelassen . . . und ich will, dass dus genießt während ich meinen Hintern nach Frostbeulen absuche, okay?“
„Das kann ich doch auch machen . . .“
„Klappe und rein da mit dir.“ Er gibt mir einen sanften Schubs, aber ich halte seinen Arm fest, sodass wir schließlich beide vor der riesigen weißen Badewanne stehen, die mit dampfendem Wasser und hellrotem Schaum gefüllt ist.
„Du bist echt wahnsinnig, weißt du das?“
„Wahnsinnig toll, meinst du wohl.“ Murmelt er ganz dicht an meinem Ohr und gibt mir einen Kuss auf die Wange, bevor er sich von mir löst und wortlos die Tür hinter sich schließt. Ich bin also allein und sehe aus dem Fenster, wo der Sturm immer noch wütet und plötzlich überkommt mich das verlangende Gefühl nach durchflutender Wärme . . .

Chapter 70

„Liz?“ Ein zaghaftes Pochen an der Tür, ich nehme es nur wie von ganz weit her war, bin noch ganz schläfrig vom betörenden Duft und der Wärme des Wassers. Trotzdem öffne ich unwillig die Augen, ich bin immer noch in einem fremden Haus, hier kann ich mich nicht so fallen lassen und abschalten wie zu Hause. Es hat irgendwie etwas Feindseliges an sich . . . früher war das nicht so.
„Darf ich reinkommen?“
„Nein, ich bin tot und du ekelst dich doch vor Leichen.“
„Warum bist du tot?“
„Bin eingeschlafen und ersoffen.“
„Welcher Song soll auf deiner Beerdigung gespielt werden?“
„Sophia und YMCA.“
„Und dreimal darf ich raten, wer die Village People spielt, ja?“
„Ganz genau.“
„Irgendwie ist es bescheuert sich durch die Tür mit ner Leiche zu unterhalten.“
„Wärst du fünf Minuten früher gekommen . . .“
„Es is wichtig . . . glaub ich.“
„Dann komm doch.“
Ich muss unwillkürlich grinsen, als sich die Tür langsam öffnet und Lauri den Kopf um die Ecke schiebt, als hätte er Angst, ich wäre wirklich abgesoffen. Nachdem er bemerkt hat, dass ich noch lebe und zudem nackt bin, nehmen seine Wangen ein zartes rosa an, trotzdem schlüpft er durch den schmalen Türspalt und kommt zu mir, nicht ohne dabei krampfhaft den Blick von dem lichter werdenden Schaumberg abzuwenden, unter dem ich liege.
„Dein Handy hat geklingelt und . . . ähm, es hat nich mehr aufgehört . . . is Aki, er findets wahnsinnig witzig, dass du hier bist und hat sich geweigert aufzulegen. Ich wollte wirklich nich an deine Sachen gehen . . .“
Er wird immer leiser, verhaspelt sich ständig, sodass sein Gesicht nun mehr die Farbe einer reifen Tomate annimmt, was aber ach daran liegen könnte, dass es verdammt heiß hier drin ist und der Schaum sich tatsächlich allmählich verdünnisiert.
„Schon okay. Aber Lauri?“
„Jaa?“ Humpf, ich könnte ihn glatt zu mir in de Wanne zerren, wenn er so auf seiner Unterlippe herumkaut und an seinem winzigen Kinnbärtchen herumzupft. Er ist immer ganz verzweifelt, wenn er gezwungen wird sich zu rasieren und zupft dann vor lauter Frust an seinen Haaren rum . . . in der achten Klasse während eines Mathetests musste Pauli ihn angeblich mal rausbringen, weil er sich vor lauter Panik ein paar Haarbüschel ausgerupft hatte. Weiß ich von Aki . . . achja, Aki.
„Was grinst du so?“
„Gibst du mir mein Handy oder wollen wir drum knobeln?“
„Nein, sorry , ich . . .“

„Ja?“
„Du liegst bei Ylönen in der Badewanne und sagst mir nix davon!?“
„Mir geht’s auch gut, Aki, danke dass du fragst, is echt süß von dir.“

Aus den Augenwinkeln registriere ich, wie Lauri den Rückzuck antritt, aber ich bin schneller und packe ihn am Arm. Dabei muss ich mich zwar ein bisschen über den Wannenrand hängen, aber egal . . .
Bestimmt drücke ich ihn neben die geflieste Einfassung auf den Boden und beginne komischerweise damit, seinen Nacken zu kraulen . . . Sekundenlang fühle ich die Anspannung, die durch seinen Körper fließt, dann sinkt sein Kopf ein wenig zur Seite, lehnt auf Höhe der Wanne und ich muss aufpassen, dass ich seine Frisur nicht durch einen Schwung Wasser kaputtmache. Es tut wahnsinnig gut seine heiße Haut unter meinen Fingern zu spüren, das Badewasser an meinen Händen verteilt sich schnell, sodass nur noch seine Nackenhärchen leicht feucht sind. Geistesabwesend mache ich weiter, kann mich weder auf Aki konzentrieren noch auf das, was ich hier gerade tue, als er sich plötzlich meinen Bewegungen entgegendrängt, sich an mich schmiegt, sodass mir fast das Telefon ins Wasser fällt.

„Hallo? Ich hab dich was gefragt! Bist du ersoffen oder so!?”
„Ne, ich . . . war nur grade abgelenkt.“
Ich bin mir tausendprozentig sicher, dass ich ihn gerade lächeln gespürt hab . . . in seinem Nacken, häää?
„Soso . . . wenn ihr beiden Hübschen übermorgen vielleicht mal ne kleine Popp-Pause einlegen könntet . . .“
„Wir . . ahhhhhhhh!!“
„Jaaa, Ahhhhhhhhhhhhhkiii, ich weiß doch, Süße.“
„Was isn übermorgen du Hengst?“
„Ponyreiten mit Eero . . . ne quatsch, aber wir wollen sone Art kleine, bandinterne „scheiß-weihnachten-is-vorbei-party“ machen.“
„Seit wann mach ich bei euch mit?“
„Denk mal über den Begriff „intern“ nach . . .“
„Du bist sooo . . .“
„Wahnsinnig cool? Geil? Umwerfend sexy? Das weiß ich doch alles.”

„Hast du übermorgen was vor?“
„Nöööö.“
„Bock auf die Jungs?“
„Nöööööö.“

„Das hab ich gehört!!“ kreischt es aus meinem Handy, aber ich halte das Ding einfach nen halben Meter von mir weg gegen die Wand und versuche dabei nicht den Lauri-Kraul-Rhythmus zu stören.

„Aber ich.“
„Okay, dann gehen wir hin, solang du nur weiter machst . . .“ schnurrt es von unten und ich stelle mit Entsetzen fest, dass mir ein kleiner Schauer den Rücken hinunter fährt.


„Aki, wir kommen.“
„Jetzt schon? Naja, aber trotzdem: gleichzeitig, dass is schon ne Leistung, vor allem für Lauri, weil der . . .“
„Ich hab vor drei Wochen Zimtsterne gebacken und wenn du dir nich sofort einen von deinen Drumsticks quer ins Maul schiebst, damit du endlich mal ruhig bist, erschlag ich dich mit denen.“
„Yeah, Baby, gibs mir, ich lieeeeeeeebe es, wenn du wütend wirst.“
„Ich leg jetzt auf . . .“
„STOPP!! Ich muss noch was sehr, sehr wichtiges mit Lauri besprechen.“
Wortlos reiche ich ihm mein Handy und löse zwangsläufig meine Hand von seinem Nacken. Aki hat ein phänomenales Gespür dafür, jede Art von Sex aufzuspüren . . . manchmal hab ich das Gefühl, er kann Gedanken lesen.
Gelangweilt plansche ich mit den Füßen im Wasser und spiele mit einer Flasche Shampoo herum, die mir drei Sekunden später vor Schreck ins Wasser fällt, als Lauri mit einem Satz aufspringt und wütend das Gesicht verzieht.

„Sag mal hast du sie noch alle? Ich . . . es ist Weihnachten Aki, warum . . . NEIN, VERDAMMT!! . . . Weil . . . ahhh, leck mich doch . . . jaja, wir werden da sein . . . dir auch frohe Weihnachten . . . . du Ratte.“

„Ich frag mich immer wieder, warum ihr eigentlich befreundet seid.“
„Wenn er nicht grade seine Zimmerpalme verraucht, ist er ja auch ganz okay . . .“
Er verzieht das Gesicht zu einem Lächeln, aber ich kann förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitet. Irgendwas beschäftigt ihn und ich wüsste zu gerne, was das ist.
„Gibst du mir mal das Handtuch da?“
„Was?“
„Handtuch: groß, weiß, flauschig.“
„Achja, klar.“
Mit zwei großen Schritten ist er an der Heizung unter dem Fenster, reißt das Badetuch herunter und ist ebenso schnell wieder bei mir.
„Soll . . . soll ich raus?“
„Willst du?“
„Eigentlich nicht.“
Mit festem Blick sieht er mich an und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich mich aus der Wanne stemme und ihm das Tuch abnehme, dass er mir immer noch entgegen hält. Nicht eine einige Sekunde hat aufgehört, sich mit seinen Blicken durch meine Augen zu bohren und er hört auch jetzt nicht auf, als ich mit tropfend nassen Haaren vor ihm stehe, erhitzt und nur ein Stückchen Frotte um meinen Körper geschlungen. Es macht mich unsicher, so von ihm angesehen zu werden, das bin ich nicht gewohnt. Normalerweise tue ich genau das und es passt mir nicht, dass er sich anscheinend plötzlich einbildet, er könnte mit mir spielen. Trotzdem falle ich prompt darauf herein und sehe verlegen zu Boden. Es ist, als würde ich tonnenschwere Lasten heben müssen, wenn ich meinen Blick heben wollte.
Stattdessen werfe ich bockig meine Haare über die Schulter und schiebe mich an ihm vorbei zur Tür. Ich kann in dieser feuchtwarmen Luft bald nicht mehr atmen, muss raus hier.
Draußen lehne ich mich an die kühle Wand und schließe für einen Moment die Augen, bis ich Schritte höre und seine Anwesenheit direkt vor mir spüre.
„Was hat Aki gesagt, dass du dich plötzlich so eigenartig benimmst?“ frage ich ihn, ohne die Augen zu öffnen. Die Schwärze tut gut, kühlt meinen überhitzten Verstand . . . ich sehe rote Punkte tanzen, wo Lauri eigentlich stehen sollte.
„Er hat mich gefragt, warum ich dich noch nich flachgelegt hab.“
„Antwort?“
„Mhmmmm?“
„Was mhmmm?“
Ich sehe ihn nicht, aber seine Stimme durchfährt mich wie ein angenehmer prickelnder Strom und ich kann ihn näher kommen fühlen, spüre seine Wärme, rieche sein Aftershave.
„Ich hab mhmmm gesagt.“
„Warum?“
„Weil ich selbst keine plausible Erklärung dafür hatte . . .“
Ich stoße ruckartig alle Luft aus meinen Lungen, mein Körper zieht sich innerlich zusammen, als ich seine heißen Lippen spüre, die tastend über meinen Hals streifen. Seine Hand auf meiner Hüfte drückt mich fest gegen die Wand, während er sich mir entgegendrängt und mir den letzten Funken Verstand raubt. Noch immer habe ich die Augen geschlossen, fühle, wie es in meinem Inneres tobt und halte für ein paar Augenblicke einfach nur still, lasse seine Worte auf mich wirken. Erst als seine Finger ungeduldig an meinem Handtuch herumfummeln, drück ich ihn auf Armlänge von mir weg und funkle ihn wütend an.
„Ne kleine Vorwarnung wär vielleicht nicht schlecht gewesen, bevor du so über mich erfällst.“
„Aliisa, ich hab dich seit fast fünf Stunden nicht mehr richtig angefasst, ich platze gleich und das mein ich ernst.“
„Ohh . . . ja, fünf Stunden sin ne lange Zeit . . .“
Langsam komme ich ein wenig auf ihn zu, spiele mit seinem Hemdkragen und beiße mir nachdenklich auf die Unterlippe.
„Sehr, sehr lange . . .“ fügt er leise hinzu und umfasst erneut meine Hüften, eine kleine Spur zärtlicher als vorhin, aber nur eine klitzekleine.
„Wenn Mami nich da ist, wird Bubu also zum Tier, ja?“
„Bubu hat jetzt Sendepause und jetzt hör verdammt noch mal auf rumzulabern, ich will dich endlich küssen.“
Ich reiße entrüstet den Mund auf um etwas zu sagen, aber da ist schon Lauri, der mit deiner Zunge meinen Gaumen kitzelt, sodass ich hilflos in seine Arme zurücksacke und seinen stürmischen Kuss erwidere. 1: 0 für ihn . . . wer hätte gedacht, dass er dann doch so . . . überzeugend . . . sein kann. Mir bleibt keine Zeit mehr, darüber nachzugrübeln, denn die Hand auf meiner Hüfte begibt sich wieder auf Wanderschaft, diesmal abwärts, legt sich fest auf meinen Oberschenkel und schiebt Zentimeter für Zentimeter das lästige Handtuch nach oben. Mir geht das alles viel zu langsam, ich hibble unruhig hin und her, drücke mich gegen ihn und vergesse prompt für einen Augenblick das Atmen. Die verdammte Beule in seiner Hose macht mich wahnsinnig . . .
„Willst du das nich ausziehn?“ knurre ich und ziepe an seinem T-Shirt herum.
„Nich nötig.“
„Aber das is unfair . . .“
„Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nich soviel reden?“
„Wie findest du eigentlich meine neuen Schuhe? Und meine Haare? Ich war beim Friseur, gestern noch und . . .“
„Halt. Die. Klappe.“
„Zieh das Ding aus und ich werde schweigen wie eine billige Gummipuppe.“
„Nööö, ne Puppe hab ich schon.“
„Echt jetzt?“
„Sei doch endlich still . . .“
er seufzt direkt neben meinem Ohr, ich spüre seine leicht kratzige Wange an meinem Hals; spüre, wie er das Gesicht verzieht, als er mein Parfum schmeckt.
„Mhmm . . .“ Genialer Plan. Ich lege meine Finger zärtlich um sein Kinn und drücke ihn von meinem Hals weg um mir sofort einen Weg zwischen seine Lippen zu bahnen. Das ist kein Kuss mehr, das ist einfach nur wildes Rungelecke, aber wenigstens wird er dabei weich wie Butter und lässt sich sein Shirt ohne größeren Widerstand über den Kopf ziehen. Reflexartig lege ich meine Hand auf seine Brust und will ihn von mir wegdrücken, aber da sind diese unglaublichen Muskeln, die kleinen Härchen und die Wolke aus Aftershave, die mich sofort einlullt. Ich will einfach nur noch meinen Kopf an seine Schulter legen und mehr von diesem Zeug riechen, darin ertrinken . . . in Verbindung mit dem Laui-Geruch macht es einfach nur süchtig. Ich muss hier weg. Sonst wache ich in zwei Stunden wieder auf, habe Federn im Haar und stürze mich kreischend auf alles, was schwarz und klein ist. Eichhörnchen dieser Welt, nehmt euch in Acht.
Endlich schaffe ich es, ihn von mir wegzuschubsen, dann kralle ich mich in seinem Shirt fest, drücke mein Handtuch an mich und rase den Gang entlang Richtung Treppe.
„Das werd ich jetzt bei Ebay versteigern!!“ kichernd springe ich die Stufen hinunter und bleibe unten im Erdgehschoss stehen, erwarte, dass er von oben angeschossen kommt und mich platt walzt. Aber nichts, gar nichts, nur eigenartige Stille. Ist er jetzt eingeschnappt? Oder hat er ein . . . körperliches Problem?
„Bubu?“
Angst, was, verdammt noch mal, ist jetzt schon wieder los? Warum können wir nichtmal so sein wie alle anderen auch, uns jagen, kleine, neckische Spielchen spielen und anschließend . .
„AHHHHH!!“ Ich sehe nur einen Schatten, dann stockt mir für einen Moment der Atem, so fest werde ich gegen die kalte Dielenmauer gepresst.
„Du hast die kleine Treppe am Ende vom Flur vergessen, Häschen.“ Flötet er und seine Stimme trieft geradezu vor Selbstzufriedenheit.
„Ach dieeeee . . . krieg ich jetzt Schläge?”
„Mhmm, später vielleicht. Aber ab jetzt spielen wir fair und das heißt . . .“
Ich öffne unwillkürlich die Lippen in wenig, als er das Handtuch unter meinen Armen ein wenig lockert und soweit rutschen lässt, dass es gerade noch so auf meinen Hüften hängt. Eigentlich müsste es schon längst auf dem Boden liegen, aber da sich klein Lauri schon wieder gierig an mich drückt, hat es gar keine Chance zu fallen. Diesmal beginnt er mich zu küssen, nutzt den Überraschungseffekt und streift sanft an meinen Seiten auf und ab, während ich nur dastehe, meine Hände auf seinem Rücken und alles mit mir geschehen lasse. Erst als ein Daumen sich zwischen uns drängt und fahrig über meine Brust streift, zeige ich eine Reaktion und kralle mich in seinen Schultern fest, was er mit einem rauen Stöhnen quittiert.
Ich denke wirklich nicht darüber nach, meine Hände schummeln sich ganz von alleine an seinem Hosenbund entlang, friemeln an den Knöpfen herum und ziehen den Reißverschluss in Zeitlupe nach unten, sodass ich denke, er explodiert unter meinen Händen. Mit einem Rascheln fällen die Baggys auf den Boden, ich nehme es nur aus weiter Ferne war und ziehe ihn mit mir einen Schritt zur Seite. Jetzt gibt es nur noch Calvin Klein und das Handtuch.
Okay, letzteres wurde soeben von Master Ylönen auf das Telefontischchen gepfeffert.
„Küche . . . Tisch?“
„Gute Idee.“
Mein Atem rast, ich erwarte, ein bisschen grob von ihm mitgezerrt zu werden, ich mag das, aber nichts passiert. Stattdessen steht er nur regungslos vor mir, ich kann seinen Puls beinahe hämmern hören und dann sieht er mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Sie . . . sie kommen zurück!“
Wie was wer, hääääää??
Ein Kratzen an der Tür, fröhliche Stimmen, Schuhe werden abgetreten, das Schloss knackt.
Panisch grapsche ich nach meinem Handtuch, Lauri kickt seine Hose hektisch vor sich her und bleibt kurz mitten im Flur stehen, halb nackt und wedelt mit den Armen herum. Dann reißt er irgendeine Tür auf, packt mich schließlich doch noch mehr als grob am Handgelenk und zerrt mit in den kleinen Raum. Wir können fast nicht nebeneinander stehen, so eng ist es hierdrin. Sekundenland wagen wir es nichteinmal zu atmen, vor allem nicht, als die Stimmen direkt neben uns sind, nur durch die dünne Holztür getrennt. Wenn jetzt jemand die verdammte Tür aufmacht . . .
Schritte entfernen sich, wahrscheinlich ins Wohnzimmer, trotzdem schleichen noch mindestens zwei hier rum. Dann ist es ziemlich lange still, ich entspanne mich etwas und lege meinen Kopf doch noch gegen Lauris Schulter. Er ist ganz verschwitzt, atmet immer noch heftig, als er seine Arme um mich legt und mich an sich drückt.
„Wo sind wir eigentlich?“ murmle ich so leise wie möglich und bekomme eine beinahe gehauchte Antwort.
„Speisekammer.“ Das ist an Weihnachten nun auch kein wirklich besonders gutes Versteck vor kochwütigen Müttern, die ihre Bubus mästen wollen . . . Er sieht das genauso, ist nervös, aber trotzdem oder besser deshalb schient ihn die Situation irgendwie . . . geil zu machen. Ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen und bekomme prompt einen Knuff in die Seite.
„Ich weiß, dass du rot bist.”
„Pff, na und.”
„Wie gern hätte ich jetzt ne Taschenlampe . . .“
„Gleich nehm ich dir das Handtuch wieder weg und schubs dich raus auf den Flur.“
„Dann zerr ich dich eben mit.“
„ICH hab dann aber immerhin noch was an.“
„Mami wird ihren Bubu viel zu dünn finden und sofort eine fette Gans in den Ofen schieben, damit die böse Frau ihn nicht putt machen kann.“
„Ich mag nichts essen, was sich genau wie du anhört und in der Luft rumfliegt.“
„Red ich wirklich soviel Müll?“
„Nur, wenn du nervös bist . . .“
„Ich bin nicht . . . na ja . . . n kleines bisschen vielleicht.“ Leicht eingeschnappt knabbere ich auf meiner Unterlippe herum, bis Lauri plötzlich meine Hand von seiner Schulter nimmt und sie auf mein Herz presst.
„Dein Puls rast, Baby.“
„Gleiche Bedingungen für alle.“ Murmle ich darauf hin und entziehe meine Hand seinem Griff, um sie daraufhin sofort unter den Bund seiner Shorts zu schieben.
„Weißt du, in jeder anderen Situation würde ich dich anbeten für das, was du da machst, aber ich denke, es ist nicht gut, wenn wir in der Speisekammer meiner Eltern stehen und uns gegenseitig geil machen.“
„Das n Argument.“
„Du weißt doch, dass . . .“
„WIEVIEL?“
„DREI PÄCKCHEN, MEIN SCHATZ!“
Okay, mein Herz hat soeben aufgehört zu schlagen. Tschüss, Welt.
Meine Fingernägel krallen sich verzweifelt in Lauris Hüfte, während draußen Schritte näherkommen und direkt neben uns halt machen. Ich spüre, wie er zittert, sei es vor Aufregung oder den schmerzhaften Abdrücken in seiner Haut. Gott, noch nie in meinem Leben haben ich mir ein Aufquieken so verkniffen wie in diesem Moment und erst jetzt verstehe ich, wie befreiend Schreien doch sein kann.
Ein Strahl gleißenden Lichts fällt in den kleinen, finsteren Raum, die Tür öffnet sich unaufhaltbar. Bruchteile von Sekunden vergehen, bis sich meine Augen an das helle Licht gewöhnt haben. Und dann sehe ich, wie Hanna im Türrahmen steht, die Augenbrauen bis unter den Pony hochgezogen und uns mit einer Mischung aus Belustigung und Skepsis musternd. Ohne ein Wort zu sagen tritt sie einen kleinen Schritt näher. Dann werde ich von Lauri ziemlich schmerzhaft an das Regal hinter mir gedrückt, als sie ihre Hand an seinem Hintern vorbeischiebt, um drei Tütchen Zucker aus dem letzten Eck der Kammer zu ziehen.
Schließlich prangt ein dickes, fettes Grinsen auf ihrem Gesicht und sie wirft augenzwinkernd die Tür wieder zu.
„Sie hilft uns, oder?“
„Ja . . . aber ich muss erst über den Schock hinwegkommen, dass meine Schwester an meinem Arsch herumgegrabbelt hat.“
„Soll ich auch mal?“
„Was haben wir über Sex in der Speisekammer gesagt?“
„Von Sex war überhaupt nicht die Rede, und außerdem sagst du doch immer, dass ich dich am Arsch lecken soll.“
„Falsch. Das sagst DU zu MIR.“
„Mhmm, egal . . . ich wundere mich, was du doch für ne große Klappe hast, wenn’s dunkel ist.“
„Naja, ich dachte nur, dass es lächerlich wäre zu leugnen, was wir tun wollten.“
„Lauri, ich muss dir was sagen.“
„Was denn?“
Erwartungsvoll stupst er mich an, aber ich schlinge erst meine Arme um ihn und drücke meine nassen Haare an seiner Schulter platt, bevor ich weiterspreche.
„Du siehst verdammt gut aus . . .“
Ich bekomme keine Antwort mehr, denn im selben Augenblick ertönt ein gellender Schrei aus der Küche. Plötzlich trappeln Schritte hastig den Gang entlang, Türen werden aufgerissen, dann Stimmengewirr nebenan.
„Jetzt oder nie.“
Hastig schiebt er mich vor die Tür und weiter die Treppe hinauf. Unten klappert die Küchentür erneut und ich renne schneller.
Schritte auf der Treppe. Ich greife nach der Türklinke.
Wumm. Tür zu. Gerettet. Gott quält mich ja so gerne . . .
Mit Schwung werfe ich mein Handtuch in de Ecke und starre sekundenlang in das trübe Badewasser, das mittlerweile Ähnlichkeit mit Eeros widerlichem Lieblingstee hat. Die leere Shampooflasche schwimmt einsam und verlassen darin herum wie ein Floß in einem riesigen, dreckigen Ozean. Ungefähr genauso fühle ich mich gerade. Alles ging so schnell . . .
Vor zehn Minuten hat Lauri mir aus der Wanne geholfen und kurz darauf in einem plötzlichen Anfall von Testosteronüberschuss draußen an die Wand gepresst. Lauri ist das Floß und seine Mutter das Meer, in dem ich demnächst ersaufen werde. Dabei saß ich noch nichtmal richtig auf dem Floß, um runtergeschubst zu werden . . . Oh , FALSCH, wir wollten ja auf dem Küchentisch, also im Stehen . . . Egaaaaaaal, ich werde jetzt erst mal meine Klamotten zusammensammeln und dann zu Hanna runtergehen, damit sie mir nen Schuss Finlandia in den Glühwein tut. Dann muss ich nur noch eine Möglichkeit finden, um in Ruhe eine klitzekleine Kippe rauchen zu können. Ich frag mich, wie Lauri es so lange ohne Nikotin und lecker Teer aushält, vielleicht hat er Pflaster oder sowas. Ich halte es jedenfalls ohne Drogen keine Stunde länger in diesem Haus aus.
Da meine Haare inzwischen trocken und kringelig sind, schlüpfe ich nur schnell in meine Klamotten und klatsche mir eine Ladung Spachtelmasse ins Gesicht, bevor ich erneut die Klinke ergreife und mich in den Kampf, Runde zwei, stürzen will. Doch genau im selben Moment fängt das Fensterbrett an zu vibrieren. Was, verdammte Scheiße nochmal . . .
Erst, als das Stiefmütterchen am Fenster anfängt Y.M.C.A zu piepsen, wird mir bewusst, dass meine Handy anscheinend gerade die herrliche Aussicht auf Helsinki genießt. Natürlich, Lauri hatte es vorhin in seinen kleinen Stummelfingerchen und nur er kommt auf die Idee, irgendwelche wichtigen Dinge zwischen Grünzeug aufs Fensterbrett zu pfeffern. MÄNNER.
Soll ich rangehen? Vielleicht ist es jemand, der mir in meiner tiefen Unbefriedigtheit hilft . . .
Mit einem Hechtsprung bin ich drüben am Fenster und ziehe mein Telefon zwischen dem Gestrüpp der Mini- Zimmerpalme hervor. Bitte lass es jemand wahnsinnig tolles sein . . .
„Haslooooo!!“
„Aki . . .“
„Überschlag dich bloß nicht vor Freude.“ Motzt er beleidigt zurück.
„Entschuldige, Häschen. Ich bin leicht aggressiv seit ich in derYönschen Hochburg gefangen bin. Das Hausmonster hat es auf mich abgesehen.“
„Mach dir nix draus, Prinzessin. Ich hab auch immer Angst, wenn ich dahin muss. Sie grabbelt mir immer am Arsch rum . . .“
„Kann man ihr nich verübeln.“
„Wars denn so schlecht?“
„Ähäm, was?“
„Naja . . . hrrrrrrrrrrrr, du weißt schon.“
„Willst du die ganze Geschichte hörn?“
„In Kurzform bitte.“
„Dein Anruf hat sein Ego angestachelt, wir waren erst oben im Flur, dann unten. Als wir endlich auf den Küchentisch wollten sind sie zurückgekommen.“
„OMG . . .“
„Naja, wir haben uns in der Speisekammer versteckt, bis Hanna n Unfall für uns inszeniert hat und wir flüchten konnten.“
„Ihr habt also gar nich hrrrrrrrr??“
„Nein, wir haben nicht hrrrrrrrrr, Aki. Warum muss ich dir eigentlich immer von meinen Sex-Pannen erzählen?“
„Weil ich dein bester Kumpel bin, Saufkumpane, Kopf-über-Schüssel-Halter, Frust-Fress-Schoki-Beschaffer, . . .“
„Okayyyyyyy, du hast gewonnen. Aber können wir das übermorgen besprechen? Ich brauch jetzt sehr dringend sehr viel Alkohol.“
„Türlich, Baby. Aber eins noch: Rauch am besten im Badezimmer unten im Keller, das macht Nalle auch immer“
„Aki, ich liebe dich.“
„Weiß ich doch.“ Ein letztes Kichern, dann ein Klicken in der Leitung.
Gut, ich hab das Drogenproblem gelöst, jetzt kann ich den Kampf gegen das Ylönsche Hausmonster antreten. Naja, vielmehr werd eich mich still in eine Ecke setzen, aber alles andere wäre ja auch lebensgefährlich . . . oder so.

Chapter 71

„Ein Sofa.“
„Japs, sieht jedenfalls so aus.“
„Sie hat es also ernst gemeint.“
„Joa, hat sie.“
„Für deine Begleitung hab ich das Sofa hergerichtet . . . das hat sie gesagt.“
„Ganz genau.“
„Hör auf!!“
„Womit? Ich mach doch gar nix.“
„Eben, du stehst nur da und gibst mir beschissene Antworten.“
„Ich finds lustig, wie du dich aufregst.“
„Das is gar nich witzig. Ich bin 24, ich darf so viele kleine Jungs verführn wie ich will.“
„Du kannst mich doch vom Sofa aus scharf machen.“
„Das hättest du wohl gerne.“ Meine Laune sinkt gerade so tief, dass sie wohl bald anfängt Löcher in Mutter Ylönens kostbaren Teppichboden zu graben, wenn nicht bald ein Wunder geschieht. Warum bin ich überhaupt mitgekommen? Ich war noch nie gerne hier, wenn außer Lauri noch jemand anders hier war . . . Diese Frau ist krank Hat die keine Ahnung, über wie viele Weiber ihr Bubu dieses Jahr schon gerutscht ist? Ich verlang ja noch nichmal ne Landeerlaubnis auf Masters Astralkörper, ich will nur nich ständig wien kleines Flittchen behandelt werden.
Ich bin so wütend, dass die Gardinen eigentlich längst Feuer gefangen haben sollten, aber wahrscheinlich hat Mami sie vorsichtshalber schon nass gemacht, für den Fall, dass Bubus billige kleine Flamme ihre Kippe darin ausdrückt. Machen Schlampen ja so . . . Okay . . . BITTE. Dann werd ich jetzt mal ne ordentliche Ladung Nikotin ablassen und danach verschwinden. Soll Bubus Mama ihren kleinen mit dem Staubsauger verheiraten, der is tausendmal pflegeleichter als ich.
„Was machst du da?“
„Rauchen.“ Knurre ich ärgerlich zurück und lasse vor lauter aufgestauter Aggression auch noch mein Feuerzeug fallen.
„Du weißt doch, dass . . .“
„JA, Lauri, ich WEIß! Ich weiß, dass deine Mutter mich schon immer gehasst hat und es genießt mich hier in aller Ruhe mit ihren ständigen Sticheleien fertig zu machen. Und ich weiß, dass mir das eigentlich scheißegal sein sollte, aber das ist es nicht. Ich weiß aber nicht, warum du unbedingt wolltest, dass ich mitkomme . . . du hast gewusst, was passieren würde.“
„Komm her.“ Mit diesen zwei kleinen Worten unterbricht er meinen Wutausbruch und ich kann ihn einfach nur fassungslos anstarren.
„Was?!“
„Du wolltest wissen, warm ich dich hier haben wollte und ich werds dir sagen.“
Ich möchte ihn anschreien, irgendwo reinschlagen, aber stattdessen fuchtle ich nur wild mit den Armen herum und suche nach einer passenden Antwort. Also füge ich mich meinem Schicksal und lasse mich immer noch angepisst neben ihm auf dem Bett nieder.
„Ich würde dir jetzt gerne sagen, dass du süß bist, wenn du so rumtobst, aber das bist du nicht. Du bist eher bedrohlich.“ Er kichert leise und rückt ein paar Zentimeter näher, sodass sich unsere Oberschenkel berühren.
„Und um mir das zu sagen, hast du mich den ganzen Weg vom Fenster bis hierher laufen lassen?“
„Mann Prinzessin, es mir doch scheißegal, was sie denkt. Sie hat schon immer alles schlecht gemacht, was ich wirklich mochte. Sei es die Musik oder eben du.“
„Wasn Vergleich.“
„Was denn? Beides is laut, kompliziert und wunderschön.“
„Woher willst du wissen, ob ich laut bin?“ Ich bin immer noch wütend, aber an seinem Shirt herumzuspielen is ne tolle Möglichkeit um das abzubauen . . .
„Intuition.“
„Sowas hast du doch gar nich.“
„Pf, klar hab ich.“
„Beweiß es.“
Im gleichen Atemzug, in dem ich den Satz beende, pressen sich seine Lippen stürmisch auf meine, überrennen jeden Widerstand und ebnen den Weg für seine Zunge, die leicht hektisch über meinen Gaumen streift und im nächsten Augenblick auch schon wieder verschwunden ist .
„Das beweißt nur, dass du weißt, was ich will.“
„Is doch genauso praktisch.“
„Gibs zu, du wolltest nur mit mir ins Bett, deshalb hast du mich hierher geschleift.“
Ich spüre sein Lachen durch meinen ganzen Körper fließen, höre einfach auf, nachzudenken und lehne meinen Kopf an seine Schulter.
„Prinzessin, wir sind schon im Bett.“
„Wir waren auch im Bad, im Flur, in der Speisekammer . . .“
„Liz?“
„Japp?“
„Willst du mit im Bett schlafen oder bist du immer noch böse?“
„Ich war gar nich böse auf dich . . .“
„Weiß ich doch . . . sag einfach ja.“
„Vielleicht.“
„Du bist so blöd . . .“ Kichernd schubst er mich, sodass ich nach hinten umkippe und mit nach hinten geworfenen Armen auf der Matratze liegen bleibe.
„Ich bin erst blöd, wenn ich es irgendwie schaffe, dass hier wieder zu versauen . . .“
„Keine Angst, ich bin ja auch noch da.“
Lächelnd schlinge ich meine Arme um seinen Hals und ziehe ihn zu mir herunter, bis er neben mir liegt, halb auf mir und mich den süßlichen Geschmack schmecken lässt, der wie ein zarter Hauch auf seinen Lippen liegt.
Meine Hände fahren unkoordiniert über seinen Rücken, zupfen wieder an seinem Shirt herum und schieben es schließlich ein bisschen hoch, sodass sich die feinen Härchen auf seiner Haut aufstellen. Verdammt, ich kann doch so viele Dinge gleichzeitig tun, aber ich schaffe es einfach nicht, mit ihm rumzuknutschen und ihm dabei die Klamotten vom Leib zu reißen. Aber er könnte mir ja auch mal helfen, anstatt diese unanständigen Sachen mit meiner Zunge zu machen . . .
Mit einem Ruck drücke ich ihn von mir weg und ziehe ihm das Shirt von hinten über den Kopf, sodass er verdutzt zur Seite rollt und wild mit den Armen um sich schlägt, bis ich sie an den Handgelenken packe und fest in die Matratze drücke.
„Was solln das?“ murrt es beleidigt unter dem mittlerweile stark ausgeleierten Stoff. Man könnte glatt Mitleid bekommen . . .
„Das is die Strafe dafür, dass du dich schon wieder weigerst, dein Shirt auszuziehn.“
„Pf, zwing mich doch.“ Auch, wenn ich es jetzt nicht sehen kann, weiß ich, dass er dieses unverschämte Checkergrinsen grinst. Na warte, Dickerchen.
Ganz gemächlich schiebe ich mein rechtes Knie über seine Hüften, sodass ich rittlings auf seinen Oberschenkeln sitze und beginne, mit den Lippen ganz sachte seine Seiten auf und ab zu streichen. Schon bei der ersten Berührung geht ein Zucken durch seinen Körper, der Gegendruck auf meine Hände, die immer noch seine Arme in Schach halten, wird größer. Langsam verstärke ich den Druck, küsse und sauge an der zarten Haut seiner Hüften, seinem Bauchnabel und kurz an der kleinen Stelle seines Halses, die das Shirt nicht bedeckt. Der schwarze Stoff in seinem Gesicht gibt ein leises Stöhnen von sich, bei dessen Anblick ich mir ein Kichern nicht verkneifen kann.
„Mach mir das Ding da weg.“ Knurrt er böse und bäumt sich unwirsch unter mir auf, was aber einen ganz anderen Effekt hat, als den, den er sich anscheinend erhofft hat, nämlich mich abzuschütteln.
„Wenn du solche Sachen machst, werd ich erst Recht nicht runter gehen.“ murmle ich leise neben seinem Ohr und gebe ihm einen Kuss, dorthin, wo ich seine Lippe vermute.
„Das will ich doch auch gar nicht.“
„Mhmm, was willst du dann?“
„Maoam!“
„Kleinkind.“
„Ich will Gleichberechtigung, das hatten wir doch heute schonmal . . . mit Masken und so können wir später noch rumspielen.“
„Oh ja, habt ihr Ketten im Keller?“
„Liisaaaaaa . . .“ Ganz vorsichtig zieht er seine Hände aus meiner Umklammerung und legt sie sofort auf meine Hüften, um mich ein Stückchen näher an sich zu ziehen. Ehe ich protestieren kann, fliegt meine einzige blaue Bluse in hohem Bogen auf die stylische Stehlampe, die neben dem Bett steht und ein sehr zerstrubbelter Lauri strahlt mich aus den erwühlten Kissen an.
„Wer hat dir erlaubt zu gucken, hä?“
„Ich hab keine Luft mehr bekommen.“
„Womit wir wieder bei den Ketten wären.“
„Ahhh, halt die Klappe.“
„Lässt sich einrichten . . . was hast du vorhin gegessen?“
„Mousse au Chocolat, mit Chili.“
„Viel Chili?“
„Gaaaaaanz viel Chili!“ Mit einem breiten Grinsen umfasst er meinen Nacken und zieht mich zu einem mehr als stürmischen Kuss herunter.
„Scharf genug?“
Unsere Nasenspitzen berühren sich fast, es gibt in diesem Moment nur uns beide, abgeschirmt durch meine Haare, die dicht und gleichmäßig zu beiden Seiten auf die Matratze fallen.
„Very hot . . .“ Vorsichtig lasse ich mich ganz auf ihn sinken, locke ihn mit vielen kleinen sanften Küssen, bis er endlich seine Arme um meinen Rücken schlingt und mich an sich zieht.
Seine Zunge taucht wieder zwischen meine Lippen, während seine Hände meine Taille umfassen, über meine Schultern streifen und ungeduldig an den Trägern meines BHs herumzupfen. Ich will seine warme Haut an meinem Bauch spüren, seine Oberarme anfassen, seine Brust küssen . . . verdammtes T-Shirt.
„Du . . . du hast es immer noch an!“
„Mhmm, das is nich gut, oder?“
„Ich werds kaputt machen müssen.“
„Angst . . . ich mag das Teil.“
„Weg . . . damit.“ Unwirsch ziehe ich ihn mit mir hoch und zerre ihm das Shirt über den Kopf, sodass seine Haare noch verstrubbelter aussehen. Bevor er irgendeine dumme Bemerkung machen kann, stürze ich mich auf seinen Hals, nehme den Geruch seines Aftershaves in mich auf und lasse meine Zunge kleine Muster malen, sodass er nichts anderes als ein raues Aufstöhnen von sich gibt.
„Liisaa . . .“ seine Hände schieben sich vorsichtig meine Schultern hinab, über meinen Rücken, umfassen sehnsüchtig meinen Po . . .
„BUBU!!“
„Nicht jetzt, Baby . . .“ er schließt die Augen und gibt mir einen zarten Kuss aufs Schulterblatt. Doch ich erstarre vor Scheck, liege wie ein Brett in seinen Armen und drehe langsam den Kopf.
„GEHEN SIE SOFORT VON MEINEM SOHN RUNTER, SIE, SIE . . .“
„Mama . . .“ Mit großen Augen blickt er abwechselnd zu mir und seiner Erzeugerin. Offensichtlich ist sein Hirn mit dieser Situation überlastet, ganz toll. So, Liisa, dann zieh dich mal schön selbst aus der Scheiße.
„Ähm, warum?“ F.U.C.K. Nicht gut, gar nich gut.
„Weil . . . ich ein Wörtchen mit Ihnen zu reden habe, SOFORT!“
Ihr Blick duldet keinen weiteren Widerstand, also springe ich fast panisch von Lauri Schoß, der peinlich berührt sofort die Beine einzieht und weiter in den Schatten des Zimmers rutscht. Ich kann ihm nicht mal böse sein, dass er mir nicht hilft, er sieht richtig verängstig, sogar ein bisschen panisch aus. Kein Wunder, dass er so früh ausgezogen ist . . . aber trotzdem, die sechzehn Jahre mit diesem Weib haben ihm schon genug zugesetzt. Armes Terroropfer . . . Trotzdem, mein Mitleid spar ich mir für später auf. Feigling, Weichei!!
Ich grapsche unwirsch nach Lauris Shirt, das ich vorhin Richtung Tür geworfen habe und ziehe es mir schnell über den Kopf. Keine Sekunde länger hätte ich diesen Blick ertragen können . . . ich meine, was erwartet die bitte? Dass ihr Bubu mindestens doppel D verdient hat?
„Mitkommen.“ Auweia, jetzt krieg ich doch noch die Ketten im Keller. Ergeben folge ich dem Schrecken meiner schlaflosen Nächte und werfe Lauri, der immer noch starr vor Entsetzen auf dem Bett hockt, einen letzten Blick zu. Wir werden uns wohl nicht wieder sehen . . .

Chapter 72

„Hinsetzen.“ Warum reagieren meine Körperteile prompt auf das, was diese Frau sagt, ohne mich zu fragen?
„Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“
„Gegenfrage: was ist Ihr Problem?“
„SIE sind mein Problem!“
„Achso? Aber Sie wissen schon, dass Ihr Bubu seine Jungfräulichkeit schon vor ner gewissen Zeit verloren hat, ja? Und zum Zusammenflicken gibt’s da leider nix.“
„Ich kann nicht fassen, wo er so etwas wie Sie aufgetrieben hat . . .“
„In der Schule . . . und das wissen Sie ganz genau.“
„Ich weiß überhaupt nichts, er erzählt mir ja nichts . . . und das ist erst so, seitdem er SIE kennt.“
„Jetzt bin ich auch noch Schuld an Ihren Familienproblemen? Es würde mir sehr helfen, wenn ich wüsste, warum Sie mich hassen.“
„Ich möchte, dass Lauri eine Frau bekommt, die für ihn sorgt . . . eine richtige Frau und nicht so ein . . . Flittchen!“
„Eine, die brav kocht und putzt, mit dem Hund rausgeht und die beiden Kinder den ganzen Tag durch die Gegend kutschiert?“
„Ganz genau.“
„Gucken Sie doch mal in nem Katalog nach, vielleicht gibt’s da was für Sie. Lauri wird ja eh zu allem Amen sagen, was Sie ihm vorsetzen.“
„Er ist eben ein guter Junge . . . nur Sie haben ihn auf die schiefe Bahn gebracht. Erst ab da hat er angefangen herumzuspinnen, mit der Musik und diesem ganzen Müll, einfach fürchterlich. Dabei hatte er doch schon einen Ausbildungsplatz als Bankkaufmann . . .“
„Sie denken nie dran, was er will, oder?“
„Ich weiß viel besser als er, was gut für ihn ist, er ist noch viel zu jung und zu dumm um das selbst zu wissen.“
„Mein Gott bin ich froh, nicht so eine Mutter wie Sie zu haben . . .“
„Ihre Mutter ist genauso wie Sie . . . kein Wunder, dass ihr der Mann davon gelaufen ist . . . dieses Luder.“
Mit einem Satz bin ich aufgesprungen, balle meine Fäuste so fest, dass der ganze Arm zittert. Sie kann mich nennen, wie sie will, aber meine Mutter beleidigt niemand ungestraft und schon gar nicht dieses intolerante Subjekt . . .
„Nehmen Sie das sofort zurück.“ Knurre ich leise und fühle dabei heiße Wut in mir aufsteigen.
„Niemals, ich habe doch Recht!“
„Gut, wenn Sie nicht anders wollen . . .“ Mit zwei großen Schritten bin ich bei ihr, kann schon ihr widerliches Parfum riechen, als mich zwei Hände von hinten packen und heftig zurückreißen.
„Sie wollte mich schlagen, hast du das gesehen, Bubu? Wirf diese Frau raus!“
Sein Körper bebt hinter mir und meine Armen schmerzen von seinem Schraubzwingengriff.
„Du kannst mich, Mom . . .“
Einen Augenblick ist es still im Raum, ich kann ihn für Sekunden nicht mehr atmen fühlen, doch dann entspannt er sich mit einem Mal, legt mir zärtlich seine Hand auf den Rücken und schiebt mich zurück ins Gästezimmer. Die Tür fällt knallend ins Schloss und noch immer ist es ruhig im Haus. Ich will irgendetwas sagen, aber mein Kopf ist wie leer gefegt. Stattdessen lasse ich mich neben ihm auf dem Bett nieder, wo er seinen Kopf auf die Hände gestützt hat und mit leerem Blick an die Wand starrt. Vorsichtig lege ich meine Hand in seinen Nacken, beginne ihn zu kraulen, spiele mit seinen Haaren . . . Gott, sag doch irgendwas.
„Jung und dumm . . . ich und Bänker . . .“
„Tut mir so leid, ich wollte nicht . . . Sie hat mich provoziert und . . .“
„Du kannst doch nix dafür, du hast mir früher wenigstens zugehört, wenn ich von ner großen Rockstarkarriere geträumt hab . . . du hast sogar mal dein Konto leergeräumt, weil ich unbedingt so teure, neue Saiten gebraucht hab und sie mir nix geben wollte. Geldverschwendung hat sie das ganze genannt . . .“
„Ich hätte trotzdem nicht so austicken dürfen . . . das machts kein bisschen besser.“
„Liisa, ich hab doch gehört, was sie gesagt hat und es reicht. Ich hab mit ihr abgeschlossen, warum sollte ich jemandem vertrauen, der nie an mich geglaubt hat? Lass uns morgen einfach gleich verschwinden, okay?“
Sein Blick duldet keinen Widerstand, also nicke ich nur und ziehe seinen Kopf sachte an meine Schulter, worauf er seine Arme um meine Taille schlingt und resigniert seufzt.
Im Halbschlaf spüre ich noch, wie er uns in die Decke einwühlt, dann setzt irgendwann mein Bewusstsein aus . . .


„Das is wie damals . . .“ verträumt stehe ich am Fenster und sehe den wenigen Schneeflocken zu, die im Dämmerlicht vom Himmel fallen.
„Aliisa, KOMM JETZT!“
„Aber es war Sommer und schon hell draußen . . .“
„Lizzy . . .“
„Du hast meine Kippen geklaut . . .“
„Frühstück. Coffee Shop. Koffein en masse und Pfannkuchen bis dir schlecht wird.“
„Bin schon unterwegs.“
Schnell schwinge ich mich auf das Fensterbrett und werfe dem tristen Raum noch einen kurzen Blick zu, bevor ich springe und kurz darauf eisigkaltes Wasser in meinen Chucks fühle. Ich kann einfach nicht verstehen, dass sie aus seinem Zimmer eine Art Bügelkammer gemacht haben . . .
„Alles okay?“
„Japs, ich hab das taube Gefühl in meinen Füßen schon richtig vermisst . . . und sag einfach gar nichts, Lauri, ja? Das Thema Schuhe hatten wir bereits.“
„Ich mag meine Schuhe . . .“ Eingeschnappt stapft er Richtung Straße davon und wirft mir einen letzten anklagenden Blick zu, bevor er über die Schneewehen auf den Gehsteig klettert.
Jetzt hab ich wieder was angestellt. Lauri und seine Schuhe . . . das ist, also würde man versuchen, mir Kaffee und Kippen auszureden. Obwohl, das Zeug mag er doch auch so gern. .
„Kaffee und Kippen!!“
Schnell und peinlichst darauf bedacht, nicht von Madame Ylönen erwischt zu werde, folge ich seinen Spuren und hieve mich gerade über einen riesigen Berg aus Eis und Streusteinchen, als Lauri mich an den Hüften packt und sicher vor sich auf dem Gehsteig abstellt.
„Was!?“
„Kaffee und Kippen . . . ich mag deine Schuhe.“
„Du lügst.“
„Ich bin nur so aufgekratzt von der Fensterfluchtaktion.“
„Ich werd wohl nichts zum Geburtstag bekommen . . . und zu Ostern . . . Weihnachten ganz zu schweigen.“
„Und alles nur wegen mir . . .“ murmle ich schuldbewusst und streife seine Hände von mir ab.
„Ist doch toll, das heißt nämlich, dass ich nicht hierherkommen muss . . . jetzt zieh nich sone Fresse, in zwei Wochen hat sie das wieder vergessen und schickt mir Kekse und Kuchen, damit ich nicht verhungere.“
„Darf ich die Kekse dann haben?“
„Nur, wenn ich jetzt wieder an dir rumfummeln darf.“
„Mhm, ausnahmsweise . . . wo gehen wir hin?“
Er lächelt nur wissend und zieht mich vorsichtig an sich, während wir den Gehsteig entlang gehen. Ich versinke langsam in Gedanken und stelle mit Entsetzen fest, dass das gestern unser zweiter ernsthafter Versuch war, „ES“ zu tun. Im Haus von Lauris Eltern. Man, wir müssens echt nötig haben . . . Irgendwie macht mir das Angst, es ist alles so durchschaubar geworden. Kaum sind wir allein, fallen wir schon wie die Tiere übereinander her. Es geht alles so verdammt schnell . . . es ist, als ob es gestern gewesen wäre, als ich das letzte Mal mit Lauri durchs Fenster abgehaun bin. Verdammt, da haben wir schon zusammen in einem Bett gepennt, dabei hasse ich es, wenn sich jemand außer Aki oder meinem Kater morgens in meinem Bett befindet. Ficken okay, aber danach raus. Mein Bett gehört mir ganz allein . . . abgesehn von den beiden, aber die stellen für mich sexuelle Neutren dar. Trotzdem mochte ich es schon immer, wenn Lauri mit mir in einem Bett schläft, er hat irgendwie ne beruhigende Wirkung auf mich. Aber nicht nur das, ich mag es auch, wenn Lauri mit MIR schläft . . . fuck, Sexflashback. Ausblenden, ausblenden, ausblenden . . .
„Prinzessin?“
„Ja-ja?“
„Zitterst du so, weil du den Kaffee schon riechen kannst oder ist dir kalt?“
„Ich zittere?“
„Du hast dich grade in meinem Arm festgekrallt . . .“
„Upsi, hehe.“
„Hey . . .“ Lächelnd greift er nach meiner Hand und streichelt sanft mit dem Daumen über meinen Handrücken, während ich versuche, diese verdammten Bilder aus meinem Kopf zu bekommen.
„ . . . wir sind da. Ich kann dich aber auch hier anbinden, wenn du nicht mit reinkommen willst. Aber niemanden beißen, ja?“
„Geh mir aus dem Weg.“ Hektisch betrete ich den Laden, derselbe wie vor zehn Jahren und außerdem mein ganz privater Stammschuppen, und kralle mir sofort einen von den Aushilfsstudenten, um ein Frühstück für zwei Personen und einen Dreifachen Espresso zu ordern. Was Lauri will, weiß ich nicht . . .
Mit einem tiefen Seufzen lasse ich mich in eine der gepolsterten Ecken mit viel Grünzeug fallen und reiße mir den Schal vom Hals. Keine Sekunde zu früh, sonst wäre ich an meinen Hitzewallungen erstickt.
„Ich weiß ja, dass du rücksichtslos bist, wenn’s um Essen geht, aber zur Seite geschubst hast du mich noch nie. Jetzt hab ich Abdrücke vom Fahrradständer am Hintern.“
Göttlicher Lauri-Hintern . . .
Mit hochgezogenen Augenbrauen mustert er mich eine Weile und zieht dann scheinbar in Zeitlupe seinen Mantel aus.
Gott sei Dank kommt im selben Moment mein Kaffee und ich reiße die Tasse heftig an mich, um ein paar schnelle Schlucke zu trinken.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass dein Verhalten mit extremer Geilheit zu begründen ist?“
Ich muss mich wirklich zusammenreißen, dass ich den Kaffee nicht sofort wieder quer durch den Laden spucke. Stattdessen beschränke ich mich darauf, ihn mit großen Augen anzustarren, während er sich mit einem breiten Grinsend neben mich fallen lässt. Verzweifelt ringe ich nach Worten, nach einer schlagfertigen Antwort, aber er starrt plötzlich leicht verlegen auf die Tischplatte und nimmt mir die Worte aus dem Mund.
„Schade, dass gestern nich mehr draus geworden is . . .“
Seine Finger fahren immer wieder die Kanten der Lederbändchen an seinen Armen nach, während ich einfach nur wie erstarrt dasitze und meine Tasse umklammere. Erst, als er den Kopf wieder hebt, und mich mit seinem fragenden Blick durchbohrt, knalle ich den Kaffee auf den Tisch und schlinge meine Arme stattdessen um seinen Hals. Heftig dränge ich mich zwischen seine halb geöffneten Lippen und zwinge ihn zu einem stürmischen Kuss, den er erst sage und schreibe drei Minuten später unterbricht und hastig nach Luft schnappt.
Mein Essen türmt sich bereits vor mir, aber das ist mir im Moment egal. Sag irgendwas!!
„Wow . . .“ Naja, fürn Anfang . . .
„Magst du nen Pancake?“
„Liisa, ich . . .“
„Was?“
„Können wir einfach so tun, als wär das hier nich alles furchtbar peinlich?“
„Gute Idee, Dickerchen . . . Magst du nachher noch mal nach Hause?“
„Fährst du mich?“ Große, grüne, traurige Augen.
„Wenn du die Finger von meinen Erdbeeren lässt . . .“
„Du hast genug, das schaffst du niemals alles alleine.“
„Denk noch mal drüber nach, was du da grade gesagt hast.“
„Ich hab so Hunger . . .“
„Pancake?“
„Da is so ekliges süßes Zeugs drauf.“
„Hör auf mich wie n ausgesetzter Hund anzugucken sonst krieg ich noch Schuldgefühle . . . Man hast du Glück, dass ich heute gnädig bin.“
„Du bist einfach nur verdammt verfressen, Liz.“ Er kichert leise und greift sich eins von den leckeren, noch ganz warmen Brötchen.
„Ich hasse dich.“
„Ich weiß . . .“ Unsere Finger verschlingen sich unter dem Tisch und mir wird plötzlich verdammt heiß. Ich denke, dieser zweite Weihnachtsfeiertag wird anders sein, als alle anderen 24 davor . . . .

Chapter 73

„3 . . .2 . . . 1 . . . STOPP!!”
Als ob er eine Keule vor die Stirn bekommen hätte macht er mitten im Schritt im Halt und bleibt stocksteif so stehen, bis ich mich vor ihn stelle und sein Knie wieder nach unten auf den Boden drücke.
„Sie betreten jetzt das Reich der Familie Ahtisaari. Schizophrenie, Wahnvorstellungen und andere psychische Erkrankungen sind nicht ausgeschlossen. Mit dem Betreten dieses Grundstücks verzichten Sie auf jegliche Ansprüche und Entschädigungen, sowie das Verantwortlichmachen eines Mitglieds dieser geisteskranken Bande.“
„Hey, ich war schon öfters hier, Prinzessin.“
„Man merkts . . .AUA!“
„Das hast du doch gar nich gespürt durch den fetten Mantel.“ Motzt er beleidigt und ein bisschen schuldbewusst zurück.
„Natürlich hab ich das gemerkt, du weißt ganz genau, dass ich da . . . empfindlich bin. . . . Themawechsel.“
„Es wird bestimmt toll.“
„Klar wird es das . . . ich wollte dir nur vorher mitteilen, dass der Rechtsweg ausgeschlossen ist.“
„Hab ich registriert. Können wir jetzt reingehn? Deine Ma schuldet mir noch ne Mötley Crüe LP.“ Kichernd packt er mich am Arm und dirigiert mich sicher zwischen den hohen Schneewänden hindurch. Wie zielsicher er doch die Klingel gefunden hat . . . ich brauch dazu immer ewig . . . und meine Schlüssel verliere ich sowieso. Mittlerweile bekomme ich gar keinen mehr . . .
„Ahhh, noch was ganz wichtiges: wenn mein Cousin Timo eine mit dir rauchen gehen will, sag NEIN!“
„Wie besitzergreifend du doch bist . . . NEAAA!!“
Meine Mutter und Lauri. Lauri und meine Mutter. Ich frage mich, was dieser Tag wohl sonst noch so mit sich bringen wird.

„Süße?“
„Mum?“
„Es gibt da n klitzekleines Problemchen . . .“
„Was hast du wieder angestellt?“
„Das Ding da im Ofen . . .“
„Sag jetzt bitte nicht, du hast den Schinken umgebracht?“
„Der war schon tot . . . außerdem isst du eh nix davon.“
„Aber die anderen zwanzig Ahtisaaris!!“
„Das Ding sah so eintönig aus, da hab ich n paar Sachen draufgemacht . . . und jetzt schmeckt die Soße irgendwie nach alten Socken . . . meinst du, der Senf war schlecht? Oder das Ketchup?“
„MOM!!“
„Pizza?“
„Lauriiiiiiiiii!!“
Hysterisch springe ich auf und eise ihn von meinen beiden Großtanten los, die anscheinend gefallen an seinen Wangen gefunden haben und seit gut zwanzig Minuten ständig daran herumkneifen. Und das Beste ist ja, dass ihm das nicht mal groß was ausgemacht hat . . .
Im Moment ist das Essen aber bei weitem wichtiger als seine seltsamen Neigungen. Denn wenn ich nichts zwischen die Zähne bekomme, werde ich leicht aggressiv und zurzeit befinden sich noch zwei Dutzend andere von meiner Sorte in diesem Haus.
„Vermisst du mich?“
„Neeee, du musst den Schinken wieder beleben, er wurde von meiner Mutter schwer verletzt.“
„Toll, dafür brauchst du mich mal oder was?“
„Du bist der einzige in diesen vier Wänden, der wirklich kochen kann, Bärchen.“
„Nix Bärchen, ich bin doch nich euer Aushilfskoch.“
„Mamaaaa, sags ihm!“
„Ab in die Küche, Lauri. Schreien oder abhauen wird dir nix bringen, wird werden dich kriegen . . .“
„Angst.“
Ich ignoriere seinen panikerfüllten Blick und helfe Nea, ihn in die Küche zu schieben, wo wir ihm mit Gewalt in eine schneeweiße Schürze wickeln. Er wehrt sich zwar, hat aber keine Chance gegen zwei hungrige Bestien. Ich werde zwar von dem toten Schweinchen kein Stück anrühren, aber das sind meine Kartoffeln, die da in der drecksfarbenen Soße schwimmen.
„Rette es.“ Hilflos schubse ich ihn vor den Ofen, worauf er resigniert seufzend die Klappe öffnet und ein paar Sekunden ausdruckslos hineinstarrt.
„Das wird nicht einfach . . .“
„Wir tun alles . . . nur mach, dass die da draußen uns nicht steinigen. Du darfst auch in Liisas Unterwäsche wühlen!“
„HEY!!“
„Ne danke, damit hab ich schlechte Erfahrungen gemacht . . . ich sag nur Kaufhaus.“
„Ohhh yeahh . . . ich erwarte übrigens von dir, dass du dich in Zukunft von meinen Tanten fernhältst.“
„Eifersüchtig?“
„Und wie . . . .”
„Ich lass euch dann mal allein . . . versaus nicht, Kleiner.“
Mit diesen Worten entschwindet sie zurück ins Wohnzimmer und lässt mich mit Lauri und dem Schinken allein.
„Was schlagen Sie vor, Maestro?“
„Das Stück totes Tier aus der Brühe retten und neue machen . . . aber da fällt mir was ganz Wichtiges.“
„Was denn?“
„Mhmm . . . Ehrgeiz . . . und n Ansporn.”
„Du erwartest jetzt nich im Ernst, dass ich mit dir in der Küche von meiner Mutter rumknutsche.“
„Doch.“
„Mhmm, ich tus für den Schinken.“
„Du bist so fies . . .“
„Weiß ich doch.“ Mit einem Lächeln klettere ich auf die Anrichte und ziehe ihn ganz eng an mich heran, lege meine Beine auf seine Hüften und wuschle ihm vorsichtig durch die Haare.
„Wie lang machts das Teil noch?“
„Mhmm, drei Minuten bestimmt . . .“
„Das sind ganze 180 Sekunden . . .“
„Ganz genau.“ Ganz von selbst schließen sich meine Augen und ich schmecke den herben Kaffeegeschmack, den seine Zunge auf meiner hinterlässt . . .
„Der Schinken . . .“ stammle ich hilflos, bevor mich seine Lippen wieder sekundenlang zum Schweigen bringen.
„Ich hab meinen Schinken hier, Baby.“ Seine Hände fahren die Seitennähte meiner Jeans entlang und umfassen schließlich abrupt meinen Po, sodass ich erschrocken quietsche und ihn fast auf die Zunge beiße.
„Du Arschloch!“
„Lass mich auch mal auch mal sexistisch sein . . . ich bin sonst voll der Streber in dem Gebiet.“
„Ich besorg dir ne Hornbrille.“
„Liisaaaaa.“
„Nagut, weil heute Weihnachten ist . . . und weil ich’s beruhigender finde, wenn du an mir statt an meinen Tanten rumfummelst.“
„Ich hab nicht . . .“
„Der Schinken wartet.“
„Mhmmm . . . habt ihr Gewürze oder sowas?“
„Is Chili n Gewürz?“
„Nich für sowas da.“
„Weißt du, eigentlich kann ich ja kochen, ich tu nur immer so, als wär ich völlig unfähig.“
„Jaja, schon klar. Und jetzt sei ruhig und mach, was ich dir sage.“
„Man, du machst nen ganz schönen Aufstieg, erst Streber und dann muss ich mich deinem Willen unterwerfen.“
„Du bist doch schon längst meinem Charme unterlegen.“
„No comment.“
„Du grinst.“
„Tu ich nicht!“
„Doch, jetzt schon wieder.“
„Lauri, kümmer dich um das tote Schwein sonst schläfst du heute Nacht bei Tante Riina.“
„Aye Sir, ich finds eh besser, wenn du mich rumkommandierst, das macht mich irgendwie tierisch an . . .“
„Ich geh mal dein Geschenk suchen . . .“
„Komm wieder!“
„Ganz bestimmt.“ Grinsend verlasse ich die Küche und steige hinauf in den ersten Stock, um die Gitarre vom Dachboden zu holen. Ich hab sie noch nie mit runter genommen, weil ich Angst hatte, sie kaputt zu machen. Bittebittebitte, lass mich nicht mit dem Teil die Treppe runterfliegen oder sowas . . . Aber vielleicht mag Lauri sie eh nicht? Pauli meinte zwar, er würde jede Tabakplantage dafür sausen lassen, aber vielleicht hat er sich girrt? Oh man, ich hab echt Schiss . . . und es dauert noch so lange, bis ich sie ihm zeigen darf. Ab jetzt werde ich alle halbe Stunde Kontrollbesuch auf dem Dachboden machen. Nicht, dass plötzlich ein Orkan das Dach abdeckt und das kostbare Teil mitnimmt . . . oder es von Ratten angenagt wird. Ich hab einfach zu viele Stunden daran herumpoliert und gewischt, als das sowas jetzt passieren dürfte. Außerdem beunruhigt mich, dass ich überhaupt so einen Aufstand deswegen mache. Er ist mir so verdammt wichtig und das macht mir echt Angst.


[am Abend]

Leise taste ich mich in de Dunkelheit Stufe für Stufe die Treppe hinunter, das Geländer fest umklammert und in der anderen das kostbare Saiteninstrument. Es hat mich verdammt viel Überwindung gekostet um diese Uhrzeit den Dachboden hinaufzuklettern nur um dieses bescheuerte Ding zu holen. Andererseits hab ich extra damit gewartet bis alle anderen im Bett waren, weil ich nicht will, dass irgendjemand zusieht, wenn ich es ihm schenke. Trotzdem hätte ich mir vorher einen anderen Platz dafür suchen sollen . . .
„Guck in den Spiegel.“ Erschrocken erstarre ich auf der letzten Stufe zum Erdgeschoss und starre die dunkle Gestalt mit den stacheligen Haaren an, die sich vor mir aufgebaut hat.
„Warum?“
„Naja, könnte ja theoretisch sein, dass du von Vampiren angegriffen wurdest und jetzt selbst einer bist, dann hättest du nämlich kein Spiegelbild.“
„Wär doch verdammt geil, wenn Jyrki da oben rumhocken würde, hehe.“
„Hey, ich bin auch in ner Band!“
„Die hat aber lange nich so nen anzüglichen Namen.“
„Gibs doch zu, du bist schon längst n Vampir, deshalb durfte ich keinen Knoblauch in die Soße machen.“
„Pffff, du willst doch nur, dass ich dir jetzt zum Beweiß in den Hals beiße.“
„Naja, n bisschen rumlecken würde ich schaden . . . was hast du da?“
„Das? Das war ursprünglich mal dein Geschenk, aber da du ja anscheinend den ganzen restlichen Wein alleine gesoffen hast . . .“
„Hab ich nicht, ich hab uns was aufgehoben.“
„Okay, wenn das so ist, überleg ich’s mir noch mal.“
Er grinst nur und reicht mir seine Hand, sodass ich mit einem Satz die letzte Stufe überspringen kann ohne auf die Schnauze zu fliegen. Dabei verdrehe ich mir fast das Handgelenk, weil ich keine Peilung hatte, wie ich die Gitarre einpacken sollte und sie jetzt unbedingt noch ein bisschen vor ihm hinter meinem Rücken verstecken muss.
Es ist ganz still und dunkel im Haus, nur im Wohnzimmer brennen die Lichter des Baums und ein paar Kerzen in den schweren, eisernen Ständern in den Ecken. Lauri zieht mich einfach auf die Couch, drückt mir ein Glas Wein in die Hand und lehnt dann seufzend seinen Kopf gegen meine Schulter. War aber auch n verdammt langer Tag heute . . . erst die Flucht aus der Ylönschen Hochburg, die Katastrophe mit dem Schinken und dann die ganzen kleinen Biester von meiner Verwandtschaft, die ihn den ganzen Nachmittag lang malträtiert haben bis es endlich Geschenke gab. Man, ich hätte nie gedacht, dass Lauri so auf Kinder steht, das macht mir Angst . . . sie durften sogar an seinen Haaren ziehen, das wär für andere Menschen das grausamste Todesurteil überhaupt.
„Hör auf über den Tag nachzudenken.“
„Was?“
„Immer wenn du so verklärt geradeaus stierst heißt das, dass du über irgendwas nachgrübelst.“
„Schlaues Nalle, ich denk drüber nach, was hinter der Couch liegt.“
Ein Glänzen legt sich wie ein Schleier über seine Augen als er auf die Knie springt und sich mit dem Bauch über die Sofalehne hängt. Hab ich bereits den Ausdruck göttlicher Lauri-Hintern erwähnt?
Einen Augenblick lang ist es still, ich nippe ein bisschen an meinem Glas und werde langsam wirklich nervös. Gleich wird er mich mit diesem dummen Lächeln angucken, dass man aufsetzt, wenn man etwas vollkommen Beschissenes bekommen hat, aber keinen Ärger riskieren will.
„Du spinnst . . .“
Mit einem Plumps landet er wieder neben mir und starrt mich mit großen Augen an-
„Du spinnst . . . total.“
„Is das gut oder schlecht?“
Ich kann kaum noch mein Glas abstellen, da werde ich schon mit Schwung rückwärts umgeworfen und so heftig umklammert, dass ich fast anfange zu röcheln.
„Du brichst meine Rippen . . .“ quetsche ich gequält hervor und lächle sogut ich kann in seine funkelnden grünen Augen.
„Das macht nix, kannst meine haben . . . man Liz, du bist . . . ahhhhhhhhh, sie ist TOLL!!“
„Die Gitarre oder ich?“
„Beide, auf verschiedene Art und Weise.“
Er rollt leicht zur Seite, hält mich aber fest, sodass wir eng nebeneinander liegen, um nicht vom Sofa zu fliegen.
„Danke, Prinzessin . . . ich will dich gar nicht fragen, wo du die herhast, aber ich kann dir versprechen, dass ich sie nieeeeeeeeeeeeeeee wieder hergebe . . . ne Les Pauls . . . ich glaub ich sterbe.“
„Bitte nicht.“
Lächelnd schließe ich die Augen und stupse ihn mit der Nase an, bevor ich seine nach herbem Rotwein schmeckenden Lippen küsse und mich von ihm an einen anderen Ort entführen lasse.
Minutenland liegen wir einfach nur da, ich starre mit verträumtem Blick in seine zerstrubbelten Haare und kraule nebenbei seinen Nacken, sodass er ab und zu ein paar Küsse auf meinem Hals hinterlässt oder vorsichtig an meinem Ohrläppchen knabbert.
„Kannst du das bitte lassen, ich hab Angst, dass du die Ringe abknabberst und daran erstickst.“
„Hey, ich würde immerhin glücklich sterben.“
„Nicht bevor du mir was vorgespielt hast.“
„Was willst du denn hörn . . . aber bitte nix schweres, ich will dich nämlich dabei nich loslassen.“
„Das will ich sehn.“ Kichernd drücke ich ihn ein Stück von mir weg und ziehe erwartungsvoll die Gitarre auf meinen Schoss. Ein bisschen was kann ich vielleicht auch noch . . . ziemlich hilflos stimme ich die ersten Akkorde von All Apologies an, was mir ein hämisches Grinsen von Lauri einbringt. Beleidigt höre ich auf zu spielen und verschränke die Arme vor der Brust, bis er hinter mich gerutscht ist und mir die Gitarre abnimmt. Ich bin mir sicher, er dreht nur an den komischen Teilen da vorne rum, damit es echter aussieht . . . fuck, is das lang her, dass ich sowas auch mal konnte.
Schließlich legt er mir behutsam die Hand auf den Bauch und zieht mich noch ein bisschen näher an sich heran, sodass er mir über die Schulter gucken kann. Bei ihm hört sich dass so verdammt anders an . . . tausendmal besser, um ehrlich zu sein. Trotzdem, er hat wenigstens verstanden, was es mal werden sollte, denn er spielt den Song da weiter, wo ich kläglich gescheitert bin. Immer dann, wenn er um Refrain ansetzt, kann ich seine Oberarme spüren, die sich an meine Schultern pressen und da ist auch noch ganz was anderes.
Okay, das reicht, ich halts nicht mehr aus. Bestimmt reiße ich ihm die Gitarre aus der Hand und werfe sie so vorsichtig wie möglich neben uns aufs Sofa bevor ich ihn am Kragen packe, zu mir heranziehe und so heftig küsse, dass er knallrot anläuft.
„Mein Zimmer is weit weg von der Treppe . . . schlafen alle oben.“ Nuschle ich gepresst, während er auf meinen Offensivangriff einsteigt, indem er mich einfach hochnimmt und vor sich her raus in den Flur trägt. Leicht krampfhaft klammere ich mich mit den Beinen an ihm fest, einerseits, um nicht runterzufallen und andererseits um das Zelt in seiner Hose zu testen. Sieht nach Zwei-Mann aus . . . .

Auf halber Strecke macht er plötzlich eine 180 Grad Wende und presst mich leicht keuchend an die nächstbeste Wand. Verduzt lasse ich einfach zu, dass er mir meine Spange fast aus den Haaren rupft und stattdessen seine Nase darin versenkt. Unterdrücktes Stöhnen an meinem Ohr schickt ein aufregendes Kribbeln durch meinen Körper, während meine Hände sich vorsichtig von seinem Nacken lösen und stattdessen in den kleinen Spalt zwischen seiner Haut und dem Bund seiner Jeans schieben. Endlich ist der göttliche Lauri-Hintern etwas Greifbares geworden . . . im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bemerke gar nicht, dass er mittlerweile nur noch wie ein nasser Sack an mir lehnt, weil ich so damit beschäftigt bin, in seinen Shorts zu wühlen und ihm kleine Knutschflecken am Halsansatz zu machen.
„Das letzte Stück trägst du mich, okay?“ nuschelt er leise und schlingt sich dabei eine kleine Haarsträhne von mir um den Finger.
„Hey, ich bin ne arme, schwächliche Frau, wie soll ich das denn anstelln?“ Ich kichere leicht dümmlich und ziehe meine Hände aus seiner Hose um sie stattdessen langsam seinen Rücken hinaufgleiten zu lassen. Er erschauert leicht unter meinen Bewegungen und drängt sich noch ein Stück enger an mich, sodass ich seine Hitze durch mein dünnes Shirt spüren kann.
„Du machst mich trotzdem völlig fertig . . .“ Mit einem breiten Grinsen greift er nach meinen Händen und drückt mich rückwärts in mein Zimmer, als ich versuche, mich ihm entgegen zu stemmen. Verärgert über meine Unterlegenheit lasse ich ihn und los und will mich zur Seite wegdrehen, aber er packt mich im selben Augenblick an den Hüften und zieht mich wieder an sich, sodass ich mit dem Rücken an seinem Bauch lehne. Ich weiß ganz genau, dass er grinst . . . kann es fühlen, als er seine leicht kratzige Wange an meine Schläfe presst und mir einen weiteren Stromstoß durch seine Berührung verschafft. Ein dezenter Hauch von Haarspray, kaltem Rauch und Pfefferminze steigt mir in die Nase, betört meine Sinne, sodass ich einfach nur willenlos in seinen Armen liege und zulasse, dass sich seine warmen Hände auf meine Hüften legen. Er tut einfach gar nichts, wiegt mich nur sanft hin und her . . . Gott, ich weiß doch, dass das absolut nicht das ist, was er heute Nacht mit mir vorhat. Das dezente Pochen an meinem Po, sein heftiger Atem und das tiefe Knurren dicht neben meinem Ohr, als ich mich zu ihm umdrehe und meine Hüfte heftig an ihn presse . . .
„Hat sich so viel verändert hier . . . und doch is alles wie früher.“ Murmelt er leise und sieht sich dabei in meinem spärlich beleuchteten Zimmer um, während er mir mein Shirt über den rechten Oberarm zieht und sachte meine Schulter küsst.
„Mhmm . . . es liegt nich soviel Müll rum, weil ich selten hier bin.“ Erwidere ich leise, lasse meinen Blick über seine Brust gleiten und bleibe schließlich an seinen Augen hängen. Zaghaft nähere ich mich ihm, schiebe meine rechte Hand in seinen Nacken und berühre seine Lippen, küsse ihn, dringe in ihn ein ohne ein einziges Mal die Augen zu schließen. Es ist ein atemberaubendes Gefühl, in diesem funkelnden Grün zu versinken und ihn dabei so unglaublich intensiv zu spüren.
„Ich liebe das Chaos, das du hinterlässt . . .“ Widerwillig löst er sich von mir, lächelt dann schließlich und packt den Saum meines T-Shirts, um es mir endlich über den Kopf zu ziehen. Ich erschauere kurz, doch die beisende Kälte, die sich in meine Haut frisst wird sofort von Lauris Armen vertrieben, die sich um mich schlingen und eine wohlige Wärme ausstrahlen.
Wie entfesselt fahren seine Hände über meinen Rücken und ich kralle mich krampfhaft an seinen Hüften fest, als seine Zunge wie ein Hauch über mein Dekolletee streift und schließlich frech in die linke Schale meines BHs eintaucht.
„Ungeduldig bist du ja gar nich.“
„Mhmm, hab schon den ganzen Tag gewartet.“
„Seit dem Frühstück?“
„Jaaaaaaaa?“
„Warum hast du das nich eher gesagt?“ Kichere ich leise und hebe sein Kinn an, um ihm einen Kuss auf die Nase zu drücken.
„Ahh, halt die Klappe!“ Sein Grinsend bringt mich um . . . obwohl es wirklich nicht schlimm wäre, jetzt zu sterben. Ich will nicht mehr nachdenken, muss auch nicht. Meine Seele und mein Körper holen sich von ganz allein, was sie brauchen . . . ziehen ihm heftig sein Hemd über den Kopf und werfen es achtlos in die Ecke. Der Anblick seines nackten Oberkörpers verschlägt mir kurz die Sprache. Ich habe es mir einfach zu oft vorgestellt, die Realität verzerrt . . . umso stürmischer presse ich jetzt meine Hände auf seinen Bauch, lasse meine Finger langsam an seinem Reißverschluss hinabgleiten und genieße das unbeherrschte Aufstöhnen, das seinen leicht geöffneten Lippen entfährt.
„Du quälst mich . . .“
„Ach wirklich . . .?“
Ich fixiere seinen Blick, halte ihm stand, während sich meine Hand zwischen seine Beine schiebt und ihn massiert.
„Jaaaaa . . .“
„Oh, dann soll ich aufhörn?“
„Mmhmm, nein . . . küss mich einfach.“ Mit einem Ruck hat er mich wieder an sich gezogen, presst mir seine Hüfte ungestüm entgegen und küsst mich so heftig, dass mir für ein paar Sekunden fast die Luft wegbleibt. Mir steigt sengende Hitze in den Kopf, die auch nicht verschwindet, als er mit den Fingern sehnsüchtig die Unterkante meines BHs nachfährt. Mit einem Handgriff hat er ihn offen, küsst mich wieder, während seine Hände zärtlich meine Brüste umfassen und meinen Oberkörper streicheln. Halb im Rausch dirigiere ich ihn Richtung Bett, bevor meine Knie unter mir nachgeben und bin schon wieder damit beschäftigt, an seiner Hose herumzufummeln bevor er überhaupt richtig neben mir liegt.
„Und du erzählst MIR, dass ICH ungeduldig bin?“
„Ich hab nie behauptet, dass ich’s nich auch wäre . . . aber ich darf das ja schließlich auch.“
„Achso, und ich nich?“
„Niente . . .“
Ich versuche verzweifelt über ihn zu klettern, ohne die Verbindung zu seinen Lippen zu unterbrechen, was aber schließlich damit endet, dass ich kichernd über seine Taille rolle und mit dem Gesicht an seinem Hals hängen bleibe. Vorsichtig puste ich in an seinem Kinn entlang, worauf er leicht erschauert und mich aus den Augenwinkeln ansieht, bevor ich mich von hinten an ihn presse und mein Gesicht in seinen Haaren vergrabe. Tiefe Dunkelheit empfängt mich . . . Dunkelheit und der süßlich-herbe Geruch seines Haarsprays, der meine Sinne betört und mich noch tiefer in die Schwerelosigkeit drängt.
Sein Gewicht löst ein dumpfes Pochen in meinem rechten Arm aus, aber das ist mir egal. Immer und immer wieder streife ich mit dem Daumen über seinen Bauchnabel, während meine Linke sanft an seiner Seite hinabgleitet und schließlich seinen Oberschenkel so weit wie möglich umfasst. Gegen das erregte Zittern seiner Beine ankämpfend schiebe ich sie weiter nach oben, kraule ihn, bis er den Kopf ruckartig nach hinten dreht und seine Wange stöhnend an meinen Hals presst. Keuchend dreht er sich ein bisschen, sodass sein Oberkörper geradeso auf meiner Brust liegt, sein Po aber immer noch gegen meine Hüfte gepresst bleibt.
Da mein rechter Arm jetzt nicht mehr eingeklemmt ist, benutze ich meine zweite freie Hand, um kleine Muster auf seinen Bauch zu malen, während die andere mit fahrigen Bewegungen seine Hose auffriemelt und schließlich mit einem erneuten Aufstöhnen seinerseits darin versinkt. Es tut wahnsinnig gut, seinen heißen Rücken zu spüren, der sich mit jedem seiner hastigen Atemzüge ein bisschen an mir reibt und ein angenehmes Prickeln hinterlässt. Ich versinke ganz in dem Rhythmus, den mir seine Atmung vorgibt, spüre seine Hand, die sich fest auf meine Wange presst und in die ich mich kuschle, während meine Bewegung in seinen Shorts immer fahriger werden.
Dann geht plötzlich ein Ruck durch seinen Körper, er entzieht sich mir und rappelt sich auf, sodass er über mir kniet und mich durchdringend anstarrt. Man kann förmlich das Knistern in der Luft zwischen uns hören, als er sich zu mir herunterbeugt und seine Stirn gegen meine lehnt.


„Was hast du?“ Meine Stimme klingt irgendwie seltsam, als würde sie nicht zu mir gehören sondern einfach nur ziellos durch den Raum hallen.
„Ich warte darauf, dass jemand reingestürmt kommt oder dass mich jemand kneift und mir sagt ich soll aufhören zu träumen und gefälligst zum Soundcheck kommen.“
„Tut mir leid, wir sind ganz . . . allein.“ Zum tausendstens Mal küsse ich ihn, streiche mit den Fingernägeln ganz sanft über seinen Rücken, sodass er mit einem gepressten Knurren von mir ablässt und sich neben mich rollt, nur um im nächsten Moment meine Hüften zu packen und mich auf sich zu ziehen. Zum ersten Mal spüre ich ihn so, wie ich es mir schon seit Stunden, Tagen, Wochen wünsche . . . spüre seine warmen Hände, die zärtlich meinen Bauch hinauffahren . . . seine Lippen, die meine Dékollete küssen . . . seine Zunge, die mich zu einem benebelten Aufstöhnen zwingt.
„Was muss ich tun, damit du dieses verdammt Ding loswirst?“ murrt er plötzlich und spielt beleidigt an meiner halboffenen Jeans herum, die mir sowieso schon halb auf den Oberschenkeln hängt.
„Mhmm, ich glaube, ich müsste kurz mal runter.“
Mit unwilligem Gesichtsausdruck schließt er die Augen und presst mich nocheinmal so heftig an sich, dass mir leicht schwarz vor Augen wird, bevor er mich schließlich neben sich auf die Matratze wirft um mir mit einem Ruck meine Lieblingswrangler von den Hüften zu zerren. Ich kann nicht einmal drüber nachdenken, dass ich jetzt sogut wie nackt vor meinem ehemals besten Freund liege, da mich seine heißen Lippen, die an der Oberkante meines Slips entlangwandern schlicht und ergreifend in den Wahnsinn treiben . Nein, es ist vielmehr so, dass ER mich in den Wahnsinn treibt. Sein Geruch, seine Stimme, sein Körper, einfach alles an ihm.
„Es ist verdammt unfair, was du da machst.“ Murmle ich leise und vergrabe meine Finger in seinen Haaren.
„Nich gut?“ Er schüttelt sich ein paar zerzauste Strähnen aus dem Gesicht und sieht mich mit großen, leicht entsetzten Augen an, sodass ich ein Kichern nicht unterdrücken kann und dafür prompt einen schmerzhaften Kniff in die Seite ernte.
„Oh doch, aaaber . . . .“
„Aber?“ Misstrauisch kniet er sich über mich und stupst vorsichtig gegen meine Nase, während seine wassergrünen Augen mich zu durchbohren drohen.
„Weißt du, ich hab den ganzen Tag damit verbracht, deinem Arsch hinterherzugaffen und jetzt würde ich ihn doch gerne anfassen . . . .so richtig . . .“
„Du hast meinen Hintern angestarrt?“ Mit einem fiesen Grinsen beißt er mir in die Schulter, greift nach meiner linken Hand und presst sie vorsichtig auf meine Brust. Seiner körperlichen Stärke unterlegen folge ich den Bewegungen, die er mir vorgibt, spüre mich selbst in dem, was er mir aufzwingt.
„Ständig . . . den ganzen verdammten Nachmittag über . . .“
Mit einem Ruck befreie ich meine Finger aus seiner Umklammerung und schließe sie stattdessen lose um seinen Nacken, um ihn zu einem flüchtigen Kuss zu mir herunter zu ziehen.
„Wenn du ein braves Mädchen wärst, würde ich’s dir vielleicht erlauben . . .“
„ . . . aber weil ich kein braves Mädchen bin, nehm ich die Dinge einfach selbst in die Hand.“
Meine Lippen verziehen sich zu einem breiten Grinsen, während ich mit den Fingernägeln ganz sachte an seiner Seite hinabfahre. Sofort erschauert er, windet sich unter meinen Händen, versucht mir auszuweichen. Aber ich halte ihn fest, küsse ihn immer wieder, während ich seinen Körper mit hauchzarten Berührungen versehe, von denen ich weiß, dass sie wie Feuer auf seiner Haut brennen. Seine Lider flackern so stark, dass man förmlich sehen kann, wie er zwischen Erregung und Qual hin und her schwankt.
Plötzlich fängt er wild an mit den Beinen zu strampeln und wenig später kann ich seine Hose mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fallen hören. Erschöpft lässt er sich mit seinem ganzen Gewicht auf mir nieder, aber das ist mir im Moment verdammt egal, da ich mich endlich eindringlicher mit seinem kleinen, knackigen Hintern beschäftigen kann. Zärtlich schiebe ich meine warmen Hände unter seine eng anliegenden Shorts, während er seine Wange gegen meinen Oberkörper schmiegt und genießerisch die Augen schließt.
Doch als ich mich über seine Hüften nach unten arbeite und meine Finger den pulsierenden Widerstand ertasten, der sich frech gegen meine Oberschenkel presst, erfüllt ein raues Aufstöhnen den Raum, bei dem ein wohliger Schauer über meinen Rücken fährt. Ich schlucke schwer, während ich weiter vordringe und sein zunehmendes Keuchen an meiner Schulter fühle. Doch plötzlich drückt er sich von der Matratze ab, packt mich an der Hüfte und zieht mich in die Senkrechte, sodass ich seine Erregung endlich so deutlich spüre, dass ich ihm vor lauter Ekstase fast in die Schulter beiße. Im letzten Moment wende ich mich jedoch ab und küsse ihn stattdessen, dringe so tief und heftig in ihn ein, wie ich es auch von ihm erwarte . . .

Nur noch Bilder in meinem Kopf . . . seine Berührungen, die mich in den Wahnsinn treiben . . . Sterne, die vor meinen Augen tanzen als ich sie schließe, um ihn noch intensiver spüren zu können . . . die Erlösung, sein gequältes Stöhnen als ich meine Fingernägel in seiner Schulter vergrabe . . . Leere.

Leere in meinem Blick, als ich mich von ihm abwende, an die Wand starre und versuche, meinen Verstand wieder einigermaßen klar zu bekommen. Aber ich kann nicht denken, liege nur schlaff neben ihm und versuche verzweifelt irgendetwas zu spüren. Es ist fast, als hätte er mir meine Seele geraubt. Mechanisch krieche ich an den Bettrand und schlüpfe so leise wie möglich zur Tür hinaus. Die kalten Fließen hinterlassen ein angenehmes Prickeln auf meinen Fußsohlen, trotzdem fühle ich mich leblos wie ein Stein, wende den Blick von dem großen Flurspiegel ab, um mir nicht selbst in die Augen sehen zu müssen.
Ohne nachzudenken gehe ich in die Küche, reiße den Kühlschrank auf und setzte mich mit einer halbleeren Flasche Wasser an den Tisch. Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur da sitze und dem monotonen Ticken der Uhr zuhöre. Erst das leise Gongen aus dem Wohnzimmer lässt mich aufschrecken, es ist gerade mal ein Uhr morgens. Plötzlich bemerke ich, wie sehr ich die ganze Zeit gefroren habe, meine Beine zittern richtig und ich ziehe sie so nahe wie möglich an mich heran, mach mich ganz klein, presse mein Gesicht gegen meine Knie.
Es gibt nichts Schrecklicheres als nichts zu fühlen, keine Wut, keine Trauer, keine Freude, einfach nichts. So muss sich jemand fühlen, der gerade erfahren hat, dass er nie wieder laufen können wird und jetzt krampfhaft versucht die Beine zu bewegen. Es geht nicht.
Mit der Wasserflasche gehe ich den selben Weg zurück, den ich gekommen bin, fühle wieder das angenehme Prickeln, über das ich mich ja doch nicht freuen kann, und schließe leise die Tür hinter mir. Bitte schlaf doch . . .
Mit einem leisen Klirren stelle ich die Flasche neben dem Bett ab und denke kurz darüber nach, warum ich sie überhaupt mitgenommen habe. Mir fällt kein Grund ein und trotzdem trinke ich einen winzigen Schluck, um sicher zu sein, dass wenigstens mein Körper lebt.
In der Ecke brennt immer noch meine kleine Stehlampe, als ich mich wieder neben ihn lege, die Decke an mich presse und an die Wand starre. Ich will, dass er geht . . . ich will, dass er bleibt . . . ich weiß nicht, was ich will.
„Wo warst du?“ Seine sanfte Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und ich zucke vor Schreck zusammen, als er seine Arme um meinen Bauch schlingt. Sein stoppeliges Kinn kitzelt unangenehm an meinem Hals als er vorsichtig meine Mundwinkel küsst. Ich will ihm erklären, dass ich nicht kann, dass ich überfordert bin, dass ich Zeit brauche. Es geht nicht.
Stattdessen schließe ich die Augen, suche nach einer Empfindung in meinem Inneren und blende ihn aus, tue so, als ob ich schlafen würde.
„Ich liebe dich, Aliisa.“
Mein Herz pocht heftig gegen mein Rippen, während ich krampfhaft die Augen zudrücke und versuche, regelmäßig zu atmen. Aber er weiß, dass ich nicht schlafe . . . er kennt mich zu gut, um sich von meinen kindischen Spielchen täuschen zu lassen. Und er ist verletzt. Nach endlosen Minuten lässt er mich los und dreht sich auf die andere Seite, jetzt tun wir beide so, als ob wir schlafen würden und starren dabei an die gegenüberliegende Wand. Ich würde ihm so gern sagen, was ich für ihn empfinde, aber ich kann einfach nicht. Alles ist über mir zusammengestürzt, mein Herz verweigert sich sowieso schon, das ganze Gefühlschaos von mehr als zehn Jahren zu verarbeiten. Und mit der riesigen Flutwelle an Emotionen, die er vor ein paar Minuten in mir ausgelöst hat, ist das wacklige Gerüst an Klarheit, dass ich mir geschaffen habe, endgültig zusammengebrochen. Ich hab mal wieder alles kaputt gemacht, nur weil ich zu schwach bin, so starke Gefühle für jemanden zu haben. Ich könnte mich jetzt umdrehen, ihn einfach küssen und ihm sagen, wie wichtig er für mich ist. Aber es geht nicht . . .

Chapter 74

Blinzeln öffne ich die Augen einen Spalt und werfe einen kurzen Blick an die orangerote Wand neben meinem Bett, bevor ich mir die Decke über den Kopf ziehe und die schwache Wintersonne verfluche. Seit Wochen lebe ich mit der unbarmherzigen Dunkelheit des finnischen Winters und ausgerechnet heute muss es früher hell werden als sonst, ganz toll.
Aber das ist nichts im Vergleich zu dem verdammten Alptraum, den ich letzte Nacht hatte.
Seufzend drücke ich mein Gesicht ins Kopfkissen und genieße die wohlige Wärme, die mich umgibt. Warum kann es nicht jeden Tag so sein und welcher verdammte Mistkerl hat den Wecker erfunden, der mich Montag bis Freitag so brutal aus dem Bett wirft? Keine Antwort auf diese Fragen, stattdessen steigt plötzlich Übelkeit in mir hoch. Das war kein Traum . . .
Mein Kopf dröhnt, aber ich starre nur mit aufgerissenen Augen ins Leere, so wie gestern.
Ich weiß schon, dass er nicht mehr da ist, bevor ich mich auf die andere Seite rolle und das zerknitterte Kissen anstarre, das er hinterlassen hat. Er ist vor mir davon gelaufen, weil ich ihn mit allem, was ich tue, so unglaublich verletze. Aber er wird es verstehen, wenn ich es ihm nur ekläre . . . er wird es verstehen, ganz sicher.
Mit einem Satz springe ich aus dem Bett und reiße die Tür auf, um den leicht dämmrigen Gang in Richtung Küche entlangzulaufen. Bestimmt steht meine Mum an der Anrichte und kocht Kaffee für Lauri und sich selbst.
„Mum?“
„Hast du wieder ins Bett gemacht oder warum bist du so früh wach?“
Blinzeln kommt mir Nea entgegen, ganz in ihren dunkelblauen Bademantel gehüllt und eine riesige Tasse Kaffee in der Hand. Er sitzt nich am Tisch . . .
„Hast du Lauri gesehn?“
„Der is grade raus als ich runtergekommen bin . . . wahrscheinlich will er Blumen für dich kaufen, der kleine Spinner.“
„Fuck.“
„Also ich würde mich freuen, wenn . . .“
Der Rest geht im Geraschel meiner Stiefel unter, die ich hastig aus der Garderobe zerre. Mit Gewalt quetsche ich meine nackten Füße hinein und reiße in der nächsten Milisekunde meinen Mantel vom Bügel, bevor ich die Haustür mit einem lauten Knall ins Schloss werfe. Meine Zehen werden sofort unangenehm kalt als ich draußen in den kalten Schnee tauche, aber das ist mir im Moment egal. Genauso egal wie die Tatsache, dass ich außer der Jacke nur mein dünnes Nachthemd anhabe . . . Helsinki ist nicht allzu groß und vielleicht finde ich ihn, bevor ich einen grausamen Erfrierungstod sterbe. Verdient hätte ich es jedenfalls.

Zittern lasse ich mich neben ihm auf einem kleinen Felsvorsprung nieder, vorsichtig darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen. Ich zittere nicht vor Kälte, nein, sein Blick macht mir Angst. Ausdruckslos starrt er aufs Meer hinaus und zieht ab und zu an seiner Zigarette ohne mich überhaupt zu registrieren. Vielleicht hat er mich nicht einmal bemerkt. Leise krame ich in meiner Jackentasche und zucke erschrocken zusammen, als das Papier des Kippenpäckchens in meiner Hand raschelt. Bisher habe ich jedes laute Geräusch vermieden, würde am liebsten wieder in diese traumhafte Schwerelosigkeit fallen, wie ich sie nach unserem Unfall vor ein paar Wochen erleben durfte. Vorsichtig zupfe ich die matt glänzende Folie der Schachtel zur Seite und stelle dann mit Ernüchterung fest, dass meine allerletzte Kippe in der Mitte gebrochen ist. Das Wasser rauscht in meinen Ohren, während ich eine Weile regungslos auf meinen Schoß starre und die Sekunden genieße, in denen ich nichts tun, nichts sagen und keine alltäglichen Geräusche ertragen muss. Das Meer ist in Ordnung, es nimmt der Stille zwischen uns ein wenig die Kälte, Härte . . . was auch immer.
Trotzdem fange ich ein paar Augenblicke später damit an, den Tabak aus einer der Hälften zu pulen, um das andere Stück später in die leere Papierhülle schieben zu können. Unter anderen Umständen hätte ich mir einfach neue Kippen gekauft, aber im Moment kommt mir diese Beschäftigung gerade recht. Es gibt soviel, was ich ihm sagen wollte, aber allein sein steinerner Blick hat mir allen Mut genommen, überhaupt damit anzufangen. Aber wenn ich jetzt einfach gehe, dann gehe ich für immer, denn das hier war meine allerletzte Chance und ich werde mich daran Klammern wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz. . .
Mit einem fast unhörbaren Knirschen reißt das dünne Papier unter meinen Fingern und der Rest des Tabaks rieselt langsam auf die kleine Klippe unter mir, wird von den Wellen mitgerissen und treibt Sekunden später schon draußen auf dem Meer. Mit einer lahmen Handbewegung werfe ich den Filter hinterher und beobachte gedankenverloren, wie er langsam in den Schaumkronen untergeht.
Plötzlich spüre ich Lauris warme Finger, die mir eine seiner widerlichen Mentholkippen in die linke Hand schieben. Reflexartig will ich den Mund aufmachen, halte mich aber im letzten Moment zurück und ziehe mein Feuer aus der Tasche um sie schweigend in Brand zu stecken.
Dann sitzen wir wieder da, starren aufs Meer und sind allein für uns selbst. Es tut gut, ihn in meiner Nähe zu haben, sogar jetzt, wenn die Luft zwischen uns aufs Äußerste gespannt ist.
„Danke.“ Unvermittelt drücke ich die Zigarette auf dem nassen Stein aus und registriere kurz sein Nicken, bevor ich die Hände in die Taschen schiebe und auf den Boden starre.
Wieder vergeht Zeit, viel Zeit . . . trotzdem weiß ich nicht, wie lange wir hier schon sitzen. Nur meine blauen Beine erinnern mich daran, dass ich langsam mit dem anfangen sollte, was ich mir vorgenommen habe. Im selben Augenblick, in dem ich Luft hole und den Mund aufmache, fährt Lauri plötzlich zu mir herum und sieht mich an . . . in seinem Blick liegt Wut, aber vor allem Unverständnis und Sehnsucht . . . diese ziellose Sehnsucht, die uns schon seit Ewigkeiten verbindet. Ich glaube, sie wird uns niemals loslassen, egal, was passiert.
„Was hab ich dir getan, dass du mich immer wieder vor den Kopf stößt? Macht dir das Spaß, mich immer wieder zu demütigen, mir so richtig eine reinzuwürgen?“
„Lass es mich erklären . . .“
„Das kannst du dir sparen, ich hab die Schnauze voll von deiner Heuchelei.“
„Denkst du, ich rase mitten im tiefsten Winter durch die ganze verdammte Stadt, frier mir sonst was ab und flieg zigmal auf die Fresse nur um dir was vorzumachen? Wenn du mir egal wärst, dann wäre ich im Bett geblieben . . .“
„Niemand zwingt dich hier zu bleiben.“
„Wenn du mich loswerden willst, musst du mich schon in die Ostsee werfen. Wieso lässt dus mich nicht erklären?“
„Weil ich dir dann vielleicht glauben würde . . . ich würde alles für dich tun und du würdest mir wieder wehtun.“
„Ich hab nie jemanden gebraucht, Lauri. Meine Freunde waren immer für mich da, aber wenn ich jemanden mehr mochte als sie, dann hieß das, dass ich verletzbar war. Jemand würde auf meinen Gefühlen herumtrampeln und davor hatte ich panische Angst. Also bin dazu übergegangen, mich einfach lieben zu lassen . . . das tat gut und ich konnte es einfach beenden, wenn ich keine Lust mehr hatte.“
„Warum redest du in der Vergangenheit?“
„Weil du dann plötzlich in mein Leben geplatzt bist. Ich hab dich von Anfang an so herablassend behandelt, aber das war dir egal, du wolltest mich für die Band also hast du mich ertragen. Dafür hab ich dich bewundert, weißt du? Vorallem, dass du dich so aufgeopfert hast . . . dabei mochte ich dich wirklich. Ich hab zwar nie aufgehört auf dir herumzuhacken aber trotzdem bist du mir immer näher gekommen. Das ging ja auch ziemlich lange gut so, wir waren wahnsinnig gute Freunde, aber irgendwann war mir das nicht mehr genug. Es hat richtig wehgetan, diese Grunddistanz aufrecht zu erhalten und irgendwann war es mir egal. Ich hab mit dir geschlafen, weil ich es nicht mehr länger ertragen hab, dir nicht nahe sein zu können. Danach hab ich Panik bekommen, weil du plötzlich Macht über mich hattest . . . aber ich konnte dich ja wieder aus meinem kleinen Reich rauswerfen, bevor du mich irgendwann weggeschickt hättest. Spätestens als du die Schule verlassen hast, hättest du auch mich verlassen.“
Ich werfe ihm einen vorsichtigen Blick zu, aber er starrt nur auf den Boden und ich kann sehen, dass er heftig auf seiner Unterlippe herumkaut.
„Egal, was ich in den Jahren danach getan hab, ich hab dich nie vergessen und in dieser Nacht, in der ich in euren Bus gefahrn bin, hab ich dir in die Augen gesehn und gewusst, dass du mir nicht wehtun würdest. Du hast nie versucht, mich zu etwas zu zwingen, du hast mich so genommen wie ich bin und ich hab angefangen, dir wieder zu vertrauen.
Und gestern . . . gestern war plötzlich alles anders. Ich hab wieder mit dir geschlafen und dann war alles weg. Es war wie versteinert sein . . . gefühllos, taub. Und ich hab dir wieder wehgetan, weil ich von meinen eigenen Gefühlen überwältigt war. Das hat mich einfach ausgeknockt, wenn dus so willst. Mir wurde klar, dass ich noch nie jemanden so geliebt hab wie dich und das hab ich wohl nicht verkraftet.“
Die letzten Worte gehen mir unheimlich schwer über die Lippen und ich glaube fast an dem riesigen Kloß in meinem Hals ersticken zu müssen. Aber ich zwinge mich weiterzureden bis ich all das gesagt habe, was ich all die Jahre mit mir herumgeschleppt hab. Es ist merkwürdigerweise ein verdammt gutes Gefühl, so als ob ich jetzt endlich frei wäre. Verletzlich, aber frei. Teak me, Break me, es ist egal . . . lieber die Demütigung ertragen als nocheinmal unter der Last meiner Gefühle zusammenzubrechen.
„Liebe . . . du hast mir beigebracht, was das ist . . .“ Ein leichtes Lächeln liegt auf meinen Lippen, als ich den Kopf in den Nacken lege und die feuchte Meerluft auf meiner Haut spüre. Viele, viele Bilder ziehen an mir vorbei . . . Lauri und ich auf diesem beschissenen Abschlussball . . . Lauri und ich zwischen unzähligen leeren Flaschen . . . Lauri und ich im Probenraum.
„ . . . und du hast mir beigebracht, dass es die einzige Sache auf der Welt ist, für die es sich lohnt zu leiden.“
Plötzlich spüre ich schmerzhaft seine warme Hand, die sich auf meine halbgefrorenen Finger legt und sie vorsichtig umschlingt. Sein Blick ist scheu, aber es gibt nichts, was ich mehr verstehen würde. Ich hatte schließlich jahrelang Zeit mit diesem Durcheinander an Gefühlen fertig zu werden und jetzt überfalle ich ihn einfach damit und lade alles auf ihm ab. Ich bin grausam, tue ihm schon wieder weh.
„Aliisa, ich . . .“
„Es ist okay, wenn du willst, dass ich aus deinem Leben verschwinde, Lauri. Ich wollte einfach nur, dass du weißt, dass ich dich liebe . . . auf meine, seltsame, verrückte Art.“
„Wenn du jetzt gehst, dann werfe ich dich wirklich in die Ostsee . . .“ Seine Lippen sind glühend heiß, genauso wie die einzelne Träne, die mir plötzlich unkontrolliert über die Wange läuft. Er nimmt mir mit diesem Kuss das letzte bisschen Zweifel, betäubt mich, fesselnd mich an sich. Ich kann einfach nicht genug kriegen von seinen zärtlichen Berührungen, kralle mich an seinen Armen fest, die schützend auf meinem Rücken liegen. Ganz vorsichtig nehme ich seine Unterlippe zwischen die Zähne und stupse ihn mit der Nase an, um gleichzeitig in seinen Augen, in seinem Blick zu ertrinken.
Ich weiß, dass es unglaublich schmalzig ist und ich wollte auch nicht losheulen, doch das ist mir im Moment verdammt egal. Mein Kopf liegt eingekuschelt im Kragen seiner Jacke, nahe genug, um immer wieder sanfte Küsse auf seinem Hals zu platzieren.
Das Schweigen zwischen ist geblieben, aber doch ist es ganz anders, einfach zu schön, um es zu unterbrechen. Erst als Lauris Hand auf meinem Oberschenkel landet, gibt er ein erschrockenes Quietschen von sich und starrt mich entsetzt an.
„Du hast ja fast gar nix an.“
„Ich wollte meine Chancen eben n bisschen ausbauen, weißt du.“
„Aliisa!“
„Wenn ich was angezogen hätte, wärst du vielleicht nicht mehr da gewesen.“
„Dafür kann man auf deinen Beinen jetzt Fischstäbchen einfrieren.“
„Ich hab dich schon in der Schule und im Probenraum gesucht, da wär’s wärmer gewesen . . . warum bist du ausgerechnet hierher gekommen?“
„Keine Ahnung . . . vielleicht weil hier so viele Entscheidungen gefallen sind. Wenn du damals nicht hier gewesen wärst, wäre vieles anders gekommen.“
Ich nicke nur leicht und will mich wieder gegen ihn lehnen, aber Lauri zieht mich unbarmherzig auf die Füße und wirft mir einen besorgten Gluckenblick zu.
„Ich werd dir nicht zeigen, was ich drunter hab.“
„Wahrscheinlich gar nix, so wie ich dich kenne, Prinzesschen.“
„Nein, ich denke, dann wäre mir wärmer . . . hey, du bringst mich auf ne Idee . . .“
„Nix da, ich will dich nicht an Iglo verlieren.“
„Das is echt lieb von dir.“
Grinsend zieht er mich an sich und vergräbt sein Gesicht in meinen Haaren, sodass ich seinen warmen Atem an meinem Hals spüren kann.
„Ich lieb dich, Liisa.“
„Ich lieb dich auch . . .“


------ All the love you put out will return to you--------


Written from April 1st 04, to February 2nd 05.



Music: 69 eyes (esp. Devils), Apulanta (Tuhka ja veri), Nirvana (ach neee *lol*) und Rasnüsschen natürlich.



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